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Massive-Open-Online-Courses (MOOCs)

Thematik

Nicht weniger als eine Revolution der Bildung versprechen sich die Entwickler von MOOCs, ein neues Online-Learning Konzept. Massive Open Online Courses (MOOCs) sollen für jede und jeden Zugang zu universitärer Bildung im Netz schaffen. Die Wissensaneignung geschieht durch Lernvideos kombiniert mit interaktiven Tests. Zusätzlich stehen Literaturhinweise und Diskussionsforen bereit. Bei manchen Kursen besteht zudem die Möglichkeit, reguläre ECTS Punkte zu erwerben und diese im Studium zu verwenden. Als progressiver Studierendenverband stehen wir der Weiterentwicklung von Bildung durch technologische Innovationen, die einen Fortschritt für die Gesellschaft versprechen, grundsätzlich positiv gegenüber, setzen uns aber für eine differenzierte Betrachtungsweise ein. Folgende Potenziale und Probleme müssen in der Diskussion um das Thema MOOCs berücksichtigt werden.

 

Zugang

MOOCs sollen, wie der Name schon sagt, einen Zugang zu Bildung für die breite Masse schaffen. Zeit-, orts- und personenunabhängig kann hier jede*r Nutzer*in mit  einem Internetzugang profitieren. Beispielsweise können Studierende sowohl tags- als auch nachtsüber Vorlesungen „virtuell“ besuchen. Dies kommt unterschiedlichen Lebensrhythmen der Studierenden entgegen und erleichtert die Zeiteinteilung für arbeitende Studierende und Studierende mit Kind. Formale Zugangsbeschränkungen in Form von NCs und Aufnahmeprüfungen spielen ebenso wenig eine Rolle wie physische Zugangsbeschränkungen Hochschulen etc. für beispielsweise körperlich eingeschränkte Menschen: MOOCs versprechen Barrierefreiheit.

MOOCs müssen allerdings auch im Zusammenhang mit der „Digital Divide“-Problematik betrachtet werden. Studien belegen, dass sozioökonomisch besser gestellte Schichten von modernen Kommunikationsmitteln grundsätzlich mehr profitieren. Daher reicht zwar allein ein Internetzugang aus, um Zugriff auf wissenschaftliche Lehre zu haben, der Zugang zum Netz und der qualitative Nutzen, den man daraus zieht, hängt somit stark von sozialen, ökonomischen und regionalen Faktoren ab. Daraus ergibt sich auch eine globale Dimension: Industrieländer und urbane Regionen können im Gegensatz zu Entwicklungsländern und ländlichen Regionen stärker profitieren. Der Versuch, über MOOCs Bildung für die breite Masse zur Verfügung zu stellen, kann daher zu einer Verschärfung der Ungleichheit führen.

 

Finanzierung

MOOCs versprechen erheblich zur Entlastung des stark unterfinanzierten Hochschulsystems bei zu tragen. Einmal „produziert“, können MOOCs unbeschränkt abgerufen werden und stehen somit mehreren Jahrgängen und einer theoretisch unbegrenzten Anzahl an Studierenden zur Verfügung. Dies bietet sich für ohnehin überfüllte Einführungsveranstaltungen an, die in der Regel jährlich den gleichen Stoff behandeln. Den Dozierenden bleibt mehr Freiraum für die individuelle Betreuung der Studierenden und kleinere Veranstaltungen, etwa Seminare.

Derzeit werden MOOCs allerdings nicht von öffentlicher Seite, sondern durch venture-capital finanziert. Große Gefahr besteht hier in der Einflussnahme privatwirtschaftlicher Interessen auf die Lehrinhalte. Hinsichtlich der zunehmenden Kommerzialisierung privater Daten und der Auflösung der digitalen Privatsphäre, ist es besonders kritisch zu betrachten, dass es zum Geschäftsmodell von MOOCs gehört, Geld mit den Daten der Teilnehmer*innen zu verdienen. Ebenfalls großes Risiko besteht darin, dass In dem Versprechen der finanziellen Entlastung der Hochschulen weiteres Einsparpotenzial gesehen werden könnte und Finanzierungsanreize in „physische“ Präsenzhochschulen weiter sinken. Wissenschaftliche Bildung vor Ort könnte noch mehr zum Luxusgut werden.

 

Wissenschaft und Lehre

Durch kurze Videos, diverse interaktive Tests, die Kombination mit Präsenzveranstaltungen sowie peer-to-peer Diskussionen im Netz schöpfen alle didaktischen Methoden aus und könnten das Lernen für die verschiedensten Lerntypen erleichtern. Eine Vorlesungslänge von eineinhalb Stunden kommt der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne der wenigsten Menschen entgegen. Der Inhalt intelligent aufbereiteter 15-Minuten Videos hingegen, ist lernpsychologisch deutlich besser einzustufen. Es besteht außerdem die Möglichkeit diverse Lehrveranstaltungen bei international angesehen Koryphäen auf ihrem jeweiligen Fachgebiet zu belegen. Befürworter*innen von MOOCs versprechen sich auch eine qualitative Verbesserung der akademischen Lehre durch den erhöhten Wettbewerb der Dozierenden untereinander. Weiterhin könnte Bildung interdisziplinärer und internationaler werden: Studierende der unterschiedlichsten Fachgebiete können an MOOCs aus den unterschiedlichsten Regionen der Erde teilnehmen.

Auch hier muss jedoch eine kritisch differenzierte Betrachtung stattfinden. Zwar werden einige qualitativ sehr hochwertige MOOCs angeboten, wie die Qualitätssicherung des Angebots in der breiten Masse ohne Akkreditierung eingehalten werden soll, ist jedoch fraglich. Der Wettbewerb um gute Lehre unter Dozierenden kann dazu führen, dass lediglich MOOCs größerer, renommierter Universitäten rezipiert werden. Kleinere Universitäten könnten weiter den Anschluss verlieren und ins Hintertreffen geraten. Die daraus resultierende Herausbildung von Wissensmonopolen würde die Vielfältigkeit der Wissenschaft und die Unterschiedlichkeit der Denkrichtungen von Dozierenden massiv einschränken. Das Verantwortungsbewusstsein der kritischen Hochschule gegenüber der Gesellschaft könnte, durch den fehlenden persönlichen und sozialen Kontakt zwischen Dozierenden und Studierenden zunehmend verloren gehen. Bei der Auswahl und Rezeption von MOOCs drohen außerdem zunehmend unwissenschaftliche Kriterien wie Optik und Unterhaltungswert eine größere Rolle als fachliche Kompetenz zu spielen. Insgesamt könnte die Hochschullandschaft durch MOOCs also eine Spaltung in „MOOCs-produzierende-Universitäten“ und in „MOOCs-einkaufende-Universitäten“ erfahren, die sich auch in der Art und Qualität der Abschlüsse abzeichnet. Allein durch das „Besuchen“ von MOOCs erlangte Zertifikate beziehungsweise Abschlüsse würden mit wenigen Elite-Präsenzuni-Abschlüssen konkurrieren.

 

Demokratie und Partizipation

Der fast barrierefreie Zugang zu MOOCs, unabhängig von Herkunft, Besitz oder Vorbildung birgt ein enormes Partizipationspotenzial: Für alle besteht die Möglichkeit an akademischer Bildung teil zu haben. Peer-to-peer Diskussionen und vor allem auch die gegenseitige Korrektur von Tests und Arbeiten können die akademische Bildung auf ein hohes demokratisches und hierarchiefreies Niveau befördern.

Auf dem Spiel steht hierbei der soziale Raum Hochschule, der neben einer wissenschaftlichen Bildung zum Erlernen des kritischen Denkens elementar beiträgt. Fehlende Kommunikation unter den Studierenden sowie ein nicht stattfindender Diskurs zu den verschiedensten Themen würden zu einer noch stärkeren Isolation der Individuen führen, als dies schon an der heutigen Massenuniversität der Fall ist. Zudem eröffnen sich vor dem Computerbildschirm wenige Chancen für den persönlichen Reifungsprozess neben dem Studium, etwa durch ehrenamtliches Engagement in Hochschulgruppen.

 

 

Forderungen

Das Bundeskoordinierungstreffen möge beschließen:

  • Akademische Abschlüsse dürfen nicht allein durch den Besuch von Online-Angebote, wie MOOCs erlangt werden.
  • Können durch die Teilnahme an MOOCs Credit-Points erlangt werden, muss eine einheitliche Qualitätssicherung und Akkreditierung der Veranstaltungen garantiert sein.
  • Die Wissenschafts- und Hochschullandschaft darf durch privatwirtschaftliche Angebote weder beeinflusst noch beeinträchtigt werden.
  • Bildung darf über den Umweg von Onlineangeboten nicht ökonomisiert werden, sondern muss weiterhin kritischen wissenschaftlichen Standards genügen.
  • Als Gegenpol muss der Ausbau staatlicher Alternativen im Online-Learning-Bereich weiter vorangebracht werden. Darunter verstehen wir eine Modernisierung der bisherigen E-Learning Infrastruktur sowie den kostenlosen Zugang dazu für alle.
  • Die Finanzierung des Ausbaus dieser Infrastruktur darf nicht zu Lasten der Finanzierung des Hochschulwesens erfolgen.
  • Die Vielfalt unterschiedlicher Denkrichtungen in der Wissenschaft darf durch die Bildung von Wissensmonopolen nicht verloren gehen.
  • Kleinere Universitäten dürfen im Zuge des Ausbaus von MOOCs in keinerlei Hinsicht Nachteile erfahren.

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