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Für die Gleichwertigkeit der Bildungswege: Berufliche Bildung stärken.

Wir Juso-Hochschulgruppen stehen für die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ein. Beide Systeme bestehen nebeneinander und haben ihre eigenen Stärken und Schwächen. Sie bieten jungen Menschen Perspektiven, die es ihnen ermöglichen sollen, ihre individuellen Wünsche und Vorstellungen zu erfüllen – weit über das Arbeitsleben hinaus. Das ist für uns keine hohle Phrase, sondern birgt den politischen Handlungsauftrag, die Anerkennung beruflicher und akademischer Abschlüsse als gesellschaftlich und rechtlich gleichwertig zu erreichen. Bildungsbiographien müssen individuell gestaltbar sein, indem beide Bildungswege zueinander durchlässig sind und zugleich allen Menschen offen stehen. Es braucht Bildung für alle – mit der höchstmöglichen Qualität.

 

Die Mär vom Akademisierungswahn

Derzeit prägt das Schlagwort „Überakademisierung“ die Debatte um das Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung. Es transportiert insbesondere den Vorwurf, zu viele junge Menschen würden ein Studium aufnehmen, anstatt eine duale Ausbildung zu beginnen. Im Jahr 2014 lag der Anteil der Studienanfänger*innen (Sommer- und Wintersemester) am entsprechenden Geburtsjahr der Gesamtbevölkerung bei ungefähr 57 Prozent. Es gab 500.000 Studienanfänger*innen, davon kamen 107.000 aus dem Ausland. Immer noch nehmen nur ein Viertel der Menschen ohne Eltern mit akademischem Abschluss ein Studium auf, während es bei denen mit zumindest einem solchen Elternteil 70 Prozent sind. 2014 begannen 712.000 Personen eine berufliche Ausbildung, 484.000 von diesen im dualen System.

Auf Basis dieser Zahlen fällen Vertreter*innen der Überakademisierungs-These das Urteil, es gebe zu viele, insbesondere zu viele neue Studierende. Dahinter steckt die Attraktivität banaler Antworten auf komplexe Fragen. Es darf nicht um einen angemeldeten Bedarf der Wirtschaft an beruflich Gebildeten und Akademiker*innen gehen, der normiert, zu welchen Teilen wie viele Menschen welches Bildungsangebot wahrnehmen sollen. Statt den Blick auf eine willkürliche Zielgröße festzulegen – unabhängig davon, ob sie als hohe Mindestquote oder niedrige Deckelung der Studienanfänger*innenzahlen daherkommt –, fordern wir, allen ihren Wunsch-Bildungsweg zu ermöglichen und junge Menschen bei seiner Findung umfassend, individuell und fortwährend zu beraten. Interesse an einem Studium oder den Möglichkeiten beruflicher Bildung dürfen dabei nicht als durch angeblich übliche Sozialisation, im jeweiligen sozioökonomischen Hintergrund, gegeben angesehen werden.

Die Wahl des eigenen Bildungsweges wird zudem erheblich durch die sich gesellschaftlich festsetzende Überzeugung beeinflusst, jede Hochschulzugangsberechtigung, insbesondere das Abitur, müsse zur Aufnahme eines Studiums genutzt werden, andernfalls würde der „bessere Weg“ verschmäht. Damit wird die berufliche Bildung ungerechtfertigterweise abgewertet und eine Stimmung erzeugt, die junge Menschen davon abhalten kann, eine (duale) Ausbildung nach Erlangen der Hochschulzugangsberechtigung in Erwägung zu ziehen, obwohl sie Interesse daran haben oder entwickeln könnten.

Statt an diesen falschen Annahmen festzuhalten, muss die Akzeptanz der Gleichwertigkeit der Bildungswege in die Möglichkeit aller münden, ganz individuell ihren Bildungsweg zu gehen. Deshalb liegt für uns auch keine „Überakademisierung“ vor, besonders nicht, da diese unterstellt, eine zu hohe Akademiker*innenquote würde am primären Ziel, der wirtschaftlichen Verwertbarkeit der Bildung, vorbeigehen. Stattdessen fehlt es den Vertreter*innen dieser These am richtigen bildungspolitischen Ideal. Wer die Möglichkeit individueller Entfaltung im Bildungssystem nicht allen Menschen einräumen möchte, schließt sich dem Verteidigungskampf der Bildungseliten an, die die geringere Studierendenzahl vor allem mit den eigenen Kindern erreichen wollen, während für andere die berufliche Bildung vorgesehen ist. Wir treten dieser intendierten Spaltung der Gesellschaft und dem unterschiedlichen Maß an Anerkennung der Bildungswege entschlossen entgegen. Deshalb ist nicht eine Beschränkung, sondern im Gegenteil sind Öffnung und Durchlässigkeit wichtige Bestandteile unseres Bildungsideals. Voraussetzung dafür ist, dass Barrieren im Bildungssystem abgebaut werden. Ein Wechsel und Austausch zwischen beiden Zweigen muss problemlos möglich werden.

 

Internationale Anerkennung von Abschlüssen erreichen

Für die Vergleichbarkeit von beruflichen Qualifikationen und Kompetenzen hat die Europäische Union den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) festgelegt. Dieser soll anhand von acht Bildungsniveaustufen eine Einordnung von Abschlüssen und Kenntnissen ermöglichen. In der Bundesrepublik wiederum gilt der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), der diese Zuordnung ebenfalls anhand von acht Stufen, nach erlernten Kompetenzen vornimmt. Beide treffen mit den Qualifikationsrahmen jedoch keine verbindlichen Einstufungen, die beispielsweise eine Zulassung zum Masterstudium (EQR/DQR-Niveau 7) nach einem Meisterabschluss (EQR/DQR-Niveau 6) nach sich ziehen. Es soll nur als Instrument der Transparenz zwischen den einzelnen Mitgliedsländern beziehungsweise innerhalb des deutschen Bildungssystems eine Vergleichbarkeit von unterschiedlichen Qualifikationen herstellen. Für die internationale Vergleichbarkeit über die EU hinaus kann die International Standard Classification of Education (ISCED) der UNESCO herangezogen werden, in der ebenfalls Bildungsabschlüsse Niveaustufen zugeordnet sind. Diese Instrumente werden von der expliziten Berufsklassifikation, also Hierarchisierung von Berufsgruppen, im Rahmen der International Standard Classification of Occupations (ISCO) der International Labour Organization (ILO) ergänzt.

Die gleichrangige Einordnung des Meister*innen- und des Bachelorabschlusses halten wir für richtig. Sie kann der gesellschaftlichen Anerkennung von beruflicher und akademischer Bildung als gleichwertig dienen und einen verbesserten Zugang von Menschen mit einem Meisterabschluss zum Studium vorbereiten.

Für die Juso-Hochschulgruppen reicht darüber hinaus aber eine Einordnung von Bildungsabschlüssen und Kompetenzen, die keine formale Anerkennung nach sich zieht, nicht aus. Stattdessen muss die Anerkennungspraxis in Bezug auf erworbene Kenntnisse deutlich verbessert werden und dadurch tatsächlich Zugang zum Bachelor- und Masterstudium ermöglichen. Dabei bedarf es eines umfassenden Angebots von kostenlosen Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufbaustudiengängen, mit dem bei Bedarf fehlende Qualifikationen erworben werden können. Außerdem muss die Anrechnung bereits vorhandener Kenntnisse bei Aufnahme eines Bachelorstudiums nach der Berufsausbildung und ebenso andersherum bei dem Einstieg in die berufliche Bildung nach dem Studium vorangebracht werden, auch wenn kein Abschluss im vorherigen Bildungsweg erworben wurde. Dazu gehört auch ein System zu schaffen, dass die Anerkennung sämtlicher internationaler Abschlüsse ermöglicht.

 

Durch das Bildungssystem zum selbstbestimmten Leben

Als weiteres Argument für eine dringend nötige Umsteuerung bei der Studienanfänger*innenquote gilt das Szenario des flächendeckenden Fachkräftemangels. Auch hier distanzieren wir uns von einfachen, aber unzutreffenden Analysen, die einem angeblichen Aussterben der dualen Ausbildung das Wort reden und diesem mit einer verordneten Senkung der Studierendenzahlen begegnen wollen.

Aktuell lässt sich kein flächendeckender Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften feststellen. Unbesetzte Stellen finden sich stattdessen in einzelnen akademischen und ebenso nichtakademischen Berufsfeldern, wie in der Pflege, den Ingenieurwissenschaften, der Heizungs- oder auch Elektrotechnik. Für uns zeigen diese unbesetzten Stellen deshalb einen anderen Handlungsbedarf auf, als Kritik an der Studierneigung: Die Attraktivität einzelner Berufsfelder und das fachliche Interesse an ihnen müssen signifikant gesteigert werden. Ein Beruf wird nicht attraktiver, wenn andere Optionen entfallen. Stattdessen müssen die Arbeitsbedingungen und die gesellschaftliche Anerkennung deutlich verbessert werden. Das größte Fachkräftepotential liegt in den jungen Menschen, die bisher keinen Schulabschluss erreicht haben und sich vielfach im Übergangssystem befinden.

Ausgehend vom Stichwort des Fachkräftemangels wird neben sinkenden Studierendenzahlen eine höhere Zuwanderung als beste Möglichkeit gegen unbesetzte Stellen und den demographischen Mangel diskutiert. Dahinter steckt eine falsche Prämisse. Zuwanderer*innen und Menschen, die ein Interesse daran zeigen, in die Bundesrepublik zu kommen, sind nicht unter dem Aspekt wirtschaftlicher Verwertbarkeit zu betrachten. Gerade deshalb ist jedwedes  Punktesystem, ganz gleich ob nach kanadischem Vorbild oder auseigener Kreation, das auf Basis von Sprachkenntnissen, Bildungsabschlüssen und anderen Kriterien dem Menschen eine Punktzahl zuweist, mit der er eine zahlenmäßige Einreisehürde überspringen muss, für uns nicht tragbar. Stattdessen braucht es neben der Hilfe für soziale, politische oder wirtschaftliche Geflüchtete und Schutzsuchende endlich das Angebot an alle Menschen, in die Bundesrepublik zu kommen, um sich hier zu entfalten und den eigenen Weg individuell zu gestalten. Mit der Forderung nach klaren Regeln, mit denen nur diejenigen, die wirtschaftliche Prosperität mit sich bringen würden, in das Land gelassen werden sollen, spielt auch die SPD mit ausländer*innenfeindlichen Ressentiments in der ganzen Gesellschaft. Wir stellen uns dagegen!

Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Facetten bedarf es grundlegender Veränderungen des Arbeitsmarktes und der gesellschaftlichen Sichtweise auf die auch für das Berufsleben qualifizierenden Bildungswege. Dabei verstehen wir Bildung grundsätzlich nicht nur als Befähigung zu einem Beruf, sondern als Befähigung, selbstbestimmt und kritisch Teil der Gesellschaft zu sein und sie mitzugestalten. Alle Menschen müssen diese Befähigung unabhängig von Herkunft, Geschlecht und chronischen Erkrankungen und/oder Beeinträchtigungen erlangen können. Deshalb muss unser Bildungssystem allen ein mündiges Leben in der Gesellschaft ermöglichen, sodass bereits in der frühkindlichen Bildung und der Schule die Grundsteine zu legen sind, wenn die Gleichwertigkeit der Bildungssysteme tatsächlich erreicht werden soll. Zu unserem Idealbild gehört somit unter anderem die Gemeinschaftsschule, denn Entscheidungen über den weiteren Bildungsweg dürfen nicht bereits im Kindesalter getroffen werden.

 

Stärkung der Beruflichen Bildung

Für uns ergeben sich daher mehrere Handlungsaufträge. Wir setzen uns gegen die Konsequenzen einer vereinfachten und falschen Analyse ein. Wir lehnen eine Akademisierung der Berufsausbildung, also die Verlagerung von dualen Ausbildungsgängen als Studiengänge an Hochschulen, sodass eine betriebsgebundene Ausbildung für diesen Beruf nicht mehr stattfindet, ab. Stattdessen setzen wir uns für eine gleichwertige Anerkennung beruflicher Bildung ein, die ebenso wie die akademische Bildung verbessert werden muss, um unserem Ideal einer Bildung, die den Menschen zum mündigen Mitglied der Gesellschaft befähigt, zu entsprechen.

Um die berufliche Bildung zu stärken haben die Bundesregierung und die Länder gemeinsam mit den Sozialpartner*innen die Allianz für Aus- und Weiterbildung geschlossen, in der sie gemeinsame Schritte vereinbart haben. Dazu zählen die Erhöhung der Ausbildungsplatzzahlen, ein Konzept für den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung, wobei die duale Ausbildung an Gymnasien stärker als Perspektive aufgezeigt werden soll, Qualitätsstandards für Schüler*innen-Betriebspraktika und das Vorhaben, ein neues Konzept für das Meister*innen-BAföG vorzulegen. Die Allianz-Vereinbarung läuft bis 2018. Wir begrüßen sie ausdrücklich. Jetzt müssen die beschlossenen Punkte umgesetzt und auf ihnen aufgebaut werden, denn sie allein reichen nicht aus.

Als erster Schritt muss allen Menschen die Möglichkeit zur beruflichen oder akademischen Bildung eröffnet werden. Dabei ist im Bereich beruflicher Bildung die duale Ausbildung, wegen der betrieblichen Integration des*der Auszubildenden und damit einhergehenden Eigenständigkeit, vorzuziehen. Die Berufsschule und der*die Arbeitgeber*in haben Förderung und Unterstützung zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss zu bereiten.

Die Stärke der dualen Ausbildung liegt in der von Anfang an gegebenen Einbindung der*des Auszubildenden in die betriebliche Tätigkeit, die zudem wechselseitig unterstützend mit dem Berufsschulunterricht ineinandergreift. Beides ist unerlässlich. Aber gerade deshalb wiegt es besonders schwer, wenn Berufsschulen und Betriebe in ihrem jeweiligen Bereich mangelnde Bildungsqualität aufweisen, die verbessert werden muss.

In Berufsschulen muss ein zahlenmäßig angemessenes Betreuungsverhältnis von Lehrenden und Lernenden geschaffen, Gebäude instand gehalten und Materialien wie Medien laufend modernisiert werden. Hier besteht flächendeckend Investitionsbedarf. Es braucht deshalb eben die Ausfinanzierung des gesamten Bildungssystems, damit es in all seinen Bereichen beste Bildungsqualität für alle gewährleistet.

Im Betrieb braucht es qualifizierte Ausbilder*innen, die den Auszubildenden eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten ermöglichen, wobei nicht der spezielle Arbeitsbedarf des Unternehmens, sondern eine breit angelegte Ausbildung im Vordergrund stehen muss. Damit beide ineinandergreifen und die sofortige Anwendung und Verstetigung von Erlerntem möglich ist, präferieren wir den Wechsel zwischen Zeiten im Betrieb und der Berufsschule, in Abgrenzung zum Blockunterricht. Dieser soll nur bei organisatorischer Notwendigkeit – beispielsweise aufgrund von betrieblichen Abläufen oder räumlichen Distanzen – durchgeführt werden. Außerdem muss es dem*der Auszubildenden möglich sein, die Ausbildungsdauer ohne Nachteile zu verlängern, um mehr Zeit für die Ausbildungsinhalte zu haben und die sich anschließende Prüfung erfolgreich abzuschließen.

Um insbesondere den Zugang zu einer dualen Ausbildung zu ermöglichen, unterstützen wir die Ausweitung der Assistierten Ausbildung. Diese flankieren die reguläre betriebliche Ausbildung junger Menschen mit Vorbereitungs- und parallelen Unterstützungsangeboten, um fehlende Voraussetzungen für die Ausbildungsdurchführung herzustellen. Dabei kommt es auf individuelle Betreuung an. Deshalb fordern wir einen funktionellen Betreuungsschlüssel und insgesamt den Ausbau des Programms, um alle junge Menschen aus dem Übergangssystem in die betriebsgebundene Ausbildung zu bringen.

Die alternativ angebotene, außerbetriebliche Ausbildung, aus der nach angeblichem Erreichen der Ausbildungseignung in eine betriebsgebundene Ausbildung gewechselt werden soll, lehnen wir ab. Nicht die jungen Menschen müssen ihre Ausbildungsfähigkeit steigern, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten, sondern den Unternehmen fehlt es oft an Ausbildungsfähigkeit. Mit außerbetrieblichen Angeboten, von eigentlich auf dem dualen System basierenden Ausbildungsberufen, werden junge Menschen im Übergangssystem festgehalten.

Jeder Mensch soll die Möglichkeit zu einer dualen Ausbildung haben. Deshalb fordern wir eine Ausbildungsgarantie, mit der jede*r Ausbildungsinteressierte ab dem Stichtag des 30.9. des jeweiligen Jahres einen Anspruch darauf hat, von der Bundesagentur für Arbeit in eine duale Ausbildung vermittelt zu werden. Das erfordert mindestens das Angebot dreier angemessener Ausbildungsplätze im gewünschten Berufsfeld und am gewünschten Ort.

Allerdings bilden derzeit nur knapp ein Fünftel der Unternehmen in der Bundesrepublik aus. Um die Zahl an nötigen Ausbildungsplätzen zu gewährleisten und die finanzielle Last zu verteilen, muss deshalb eine Ausbildungsplatzumlage eingeführt werden. Damit werden ausbildungsunwillige Unternehmen an den Kosten, die den ausbildungswilligen Unternehmen entstehen, beteiligt. Ein solches System muss tarifvertragsverträglich ausgestaltet beziehungsweise für tarifliche Regelungen geöffnet werden, sodass bestehende Vereinbarungen über Ausbildungskontingente der Sozialpartner*innen nicht beeinflusst werden.

Jungen Menschen, die über keinen Schulabschluss verfügen, muss es ermöglicht werden, diesen, wenn möglich parallel zu zunehmender betrieblicher Integration, nachzuholen. Das ist dann der erste Schritt auf dem weiteren Bildungsweg. Zukünftig wollen wir aber auch niemanden mehr ohne Abschluss und damit ohne grundlegende Kompetenzen im Bereich von Lesen, Schreiben und Rechnen aus der Schulpflicht entlassen. Erst dadurch wird ein wichtiger Teil des Fundaments gesellschaftlicher Teilhabe geschaffen.

Auch Menschen, die in die Bundesrepublik geflüchtet sind, müssen die gleichen Bildungswege offen stehen. Wir fordern deshalb einerseits die Abschaffung der Residenzpflicht, damit Geflüchtete ohne Hochschule in ihrem Bewegungsgebiet die Möglichkeit bekommen, zu studieren und andererseits die Aufhebung der Mindestaufenthaltsdauer vor dem BAföG-Bezug. Außerdem muss Geflüchteten die Möglichkeit einer beruflichen Ausbildung ohne Wartepflicht genehmigt werden. Ebenso muss die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse und Berufsqualifikationen erleichtert werden. Dass man nach einer Flucht nicht alle Zeugnisse und Leistungsnachweise bei sich haben kann, darf kein Grund sein, Menschen den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt vorzuenthalten. Hier müssen Lösungen gefunden werden, wie Qualifikationen anerkannt oder mindestens problemlos nachgeholt werden können.

Schüler*innen aller Schulformen müssen weitreichend über die verschiedenen Bildungswege informiert werden. Das ist Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit in Zusammenarbeit mit den Schulen und den Sozialpartner*innen. Studieninformationstage von Gymnasien müssen auch für alle anderen Schulformen eingeführt und um Ausbildungsinformationstage schulformunabhängig ergänzt werden. Diese Forderung bleibt notwendig, bis die von uns angestrebte Gemeinschaftsschule für alle umgesetzt ist. Zudem können Jugendberufsagenturen die unterschiedlichen Instrumente zur Förderung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit besonderem Förderbedarf zur beruflichen Integration in einer Hand entscheidend bündeln. Bisher sind die Maßnahmen durch die unterschiedlichen gesetzlichen Grundlagen verschiedenen Stellen zugewiesen, was die flächendeckende Einrichtung von Jugendberufsagenturen erforderlich macht.

Überhaupt sind Beratung und die Möglichkeit, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um zu jedem Zeitpunkt den eigenen Bildungsweg individuell zu justieren, unerlässlich. Sie müssen während der Schulzeit, der Ausbildung und dem Studium und außerhalb der Bildungsinstitutionen verfügbar sein. Dabei ist eine Einteilung in typische Männer- und Frauen*berufe falsch. Eine Beratung zum weiteren Ausbildungsweg muss geschlechtsunabhängig erfolgen, anstatt den derzeit bestehenden Unterschieden in der Ergreifung von Ausbildungsberufen und Studienfächern zu folgen.

Unsere Forderung nach kostenfreier Bildung endet nicht mit der Abschaffung der Studiengebühren und anderer, bestehender Bildungsgebühren. Auch berufliche Bildung muss immer kostenfrei sein und die Arbeit im Betrieb entlohnt werden. Dabei muss diese Ausbildungsvergütung für Auszubildende und dual Studierende existenzsichernd sein. Die Zielmarke sind dabei 50 Prozent des Ecklohns eines*r Facharbeiters**in der entsprechenden Branche. Damit findet unsere Vorstellung vom maximalen Arbeitsanteil im Betrieb Ausdruck, denn Auszubildende sind nicht für ihre Erwerbsarbeit im Betrieb, sondern für die Ausbildung dort beschäftigt. Diese zu erreichen, ist vor allem tarifliche Aufgabe der Sozialpartner*innen. Jedoch erfordern mangelnde Tarifbindung und fehlender Organisationsgrad in einzelnen Bereichen und Branchen derzeit eine gesetzliche Regelung durch eine Mindestausbildungsvergütung. Hierfür könnte entweder das Kriterium der „angemessene[n], […] jährlich steigenden Ausbildungsvergütung“ aus dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) näher zu spezifizieren sein, oder es ist eine branchen- und regionalunabhängige Mindestgrenze zu ziehen.

Jedoch genügt es in Mangelberufen nicht, mit einer existenzsichernden Ausbildungsvergütung die Attraktivität einzelner, derzeit vielfach gemiedener, Berufsausbildungen zu erhöhen. Hier bedarf es grundlegender Änderungen. Es fehlen gerade in den Berufen Bewerber*innen, die elementar für die Versorgung in Krankenhäusern, Erziehungs- und Pflegeeinrichtungen sind. Viele Menschen, die in diesem Bereich ihre Ausbildung gemacht haben, hören wegen der Arbeitsbedingungen und fehlender gesellschaftlicher und finanzieller Anerkennung auf. Damit unsere Gesellschaft funktionieren kann, braucht es eine höhere Anerkennung ihrer tragenden Säulen, die zu großen Teilen aus Ausbildungsberufe wie Krankenpfleger*innen, Erzieher*innen, Fachkräfte für Kreislauf- und Abfallwirtschaft und weiteren bestehen. Neben der Dringlichkeit, hier die Arbeitsbedingungen zu verbessern, ist es unabdingbar, dass sowohl die Menschen in diesen Berufen und ihre Ausbildungswege gesellschaftlich wertgeschätzt werden.

Menschen in der beruflichen Aufstiegsfortbildung müssen die Kosten der Maßnahme und ihren Lebensunterhalt mit dem Meister*innen-BAföG bestreiten können – ohne sich verschulden oder die Einstellung der Zahlungen fürchten zu müssen. Deshalb fordern wir Zahlung aller Leistungen als Vollzuschuss, sodass kein Darlehensvertrag mehr vereinbart werden muss, eine Abschaffung der Förderungshöchstdauer von derzeit vier Jahren und die Anpassung der Bedarfssätze an die Lebenshaltungskosten.

Die eigene Mobilität durch günstigen Nahverkehr ist gerade für junge Menschen in der Schule, der Ausbildung und dem Studium wichtig. Auch Auszubildende müssen Zugang zu deutlich vergünstigten Fahrkarten des ÖPNV erhalten. Auch müssen Auszubildende beim Bau von Wohnheimen berücksichtigt werden, denn der Kampf für günstige Mieten ist ein gemeinsamer!

Mobilität sollte aber nicht nur im Regionalen möglich sein, sondern auch für diejenigen gegeben sein, die an einer Ausbildung im Ausland interessiert sind oder zumindest einen Teil der Ausbildungszeit im Ausland verbringen wollen. Für große Unternehmen mit Standorten in verschiedenen Ländern gehört es vermehrt dazu, ihre Auszubildenden und Beschäftigten Erfahrungen an unterschiedlichen Orten sammeln zu lassen. Mit Kooperationen, wie in der Bundesrepublik bereits bei der Verbundausbildung gepflegt, könnte weiteren Auszubildenden ermöglicht werden, an internationalen Lernorten Ausbildungsteile zu absolvieren. Derzeit werden Auszubildende in der dualen Berufsausbildung durch das Erasmus+ Programm finanziell und mit Betreuungsangeboten unterstützt, einen Auslandsaufenthalt von bis zu zwölf Monaten zu machen. In diesen können vor allem berufliche Praktika, aber auch Ausbildungsabschnitte und Weiterbildungsmaßnahmen durchgeführt werden. Im Jahr 2015 erwartet die IHK, dass 17.000 Menschen diese Möglichkeit nutzen werden. Um am Programm teilnehmen zu können, ist für die Auszubildenden die Zustimmung ihres*r Arbeitgebers*in notwendig, sodass gerade in kleinen Betrieben diese Möglichkeit verwehrt bleiben kann. Wir fordern deshalb die Verankerung eines gesetzlichen Anspruchs auf die Teilnahme, auch wenn sich durch diese die Ausbildung verlängert. Zudem muss darauf hingewirkt werden, dass die Qualität der Ausbildungsinhalte auch in den betreuenden Betrieben im Ausland überprüft und sichergestellt wird.Als Studierendenverband gilt darüber hinaus unser besonderes Augenmerk auch der Hochschule in ihrer Rolle als Ausbilderin in der dualen Ausbildung. Wir wirken in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung darauf hin, dass sie die eingeforderte Ausbildungsqualität bietet und bei einem breiten Angebot von Ausbildungsberufen allen Auszubildenden eine Perspektive durch Übernahme anbietet. Der Hochschule kommt eine Vorbildrolle als Ausbilderin in der dualen Berufsausbildung zu, die denselben didaktischen und fachlichen Anforderungen genügen muss, die an die Lehre gestellt werden. Außerdem muss der Betrieb Hochschule, seinen Beschäftigten und eben Auszubildenden die Partizipation am eigenen Angebot ermöglichen. Wer an der Hochschule seine Ausbildung macht, muss Lehrveranstaltungen besuchen können und Zugang zu Betreuungs- und Beratungsangeboten erhalten.

Das Engagement von Jugendlichen in der betrieblichen Mitbestimmung, insbesondere als Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung, ist elementar für die Sicherung von Ausbildungsqualität und Arbeitsschutz. Sie sind erste Ansprechpartner*innen und wichtige Vertretung gegenüber der*dem Arbeitgeber*in und dem Betriebsrat. Keinesfalls darf ein solcher Einsatz zur Benachteiligung durch den*die Arbeitgeber*in führen. Zur Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung in JAVen, Betriebsräten und den Aufsichtsräten ist sie bereits in der Schule zu thematisieren.

Alle Verbesserungen der Ausbildungsqualität, die Herstellung von intensiver Betreuung und die Möglichkeit, die Ausbildungsdauer bei Bedarf zu verlängern, dienen auch in besonderem Maße der Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen. Derzeit lösen etwa 25 Prozent der Auszubildenden ihren Ausbildungsvertrag vor Ausbildungsende auf und dies nur teilweise, um eine andere duale Ausbildung zu beginnen.

Bei Menschen mit chronischer Erkrankung und/oder Beeinträchtigung liegt diese Abbruchquote signifikant höher. Das ist ein unhaltbarer Zustand, der sofortige Maßnahmen erfordert. Zudem befinden sich Menschen mit chronischer Erkrankung und/oder Beeinträchtigung deutlich seltener überhaupt in einer dualen Ausbildung. Nur 35 Prozent der ausbildenden Betriebe haben aktuell oder in den letzten fünf Jahren Jugendliche mit chronischer Erkrankung und/oder Beeinträchtigung ausgebildet. Die Lern- und Arbeitsbedingungen und Lern- und Arbeitsumgebungen müssen deshalb endlich inklusiv gestaltet werden, damit allen ihre Wunschausbildung ermöglicht werden kann. Dabei wären der Ausbau der vorbereitenden Maßnahmen im Rahmen der Assistierten Ausbildung, dezidiert für das gesamtgesellschaftliche Ziel der Inklusion, und die finanzielle Unterstützung aus der Ausbildungsumlage erste sinnvolle Schritte.

 

Für einen gerechten Arbeitsmarkt

Diese nötigen Veränderungen hin zum durchlässigen Bildungssystem, des Studiums insgesamt und vor allem der Rahmenbedingungen beruflicher Bildung sowie ihrer Details sind außerdem im Kontext des Arbeitsmarktes zu sehen, für den sie nicht nur, aber eben zum Teil vorbereiten. Wir fordern weitreichende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und des gesetzlichen Arbeitsschutzes. Die 35h-Woche muss für alle Arbeitnehmer*innen und Auszubildende eingeführt werden. Außerdem muss sich die Arbeitsrealität der Lebensrealität anpassen und nicht mehr umgekehrt die Anforderungen des Berufslebens das selbstbestimmte Leben verhindern. Es geht uns um den Menschen und seine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und nicht die auszuübende Tätigkeit.

Neben einer Anpassung der Wochenarbeitszeit bedarf es eines vollkommen anderen Lohn- und Gehaltgefüges. Für gleichwertige Arbeit muss grundsätzlich das gleiche Geld gezahlt werden. Das gilt in besonderem Maße, wenn bisher Unterschiede aufgrund des Geschlechts gemacht werden. Zudem muss die Unterscheidung bei unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen wie durch Werkverträge gegenüber Festangestellten oder bei Verbeamtung gegenüber Angestellten enden. Die Diskrepanz zwischen Löhnen und Gehältern in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe muss behoben werden. Wir brauchen die signifikante Besserstellung der Berufe im Dienstleistungssektor – vollkommen unabhängig vom ihnen zugeschriebenen wirtschaftlichen Wert. Unsere Arbeitswelt und damit die Gesellschaft dürfen in diesem Punkt nicht weiter auseinanderdriften. Das erfordert keine Senkung der Industrielöhne, sondern vielmehr verbesserte Bezahlung in anderen, schlechter gestellten beruflichen Bereichen.

Für prekäre Beschäftigung ist in einem dem selbstbestimmten Leben dienendem Arbeitsmarkt kein Raum. Deshalb müssen ihre Formen – neben schlechter Bezahlung – gänzlich abgeschafft werden. Das Normalarbeitsverhältnis, also das zeitlich unbefristete und sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis, muss wieder der absolute Regelfall sein.

Gleichzeitig muss Arbeitnehmer*innen in diesem die Möglichkeit gegeben werden, die eigene Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Um diese Vereinbarung des Arbeits- mit dem Privatleben zu ermöglichen, sind die betrieblichen Erfordernisse anzupassen. Zusätzlich zur Anpassung dieser betrieblichen Erfordernisse müssen sowohl tarifpolitische Instrumente eingeführt und politische Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass durch den Verzicht auf einen Teil der Arbeitszeit und des Arbeitseinkommen nicht die Gefahr besteht, in Armut leben zu müssen. Das trägt zur Selbstverwirklichung und -bestimmtheit jedes*r Einzelnen bei. Ebenso bedarf es deshalb weiterer Flexibilisierungsmöglichkeiten, die wiederum mit Mechanismen zur Verhinderung von Selbstausbeutung verknüpft werden. Das umfasst die Möglichkeit von Zuhause aus zu arbeiten, während aber auch das Home-Office keine Überschreitung der arbeitsschutzrechtlich zulässigen und/oder der vertraglichen Arbeitszeit ermöglichen darf.

Zeit und ihre selbstbestimmte Nutzung sind die entscheidenden Größen im Leben jedes Menschen. Es kommt nicht nur einer kürzeren Wochenarbeitszeit besondere Bedeutung zu, sondern der Lebensarbeitszeit, auf die die Rente oder Pension folgt. Wir stehen zur Rente mit 63. Um das Renteneintrittsalter gesund zu erreichen muss der Arbeitsprozess alters- und gesundheitsgerecht gestaltet werden. Gleichzeitig dient diese Maßnahme Arbeitnehmer*innen, die über das Renteneintrittsalter hinaus arbeiten wollen. Hierfür sind zudem die Möglichkeiten des flexiblen Übergangs durch eine 4-Tage-Woche, insgesamt flexiblerer Arbeitszeitmodelle, betriebliche Gesundheitsförderung, neue Aufgabenzuweisung im Betrieb und weitere Instrumente auszuschöpfen. Damit können Arbeitnehmer*innen auf eigenen Wunsch länger in ihren Betrieben beschäftigt werden. Gleichzeitig ist beim Anspruch auf die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren im Beruf anzuprangern, dass viele Frauen*, die 63 Jahren alt sind oder es in den kommenden Jahren werden, eine geringere Beschäftigungszeit als Männer und/oder die Grundsicherung lediglich unterschreitende Rentenansprüche aufweisen, sodass ihnen die Möglichkeit nocht offensteht. Diese bestehende strukturelle Benachteiligung, insbesondere durch die schlechtere Bezahlung in überwiegend von Frauen* ausgeübten Berufen, ist durch eine Weiterentwicklung der Rentengesetzgebung auszugleichen.

Es braucht zudem Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildungen, die im Sinne des Lebenslangen Lernen nicht nur dem ausgeübten Beruf, sondern der Weiterentwicklung auch persönlicher Kompetenzen zugutekommen. Hier bedarf es einer Erhöhung der Bildungszeit bzw. des Bildungsurlaubs in allen Bundesländern, der Möglichkeit ungenutzte Tage in das darauf folgende Ausbildungsjahr mitzunehmen und der Ausweitung auch auf Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeiter*innen. Alle Arbeitnehmer*innen müssen einen gesetzlichen Anspruch auf selbstgewählte Weiterbildung ohne Berufsbezug haben, für die sie von der Arbeit freizustellen sind.

 

Die BBiG-Novelle richtig nutzen

Die berufliche Ausbildung ist zu einem großen Teil im Berufsbildungsgesetz normiert, das die Rechtsgrundlage des Ausbildungsvertrags, Arbeitsschutzvorschriften und weitere Rahmenbedingungen trifft. Im Koalitionsvertrag ist eine Evaluation und mögliche Novellierung dieses Gesetzes vereinbart. Wir Juso-Hochschulgruppen sehen den Bedarf einer Weiterentwicklung nach der letzten Novellierung 2005 und haben eindeutige Anforderungen daran:

Der Geltungsbereich muss ausgeweitet werden. Gerade die im BBiG festgelegten Arbeitsschutzvorschriften, wie der Kündigungsschutz während der Ausbildung, das Recht auf einen Ausbildungsvertrag und die Pflichten der*des Auszubildenden und der*des Ausbilders, müssen in allen Ausbildungen zum Tragen kommen. Deshalb fordern wir die Erstreckung auf bisher unberücksichtigte Ausbildungsberufe, alle betrieblichen Phasen von schulischen Ausbildungsgängen und ebenso auf Praxisphasen im Dualen Studium.

Die Ausbildungsqualität muss gesichert werden. Dazu gehört für uns die Gewährleistung der Ausbildungsqualität aus den Händen der Kammern zu nehmen und in diese in die einer unabhängigen Institution zu geben. Nur damit kann eine unabhängige Überwachung der ausbildenden Betriebe ermöglicht werden. Dazu sind zudem eine gesicherte Struktur, die Rechenschaftspflicht und ein Anhörungsrecht gegenüber dem ausbildenden Unternehmen nötig, die den Berufsbildungsausschüssen der Kammer derzeit fehlen. Arbeitskammern, wie sie bereits im Saarland und in Bremen existieren, sollen in den restlichen Bundesländern eingeführt werden. Sie bilden das Gegengewicht zu den Industrie- und Handelskammern. Sie vertreten explizit die Interessen der Arbeitnehmer*innen und alle Arbeitnehmer*innen sind mit einer Zwangsmitgliedschaft in die Arbeitskammer eingebunden. Diese Institutionen können auch in der Ausbildung die Wahrung der Ausbildungsqualität besser aus Arbeitnehmer*innensicht gewährleisten und kontrollieren.

Das Berufsprinzip nach dem BBiG und der Handwerksordnung sichert bundeseinheitliche Ausbildungsberufe, mit denen eine Vielzahl an beruflichen Tätigkeiten wahrgenommen werden können. Allerdings bedarf es auch in der dualen Ausbildung größerer Freiheit der*des Auszubildenden ihre*seine Lerninhalte zusammenzustellen. Wir glauben nicht, dass eine größere Flexibilisierung berufliche Wege gefährdet, sondern hingegen selbstbestimmte Entfaltung ermöglicht.

Die Ausbildungsgarantie und Ausbildungsplatzumlage müssen bundesweit festgeschrieben und Lehr- und Lernmittel müssen immer kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Die Auszubildenden müssen die gesetzliche Sicherheit erhalten, dass ihre Zeit in der Berufsschule nicht im Betrieb nachgearbeitet werden muss, sondern vollständig als Teil der Wochenarbeitszeit Anrechnung findet. Zudem müssen sie die Möglichkeit erhalten – auch ohne Blockunterricht – sich in Phasen der Prüfungsvorbereitung für diese von der Arbeit freistellen zu lassen. Außerdem müssen Studienleistungen in der Ausbildung und Leistungen in der Ausbildung müssen im Studium in einem transparenten, bundesweit einheitlichen Anrechnungssystem anerkannt werden, das die Notwendigkeit unterbindet, bereits erworbene Lerninhalte zu wiederholen.

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