Inhalt


„Mein Fett ist politisch“- Dickenfeindlichkeit als gesamtgesellschaftlich salonfähige Diskriminierungsform

Immer wieder setzen wir uns als jungsozialistische Hochschulgruppen mit vielfältigen Formen von Diskriminierung auseinander und versuchen, nicht nur unsere eigenen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Strukturen zu verändern. Als feministischer Richtungsverband beschäftigen wir uns mit der Akzeptanz unterschiedlicher Körper und beobachten den Missbrauch dieser als Kampfplatz kritisch. Es ist ein  Kampfplatz, bei dem es um die Freiheit geht, selbst über  jenen verfügen zu können. Besonders Frauen* und queere Personen müssen sich immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes Raum für den eigenen Körper erstreiten. Wer mehr davon einnimmt, als gesellschaftlich vorgesehen, muss mit Stigmatisierung und Ausgrenzung rechnen. Dabei sollte es keine Rolle spielen, ob gesundheitliche Risiken mit dicken_fetten Körpern in Zusammenhang zu bringen sind oder nicht. Jedem Menschen steht das Recht auf ein Leben fernab gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu.

 

Körperideale und Körperdisziplinierung im gesellschaftlichen Wandel

In christlich-abendländisch geprägten Gesellschaften wurde Nahrung schon früh als Mittel der Kontrolle genutzt. So war beispielsweise im Mittelalter asketisches Fasten eine beliebte Praktik zur Reinigung und Beherrschung des eigenen Körpers. Im 19. Jahrhundert wurde der Körper zum Symbol der Klassenidentität. Wohlgenährtsein und Kräftigkeit waren die Idealvorstellungen des bourgeoisen Körpers, während Adelige eher den zerbrechlichen, dünnen Körper in Abgrenzung dazu bevorzugten.

Mit den 1920er Jahren wandelte sich die Bedeutung des Begriffes Diät von der alltäglichen Ernährungsweise hin zur Reduktionsdiät. Mit diesem Bedeutungswandel ging das Aufkommen der „Diätindustrie“ einher. In den 1940er Jahren gewann das Feld der Anthropometrie an Beliebtheit, welches sich mit der wissenschaftlichen Setzung von Körpernormen beschäftigt. Es wurde der Versuch unternommen, einen Zusammenhang zwischen Körper- und Charaktermerkmalen herzustellen sowie die Grenzziehung zwischen Geschlechtern und Ethnien wissenschaftlich zu verifizieren. Es bildete sich eine zunehmende Unterscheidung zwischen Norm und Abweichung heraus, die ihren Ausdruck unter anderem auch in der Standardisierung der Körpermaße und damit beispielsweise in den Kleidergrößen fand.

In der nationalsozialistischen Weltanschauung galt das ästhetische Ideal des „arischen Kriegers“. Körperliche Ertüchtigung war zentraler Bestandteil des Projektes „neuer Mensch“, der von einfacher, nobler Natürlichkeit sein und eine wohlproportionierte Erscheinung haben sollte. Hand in Hand mit dieser Vorstellung ging die Konzeption des gesunden beziehungsweise des „arischen“ Körpers, im Gegensatz zum kranken, „nicht-arischen“, also unter anderem jüdischen und/oder schwarzen Körpers.

In den 1960er Jahren wurde das Idealbild des weiblichen Körpers dann zunehmend schlanker, trotz stetiger Gewichtszunahme innerhalb der Industriegesellschaften. Der Body Mass Index (BMI), der heute als Berechnungsmethode von sogenanntem „Über-, Unter-, und Normalgewicht“ dient, wurde durch Erwähnung in einem 1972 veröffentlichten Artikel von Angel Keys schnell bekannt. Trotz der Tatsache, dass Keys nahelegte, den BMI lediglich zum Vergleich zwischen Populationen und nicht zur Bestimmung von „Übergewicht“ zu nutzen, wurde er von Versicherungsunternehmen in den USA für genau diesen Zweck angewendet. In den 1990er Jahren wurde der Wert für „Übergewicht“ zudem herabgesetzt, womit über Nacht etwa 35 Millionen US-Amerikaner*innen als „übergewichtig“ galten. Neben diesem willkürlichen Vorgehen erstaunt nicht zuletzt die cis-sexistische Einteilung in Frauen- und Männerkörper, für die jeweils unterschiedliche Werte gelten. Gerechtfertigt wird dies über den angeblichen unterschiedlichen Gehalt an Muskelmasse der Frauen*- und Männer*körpern zu eigen sei. Doch alleine das Beispiel der weiblichen* Bodybuilderin macht deutlich, wie unsinnig diese Annahme tatsächlich ist.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde eine Relation von Essverhalten und Übergewicht in der Gesellschaft festgestellt. Da dies aber keine ausschließliche Ursache ist, ist eine allumfassende gesundheitliche Aufklärung über die Ursachen chronischer Krankheiten, die mit dem Körpergewicht zusammenhängen, notwendig.

All diese Beispiele verdeutlichen die kulturelle Formung von Körpern bzw. von Körpern als kulturelles Gebilde. Wie ideale Körper auszusehen hätten und wie mit diesen umzugehen sei, ist also keinesfalls eine feststehende Größe, sondern war schon immer Produkt gesellschaftlicher Interaktion. Veränderte sich in der Vergangenheit das gesellschaftliche Gefüge, so ging damit oft auch eine Veränderung der Körperbilder einher.

 

Analyse der gegenwärtigen Lage

Innerhalb einer zunehmend unsicheren Welt, in der vorher bestehende Bezugspunkte nach und nach verloren gehen, werden damit korrelierende Identitätsprobleme zunehmend auf den Körper übertragen. Der Körperkult schafft Sicherheit, zumal der Körper die letzte Instanz darstellt, auf den der*die Einzelne unmittelbaren Einfluss nehmen kann. Zudem ist die heutige Gesellschaft stark von visuellen Medien geprägt, womit die körperliche Erscheinung zunehmend an Wichtigkeit gewinnt. Durch sie werden gesellschaftliche Werte transportiert.

Gegenwärtig gelten dünne Körper als begehrenswert und zu erstrebende Norm, da mit ihnen Eigenschaften wie Disziplin, Fleiß, Fitness und Gesundheit assoziiert werden. Diese Eigenschaften sind gerade deshalb wichtig, da sie in engem Zusammenhang mit der Verwertbarkeit von Körpern innerhalb des Arbeitsmarktes stehen. Dicke_fette Körper hingegen werden mit Eigenschaften assoziiert, die auch anderen gesellschaftlichen Gruppen zugerechnet werden, die dem Leistungsideal der kapitalistischen Ordnung nicht entsprechen. Dicke_fette Menschen seien faul, unmotiviert, unsportlich, krank und darüber hinaus schmutzig. Hinzu kommt, dass dicke_fette Frauen* und Mädchen* einerseits entsexualisiert werden, also ohne eigene Sexualität wahrgenommen werden, andererseits dick_fett sein fetischisiert ist.

Während schlanke Körper als Norm gelten, womit diverse Privilegien verknüpft sind, werden dicke_fette Körper marginalisiert. Ein besonders prominentes Beispiel für Dicken-Diskriminierung ist die Nicht-Verbeamtung mehrerer Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen aufgrund ihres Gewichtes.

Lebensbedrohlich kann diese Form der Diskriminierung beispielsweise dann werden, wenn Mediziner*innen gesundheitliche Probleme direkt auf das Gewicht zurückführen und deshalb eigentlich notwendige Untersuchungen vernachlässigen. Besonders in der Medizin darf dies nicht passieren. Der Zweck der evidenzbasierte Medizin ist es Menschen zu ermöglichen, sich vom Leid zu befreien und nicht sie zu stigmatisieren und auf somatische Aspekte zu reduzieren. Mediziner*innen müssen dahingehend sensibilisiert werden. Daneben spielen die Stressbelastung durch das gesellschaftliche Stigma und etwaige Diäten um den eigenen Körper der Norm anzupassen, fast täglich eine Rolle im Leben von Betroffenen. Doch über dieses gesellschaftlich verschuldete Gesundheitsrisiko sprechen nur die wenigsten.

In medizinischen Diskursen der Gegenwart herrscht nach wie vor große Uneinigkeit darüber, welche Faktoren tatsächlich Körpervielfalt bedingen, ob Diäten überhaupt wirksam sind und inwieweit Gewicht und Gesundheit miteinander in Verbindung stehen. Wenig Beachtung kommt dabei den Auswirkungen des Stresses, verursacht durch gesellschaftliche Stigmatisierung und immer wieder scheiternden Diäten, zu, sowie Gewichtsakzeptanzkonzepte beziehungsweise deren positiven Effekten für die Gesundheit.

Nicht zu verschweigen ist dass eine ganze Industrie von dem Hass auf den eigenen dicken_fetten Körper profitiert und deshalb Interesse an der Aufrechterhaltung dieses Zustands hat. Kaufe man nur Pille X, oder Pülverchen Y, zähle nur etwas disziplinierter Punkte, rücke der Gewichtsverlust in greifbare Nähe. Auf etwas verzichten müsse man dabei natürlich nicht. Der versprochene Effekt dieser „Wundermittel“ bleibt jedoch zumeist aus. Hinzu kommt, dass in den Medien das Bild vermittelt wird, dass dünne Menschen die glücklicheren seien, während dicke_fette Personen und deren Gewicht zur Karikatur und Punchline werden.

Besonders auffällig in der Debatte über dicke_fette Körper ist, dass dick_fett sein als selbstverschuldeter Zustand diskutiert wird, während die gesellschaftlichen Dimensionen, wie der ungleich verteilte Zugang zu vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln, Sport, Gesundheitsversorgung etc., komplett ausgeblendet wird. Nicht alle Personen können sich gleichermaßen teure Sportausrüstung leisten, haben die Zeit täglich Mahlzeiten selbst zu kochen oder das Geld, um teure Zusatzleistungen der Krankenkassen in Anspruch zu nehmen.

 

Verknüpfung von Geschlecht und Gewicht

Studien legen nahe, dass Männer* dem eigenen Körper eine weitaus geringere Bedeutung für das eigene Selbstbild zumessen, als dies bei Frauen* der Fall wäre. Viel wichtiger für die männliche* Identitätskonstruktion ist der berufliche Erfolg. Männliche* Körper dürfen mehr Raum einnehmen, gelten als belastbarer und leistungsfähiger. Die größte Sorge im Bezug auf den eigenen Körper ist nicht etwa zu dick_fett zu sein, sondern zu wenige Muskeln aufweisen zu können. Körperpraxen wie beispielsweise das Rasieren der Beine oder das Diäthalten sind hingegen eng mit der gesellschaftlichen Konstruktionen von Weiblichkeit verknüpft. Weiblichkeit ist etwas, das durch bestimmte Verhaltensweisen erworben werden kann. Besonders Transfrauen* und Travestiekünstler*innen sind deshalb von Diskriminierung betroffen, da sie diese gesellschaftlichen Strukturen sichtbar machen.

Die perfekte Figur und die Frage danach, wie diese erreicht werden kann, ist zum vermittelten weiblichen* Lebensinhalt geworden. Das Ziel dabei ist es, möglichst wenig Raum innerhalb der Gesellschaft einzunehmen. Durch diese Praxis werden Werte wie beispielsweise Infantilität und Zurückhaltung, die mit Weiblichkeit* assoziiert werden, im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert. Dicke_fette Körper stehen im klaren Gegensatz zu dieser Norm – sie sind machtvoll, stark und nehmen Raum ein, der nicht für den weiblichen* Körper vorgesehen ist. Die bloße Existenz dicker_fetter Körper stellt diese Normvorstellung also in Frage und wird deshalb sanktioniert. Diese Sanktionierung dient also nicht zuletzt der Aufrechterhaltung bestehender Geschlechterverhältnisse.

Wir als Juso-Hochschulgruppen wollen es uns zur Aufgabe machen, uns intensiv mit Dickenfeindlichkeit auseinanderzusetzen. Wir wollen das Thema aber darüber hinaus in die SPD und die Gesellschaft tragen und so zunehmend für die Problematik sensibilisieren. Des Weiteren müssen wir immer wieder kritisch eigene Positionen mit Blick auf Dickenfeindlichkeit, gerade im Zusammenhang mit Themen wie Gesundheit, Sport und Ernährung, überprüfen.

Innerhalb der Juso-Hochschulgruppen insgesamt und vor Ort ist es uns wichtig, dass sich eine Kultur etabliert, in der dickenfeindliches Verhalten nicht tolerabel ist. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, auch innerhalb unserer Hochschulen dickenfeindliches Verhalten zu benennen und darüber aufzuklären.

 

Deshalb fordern wir bei den Juso-Hochschulgruppen und in der SPD:

  • eine Sensibilisierung für Dickenfeindlichkeit und dafür, wie diese zum Ausdruck kommen kann.
  • Diskriminierung dicker_fetter Menschen auch in den eigenen Reihen zu sanktionieren.
  • das Einbeziehen der Interessen dicker_fetter Menschen in zukünftige Programmatiken. Ziel muss hierbei eine gleichberechtigte und diskriminierungsfreie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sein.
  • körperliche Vielfalt auch durch die eigenen visuellen Medien (wie z.B Flyer, Plakate usw.) hinreichend zu repräsentieren.

 

Deshalb fordern wir an den Hochschulen:

  • kritische Forschung und Lehre zum Thema Diversity und der Berücksichtigung von Dickenfeindlichkeit.
  • Im Studium der Medizin sowie in der Ausbildung medizinischen Personals müssen Studienergebnisse thematisiert werden, welche die Diskriminierung dicker_fetter Menschen und die daraus resultierenden Gefahren aufzeigen, damit dicke_fette Menschen auch von beispielsweise Ärzt*innen respektvoll und medizinisch gleichwertig behandelt werden
  • Bei der universitären Ausbildung von Lehrer*innen sollen diese sich mit der Thematik auseinandersetzen müssen. Ziel muss es sein, innerhalb des Unterrichts keine bestimmten Idealbilder von Körperlichkeit zu vermitteln und Ungleichbehandlung (z.B. bei der Notenvergabe) aufgrund von Gewicht entgegenzuwirken.

 

Deshalb fordern wir innerhalb der Gesellschaft:

  • Öffentliche Orte allen Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen. Diese müssen auch den Belangen dicker_fetter Menschen gerecht werden. Hierauf ist im Rahmen von Barrierefreiheit zu achten.
  • Verbeamtungen nicht mit Bezugnahme auf das Gewicht einer Person, oder den damit angeblich einhergehenden Risiken zu verweigern
  • Kinder mit der Thematik vertraut zu machen. Deshalb soll Körpervielfalt aber auch Dickenfeindlichkeit bereits im Kindergarten (und auch in der Schule) auf altersgerechte Art und Weise behandelt werden.
  • die Darstellung der körperlichen Vielfalt und von dicken_fetten Personen in visuellen, auditiven und audiovisuellen Medien und in der Werbung. Dies gilt insbesondere für die öffentlich-rechtlichen Anstalten, in deren Bildungsauftrag die Sensibilisierung für Dickenfeindlichkeit mit aufgenommen werden muss.
  • die Aufnahme von „Körpergewicht“ in §7 Abs.1 Rundfunkstaatsvertrag (RStV) Nr. 2: „Werbung und Teleshopping dürfen nicht Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Rasse oder ethnischer Herkunft, Staatsangehörigkeit, Religion oder Glauben, Behinderung, Alter und sexueller Orientierung beinhalten oder fördern.“
  • ein Verbot der Verbreitung von dickenfeindlichen Medieninhalten.
  • eine Kampagne innerhalb der Bundesrepublik die Awareness für das Thema Dickenfeindlichkeit schafft.
  • die nicht-Diskriminierung von dicken_fetten Personen beim Abschluss von Versicherungen.
  • der freiwillige Zugang aller Versicherungnehmer*innen zu Seminaren die sich mit Gewichtsakzeptanz auseinandersetzen und bei denen ein positives Selbt- und Körperbild gestärkt werden soll
  • die Ablehnung jeglicher gewichtskategorisierender Instrumente und der daraus resultierenden Einteilung in „Unter-, Über- und Normalgewicht“ als Bewertungsgrundlage in Versicherungen.
  • Die Abschaffung des BMIs als Bewertungsmethode in der Individualmedizin.

Zurück