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„Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ - Die historische Verantwortung von Studierenden und Studierendenschaften

„Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ - wir alle kennen diesen Spruch, der aus den Studierendenprotesten der 1960er Jahre stammt. Er findet auch heute noch vielfach Verwendung – jedoch häufig losgelöst vom damaligen Kontext. Der Spruch stand auf einem Transparent des AStA-Vorstandes, welches dieser im November 1967 an der Universität Hamburg bei einer Rektoratsübergabe enthüllte. Das Transparent verdeutlichte die damalige Kritik der Studierenden an der Nicht-Aufarbeitung und unterdrückten Aufklärung der NS-Vergangenheit der Bundesrepublik und an den elitären, hierarchischen und undemokratischen Hochschulstrukturen. Mit der Erwähnung der Talare, der damals noch in der Regel von Hochschullehrer*innen getragenen akademischen Amtstracht, wurde der Bezug zu den bei der Rektoratsübergabe anwesenden Hochschullehrer*innen deutlich. Die tausend Jahre meinten die von den Nationalsozialist*innen oft als „tausendjähriges Reich“ bezeichnete NS-Diktatur. Der Spruch auf dem Transparent wurde in der Folge zu einem zentralen Leitspruch der 68er-Bewegung.

 

Der Spruch: Auch heute noch aktuell!

Jahrzehnte später ist der Spruch in seiner ursprünglichen Bedeutung aber noch immer aktuell. Zwar hat sich seit den 68ern das Bemühen um die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Bundesrepublik einiges getan. Doch gerade an den Hochschulen, wenn auch nicht ausschließlich, ist diese Aufarbeitung oft noch ein Kampf. Ausgerechnet bei jenen Institutionen, die sich kritische Wissenschaft und Forschung auf die Fahne schreiben, fällt eine ernsthafte Aufarbeitung der eigenen Geschichte häufig dem Aufrechterhalten eines guten Images zum Opfer. Tut sich dennoch etwas, so ist dies selten dem Einsatz der Hochschulleitungen selbst, sondern zumeist Überlebendenvereinigungen, Studierendenschaften, Initiativen und engagierten Einzelpersonen zu verdanken.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Goethe-Universität Frankfurt, deren Hauptgebäude der ehemalige Sitz des IG Farben-Konzerns ist, der in der NS-Zeit nicht nur das Zyklon B für die Gaskammern hergestellt, sondern mit Buna/Monowitz unweit vom Stammlager in Auschwitz auch ein eigenes Konzentrationslager und dort „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben hat. Die Adresse des IG Farben-Gebäudes auf dem Campus der Goethe-Universität wurde im Januar 2015, nach jahrelangem Fordern von Überlebenden, Initiativen und Studierenden, nach Norbert Wollheim, einem Überlebenden des Lagers Buna/Monowitz umbenannt.

 

Die heutige Verantwortung von Hochschulen und Studierendenschaften

Doch unabhängig vom Kampf um eine wirkliche Aufarbeitung der Verantwortung der einzelnen Hochschulen in der NS-Zeit, den wir als Juso-Hochschulgruppen an den jeweiligen Hochschulstandorten beständig unterstützen und vorantreiben sollten, haben wir als Studierende auch darüber hinaus eine weitere Verantwortung. Denn es reicht nicht aus, die Hochschulen zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte zu drängen. Es gilt, auch die historische Verantwortung von Studierendenschaften selbst stärker in den Blick zu nehmen,  die ihre ganz eigene Geschichte in der NS-Zeit haben. Zwar mag die herausragende Rolle von Studierenden bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen vielen noch ein Begriff sein, darüber hinaus mangelt es aber oft an Wissen über das Agieren Studierender in der NS-Zeit. Eine Auseinandersetzung mit dieser Rolle geschieht in Studierendenvertretungen heute selten. Doch eine solche ist nicht nur aufgrund einer historischen Verantwortung dringend notwendig. 

Die besondere Verantwortung der Bundesrepublik für die Verbrechen der NS-Zeit, für die Shoah, leitet sich hierbei nach unserem Verständnis nicht biologistisch her. Sie ergibt sich für uns vielmehr daraus, dass wir Staatsbürger*innen oder Bewohner*innen des Landes sind, von dem aus die grausamen Verbrechen der NS-Zeit ihren Ausgang hatten. Wir Juso-Hochschulgruppen sind uns dieser Verantwortung bewusst. Für uns erwachsen aus ihr der Antifaschismus und der Kampf gegen Antisemitismus als zentrale Bestandteile unserer politischen Grundsätze. Rechten Tendenzen und Antisemitismus stellen wir uns daher nicht nur an den Hochschulen, sondern überall entgegen. Wir wissen aber, dass zur historischen Verantwortung - getreu Adornos „Erziehung zur Mündigkeit“ und seinem Anspruch, „dass Auschwitz nie wieder sei“ - eben auch eine ernsthafte Aufarbeitung und Aufklärung gehört. Für diese wollen wir uns in allen gesellschaftlichen Bereichen, aber eben besonders an den Hochschulen und vor allem auch in den Studierendenschaften selbst einsetzen.

 

Historische Verantwortung der Hochschulen: Die akademische Welt im Nationalsozialismus

 

Historische Kontinuitäten: Alte Eliten in der Weimarer Republik

In der Beschäftigung mit der Rolle der deutschen Hochschulen in der NS-Zeit ist ein Blick auf ihre Konstitution in der Weimarer Republik sinnvoll, weil er teilweise bestehende historischen Kontinuitäten aufzeigt. Die Macht der alten Eliten des Kaiserreichs hatte auch in der Hochschullandschaft der Weimarer Republik Bestand. Zwar wurde in der Weimarer Republik die Freiheit von Lehre und Forschung erstmals gesetzlich verankert, die Hochschulen hatten teilweise Selbstverwaltungsrechte (beispielsweise entschieden die ordentlichen Professor*innen über Berufungen und Habilitationen), Frauen* erhielten 1918 die Zulassung zum Hochschullehrer*innenberuf und die Forschung erzielte enorme Fortschritte. Doch die Hochschulen blieben – wie schon im Kaiserreich – Hochburgen des Antisemitismus und Nationalismus. Die gesellschaftlich privilegierten und elitären Hochschullehrer*innen bekannten sich zwar, aus Angst vor einem Statusverlust bei der Errichtung einer Räterepublik, anfangs zur neuen demokratischen Staatsform, distanzierten sich aber schon 1919 wieder von ihr. Ihre kritische oder gar republikfeindliche, nationale Gesinnung, die das Kaiserreich überhöhte, prägte die Hochschulen und ihre Lehre maßgeblich und trug so langfristig zur Schwächung der Weimarer Republik bei.

 

Umstrukturierung und „Selbstgleichschaltung“ der Hochschulen im Nationalsozialismus

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler endete im Januar 1933 die Weimarer Republik - und mit ihr auch die teilweise Selbstverwaltung der Hochschulen. Diese wurden nach dem Machterhalt der NSDAP fundamental umgestaltet. Die Reaktionen der Hochschulen und Hochschullehrer*innen waren überwiegend positiv. Von 24 deutschen Hochschulen veröffentlichten zehn nach dem Machterhalt der Nationalsozialist*innen Loyalitätsbekundungen für Hitler. Ebenso bekannten sich Professor*innen zur Treue gegenüber dem „Führer“ und dem nationalsozialistischen Staat. Im April 1933 trat das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in Kraft, das den Hochschulen ermöglichte, alle „Nichtarier“, jüdische Beamt*innen und solche, die als politische Feind*innen eingestuft wurden, in den Ruhestand zu versetzen. Der „badische Judenerlass“ ist diesbezüglich ein Beispiel für den in der NS-Zeit oft bestehenden vorauseilenden Gehorsam der Städte und Hochschulen: Im Land Baden wurden bereits zwei Tage vor Inkrafttreten des genannten Gesetzes alle jüdischen Beamt*innen - also auch Hochschullehrer*innen - vom Dienst „beurlaubt“. Ebenfalls im April 1933 verabschiedet wurde das „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“. Das Gesetz regelte unter anderem, dass höchstens 1,5 Prozent der Neuaufnahmen an höheren Schulen und Hochschulen „nichtarischer Herkunft“ sein durften. 1935 folgte das „Gesetz über die Entpflichtung und Ersetzung von Hochschullehrern aus Anlass des Neuaufbaus des deutschen Hochschulwesens“, nach dessen Inkrafttreten es nun auch möglich war, jüdische und politisch unliebsame Hochschullehrer*innen zu entpflichten.

Im Zuge des „Gesetzes über den Neuaufbau des Reichs“ im Januar 1934 und der in der Folge in allen gesellschaftlichen Bereichen stattfindenden Gleichschaltung wurde ein Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung konstituiert. Von diesem Zeitpunkt an konnte beispielsweise nur noch der Reichswissenschaftsminister Lehrbefugnisse erteilen: eine politisch genehme Lehre war sichergestellt. 1935 wurden dann auch die Lehrpläne entsprechend umstrukturiert und „Richtlinien zur Vereinheitlichung der Hochschulverwaltung“ erlassen, die das Führerprinzip an die Hochschulen brachten: Wer Rektor war, wurde „Führer der Hochschule“. Auch hier wurde im Hochschulbereich vorauseilend gehandelt und eine „Selbstgleichschaltung“ betrieben. Zum Beispiel wählte sich der Verband der Deutschen Hochschulen (der Interessenvertretung deutscher Hochschullehrer*innen) bereits im Juni 1933 einen neuen, nationalsozialistischen Vorstand unter einem „Führer“, bevor er im November desselben Jahres mit anderen hochschulpolitischen Verbänden zur Einheitsorganisation des „Reichsverbands der Deutschen Hochschulen“ zusammengezogen wurde.

 

Wissenschaft und Forschung im Nationalsozialismus

1933 sagte der damalige bayrische Kultusminister folgenden Satz gegenüber einer Versammlung von Münchner Professor*innen, der die Anforderungen des Nationalsozialismus an die Wissenschaft deutlich macht: „Von jetzt ab kommt es für Sie nicht darauf an festzustellen, ob etwas wahr ist, sondern ob es im Sinne der nationalsozialistischen Revolution ist.“

Die Wissenschaftsvorstellung der Nationalsozialist*innen war anti-intellektualistisch. Nicht eine zweckfreie Lehre und Forschung, sondern eine konkret nutzbringende Wissenschaft stand im Zentrum. Die nationalsozialistische Ideologie - und im Besonderen ihre „Rassenlehre“ - bildete ihr Fundament. Dennoch waren die Nationalsozialist*innen keineswegs wissenschaftsfeindlich, dazu kam der Wissenschaft und Forschung politisch eine viel zu hohe Bedeutung bei: Eine moderne Wissenschaft war für die Vorbereitung und Durchführung von Kriegen für den NS-Staat unabdingbar. Staatliche Fördermittel gingen entsprechend vor allem in die Rüstungsforschung, beispielsweise an die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft), während geistes- und sozialwissenschaftliche Institute im Vergleich dazu kaum Finanzierungsunterstützung erhielten. Da Wissenschaftler*innen gebraucht wurden, hatten sie verhältnismäßig großen Handlungsspielraum. Das Verhältnis zwischen dem NS-Regime und Wissenschaftler*innen war geprägt von beidseitiger Kooperationsbereitschaft.

Eine internationale Wissenschaftsgemeinschaft wurde in der nationalsozialistischen Ideologie abgelehnt, stattdessen wurden nationalsozialistische Forschungseinrichtungen errichtet. An den Hochschulen wurde eine der nationalsozialistischen Wissenschaftsvorstellung getreue Lehre und Forschung durch die Auswahl politisch genehmer Lehrender sichergestellt.

Zweifellos ist die Medizin eines der Fächer, denen im Nationalsozialismus ein besonders hoher Stellenwert zukam. Es wurde keine allgemeine Gesundheitspolitik- und Forschung für die gesamte Bevölkerung betrieben, sondern eine „arische“. Die „Reinigung des Volkskörpers“ stand im Vordergrund, also ein gesundes Leben für „Arier“. Ethisch-moralische Regeln wurden vor allem in der medizinischen Forschung außer Kraft gesetzt. In der Medizin wurden zahllose verbrecherische Menschenversuche durchgeführt, unter anderem, um „Beweise“ für den nationalsozialistischen Rassenbegriff zu generieren. Am bekanntesten ist hier sicherlich der KZ-Arzt Josef Mengele, unter dessen Hand zahllose Menschen, vor allem in Auschwitz, ihr Leben lassen mussten. Insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen und/oder chronischen Erkrankungen, schwangere Frauen und Zwillinge waren Opfer dieser Versuche. Es wäre jedoch verkürzt, die Wissenschaft im Nationalsozialismus auf Rüstungsforschung und Medizin zu beschränken. Es existierte ein breites Feld allgemeiner Wissenschaft, die sowohl methodisch, als auch konzeptionell zu diesem Zeitpunkt auch international an der Spitze stand.

 

Flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ - Die Rolle von Studierenden und Studierendenschaften in der NS-Zeit

 

Von linksliberalen zu völkisch-rassistischen Studierendenschaften

Auch bezüglich der Rolle von Studierenden und Studierendenschaften in der NS-Zeit ist ein Blick auf die Situation in der Weimarer Republik sinnvoll. Nach dem Umbruch von 1918 stieg zwar die Zahl der Studierenden aus Mittel- und Unterschicht, dennoch setzte sich der Großteil weiterhin aus den akademischen Kreisen und der wirtschaftlichen Oberschicht zusammen. Auch mit dieser Dominanz der größtenteils von den alten Eliten aus dem Kaiserreich stammenden Studierenden, aber ebenso durch die Nachkriegsstimmung, also die als „nationale Schande“ empfundene Niederlage im 1. Weltkrieg, lässt sich mitunter erklären, weshalb unter den Studierenden – ähnlich wie bei den Hochschullehrer*innen – sowohl ein sich verstärkender Nationalismus, als auch ein wachsender Antisemitismus zu verzeichnen war. Dies war sicherlich auch geprägt durch die das Wilhelminische Reich glorifizierende Lehre.

So entwickelten sich auch die ehemals für linksliberale und freiheitliche Ideen einstehenden Studierendenschaften zu reaktionären Kräften mit rechtsgesinnten Grundsätzen, die den demokratischen Ansätzen und der Republik als Staatsform feindlich gegenüber standen. Aufgrund dieser sich immer deutlicher äußernden Republikfeindlichkeit und rechten Tendenzen wurde der verfassten Studierendenschaft in der Weimarer Republik 1927 die staatliche Anerkennung entzogen. Der Zusammenschluss der Allgemeinen Studierendenausschüsse, die Deutsche Studentenschaft, blieb jedoch weiter bestehen. Die Studierendenschaften organisierten sich an den jeweiligen Hochschulen selbstständig und auf freiwilliger Basis, hatten aber aufgrund des Entzugs der staatlichen Anerkennung mit erheblichen Finanzierungsproblemen zu kämpfen. Hinzu kam, dass für die Hochschulen nun keine (rechtliche) Notwendigkeit mehr bestand, die Studierenden einzubeziehen.

 

Der Aufstieg des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes

Da mit der Aberkennung der staatlichen Anerkennung auch keine politische Aufsicht mehr existierte, stand einem Erstarken nationalsozialistisch gesinnter Studierendengruppen wenig entgegen. So gewann der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB), der 1926 in München gegründet wurde und eine Gliederung der NSDAP darstellte, an den Hochschulen immer mehr an Zustimmung. Das in der Folge des Entzugs der staatlichen Anerkennung sinkende Interesse der Studierenden an Hochschulpolitik und ein erheblicher Rückgang der Wahlbeteiligung bei der Wahl der örtlichen Studierendenausschüsse (die von zuvor durchschnittlich 80 auf unter 50 Prozent fiel) kamen diesem Erstarkungsprozess entgegen. Der NSDStB prägte von studentischer Seite mit einer klaren völkisch-rassistischen Haltung die letzten Jahre der Weimarer Republik. Fünf Jahre nach der Gründung wurde der NSDStB zur einflussreichsten Kraft an fast allen Hochschulen. Spätestens mit dem Machterhalt der NSDAP gelang es dem NSDStB, seine Macht auch in allen studentischen Gremien vollends zu entfalten und zu festigen. Die Mehrheit der hochschulpolitischen Gruppen wurde verboten oder aufgelöst, einige lösten sich selbst auf. Linke - primär kommunistische und sozialistische - Studierendengruppen wurden verboten und ihre Mitglieder vom Studium ausgeschlossen. Dies begünstigte die Stellung des NSDStB an den Hochschulen. Zu seiner Grundausrichtung zählten ein ausgeprägter Antisemitismus, Antimarxismus und Antiparlamentarismus. Er setzte sich des Weiteren - getreu der Programmatik der NSDAP, dass höhere Bildung allen „Ariern“ zugänglich sein sollte - für eine soziale „Öffnung der Hochschulen“ ein. Da der Anteil der Studierenden aus Arbeiter*innenfamilien aber verschwindend gering blieb, kritisierte der NSDStB immer wieder den privilegierten Hochschulzugang. Schlussendlich dominierte der NSDStB dann auch den Zusammenschluss aller Studierendenausschüsse, die Deutsche Studentenschaft: eines seiner Mitglieder hatte ab 1931 deren Führung inne. 1934 erhielt die Deutsche Studentenschaft - nach der Einführung des „Führerprinzips“ in ihren Strukturen - wieder die offizielle staatliche Anerkennung als Vertretung der Studierendenschaft.

Den Studierenden kam also von der Weimarer Republik hin zum Nationalsozialismus eine Schrittmacherrolle zu. Die dominante rechtsgesinnte, nationalistische Haltung an den Hochschulen war gerade im Gleichschaltungsprozess ein wichtiger Motor für das NS-Regime.

 

Das Verbindungswesen von der Weimarer Republik hin zum Nationalsozialismus

Dabei spielte auch das schon in der Weimarer Republik als eine wichtige Sozialisationsinstanz für Studenten fungierende deutsche Verbindungswesen eine herausragende Rolle: über 50 Prozent aller männliche sozialisierten Studierenden waren Mitglieder in vorwiegend schlagenden Verbindungen. Hier ist vor allem der Deutsche Hochschulring (DHR) zu nennen, ein verbindungsübergreifender Verband mit nationalistischer und völkisch-rassistischer Grundhaltung, der in der Weimarer Republik entsprechend gesinnte Studierende hinter sich versammelte. Der DHR hatte vor allem zu Beginn der 1920er Jahre einen großen Einfluss in den ASten und in der Deutschen Studentenschaft. Der DHR war, als einziger Verband, schon zu diesem Zeitpunkt nach dem Führerprinzip organisiert. In den lokalen Studierendenschaften wollte er außerdem das sogenannte „Arierprinzip“ durchsetzen, das jüdische und nicht-deutsche Studierende von der Mitgliedschaft ausschließen sollte. Dies war ein Verfassungskonflikt und neben der generell unter Studierenden herrschenden Republikfeindlichkeit einer der Gründe für die Aberkennung der staatlichen Anerkennung der verfassten Studierendenschaft von 1927. Des Weiteren waren lokale Gruppierungen des DHR (die sich vor Ort oft auch „Hochschulring Deutscher Art“ nannten) an zahlreichen republikfeindlichen und antisemitischen Aktionen an Hochschulen beteiligt. Daher gilt der DHR als einer der maßgeblichen Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie unter Studierenden. Einige der lokalen Gruppierungen des DHR wurden, nach dem Mord an Außenminister Walther Rathenau 1922 (an dem Corps-Studenten beteiligt waren), zeitweise verboten. Der lokale Ableger des DHR in München war außerdem aktiv am - gescheiterten - Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 beteiligt. In der Nachfolge veröffentlichte der DHR eine Sympathieerklärung mit den Putschisten, die unter anderem auch von der Deutschen Burschenschaft übernommen wurde. Mit dem Aufkommen des NSDStB verlor der DHR jedoch an Bedeutung.

Die Deutsche Burschenschaft konnte sich als Verband vorerst halten. Diese begrüßte den Machterhalt der NSDAP, denn ihre politische Ausrichtung stimmte mit den Ideen der Nationalsozialist*innen überein. Jedoch übernahm der NSDStB personell immer mehr die Führung des Verbandes. Dies geschah nicht ohne Widerstand. Korporationen mit national-konservativer Ausrichtung standen dem rechtsaußen zu verortenden NSDStB ablehnend gegenüber, es kam immer wieder zu Konflikten auf lokaler Ebene. Sie konnten sich aber gegen dessen Ausbreitung nicht zur Wehr setzen. So stellte die Deutsche Burschenschaft dann schließlich 1935 ihre Korporationen sämtlich dem NSDStB zur Verfügung. In der Folge wurden die deutschen Burschenschaften mehr und mehr aufgelöst und in nationalsozialistische „Kameradschaften“ überführt. Diejenigen, die sich nicht in „Kameradschaften“ umwandeln wollten, lösten sich offiziell selbst auf. Ab 1936 durften Studenten nicht mehr Mitglied einer Verbindung sein, Ende desselben Jahres existierten keine aktiven Burschenschaften mehr.

 

Die Rolle der Studentinnen im Nationalsozialismus

An deutschen Hochschulen wurde Frauen* ein Studium erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schrittweise zugänglich gemacht.In der Weimarer Republik hatte es einen Ansturm auf die Hochschulen gegeben, mitunter aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit. In der Ideologie der Nationalsozialist*innen hatte Arbeitslosigkeit keinen Platz, der Anbruch einer neuen Zeit ohne eine solche sollte auch an den Hochschulen deutlich werden. Daher wurde im Dezember 1933 ein Gesetz zur reichsweiten Regulierung der Studierendenzahlen verabschiedet: Ab dem Sommersemester 1934 wurde die Anzahl Studierender reichsweit auf die willkürliche Zahl 15.000 festgelegt. Dabei wurde auch der Frauen*anteil gesetzlich festgeschrieben, der nur 10 Prozent der 15.000 betragen durfte.

Schon 1930 aber hatte Baldur von Schirach, der seit 1928 „Führer“ des NSDStB (und später Reichsjugendführer der NSDAP) war, eine Regelung erlassen, die besagte, dass Studentinnen nicht länger für Hochschulgremien kandidieren durften. Er war es auch, der die Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt) einführte, eine Untergruppierung des NSDStB, in der nationalsozialistische Studentinnen sich zwar organisieren, aber keinerlei eigene Entscheidungen treffen durften. Ihnen kam also innerhalb der nationalsozialistischen Studierenden politisch eine eher passive Rolle zu.

Mit der Gleichschaltung der Hochschulen wurden alle immatrikulierten Studenten automatisch Mitglieder des NSDStB und alle Studentinnen Mitglieder der ANSt. Zwar wurde die Regulierung der Studierendenzahlen von 1933, und damit auch die des Frauen*anteils, bereits 1935 wieder aufgehoben. Doch Studentinnen waren an den Hochschulen im Nationalsozialismus nicht gerne gesehen: studierende Frauen* passten nicht ins nationalsozialistische, traditionelle Frauen*bild der „deutschen Mutter“. Zur, im Gleichschaltungsprozess noch erstarkenden, frauen*feindlichen Grundstimmung an den Hochschulen kamen einige Regelungen hinzu, die Studentinnen im Studium und studentischen Alltag einschränkten. Dennoch gelang es nicht, Frauen* vollständig aus den Hochschulen zu vertreiben. Aufgrund des Arbeitskräfte- und Akademiker*innenmangels, der in den letzten Jahren vor dem 2. Weltkrieg aufgrund der Kriegsvorbereitung im Deutschen Reich wirtschaftlich spürbar wurde, wurden Frauen* sogar aktiv für das Studium geworben. Dies verstärkte sich nach Beginn des Krieges und im Verlauf der Kriegsjahre noch.

 

Studentischer Alltag im Nationalsozialismus

Der studentische Alltag wurde in die nationalsozialistische Ideologie integriert, deren Erziehungsideal sich in Hitlers Ausspruch, ein Hitlerjunge müsse „flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ sein, manifestierte. So mussten von 1934 an alle Abiturient*innen vor Aufnahme eines Studiums einen halbjährigen Arbeitsdienst ableisten. Dies war ein Mittel der Selektion schon vor Studienbeginn, gleichzeitig aber auch ein Weg, die nationalsozialistische Vorstellung der „Volksgemeinschaft“ umzusetzen: der Arbeitsdienst wurde in Arbeitslagern, in denen alle jungen Menschen für diese Zeit gemeinsam lebten, in Form von schwerer körperlicher Arbeit abgeleistet. Frauen* wurden oft zu karitativen Diensten an einzelne Familien oder Wohlfahrtsorganisationen vermittelt.

Im Studium selbst waren männlich sozialisierte Studierende dann dazu verpflichtet, am Wehrsport und dabei auch an einer paramilitärischen Ausbildung teilzunehmen. Auch die Teilnahme an Veranstaltungen zur politischen Erziehung war neben dem Studium - nicht nur für männlich sozialisierte Studierende - verpflichtend. Verlangt wurde ebenso das Engagement in Fachschaften. Studentinnen mussten statt einer paramilitärischen Ausbildung soziale Dienste ableisten, deren Koordination der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt) oblag. Studierende waren damit neben dem Studium einer hohen zeitlichen Belastung ausgesetzt. Dies führte zu Protesten, die wiederum zur Folge hatten, dass die Aufgaben teilweise minimiert oder, seltener, fakultativ wurden.

Ein Konzept, das bestehen bleib, war das des „studentischen Einsatzes“, der zunächst freiwillig (in Fabriken oder der Landwirtschaft) in den Semesterferien geleistet werden musste. Da die Beteiligung auf freiwilliger Basis jedoch gering ausfiel, wurde 1939 von Seiten der Reichsstudentenführung eine „Erntehilfspflicht für alle Mitglieder der Deutschen Studentenschaft“ eingeführt, der man sich jedoch aufgrund bestimmter Regelungen dennoch entziehen konnte. Generell waren im Studium wenig Freiräume vorhanden, was zu Unzufriedenheit unter Studierenden führte. Dies äußerte sich nicht in Ablehnung des NS-Staates oder Widerstand gegen das NS-Regime, trug aber zu einem sinkenden politischen Interesse und Engagement bei. Damit wird die mehrheitliche Anpassung der Studierenden im nationalsozialistischen System deutlich.

 

„Wider den undeutschen Geist“: Studierende und die Bücherverbrennung

Vor allem in den Anfangsjahren der NS-Zeit zeigte sich gerade unter Studierenden eine große Begeisterung für die nationalsozialistische Ideologie. Die politische Selektion an den Hochschulen wurde von Seiten der Studierenden massiv vorangetrieben. Durch Denunziation trugen sie maßgeblich zu den Säuberungswellen an den Hochschulen bei. Nationalsozialistische Studierende fertigten beispielsweise schwarze Listen über Lehrende an und nahmen so Einfluss auf personalpolitische Entscheidungen. Dabei spielte, wie schon ausgeführt, der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) die größte Rolle. Die wohl bekannteste unter der Führung des NSDStB (und der Deutschen Studentenschaft) geplante und durchgeführte Aktion ist die öffentliche Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz und in 21 anderen deutschen Hochschulstädten. Dabei verbrannten vor allem Studierende und Professor*innen literarische Werke politisch nicht genehmer oder nicht in die nationalsozialistische Ideologie passender Autor*innen. Diese Bücherverbrennungen waren Abschluss der vom NSDStB und der Deutschen Studentenschaft organisierten, vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“. Bei dieser sollte es vor allem um den Kampf „gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewußtes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum“ gehen, sie begann am 12. April 1933 mit dem Anschlagen von 12 Thesen und hatte das Ziel, nach dem Staat nun auch die Hochschulen nationalsozialistisch zu erobern.

 

Studentischer Widerstand im Nationalsozialismus

Da die Studierenden den Nationalsozialismus größtenteils und oft begeistert unterstützen, gab es kaum studentischen Widerstand. Es gab zwar (studentische) Gruppen, die dem Nationalsozialismus grundsätzlich, aus weltanschaulichen oder politischen Gründen ablehnend gegenüberstanden, wie vor allem christliche und linke Studierende. Sie trafen sich in kleinen Runden und unter schwierigen Umständen, um zu diskutieren und sich auszutauschen. Dies war jedoch kein organisierter Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der in konkrete Aktion geendet hätte. Eine der genannten kleinen Gruppen aber, die aus linken Jura-Studierenden bestehenden „Roten Studenten“, erregte jedoch im August 1934 mit einer Aktion in Berlin Aufmerksamkeit: sie zündeten im Lesesaal der Universitätsbibliothek eine Papierbombe, von der aus sich antifaschistische Flugblätter im Raum verteilten und machten damit ihre Ablehnung des Nationalsozialismus deutlich. In der Folge wurden sie ermittelt und verhaftet oder zur Flucht gezwungen.

Organisierten Widerstand gab es von Seiten Studierender fast gar nicht und nur an wenigen Hochschulen. In die Zeit des Zweiten Weltkriegs fällt aber ein herausragendes Beispiel studentischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus: die „Weiße Rose“ in München. Sie bestand vor allem aus der Kerngruppe der (aus dem Bildungsbürgertum stammenden) fünf Studierenden Hans und Sophie Scholl, Willi Graf, Christoph Probst und Alexander Schmorell. Sie riefen im Sommer 1942 in Form von vorerst vier Flugblättern zum (passiven) Widerstand gegen den verbrecherischen Krieg des NS-Regimes auf. Ihr Ziel war es, durch öffentlich wirksame politische Aufklärung Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten und den Menschen die Augen zu öffnen. Ihr Wirken bestand, über den Raum München hinaus, vor allem im Erstellen und Verbreiten von insgesamt sechs Flugblättern. Außerdem unterstützen und förderten sie weitere Gruppenbildungen in anderen Städten. Anfang des Jahres 1943, nach Stalingrad, riefen sie nicht mehr nur zum passiven Widerstand, sondern zum aktiven Kampf gegen den Nationalsozialismus auf. Als Hans und Sophie Scholl das sechste Flugblatt am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität auslegten, wurden sie entdeckt und festgehalten. Die Gestapo war schon länger auf ihren Spuren. Alle Mitglieder der Kerngruppe wurden vor dem Volksgerichtshof, unter anderem wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“, zum Tod verurteilt, weitere Mitglieder der „Weißen Rose“ erhielten Haftstrafen. Eine Art Ableger der „Weißen Rose“ agierte danach an der Universität in Hamburg weiter. Traute Lafrenz, eine Medizinstudentin, hatte Flugblätter der „Weißen Rose“ aus München mitgebracht und gab sie an einen Kommilitonen, Heinz Kucharski, der sie wiederum mit einer Gruppe oppositioneller Studierender verteilte. Sie wurden Ende des Jahres 1944 von der Gestapo gestellt. Heinz Kucharski wurde vor dem Volksgericht zum Tod verurteilt, die anderen Mitglieder starben in der Haft oder im KZ.

 

Die Talare sind weg, der Muff bleibt: Kritik an der (Nicht-)Aufarbeitung der Hochschulen bezüglich ihrer NS-Vergangenheit

 

Wie es gesamtgesellschaftlich zu beobachten war, so reihten sich auch die deutschen Hochschulen in der Nachkriegszeit primär ins kollektive Schweigen ein. Zwar bekannten sich vereinzelt Wissenschaftler*innen zu ihrer Rolle im Nationalsozialismus und zogen daraus Konsequenzen. Doch der Großteil schwieg oder betrieb Geschichtsumdeutung: die Schlussstrich-Mentalität war vorherrschend. Im Zuge dessen wurden bis in die 1960er Jahre zwar die Hochschulen und Fächer restauriert, doch die Geschichte wurde in diesem Prozess nach wie vor verschleiert und der Nationalsozialismus als große Verirrung relativiert. Erst Mitte der 1960er Jahre begann eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit an den Hochschulen: die Geschichtsumdeutung ließ sich nicht länger aufrechterhalten. So wurde in dieser Zeit beispielsweise öffentlich, dass die meisten Hochschulen nicht, wie behauptet, unter Zwang gleichgeschaltet worden waren, sondern sich in der NS-Zeit gewollt angepasst, ja im Gleichschaltungsprozess sogar vorauseilend gehandelt hatten. Wie auch in allen anderen Bereichen, so waren auch an den Hochschulen viele Lehrende mit nationalsozialistischer Vergangenheit tätig.

Durch die Proteste der Studierenden - der 68er-Bewegung -, deren Hauptziel ein Aufbrechen des kollektiven Schweigens war und die Aufklärung über das Handeln der Elterngeneration forderten, wuchs der Druck auch an den Hochschulen. Zentral war für die 68er ebenso die Forderung nach einer sich aus der Geschichte ergebende Umstrukturierung der Bildungsinstitutionen, die demokratisiert werden und in ihrem Bildungsideal anti-autoritär ausgerichtet sein sollten. Diese Forderung wurde nicht erfüllt. Trotzdem begann Mitte der 1970er Jahre eine zwar oft nicht gewollte, aber dennoch meist gelungene Erforschung der institutionellen und inhaltlichen Vergangenheit der Hochschulen und einzelner Fachbereiche.

Von einer wirklichen Aufarbeitung und daraus resultierenden Aufklärung kann aber nicht gesprochen werden. Weder hat in der Bundesrepublik im Allgemeinen, noch an den Hochschulen im Besonderen eine kollektive Aufarbeitung stattgefunden. Zumeist wurde - und wird - die Forderung nach Aufarbeitung von Seiten Studierender gestellt, aber selten offiziell von Hochschulen unterstützt. Die rund 1.800 Hochschullehrer*innen, die im Nationalsozialismus aus dem Dienst „entfernt“ wurden, wurden beispielsweise erst in den 1990er Jahren durch die deutschen Hochschulen rehabilitiert. Und noch heute hält im Umgang der Hochschulen mit ihrer NS-Vergangenheit das Narrativ der angeblichen „Zwangsveränderungen“ der Hochschulen im Nationalsozialismus an.

Im Januar 1933 wurde die rechtswissenschaftliche Fakultät der Christian-Albrechts-Universität Kiel „judenrein“. Zwar wurden um diese Zeit fast ein Drittel der an allen juristischen Fakultäten des Deutschen Reiches Lehrenden, zumeist aus „rassischen“ Gründen, entlassen, aber nirgendwo wurde bei einer „Säuberung“ des Lehrkörpers so akribisch vorgegangen, wie in Kiel. Dieser personelle Austausch - es wurden entsprechend systemkonforme Lehrende eingestellt - war der Auftakt für das Ziel des NS-Regimes, die Juristische Fakultät in Kiel zur nationalsozialistischen „Stoßtruppfakultät“ zu machen. Dies gelang - und wurde unter dem Namen „Kieler Schule“ bekannt. Kiel wurde im Deutschen Reich zu dem Ort, an dem eine umfassende „völkische Rechtserneuerung“ vorgenommen wurde, die Juristische Fakultät war völlig vom Nationalsozialismus durchdrungen. Die Lehrenden sollten dementsprechend eine engere Gemeinschaft bilden, eine „geschlossene Kameradschaft“. Inhaltlich wurde das Recht von der Kieler Schule im nationalsozialistischen Sinne instrumentalisiert. Den auf „Rasse“ und der „Volksgemeinschaft“ aufgebauten NS-Staat verankerten sie in allen juristischen Teilbereichen, es fand eine Ideologisierung und Politisierung des Rechts und der Rechtslehre statt und gleichzeitig eine Entrechtung des Individuums und seiner Würde gegenüber dem totalen Staat. Der Großteil der „Kieler Schule“-Mitglieder setze sein (rechts-)wissenschaftliches Arbeiten in der Nachkriegszeit fort - und das zumeist ohne Probleme. Die Universität Kiel hat sich zwar in Teilen mit ihrer NS-Vergangenheit und der „Kieler Schule“ auseinandergesetzt, dennoch ist das Wirken der „Kieler Schule“ heute vielen Studierenden (auch außerhalb Kiels) nicht bekannt und es könnte weit mehr Anstrengung unternommen werden, dies zu ändern und Aufklärung zu betreiben. Des Weiteren sollte an jeder juristischen Fakultät ein entsprechend hohes Bewusstsein für die Prägung des Rechts im Nationalsozialismus existieren.

Der KZ-Arzt Josef Mengele, der an der Goethe-Universität Frankfurt von 1937 bis 1940 unter dem NS-Rassentheoretiker Otmar von Verschuer am Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene beschäftigt war und promovierte, stand noch bis 1944, während er schon in Auschwitz war, auf der Gehalts-und Personalliste der Universität. Sein Doktortitel wurde ihm erst 1961 - aufgrund von Protesten - entzogen. Sein Doktorvater von Verschuer trägt hingegen bis heute noch einen Doktortitel der Goethe-Universität. Er erhielt 1951 eine Professur in Münster und wurde 1952 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie. Beim 100-jährigen Jubiläum der Goethe-Universität im Jahr 2014, deren Gründung unter anderem auf jüdische Stifter*innen zurückgeht, wurde die NS-Zeit kategorisch ausgeblendet. Sicherlich hat sich einiges getan. Doch die von der 68er-Bewegung kritisierten (historischen) Kontinuitäten halten bis in die Gegenwart an. Die Forderung nach einer wirklichen, umfassenden Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesamtgesellschaft, aber gerade auch den Hochschulen hat seit den 1960er Jahren also kaum an Aktualität eingebüßt. Gerade die Sensibilität für die Belastung der deutschen Wissenschaft ist heute immer weniger vorhanden.

 

Weg mit dem Muff - Die heutige Verantwortung von Studierendenschaften: Was zu tun ist

2002 ergab eine Studie, dass mehr als ein Drittel der Studierenden der Aussage zustimmen, dass es Zeit wäre, unter die nationalsozialistische Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen. Es ist fraglich, ob dieses Ergebnis heute bemerkenswert anders ausfallen würde. In Anbetracht der Konstitution unseres Bildungssystems mag dies nicht verwunderlich sein. Denn im Zentrum steht ein Bildungsideal, das nicht Mündigkeit, sondern Anpassung zum Ziel hat. Erst in einer Gesellschaft und Bildungslandschaft, die kritisches Lernen, Lehren und Denken in den Fokus rückt, kann eine wirkliche Aufarbeitung und Aufklärung auch im historischen Kontext stattfinden. Deshalb müssen wir uns nach wie vor überall und gerade an den Hochschulen für demokratische Strukturen, Selbstbestimmung und politische Räume einsetzen.

Es wäre jedoch falsch, in Passivität zu verfallen und sich darauf auszuruhen, dass wirkliche Aufarbeitung zum jetzigen Zeitpunkt und in den aktuellen Strukturen unserer Hochschulen gar nicht vollends möglich ist. Denn auf dem Weg hin zu einem Zustand, in dem dies möglich ist, gibt es noch viel zu tun. Die umfassende Aufarbeitung und Aufklärung bezüglich der NS-Zeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In der Hochschullandschaft sind Hochschulen und Studierendenschaften gleichermaßen für diese verantwortlich und sollten über ihre eigene NS-Vergangenheit forschen und darüber aufklären. Hochschulleitungen verwehren sich oft, mitunter um ein positives Image zu wahren, gegen eine solche Aufarbeitung. An dieser Stelle müssen Studierendenschaften, im Bündnis mit Überlebendenverbänden und Initiativen, Druck ausüben.

Doch das alleine reicht nicht aus. Es wäre inkonsequent, sich dabei nicht auch mit der NS-Vergangenheit von Studierendenschaften und der daraus erwachsenden Verantwortung auseinandersetzen. Dies geschieht in Studierendenschaften selten. Wir wollen solche Prozesse an den jeweiligen Hochschulstandorten initiieren, unterstützen und vorantreiben. Dies könnte auch dazu beitragen, der immer noch viel zu oft vorherrschenden Schlussstrich-Mentalität - gerade bei jungen Menschen – entgegenzuwirken und bei Studierenden ein Bewusstsein für die Geschichte ihres jeweiligen Studienortes und die allgemeine Rolle der Hochschulen und Studierendenschaften im Nationalsozialismus zu schaffen. Ferner könnte dies, weil die Thematik dadurch zugänglicher gemacht wird, auch ein Bewusstsein für die Verbrechen der NS-Zeit und die sich daraus ergebende heutige, universelle, aber im Besonderen deutsche Verantwortung bewirken. Gerade dort, wo wir als Juso-Hochschulgruppen Teil von Studierendenschaften sind, müssen wir dem Bildungsauftrag dieser nachkommen.

 

Daher setzen wir uns bezüglich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von Hochschulen und Studierendenschaften für Folgendes ein:

 

  • Wir wollen an den jeweiligen Hochschulstandorten Projekte ins Leben rufen oder bereits bestehende unterstützen, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der NS-Kontinuitäten in der Nachkriegszeit der jeweiligen Hochschule und Studierendenschaft auseinandersetzen. Dies kann beispielsweise in Form von Forschungsprojekten, Arbeitsgruppen in Hochschulsenaten, Ausstellungen, Veranstaltungsreihen, Lesungen oder Publikationen geschehen. Der Bundesverband möge die einzelnen Juso-Hochschulgruppen über mögliche rechtliche Konsequenzen bei Veröffentlichungen informieren und beraten.
  • Selbiges gilt auch für einzelne Fachbereiche und Institute an Hochschulstandorten mit NS-Vergangenheit.
  • Hochschulen und Studierendenschaften sollen Mahn- und Gedenkveranstaltungen zu einzelnen Geschehnissen der NS-Zeit, die mit ihrem Hochschulstandort verbunden sind (wie den Bücherverbrennungen) initiieren und sich an ihnen beteiligen und zur Teilnahme an diesen aufrufen, um die nationalsozialistischen Verbrechen in der gesamten Gesellschaft, aber gerade auch in der Wissenschaft nicht vergessen zu machen.
  • Im Bestand deutscher (Hochschul-)Bibliotheken findet sich bis heute NS-Raubgut, also im Nationalsozialismus beschlagnahmtes und geraubtes Kulturgut. In Bibliotheken muss, sofern noch nicht geschehen, solches Kulturgut entsprechend erforscht und, wenn möglich, an rechtmäßige Besitzer*innen zurückgegeben werden. Sofern dies nicht möglich ist oder es aus anderen Gründen im Bestand der Bibliotheken verbleibt, muss es entsprechend gekennzeichnet werden.
  • An Hochschulstandorten, an denen nach wie vor Gebäude, Straßen, Adressen o.ä. nach Nationalsozialist*innen und ihren Sympathisant*innen benannt sind, müssen Umbenennungen dieser stattfinden. Darüber hinaus sollen vor allem an Hochschulen, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen sind, aber auch an jenen, bei denen dies nicht der Fall ist, generell Umbenennungen von Gebäuden, Räumen, Straßen und Adressen stattfinden und zum Beispiel nach jüdischen, in der NS-Zeit aus den Hochschulen vertriebenen Professor*innen benannt werden.
  • Vielen Nationalsozialist*innen wurden ihre Doktortitel bis heute nicht aberkannt. Dies muss an allen Hochschulen umfassend aufgeklärt und anschließend durchgeführt werden.
  • Studierende, die während der NS-Zeit aus rassischen oder politischen Gründen exmatrikuliert wurden und Wissenschaftler*innen, die aus dem Dienst „entfernt“ und denen Dissertationen oder Titel aberkannt wurden, müssen von den Hochschulen rehabilitiert werden.
  • Hochschulen und Studierendenschaften müssen sich rechten Tendenzen an Hochschulen entgegenstellen und präventive Maßnahmen anbieten und durchführen. Gerade über Studentenverbindungen und deren politisches Profil muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Wir kämpfen an den Hochschulen weiterhin dafür, dass Studentenverbindungen das Tragen ihrer „Farben“ und das Durchführen von Veranstaltungen verboten werden.
  • An allen Hochschulen sollen Lehrstühle für Holocaust-Forschung eingerichtet werden, die sich dezidiert mit der Erforschung der Geschehnisse in der NS-Zeit und den Kontinuitäten des Nationalsozialismus beschäftigen und auseinandersetzen. Dies muss von staatlicher Seite mit entsprechenden Fördermitteln unterstützt werden und beispielsweise in Zusammenarbeit mit lokalen Instituten, die sich der Erforschung des Nationalsozialismus widmen, geschehen. Dementsprechend sollen überall Professuren für Holocaust-Forschung eingerichtet werden.
  • Das Bundesministerium für Bildung und Forschung soll eine unabhängige Kommission mit der Erforschung des Handelns des „Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ in der NS-Zeit und der Untersuchung von NS-Kontinuitäten innerhalb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in der Nachkriegszeit beauftragen. Dies soll des Weiteren in allen Ministerien geschehen, die eine entsprechende Untersuchung bisher nicht in die Wege geleitet haben.

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