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Einen Genozid beim Namen nennen! Kein Vergessen deutscher Kolonialverbrechen!

Bürgerlichen Nationalstaaten fällt es leicht geschichtspolitische Verfehlungen konkurrierender Länder aufzuzeigen. Deshalb ist es auch kein Paradoxon, dass das deutsche Staatsoberhaupt, der Bundestag und inzwischen sogar die Bundesregierung den lange verschwiegenen Genozid an der armenischen Bevölkerung durch die Regierung des osmanischen Reiches anerkennen und dabei die Verbrechen immer noch ignoriert. Auch im Deutschen Reich wusste man vom Genozid an den Armenier*innen. Sehenden Auges ließ man die Gräueltaten geschehen. Damit trifft auch die Deutschen eine Mitschuld an dem Geschehen, die nicht von der Hand zu weisen ist.

Dabei ist es gut und richtig, den Massenmord und dessen Ignoranz durch die türkische Regierung immer wieder zum Thema zu machen. Allerdings wird der Einsatz für allzu späte Gerechtigkeit zur reinen Selbsterhöhung der staatlichen Akteur*innen, wenn die Maßstäbe, die an Andere gelegt werden, nicht für das eigene Handeln gelten. Exemplarisch hierfür stehen die Verbrechen der deutschen Kolonialtruppen im heutigen Namibia.                                 

Der Genozid, der in Deutschland ignoriert wird, fand zwischen 1904 und 1908 statt, kostete ungefähr 100.000 Menschen das Leben und war Ergebnis rassistischer deutscher Kolonialpolitik. In den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts begann das Deutsche Reich Gebiete außerhalb Europas zu erobern und die dort bereits lebenden Menschen zu vertreiben, zu ermorden oder zu versklaven. War das koloniale „Abenteuer“, wie es manchmal verharmlosend genannt wird, zuerst die staatliche Protektion privater Initiativen, die von der Regierung aus innenpolitischen Gründen gewünscht wurde, bekam das Projekt deutscher Vorherrschaft zehn Jahre später eine sich immer weiter beschleunigende Dynamik. Für immer kleineren Kolonialbesitz wurde ein Krieg mit anderen europäischen Mächten riskiert, die unterworfenen Menschen mussten sich der deutschen Herrschaft immer totaler anpassen und der Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus des deutschen Bürgertums erreichte immer krassere Ausmaße. Im ganzen Reich wurden „all-deutsche“ und Kolonial-Vereine gegründet, die die Ausweitung Deutschlands bis zum Ural oder die Eroberung Zentralafrikas forderten. Die Vernichtung bzw. Ersetzung der dortigen Bevölkerung durch deutsche Siedler*innen (völkisch: „germanische Wehrbauern“) wurde bei diesen Szenarien meist mitgedacht. Hinzu kamen die Profitinteressen deutscher Großbürger, die darauf angewiesen waren, dass sich ihre kolonialen Investitionen auszahlten und der Aufstiegswillen der Kleinbürger*innen, die sich in den Kolonien ein großbürgerliches Leben erhofften (schwarze Diener*innen etc.).

Bei dieser Gemengelage deutscher Zustände, verwundern ständige Gewaltausbrüche der deutschen Exekutive kaum. Bekannt wurde deutsche Grausamkeit in „Übersee“ einem größeren Publikum erstmals während des „Boxeraufstandes“, in dem sich viele Chines*innen gegen die Unterdrückung durch die weißen Mächte erhoben. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. gab den zur Niederschlagung des Aufstandes eingesetzten Truppen unmissverständlich zu verstehen, dass ihre Aufgabe die Ermordung jedes Chinesen, der es wage „einen Deutschen nur scheel anzusehen“, sei. Ähnlich reagierte das Reich immer wieder wenn sich manche Bevölkerungsgruppen der kaiserlichen Politik widersetzten.

Im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, führte die fortgesetzte Vertreibung und Nutzbarmachung bzw. Versklavung der dort lebenden Gruppen der Herero und Nama ab 1904 zur Gegenwehr dieser. Auf diese reagierte das Reich ähnlich wie auf den „Boxeraufstand“: die Kolonialtruppe wurde mit 15.000 Mann aus der regulären Armee verstärkt, die den Auftrag hatten die Revolte zu zerschlagen und jede Wiederholung dieser unmöglich zu machen. Unter dem Befehl von Lothar von Trotha zerschlugen die deutschen Truppen zuerst die bewaffneten Herero, was aufgrund der technischen Überlegenheit relativ schnell ging. Nach der gewonnenen Schlacht folgte dann allerdings kein Frieden, sondern die Vernichtung. Der Kommandant gab den „Vernichtungsbefehl“ dazu, indem er seine Soldaten aufforderte jeden Herero, ob unbewaffnet oder nicht, zu erschießen. Dies führte dazu, dass zehntausende Menschen in die Omaheke-Wüste fliehen mussten und dort verdursteten oder Krankheiten erlagen. Nachdem dafür gesorgt wurde, dass kein Entrinnen für die Eingeschlossenen möglich war, wendeten sich die Deutschen den Nama zu, die ebenfalls dem offenen Widerstand beigetreten waren. Auch hier wurde die Revolte niedergeschlagen und zur Verunmöglichung weiterer Problemfälle in der deutschen Kolonie wurden aufständische Soldaten, die sich bereits ergeben hatten und ihre Familie, sowie sonstige Nama-Zivilist*innen auf der „Haifischinsel“ interniert, wobei viele fast ohne Versorgung langsam starben. Danach hatte die deutsche Kolonialverwaltung ihr Ziel erreicht und die Kolonie konnten nach rassistischen Vorstellungen umgestaltet werden, bis das Gebiet im Zuge des ersten Weltkrieges unter britische Verwaltung kam. Die Umgestaltung implizierte, dass die gesamte Bevölkerung zum Arbeitseinsatz herangezogen wurde und weiße Personen ihren „Herrenmenschen“-Dasein ungestört ausleben konnten. In anderen Kolonien verübte das Deutsche Reich allerdings noch etliche weitere Verbrechen, so zB im heutigen Tansania oder in Papua-Neuguinea.

Der offensichtliche Genozid in Namibia ist seit langem Teil der von Deutschland ratifizierten „Völkermordkonvention“, die Vereinten Nationen haben den Genozid anerkannt und ihn als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gebrandmarkt, wobei die Auszahlung von Entschädigung und das Gedenken an die Opfer dadurch behindert wird, dass die deutsche Regierung sich weigert, dies zu akzeptieren. Während sich deutsche Offizielle also für ihre Weltoffenheit und „Aufarbeitung der Geschichte“ abfeiern und andere Länder kritisieren, wartet die Weltgemeinschaft und besonders die Angehörigen der Opfer darauf, dass der brutale Massenmord an Herero und Nama irgendwann Folgen für den Täter-Staat haben wird.

Das Vergessen dieser Taten reiht sich leider in eine lange Tradition der Behandlung deutscher Kolonialverbrechen ein. Das deutsche Kolonialreich, welches an sich eine Aggression darstellt, wird immer wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen romantisiert, die Berichterstattung ist durch „deutsche Wertarbeit“ wie Eisenbahnen oder Schulen geprägt und auch vermeintlich kritische Produktionen kommen nicht ohne das „Tropen-Feeling“ aus. Dem ganzen Unrecht wird am Ende immer noch etwas Positives abgewonnen. Wir fordern daher, dass der deutsche Kolonialismus endlich nicht mehr verdrängt wird! Deutsches Unrecht ist genuiner Teil des deutschen Nationalstaates, es gibt nichts zu feiern an Deutschland! Ein erster Schritt zu einem weniger ignoranten Bewusstsein wäre, den Genozid an den Herero und Nama in „Deutsch-Südwestafrika“ endlich als solchen anzuerkennen. Die Bundesregierung muss die Schuld und die daraus erwachsende Verpflichtung annehmen und die Nachkommen und den namibischen Staat angemessen entschädigen. Außerdem muss in Deutschland ein Verständnis für die Verbrechen geweckt und die verbrecherische Tradition des deutschen Staates offengelegt werden!

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