Inhalt


Für eine gerechte und demokratische Forschungsfinanzierung

Analyse

 

Die Finanzierung von Forschung an Hochschulen ist ein wichtiges hochschulpolitisches Handlungsfeld, in dem grundlegende Richtungsentscheidungen über die Entwicklungen von Forschung, Lehre und ganzen Hochschulen getroffen werden.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat es hier einen Paradigmenwechsel gegeben, den wir Juso-Hochschulgruppen für falsch halten. Dieser lässt sich grob als Verschiebung von einer Grundförderung von Forschung durch Bund und Länder hin zu einer wettbewerblichen Mittelverteilung beschreiben, nicht zuletzt über Einrichtungen, wie die DFG erfolgt. Gerade durch ihren Facettenreichtum birgt dies zahlreiche Gefahren für Hochschulen und auch für die Hochschullandschaft im Allgemeinen.

 

Drittmittel

 

Der fatale Grundstein dieser Entwicklung wurde im Jahr 1985 gelegt, als der Bundestag beschlossen hat, dass die Verwendung eingeworbener Drittmittel nicht länger der Kontrolle durch die akademische Selbstverwaltung unterstellte, sondern den ProfessorInnen die Kompetenz zusprach, über die Verwendung dieser Mittel losgelöst von jeglicher demokratischer Kontrolle eigenverantwortlich entscheiden zu können. Sowohl der Abbau dieser Aufsicht, als auch der Rückgang staatlicher Finanzierung sorgte für einen deutlichen Anstieg des Aufkommens von Drittmitteln.

Drittmittel sind ein kritisch zu sehendes Finanzierungsinstrument, allerdings bei der chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen aus der Hochschulfinanzierung nicht mehr wegzudenken. Nichtsdestotrotz muss es deutlichere Regeln für die Einwerbung und Verwendung von Drittmitteln geben und eine Rücknahme dieser Gelder in die demokratische Selbstverwaltung.

Grundsätzlich unterscheiden wir Juso-Hochschulgruppen zwei Arten von Drittmitteln – solche aus der Privatwirtschaft und jene, die vom Bund über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Bundesinstitute an die Hochschulen verteilt werden.

 

  • Dass Unternehmen bereit sind, Gelder in Hochschulen zu investieren, ist vor dem Hintergrund der Finanzlage unserer Hochschulen erst einmal begrüßenswert. Jedoch müssen diese Unterstützungen kritisch betrachtet werden, da Unternehmen sich von solchen finanziellen Zuwendungen häufig Gegenleistungen versprechen. Private Drittmittel dürfen jedoch keinesfalls dazu führen, dass diese Unternehmen sich hierdurch Einfluss auf die Hochschulen erkaufen und somit die Freiheit von Forschung und Lehre gefährden. Auch bei privater Förderung von Forschungsprojekten muss die Forschungsfreiheit bei den WissenschaftlerInnen der Hochschule liegen. Außerdem muss es über die privaten Drittmittel hinaus stets noch ausreichend Forschungs-Grundförderung geben, so dass die Hochschulen die Möglichkeit haben, eine breite Palette an Forschungsfeldern abzudecken.
  • Bei Drittmitteln, die vom Staat über die DFG verteilt werden, besteht dieses Problem in der Form nicht. Hier ist es wichtig, dass die vorhandenen Drittmittel ausgewogen über die Hochschulen und Forschungsbereiche verteilt werden.
    Vielmehr ist jedoch der ständig steigende Einfluss der DFG zu kritisieren. Es ist eine bewusste politische Entscheidung, einen ständig wachsenden Geldbetrag wettbewerblich über die DFG für ausgesuchte Forschungsprojekte an die Hochschulen zu verteilen und gleichzeitig die Grundförderung zurückzufahren. Diesen Paradigmenwechsel kritisieren wir aufs Schärfste. Die DFG sollte sich bei der Finanzierung von Forschungsprojekten auf Sonderbereiche konzentrieren, die nicht von der Grundförderung abgedeckt werden. Im gleichen Schritt muss die unzureichende Grundförderung zu einer bedarfsdeckenden Finanzierung ausgebaut werden, um die Autonomie und damit die Chance auf kritische Forschung zu erhöhen.

 

Die Bilanz der letzten Jahre zeigt deutlich, dass starke Forschungsstandorte es deutlich leichter haben, Drittmittel einzuwerben als Hochschulen, die andere Schwerpunkte setzen. Somit werden einzelne Hochschulen und einzelne Fachbereiche stetig gestärkt, während andere finanziell und in der Reputation abgehängt werden. Schlimmstes Ausmaß dieser Entwicklung war bisher die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern, die das ohnehin schon mehrschichtige Hochschulsystem ein weiteres Mal gespalten hat und das Ungleichgewicht zwischen den Hochschulen weiter befördert.

Ebenfalls ist eine klare Ungleichverteilung zwischen Natur- und Ingenieurwissenschaften auf der einen und Geisteswissenschaften auf der anderen Seite zu verzeichnen. Geisteswissenschaften haben es strukturell deutlich schwerer an Drittmittel für ihre Forschungsprojekte zu kommen als Natur- und Ingenieurwissenschaften. Hier muss staatliche Grundfinanzierung einen Ausgleich schaffen.

 

Was soll gefördert werden?

 

Wir Juso-Hochschulgruppen haben einen umfassenden Anspruch an Forschungsfreiheit und fordern, dass an unseren Hochschulen eine breite Forschungspalette vertreten ist. Keinesfalls darf sich Forschung nur am Kriterium der Verwertbarkeit orientieren. Selbstverständlich ist das Ziel von Forschung eine breitere Wissensbasis die gerade auch gesellschaftliche Wirkung entfaltet und auch die Möglichkeit, das neu erforschte Wissen anzuwenden, jedoch muss auch Forschung ohne konkrete Zielvorgaben ermöglicht werden, um langfristig innovative Ergebnisse zu erzielen. Kurzfristige Nutzenerwägungen einzelner Interessengruppen bezüglich der Forschungsergebnisse dürfen ebenfalls kein Kriterium darstellen.

Der Forschungsauftrag der Hochschulen muss sowohl eine breite Grundlagenforschung in allen Bereichen umfassen, aber ebenfalls spezielle und anwendungsorientierte Forschung einschließen. Gerade die Grundlagenforschung muss an den Hochschulen angesiedelt sein, um langfristig und unabhängig Wissenschaft anzukurbeln. Ebenfalls darf die Forschung für die konkrete Anwendung in Unternehmen nicht komplett von der Hochschule weggegeben werden, da nur so der Zugang für alle Menschen und die langfristige Forschung zum Wohle der Gesellschaft sichergestellt werden kann.

Ein Umdenken muss im Bereich der studentischen Forschungsprojekte erfolgen. Wissenschaft wird nicht alleine von ProfessorInnen betrieben, im Gegenteil! Auch Studierende sind Subjekte von Forschung und ihre Projekte müssen ernsthaft betrieben und gefördert werden. Es ist im Sinne der Studierenden möglichst früh in die Forschung einbezogen zu werden, um durch Praxisnähe an aktuellen Forschungsdebatten aktiv teilnehmen zu können. Ebenso können sie wissenschaftliche Ergebnisse nachhaltig positiv beeinflussen, indem sie den Diskurs mit kreativen Ideen und losgelöst von vorgefertigten Denkmustern erhellen. Bisher passiert dies in der Regel höchstens durch die Tätigkeit als studentische Hilfskraft. Diese Stellen sind nicht nur stark begrenzt, sondern die Teilhabe am wissenschaftlichen Prozess ist meist stark eingeschränkt. Eigenständige Forschung findet in diesem Zusammenhang nicht statt.

Frauen sind in der Forschung sowohl als Subjekte als auch als Objekte der Forschung deutlich unterrepräsentiert. Hier braucht es einerseits eine Veränderung der Arbeitskultur in Wissenschaft in Forschung, andererseits aber auch eine höhere Beteiligung von Frauen in der Wissenschaft, die u.a. durch eine höhere Anzahl an Frauen in Personalauswahlkommissionen gesteigert werden könnte. Ebenfalls fordern wir, dass alle Forschungsprojekte auf ihre Genderrelevanz geprüft werden.

 

Demokratische Kontrolle vs. Wissenschaftsfreiheit?

Wir Juso-Hochschulgruppen erkennen an, dass es ein nicht ganz einfacher Schritt ist, die richtige Balance zwischen Wissenschaftsfreiheit und demokratischer Legitimation der Forschung zu finden. Dennoch bleibt für uns klar, dass Wissenschaftsfreiheit für uns ein hohes Gut ist und nicht beschnitten werden darf. Jedoch wollen wir auch eine demokratische Planung, welche Forschung an unseren Hochschulen betrieben werden soll und wofür Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden.

Hierzu werden wieder landes- und bundesweite demokratische Debatten über die Planung von Forschungsvorhaben benötigt, die garantieren sollen, dass breite Forschungsbereiche abgedeckt werden, jedoch nicht in die Freiheit der einzelnen WissenschaftlerInnen bei dieser Forschung eingreift.

Insbesondere ist es wichtig, Drittmittelprojekte wieder zurück in die Kontrolle der akademischen Selbstverwaltung zu holen um klar und demokratisch zu verhindern, dass Externe mit Partikularinteressen die Forschungsprojekte beeinflussen.

 

Wie soll Forschung finanziert werden?

Für uns Juso-Hochschulgruppen ist klar: Die Hauptlast der Forschungsfinanzierung an deutschen Hochschulen ist von Bund und Ländern zu tragen. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass eine ausreichende Grundfinanzierung der Forschung gesichert ist um die beschriebenen Forschungsprojekte durchzuführen.

Drittmittel sind eine notwendige Ergänzung in Zeiten leerer öffentlicher Kassen. Sie können jedoch nur eine Erweiterung der Grundfinanzierung sein. Öffentliche Drittmittel sollen zugunsten einer breiteren Grundausstattung zurückgefahren werden.

Die Rolle der DFG muss sich stark verändern, sie soll deutlich weniger Anteile an der Forschungsfinanzierung haben. Ihre Aufgabe soll es nicht mehr sein, einen Großteil der Forschungsprojekte an Hochschulen zu finanzieren und somit für eine Umverteilung von der Breite der Hochschulen hin zu einigen Spitzenforschungsstandorten sorgen. Vielmehr kann es die DFG leisten über eine Grundausstattung der Hochschulen hinaus einzelne Forschungsprojekte zu unterstützen, die sonst in der Forschungslandschaft untergehen.

Hauptziel dieser beiden Maßnahmen ist eine Zurückschraubung der wettbewerblichen Mittelverteilung zugunsten einer gerechteren Grundfinanzierung.

 

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern daher folgende kurzfristige Veränderungen in der Forschungsfinanzierung:

 

  • eine Ausweitung der Grundausstattung der Forschung an Hochschulen zu Lasten der wettbewerblichen Mittelverteilung
  • eine stärkere Kontrolle privater Drittmittel durch die akademische Selbstverwaltung
  • die Erhöhung des Frauenanteils in Personalauswahlkommissionen
  • eine Überprüfung aller Forschungsprojekte auf ihre Genderrelevanz
  • die Förderung und Anerkennung von studentischen Forschungsprojekte

Zurück