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Fachhochschulen – offen und anders, aber gleichgestellt

Die Universität war bis 1969 die einzige überdauernde Hochschulart. Doch seit über 40 Jahren etabliert sich eine zweite Hochschulart: die Fachhochschule. Das Ziel ihrer Gründung war die Etablierung von mehr Praxisorientierung in der Wissenschaft, sowie eine höhere Chance für Menschen mit einer beruflichen Qualifikation, sich wissenschaftlich weiter zu bilden. Die Fachhochschulen entstanden in einer Zeit der Bildungsreformen (Gesamtschulen und Gesamthochschulen) und Bildungsumbrüche (immer mehr AbiturientInnen etc.). Ihr Bildungsgedanke ist ein zutiefst sozialdemokratischer, denn FHs öffnen den Zugang zu Hochschulen und forschen praxisorientiert an den Problemlagen unserer Zeit. Deshalb können Fachhochschulen in unserem Bildungssystem ein Vorbild sein und müssen mit ihren individuellen Stärken wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Heute hat sich das System der Fachhochschulen neben der Universität etabliert. An insgesamt 203 FHs studieren 645.000 Menschen. Vor allem die Bereiche Sozialwesen, Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurs- und Technikwissenschaften werden an den FHs praxisnah vermittelt. Dabei sind die ProfessorInnen stärker in der Lehre tätig als ihre KollegInnen an den Universitäten, denn ihr Lehrdeputat ist höher angelegt als das von UniversitätsprofessorInnen. So geben sie meist 16 bis 18 Stunden Lehre in der Woche. Ein akademischer Mittelbau besteht kaum. Die Betreuungsrelationen von wissenschaftlichem Personal sind deshalb an Fachhochschulen mit 28,1 Studierende/n für eine/n wissenschaftlichen MitarbeiterIn sehr viel geringer als an Universitäten, wo auf ein/e wissenschaftliche MitarbeiterIn durchschnittlich 8,5 Studierende kommen. Bei ProfessorInnen sieht das schon anders aus, hier ist die Betreuungsrelation an FHs höher als an Universitäten. So betreut eine Professur an Fhs durchschnittlich 42 Studierende und an Universitäten 67 Studierende. Ein weiteres Charakteristikum der Hochschulen ist ihre heterogene Trägerschaft. Nur 102 Fachhochschulen sind staatlich, hingegen sind 99 privatwirtschaftlich oder religiös getragen. Da für uns Hochschulen staatliche Einrichtungen sind, ist in diesem Punkt noch viel Verbesserungsbedarf. Auch Fachhochschulen müssen staatliche Aufgabe bleiben, das sollte weiter fokussiert werden.

Die Fachhochschulen sind im Gegensatz zu den Universitäten ein sehr dynamisches System, dass immer durch seine starke Nähe zur Anwendung geprägt war. Trotz dieser Praxisnähe ist der Drittmittelumsatz mit 299 Mio. € in 2009 deutlich geringer als der der Universität zum gleichen Zeitpunkt mit 3,71 Mrd. €.

In den letzten Jahren hat sich viel an den Fachhochschulen getan. Sie gleichen sich verstärkt an die Universitäten an. So sind die Abschlüsse nun formal mit Universitätsabschlüssen gleich gestellt, was zu begrüßen ist. Die Forschung nimmt an einigen Fachhochschulen auch deutlich an Stellenwert zu. Erste Konzepte von Forschungsprofessuren an FHs sind im Gespräch, die wir klar ablehnen, denn wir stehen auch hier zur Einheit von Forschung und Lehre. Die Fachhochschulen emanzipieren sich in den letzten Jahren immer stärker und kämpfen um mehr Anerkennung. Dabei ist wichtig, dass sie ihre eigenen Stärken nicht aus den Augen verlieren.

 

Fachhochschulen sind Vorbild für Durchlässigkeit im Bildungssystem!

Die Fachhochschulen bieten eine praxisorientierte Alternative zu Universitäten an. Das begrüßen wir grundsätzlich. Wir Juso-Hochschulgruppen kämpfen dafür, dass alle Menschen, die studieren wollen, dies auch können. Dafür braucht es unterschiedliche Angebote von Studium. Es gibt Menschen die eher ein Studium mit hohen Theorieanteilen präferieren und es gibt Menschen, die eher ein wissenschaftliches Studium mit einem hohen Bezug und Praxis bevorzugen. Die Unterscheidung von Grundlagenforschung und Anwendungsforschung kann sinnvoll sein, darf aber nicht zu Barrieren im Denken führen. Wir stehen zu einer Differenzierung im Hochschulsystem, damit jedeR Studierende eine passende Form des Studiums findet.

Neben der Differenzierung sehen wir die Fachhochschule auch als eine Chance für beruflich Qualifizierte. Die Fachhochschulen sprechen mit ihrem Anwendungsbezogenen Profil deutlich mehr Menschen mit einem Berufsabschluss an. Zwei von drei beruflich Qualifizierten an Hochschulen studieren an Fachhochschulen. Der Zugang, der an den meisten Universitäten immer enger wird, ist an den Fachhochschulen weiter offen. So können auch Menschen ohne Abitur etwa mit einem Abschluss der Fachoberschule oder der Berufsoberschule an Fachhochschulen studieren. Die Öffnung der Hochschule für Menschen mit einer beruflichen Bildung und auf dem zweiten Bildungsweg erlangten Abschlüssen ist ein starker Vorteil der Fachhochschule. Vielen Menschen verhilft die Fachhochschule zu einem Studium, die an Universitäten keine Chance hätten. Doch darf das im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass Universitäten sich bei der Öffnung für beruflich Qualifizierte aus der Verantwortung ziehen dürfen. Vielmehr muss auch an Universitäten eine Kultur der offenen Arme geschaffen werden, die es auch Studierenden ohne akademischen Hintergrund oder ohne Abitur erlaubt, eine universitäre Laufbahn einzuschlagen.

Wir wollen ein starkes und offenes Hochschulsystem. Das garantiert vor allem die Fachhochschule. Doch für uns steht auch fest: Ein gutes berufliches Bildungssystem ist wichtig und dem wissenschaftlichen Bildungssystem gleichwertig. Ein Studium an Fachhochschulen und Universitäten ergänzt die duale Ausbildung, aber es ersetzt sie nicht.

 

Fachhochschulen sind keine Hochschulen zweiter Klasse

Gerade aufgrund der unterschiedlichen Aufgaben, die Universitäten und Fachhochschulen im Hochschulsystem einnehmen, muss die Stellung der Fachhochschulen wieder gestärkt werden. Eine künstliche Schwelle zwischen Fachhochschulen und Universitäten zu ziehen ist nicht nur wenig sinnvoll, sondern wirkt diskriminierend und stellt eine Barriere bei der Erreichung von Durchlässigkeit im Bildungssystem dar. Fachhochschulabschlüsse dürfen nicht zu Abschlüssen zweiter Klasse degradiert werden, sondern müssen Universitätsabschlüssen gleichgestellt gegenüber stehen. Das schließt mit ein, dass Studierende, die einen Bachelor an einer Fachhochschule gemacht haben, keine Nachteile bei der Bewerbung für einen Master an einer Universität haben dürfen. Ebenso begrüßen wir hochschultypen-übergreifende Studiengänge, Kooperationen zwischen Fachhochschulen und Universitäten, die ein Studium mit den Vorteilen beider Hochschultypen ermöglichen. Für diese Studiengänge gilt ebenfalls, dass sie gleichgestellt mit Universitätsabschlüssen werden müssen. Dabei darf sich aber keine Hochschule aus der Verantwortung nehmen, passende Masterstudiengänge für ihre Bachelorstudiengänge anzubieten.

Auch beim nächsten Übergang, dem Schritt zur Promotion, dürfen Fachhochschul-AbsolventInnen nicht benachteiligt werden. Ein Masterabschluss einer Fachhochschule qualifiziert ebenso zur Promotion wie ein Master einer Universität. Das darf auch nicht durch individuelle Zugangs- oder Zulassungsordnungen an den Universitäten ausgehöhlt werden, sondern muss als Grundsatz gelten. Die Durchlässigkeit für Studierende im Hochschulsystem muss dabei im Mittelpunkt stehen. Nichtsdestotrotz ist in unserem Verständnis eine Promotion eine wissenschaftliche Qualifikation. Für den Übergangszeitraum zu eigenen Promotionen braucht es Möglichkeiten der Promotion der AbsolventInnen von Fachhochschulen. Dazu müssen Möglichkeiten geschaffen werden, dass Universitäten und Fachhochschulen gemeinsam Graduiertenzentren einrichten, an denen AbsolventInnen von Fachhochschulen promovieren können.

In dieser Übergangsphase müssen die Fachhochschulen Grundsätze für eine anwendungsorientierte Promotion entwickeln und diskutieren.

Eine Gleichstellung eines Fachhochschulabschlusses mit einem Universitätsabschluss muss sich auch in der Eingruppierung im öffentlichen Dienst (TVöD) niederschlagen. Auch hier dürfen AbsolventInnen von Fachhochschulen keinen Nachteil erfahren und müssen auch in der Praxis Zugang zum gehobenen und höheren Dienst haben.

 

Juso-Hochschulgruppen an Fachhochschulen stärken

Unser Verband ist fast ausschließlich universitär geprägt. Aktive Hochschulgruppen an Fachhochschulen sind die Ausnahme. Doch gerade die Anzahl und die spezifischen Eigenschaften von Fachhochschulen in der sozialen Öffnung akademischer Bildung bieten ein enormes Potential auch für uns als Studierendenverband, das wird nicht ungenutzt lassen können und wollen. Insgesamt rund 210 Fachhochschulen gibt es in Deutschland – doppelt so viele wie Universitäten - an denen ganz sicher auch Studierende eingeschrieben sind, die politisch engagiert sind und sich unsere Idealen und Zielen verbunden fühlen. Das bietet viel Potential, unseren Verband breiter aufzustellen und weiterzuentwickeln. Denn als Studierendenverband der SPD muss es unser Anspruch sein, die Fachhochschulen mit ihrem Auftrag ernst zu nehmen und beruflich Qualifizierte, die deutlich häufiger an Fachhochschulen studieren, in unsere Arbeit einzubinden. So können wir erreichen, dass unsere Arbeit nicht nur AbiturientInnen repräsentiert, sondern auch beruflich Qualifizierte und Menschen mit alternativen Bildungsbiographien.

 

Eine Kultur der offenen Arme – auch bei den Juso-Hochschulgruppen!

 

Hochschulpolitische Arbeit, die Arbeit in Gremien der studentischen und akademischen Selbstverwaltung läuft an einigen Fachhochschulen anders als an Universitäten. Das hat  oft damit zu tun, dass Fachhochschulen weniger Studierende haben und zum anderen hängt es aber auch mit der Studienorganisation und der politischen Kultur zusammen. An Fachhochschulen findet Lehre eher in festen Stunden mit hoher Präsenszeit statt, während an Universitäten mehr freie Zeiteinteilung möglich ist. Laut 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ist die Zeit, die Studierende im Bachelor in Lehrveranstaltungen verbringen, an Fachhochschulen mit durchschnittlich 26 Stunden um 4 Stunden höher als an Universitäten, wo Studierende durchschnittlich 22 Stunden pro Woche in Lehrveranstaltungen verbringen. So bleibt auch die Zeit für hochschulpolitische Arbeit oft weniger flexibel. Zudem haben Fachhochschulstudierende durchschnittlich einen höheren Zeitaufwand für Erwerbstätigkeit neben dem Studium, was sich ebenfalls negativ auf politisches Engagement auswirkt.

Weitere Unterschiede zwischen hochschulpolitischer Arbeit an Fachhochschulen und Universitäten ist auch die Organisation in politische Listen und die Akzeptanz der Hochschulleitung. Aus Erfahrungen wissen wir, dass an Fachhochschulen weniger oft parteinahe Listen in Hochschulwahlen antreten, als Zusammenschlüsse aus Fachschaften, einheitliche Listen oder einzelne Personen. Es findet also häufig weniger politische Arbeit im klassischen Sinne von parteinahen Gruppierungen statt – was für uns Juso-Hochschulgruppen bedeutet, dass es auch für uns weniger Möglichkeiten zur Politisierung gibt. Des Weiteren ist oft die Werbung für parteinahe Listen oder politische Positionen an Fachhochschulen nicht erlaubt, was eine weitere Hürde für uns Juso-Hochschulgruppen darstellt, als das aufzutreten, was wir sind.

Nur wenn wir die Spezifika von hochschulpolitischer Arbeit an Fachhochschulen kennen und berücksichtigen, können wir langfristig daran arbeiten, unseren Verband auch an FHs besser aufzustellen.

Um die Bedürfnisse von Studierenden an Fachhochschulen aufzugreifen, wollen wir den Kontakt mit den Hochschulgruppen, die es bereits an FHs gibt, ausbauen und intensiv darüber diskutieren, welche Bedürfnisse und Wünsche sie haben. Darauf aufbauend wollen wir unser Wissen und unsere Erfahrungen als aktive Juso-Hochschulgruppen bündeln und an interessierte Studierende an Fachhochschulen weitergeben. Außerdem wollen wir Material wie Flyer oder Plakate erarbeiten, das Themen aufgreift, die Studierende an Fachhochschulen interessieren und umtreiben. Dieses Material kann auch Material ohne Juso-Hochschulgruppen-Logo sein, damit es auch an den Hochschulen verteilt werden kann, an denen parteinahen Gruppen kein Forum gegeben wird.

Wir müssen alle gemeinsam daran arbeiten, unseren Verband verstärkt für Fachhochschul-Studierende zu öffnen. Dazu gehört nicht nur ein Bewusstwerden über andere Strukturen und Arbeitsweisen, sondern auch eine Offenheit gegenüber anderen Arbeitsschwerpunkten und veränderter Debattenkultur.

 

Fachhochschulen haben viele Charakteristika, die im deutschen Bildungssystem eine VorreiterInnenrolle haben. Bei einer Debatte um die Stärkung von Fachhochschulen dürfen diese nicht aus den Augen verloren werden, sondern müssen weiter herausgestellt und vorangebracht werden. Insgesamt bieten Fachhochschulen auch für uns als Juso-Hochschulgruppen viel Potential, das wir nicht ungenutzt lassen wollen. Deshalb wollen wir Fachhochschulen auch in den nächsten Monaten stärker in unserer Arbeit berücksichtigen und mit einbeziehen.

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