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Eine Schule für alle: demokratisch und integrativ

Einleitung Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft. Nur im Lern- und Lebensraum Schule kommen alle jungen Menschen zusammen. Schule bietet deshalb große Chancen, Gesellschaft zu verändern. Denn dort trifft sich die „Gesellschaft von morgen“. Entscheidungen über die Gestaltung von Schule sind deshalb Entscheidungen, die weit gravierendere Auswirkungen haben können als beispielsweise solche über die Gestaltung einzelner Studiengänge an einzelnen Hochschulen. Bildungspolitisch betrachtet, können über richtige Weichenstellungen im Schulbereich deutliche Fortschritte in Sachen Chancengleichheit, Demokratisierung und Integration erreicht werden. Wir wollen als Juso-Hochschulgruppen die schulpolitische Debatte verstärkt aufgreifen, uns in Diskussion einbringen und für ein demokratisches und integratives Schulsystem streiten. Integration statt Selektion Das deutsche Bildungssystem ist hoch selektiv. Es ist dies nicht vor allem beim Schritt zu den Hochschulen, sondern schon bei der Verteilung ca. zehn bis zwölf Jahre alter Kinder auf verschiedene Schularten. Es ist ein Skandal, dass nach wie vor an einem ständisch geprägten Schulsystem festgehalten wird, das am Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts orientiert ist. Die Selektion orientiert sich an vermeintlich objektiven Kriterien wie Begabung und Noten. In Wahrheit spielt die mit Abstand bedeutendste Rolle bei der Schulformempfehlung – dies ist vielfach empirisch belegt – der soziale Status der Eltern. Von Chancengleichheit kann deshalb keine Rede sein. Ein Vorgehen bei dem Eltern ihre Kinder bewusst an Schulen in „guten, bürgerlichen“ Gegenden anmelden können, widerspricht unserem Verständnis von Integration in der schulischen Bildung und ist auf die Ausgrenzung sozial benachteiligter SchülerInnen ausgerichtet. Daher lehnen wir dieses Vorgehen eindeutig ab Mit der einmal gefällten Entscheidung für eine bestimmte Schulform ist die weitere Bildungskarriere in den meisten Fällen bereits vorbestimmt. Denn eine Durchlässigkeit zwischen den Schulformen besteht höchstens nach unten. Ein „Aufstieg“ von der Haupt- zur Realschule oder von der Realschule zum Gymnasium ist so selten, dass diese Möglichkeit eigentlich faktisch kaum besteht. Im Gegenteil: Weitaus häufiger werden Schülerinnen und Schüler auf die niedrigere Schulform abgeschult. Das vielgliedrige Schulsystem beruht vor allem auf der irrigen Annahme homogener Lerngruppen. Diese Vorstellung ignoriert nicht nur die Tatsache, dass jeder Mensch individuell lernt, sondern sie lässt auch die von der pädagogischen Forschung belegte Sinnhaftigkeit heterogener Lerngruppen außer Acht. Gerade der Wechsel zwischen verschiedenen Rollen – mal selbst beim Lernen und Verstehen zu helfen und mal von anderen Hilfe zu bekommen – führt letztlich bei allen Schülerinnen und Schülern zu den besten Lernfortschritten und lehrt darüber hinaus ganz praktisch ein solidarisches Miteinander anstelle der Konkurrenz um die besten Noten. Natürlich ist der Umgang mit heterogenen Lerngruppen besonders für Lehrerinnen und Lehrer eine große Herausforderung. Dies sollte jedoch nicht als Hindernis, sondern als Anforderung an die LehrerInnenbildung verstanden werden. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern die integrierte Gesamtschule als einzige Regelschule. Diese sollte als Ganztagsschule jahrgangsübergreifende Lernformen praktizieren und das starre 45-Minuten-System endlich aufgeben. Es ist erwiesenermaßen sinnvoller, wenn Schülerinnen und Schüler sich längere Zeit auf ein und dasselbe Thema konzentrieren können. Individuelle Lernfortschrittsberichte statt Noten Noten spiegeln eine Objektivität vor, die es in Wahrheit nicht gibt. Noten unternehmen den unsinnigen Versuch, die Leistungen von Kindern und Jugendlichen in sechs Schubladen einzuordnen. Sie beruhen auf dem Grundgedanken ständiger Vergleichbarkeit und Wettbewerb zwischen den Schülerinnen und Schülern. Noten führen zu einem output-orientierten Lernen und demotivieren nicht selten Lernende, die für sich selbst vielleicht große Anstrengungen unternommen und individuell große Fortschritte gemacht haben. Sie vergleichen eben nicht mit dem eigenen Lernstand von gestern, sondern mit dem Output der anderen Schülerinnen und Schüler heute. Wir Juso-Hochschulgruppen lehnen Noten aus diesen Gründen ab. Individuelle Lernfortschrittsberichte würden einen Paradigmenwechsel hin zur Förderung und Begleitung des einzelnen Schülers/der einzelnen Schülerin bedeuten. Sie könnten motivierend und ermutigend wirken und Anstöße zum individuellen Weiterlernen geben. Lehrerinnen und Lehrer müssten das Leitbild der Heterogenität akzeptieren und sich Zeit nehmen zur individuellen Bewertung der Lernfortschritte jeder und jedes Einzelnen. Dazu wäre eine sozialpädagogische Beratung und Unterstützung, selbstverständlich auch eine bessere personelle Ausstattung der einzelnen Schulen und Lerngruppen Voraussetzung. Demokratie statt Hierarchie Schule ist ein Haus des Lernens, das von allen mitgestaltet werden muss, die daran beteiligt sind – allen voran den Schülerinnen und Schülern. Die gleichberechtigte Mitbestimmung von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern kann beispielsweise in einer Schulkonferenz, aber auch in Schulversammlungen umgesetzt werden. Leitungsfunktionen sollten auf Zeit und durch Wahlen und nicht von einer anonymen Schulbehörde auf Jahre oder Jahrzehnte hinweg besetzt werden. Zu einer demokratischen Schule gehört auch, dass ein Lernen in Vielfalt möglich ist. Deshalb lehnen wir eine Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, ab. In Schulen per Schulordnung die deutsche Sprache als einzige Schulsprache festlegen zu wollen, schränkt junge Menschen in ihren Grundrechten und in ihren von der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen garantierten Menschenrechten ein. Selbstverständlich ist es sinnvoll und notwendig, im Sinne der Chancengleichheit dafür Sorge zu tragen, dass alle Schülerinnen und Schüler die gemeinsame Unterrichtssprache beherrschen. In den Pausen, die der Erholung und Kommunikation zwischen den Unterrichtsstunden dienen, sollten aber verschiedene Sprachen als Bereicherung und nicht als Störung empfunden werden. Hier über eine Schulordnung eine gemeinsame Sprache verordnen und alle anderen Sprachen verbieten zu wollen, entspringt einem obrigkeitsstaatlichen Denken, das untauglich für ein solidarisches Miteinander in der Schule ist. Für bundeseinheitliche Regelungen – gegen Zentralabitur und die nationale Bildungsstandards der KMK Das deutsche Schulsystem als solches gibt es nicht. Vielmehr haben wir es mit 16 verschiedenen Systemen zu tun, die einer Mobilität der Schülerinnen und Schüler im Bundesgebiet regelmäßig im Wege stehen. Gerade Kinder und Jugendliche entscheiden aber meist nicht selbst über einen Umzug von Hamburg nach Bayern oder von Baden-Württemberg nach Bremen. Sie ziehen mit ihren Eltern zusammen dorthin, wo Mutter oder Vater einen Arbeitsplatz finden. Gerade Schülerinnen und Schülern gegenüber ist es deshalb besonders ungerecht, wenn sie diejenigen sind, die für einen solchen Umzug den höchsten Preis zahlen, indem sie ein Schuljahr wiederholen oder eine Fremdsprache nachholen müssen. Wir fordern deshalb bundesweit einheitliche Regelungen im Schulsystem, die die Mobilität der SchülerInnen – wie auch der LehrerInnen – sicherstellen. Unsinnige Formen von Vereinheitlichung sind allerdings das Zentralabitur in immer mehr Bundesländern und die nationalen Bildungsstandards der KMK. Ein Zentralabitur suggeriert, dass an allen Schulen des jeweiligen Bundeslandes derselbe Unterrichtsstoff durchgenommen worden sei und folglich überall dasselbe Wissen abgefragt werden könne. Sicher ist es ein sinnvolles Ziel, an bestimmten Punkten im Schulsystem gemeinsame Standards in dem Sinne anzustreben, dass alle Schülerinnen und Schüler über die gleichen Kompetenzen verfügen. Unsinnig ist es aber zu meinen, dass deshalb alle dieselben Bücher gelesen, dieselben Vokabeln gelernt und dieselben Mathematikaufgaben verstanden haben müssten. Kompetenzen sind nicht gleich Wissen. In einer Gesellschaft, in der es – vor dem Hintergrund eines immensen Informationsüberflusses – immer wichtiger wird, sich in kürzester Zeit jeweils neues Wissen anzueignen, sind Bildungsstandards, die an bestimmten Stellen einen festen Wissenskanon festlegen wollen, nicht zeitgemäß. Wir fordern deshalb nationale Standards für das Schulsystem, die als Mindeststandards konzipiert sind und damit als Teil von Kompetenzmodellen den individuellen Lernprozess in den Mittelpunkt rücken. Nur so können Standards auch eine Verpflichtung der Schulen auf die Förderung und Unterstützung von Schülerinnen und Schülern sein. Dagegen gibt es bei Regelstandards – wie die KMK sie verwendet – weiterhin SitzenbleiberInnen und VerliererInnen. Standards sollten sich auf eine orientierende Funktion beschränken, anstatt ein „teaching to the test“ zu provozieren wie es die KMK-Standards tun. Auch sollte ein Schul- und Klassenranking sowie vor allem ein Anprangern „schlechter Schulen“ vermieden werden. Auch dies wird jedoch leider durch die KMK-Standards bestärkt. Erziehung zu Frieden, Toleranz, Demokratie und Solidarität Auch als staatliche Einrichtungen müssen Schulen Werte wie Frieden, Toleranz, Demokratie und Solidarität vermitteln. Gerade in einem Land, das das größte Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts zu verantworten hat, muss die Erziehung zum Frieden eine Selbstverständlichkeit sein. In vielen Teilen der Welt werden Menschen auch heute noch durch Kriege in Hunger, Elend, Krankheit und Unfreiheit gezwungen. Gerade jungen Menschen die Unmenschlichkeit des Krieges zu vermitteln und in ihnen den Wunsch zum Frieden zu wecken, ist eine wichtige Aufgabe (nicht nur) von Schule. Toleranz ist gerade in einem Einwanderungsland wie der Bundesrepublik eine zentrale Grundlage friedlichen Zusammenlebens. Trotzdem gibt es Regionen, in denen Menschen mit Migrationshintergrund sich in ständiger Gefahr befinden. In der Schule zu vermitteln, dass gerade die Unterschiedlichkeit von Menschen eine Bereicherung sein kann, muss ein wichtiger Auftrag sein. Ein demokratisches Gemeinwesen braucht Demokratinnen und Demokraten, die es gemeinsam gestalten wollen. Die Erziehung zur Demokratie ist deshalb nicht nur legitim, sondern eine Notwendigkeit. Nicht zuletzt braucht eine moderne, soziale Gesellschaft Solidarität als die gegenseitige Verantwortung aller Menschen, sich untereinander in schwierigen Lebenslagen beizustehen. Dagegen hat die Erziehung zu einem christlichen Menschenbild genau so wenig in staatlichen Schulen zu suchen wie die zum Islam oder dem Judentum. Religion und Staat sind aus guten Gründen getrennt. Hier aufgrund irgendwelcher Zugeständnisse an die Kirchen aus vergangenen Jahrhunderten eine Ausnahme zu machen, lehnen wir strikt ab. Eine gleichberechtigte Darstellung verschiedener Religionen in einem Fach wie Philosophie oder Ethik dagegen ist eine gute Möglichkeit die kulturelle Vielfalt aufzuzeigen und Toleranz zu stärken. Schule muss Schülerinnen und Schüler zu Emanzipation und Kritikfähigkeit befähigen. Gegen die Privatisierung schulischer Bildung Jegliche Privatisierung schulischer Bildung lehnen wir ab. Fortschreitendes Outsourcing des Unterrichts an private Bildungsbetriebe steht dem Recht auf Bildung gegenüber. Schulgelder, die für den Besuch dieser Schulen erhoben werden, stellen eine weitere Selektionsmaßnahme für sozial Benachteiligte SchülerInnen dar und hindern diese noch zusätzlich an der freien Entfaltung im Schulumfeld, da die Integration deutlich erschwert wird. Ebenso lehnen wir die staatliche Förderung elitärer Privatschulsysteme klar ab. Eine sinnvolle Reform der LehrerInnenbildung statt Bachelor und Master Die LehrerInnenbildung soll jahrgangsstufenspezifisch und nicht schultypentypisch geschehen, damit alle LehrerInnen für die eine Schule für alle ausgebildet werden. Eine Reform der LehrerInnenbildung wird von vielen Seiten, nicht zuletzt von den betroffenen Studierenden, schon seit langer Zeit angemahnt. Zu wenig Praxis, Didaktik, Pädagogik und eine unsinnige Gleichsetzung mit den anderen Studierenden des jeweiligen Faches sind nur zwei Kritikpunkte von vielen. Darauf jedoch mit der Umwandlung in Bachelor- und Master-Studiengänge zu reagieren und das Antreten des LehrerInnenberufs erst mit abgeschlossenem Master zu ermöglichen, ist bestimmt keine gute Lösung. Im Gegenteil: viele Bachelor-AbsolventInnen werden so gezwungen, einen anderen Beruf zu ergreifen, weil sie keinen Master-Studienplatz bekommen. Wäre unsere Forderung nach vollständiger Durchlässigkeit von Bachelor- zu Masterstudiengängen erfüllt, würde sich dieses Problem nicht stellen. Darüber hinaus wird eine absurde Trennung zwischen Fachstudium im Bachelor und Didaktik-Anteilen im Master vorgenommen. Studierende nehmen aber häufig ein Lehramtsstudium auf, weil sie eben LehrerIn werden wollen. Genau auf diesen Beruf sollten sie auch von Beginn ihres Studiums an vorbereitet werden. Übergang in den Beruf oder zur Hochschule Viele Schülerinnen und Schüler beenden ihre Schullaufbahn und stehen ohne jede Orientierung vor der Frage: Was nun? Die Berufsberatung der Schulen ist größtenteils äußerst mangelhaft. In der jeweiligen Abschlussphase wird eine Verzahnung mit Unternehmen und Betrieben bzw. den Hochschulen gar nicht ernsthaft versucht. Über den Ansatz des Oberstufenkollegs in Bielefeld, in einer Oberstufe für alle Schülerinnen und Schüler sowohl eine Berufsausbildung als auch die Qualifikation für die Hochschule – in enger Zusammenarbeit mit derselben – anzubieten, sollte ernsthaft nachgedacht werden. Mit der Studieneingangsphase haben wir bereits einen durchdachten Vorschlag unterbreitet, wie der Einstieg an den Hochschulen besser organisiert werden könnte. Schulpolitische Diskussion jetzt führen Mit diesen Eckpunkten wollen wir in eine breite innerverbandliche Diskussion über die Zukunft der Schule einsteigen. Unser Plädoyer für eine gemeinsame Schule für alle müssen wir an allen Stellen entschieden in die SPD hinein tragen, um von unverbindlichen Lippenbekenntnissen oder folgenlosen Parteitagsbeschlüssen endlich zu konkreten Schritten zu gelangen, die das drei- bzw. vielgliedrige Schulsystem überwinden. Die Reform der LehrerInnenbildung wollen wir mit betroffenen Studierenden, die sich in verschiedenen Verbänden und Gewerkschaften organisieren, diskutieren. In die Debatte über die Frage der „Integration durch Bildung“ wollen wir uns einmischen mit einer deutlichen Stellungnahme für Vielfalt und Heterogenität anstelle von Leitkultur und „Deutsch als Schulsprache“. Dies sind nur einige Aspekte einer umfassenden schulpolitischen Diskussion, die in unserem Verband überfällig ist. Im Rahmen eines breit angelegten Diskurses werden weitere, spannende Aspekte folgen.

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