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Ärzt*innen entscheiden über Krankheiten, nicht die Hochschulen – „qualifizierte“ Atteste abschaffen!

An immer mehr Hochschulen werden mittlerweile sogenannte „qualifizierte“ Atteste verlangt, um am Prüfungstag von bereits angemeldeten Prüfungen zurücktreten zu können. Ärzt*innen sollen, die Symptome der Studierenden für die Prüfungsämter nachvollziehbar notieren. Ob der Rücktritt von einer Prüfung anerkannt wird oder nicht, entscheiden dann Sachbearbeiter*innen der Hochschulen. Generell halten wir Regelungen, bei denen (am gleichen Tag) ärztliche Atteste eingereicht werden müssen, für wenig sinnvoll. Selbstbestimmtes Studieren bedeutet auch selbst zu entscheiden, wann und ob man Prüfungen ablegen möchte. Dennoch blicken wir mit Sorge auf die Verschärfung der aktuellen Regeln.

Die Praxis, „qualifizierte“ Atteste zu verlangen, lehnen wir entschieden ab! Die ärztliche Schweigepflicht wird mit dieser Praxis außer Kraft gesetzt. Ein vertraulicher Austausch mit dem*der Mediziner*in ist nicht mehr möglich, wenn Gründe für die Krankschreibung angegeben werden müssen. Eine Entkernung der ärztlichen Schweigepflicht ist in jedem Fall abzulehnen. Zusätzlich stellen aufgrund dieser Unterminierung der Schweigepflicht einige Ärzt*innen grundsätzlich keine Atteste für Studierende mehr aus. Erkrankte Prüflinge haben somit noch schlechtere Chancen, an ein Attest zu kommen, als es ohnehin der Fall ist, denn häufig müssen sie, viele Studierende an einem Tag behandeln. Wer keine Behandlung braucht, weil er*sie Krankheiten hat, die ihn*sie zwar prüfungsunfähig machen, aber keiner Therapie bedürfen, hält den Ablauf in den Praxen für alle Beteiligten unnötigerweise auf. Im Zweifel entstehen so völlig sinnlos längere Wartezeiten für andere Patient*innen. Statt Kranke zu behandeln, werden Ärzt*innen zu Handlanger*innen der überbürokratisierten Hochschulen.

Ein weiteres Problem besteht im Datenschutz. Gerade Daten, die die Gesundheit betreffen, sind nicht nur nach persönlichem Empfinden sehr sensibel. Die Hochschulen haben absolut kein Recht zu erfahren, welche Krankheiten der*die Einzelne hat. Eine solche Kenntnis könnte an anderer Stelle, wie bei der Einstellung an der Hochschule, negative Folgen haben und ist unzulässig. Bei der großen Menge an Attesten fällt es schwer daran zu glauben, dass ein effektiver Schutz persönlicher Daten stattfinden kann. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass selbst Krankenkassen nur codierte Auskünfte über Krankheitsbilder erhalten, um den Datenschutz zu sichern. Weiter könnten Studierende, denen ihre Symptome unangenehm sind, davon abgehalten werden, ein Attest einzureichen, obwohl sie krank und damit nicht fähig sind, ihre Prüfungen anzutreten. Zusammenfassend bleibt zu sagen: Medizinische Daten gehören nicht in die Hand von Prüfungsämtern!

Die Idee, Sachbearbeiter*innen könnten besser entscheiden, ob eine Person prüfungsfähig ist oder nicht, ist in sich absurd. Wenn Mitarbeiter*innen der Prüfungsämter anhand von Symptomen, die die Studierenden den Ärzt*innen nennen, entscheiden könnten, ob Studierende krank sind oder nicht, wozu bräuchte es dann überhaupt Ärzt*innen? Entsprechend stellen solche Regelungen die Kompetenz von Ärzt*innen extrem in Frage und legen die Entscheidung über medizinische Fakten in die Hände von Verwaltungsmitarbeiter*innen. Letzteren wird eine Verantwortung aufgebürdet, die sie nicht tragen sollten.

Die Hochschulen würden gut daran tun, solche Regelungen zu unterlassen. Sie bedeuten eine weitere Bürokratisierung und benachteiligen Studierende, die anfälliger für Krankheiten sind. Außerdem unterlaufen sie die ärztliche Schweigepflicht und den Datenschutz.

Wir fordern daher, Regelungen zu sogenannten „qualifizierten“ Attesten mit sofortiger Wirkung abzuschaffen. Langfristig fordern wir die komplette Abschaffung einer Attestregelung. Selbst Ärzt*innen bezweifeln immer wieder, dass Atteste für solch einen kurzen Zeitraum wie einer Klausur überhaupt fundiert ausgestellt werden können. Außerdem sollen alle Studierenden jederzeit die Möglichkeit haben, selbstbestimmt zu entscheiden, ob sie eine Prüfung ablegen oder nicht. Jede Art von Attestregelung ist hier hinderlich. Des Weiteren fordern wir, dass der Rücktritt von einer schriftlichen Prüfung jederzeit vor Beginn der Prüfung ohne Angabe von Gründen möglich sein soll.

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