Inhalt


Berufungsverfahren für eine kritische, diverse und bessere Wissenschaft und Lehre!

Berufungsverfahren und Berufungsentscheidungen prägen die Wissenschaft und Lehre einer Hochschule entscheidend – oft für Jahrzehnte. In Berufungsverfahren entscheidet sich mit, welche Felder und Themen in Zukunft erforscht werden und in welche Richtung sich Institute und ganze Fachbereiche entwickeln. Ebenso wird durch Berufungen bestimmt, welche Forschungsansätze und Theorieschulen an der Hochschule vertreten sind, sowie in welchem Ausmaß kritische Wissenschaft und Lehre abseits des Mainstreams Raum finden. Zugleich bestimmen die didaktischen Kenntnisse und Fähigkeiten der Berufenen die Qualität der Hochschulausbildung, einschließlich der Inklusivität der Lehre. Auch die Personalpolitik der Lehrstühle sowie die Zusammensetzung der akademischen Gremien werden durch Berufungsverfahren mittel- und langfristig entscheidend beeinflusst.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass Berufungsverfahren mit größtmöglicher Transparenz und demokratischer Beteiligung durchgeführt werden, um so zu den für die Wissenschaft, aber auch die Lehre besten Ergebnissen führen zu können. Aktuell ist dies jedoch in der Regel nicht der Fall.

 

Berufungsverfahren heute

Derzeit sind die Verfahren und Entscheidungen für Bewerber*innen wie für die Hochschulöffentlichkeit durch Intransparenz geprägt. Weder die Kriterien zur Vergabe sind bekannt, noch dringen der geplante Ablauf, Diskussionsstände oder Zeitpläne nach außen. Bewerber*innen erfahren zum Teil erst durch die Berufung eines*einer Mitbewerbers*in, dass die Kommission sich gegen sie entschieden hat.

Die demokratische Mitbestimmung, zum Beispiel von Studierenden, welche schließlich direkt und maßgeblich von den Ergebnissen von Berufungsverfahren betroffen sind, ist nur ansatzweise vorhanden. Denn wie in anderen Hochschulgremien innerhalb der akademischen Selbstverwaltung gilt: Die Professor*innen stellen stets die Mehrheit. Von Studierenden geäußerte Bedenken oder Anmerkungen werden mal mehr, mal weniger ernst genommen.

Ausschlaggebend für die Entscheidung ist trotz der viel beschworenen Einheit von Forschung und Lehre vor allem die Forschung. Dabei steht zum Teil noch nicht einmal die Qualität bisheriger wissenschaftlicher Arbeit im Mittelpunkt, sondern lediglich die Menge veröffentlichter Artikel, die Zahl der Zitationen und die Fähigkeit, möglichst viele Drittmittel einzuwerben. Durch diese Bewertungsmaßstäbe bei der Berufung von Professor*innen werden wissenschaftliche Perspektiven abseits des Mainstreams systematisch benachteiligt. Darüber hinaus führt diese Praxis auch zu einer Benachteiligung von Familienzeitnehmer*innen. Die Fähigkeit und Motivation, gute Lehre zu geben, sind bei der Entscheidung zumeist sekundär. Darüber hinaus werden andere, für den Beruf ebenso wichtige Kriterien, wie die Fähigkeit der Leitung von Personal oder die Bereitschaft, Verantwortung für die jeweilige Institution zu übernehmen, in den Verfahren zu wenig berücksichtigt.

Durch den bestehenden hohen Männeranteil in der Wissenschaft, vor allem im Bereich der Leitungspositionen und unter den Professor*innen, wird eine Reproduktion auffallend ungleicher Geschlechterverhältnisse bei der Besetzung von Stellen begünstigt. Frauen* haben zumeist keinen Zugang zu den von Männern dominierten informellen Netzwerken, die auch bei Berufungen noch immer eine allzu große Rolle spielen. Extreme Ausprägung dessen sind praktizierte ad personam-Ausschreibungen, bei denen im Vorfeld feststeht, wer eine Stelle letztlich erhalten soll. Die Anforderungen werden dementsprechend auf diese Person zugeschnitten. Zudem stellen Wissenschaftlerinnen* immer noch eine Abweichung von der sogenannten Norm dar. Ihnen wird, möglicherweise unbewusst, weniger Leistungsfähigkeit zugetraut. Die Anerkennung als Wissenschaftlerin* muss im patriarchisch dominierten Wissenschaftssystem immer wieder neu erkämpft werden. Diese und ähnliche strukturelle Hindernisse auf dem Weg zu Professur und wissenschaftlicher Karriere führen zum Rückzug vieler Frauen* aus der Wissenschaft sowie zu Benachteiligungen bei Berufungen. Das trotz der Tatsache, dass Frauen* von ihrem Anteil an den Bewerbungen ausgehend, statistisch bessere Chancen als Männer haben müssten, berufen zu werden. Im Ergebnis liegt der Frauen*anteil unter den Professor*innen bundesweit noch immer nur bei rund 20 Prozent - und somit auch deutlich unter beispielsweise dem Anteil von Frauen* an Habilitationen.

 

Bessere Berufungsverfahren für bessere Hochschulen!

Bessere Berufungsverfahren sorgen im besten Fall nicht nur für gerechtere Entscheidungsabläufe an Hochschulen, sondern verändern mittel- und langfristig auch die Hochschulen und die Wissenschaft  selbst zum Besseren.

Deshalb müssen auf Bundes-, und vor allem Landes- und Hochschulebene die Weichen für eben diese Verbesserung gestellt werden. Auf Bundesebene, nämlich in der Konferenz der Kultusminister*innen (KMK), muss eine Einigung zum standardmäßigen Ablauf von Berufungsverfahren gefunden werden, auf die sich sowohl Hochschulen als auch Bewerber*innen stützen und berufen können. Auf Länderebene bedeutet dies sowohl Anpassungen in den Landeshochschulgesetzen, als auch Steuerung bei der Mittelvergabe, zum Beispiel durch das Schaffen von Anreizen und einer Nachweispflicht der Hochschulen bezüglich ihrer Bemühungen und ihrer Ergebnisse.

 

Unsere Forderungen für ein neues Berufungsverfahren

Wir wollen Berufungsverfahren, in denen endlich guter Lehre und kritischer Wissenschaft eine angemessene Bedeutung eingeräumt wird, die Diversität gefördert statt verhindert wird und die sich durch einen demokratischen und transparenten Aufbau auszeichnen. Wir fordern daher:

 

Mehr Gewicht für die Lehre!

  • Wir halten an der Einheit von Forschung und Lehre fest – reine Lehrprofessuren sind keine Lösung. Vielmehr muss Lehre ein wesentliches Kriterium in jedem Berufungsverfahren darstellen.
  • Lehrerfahrung und didaktische Kenntnisse müssen maßgebliche Kriterien im Berufungsverfahren sein. Dafür sollen insbesondere Evaluationen vergangener Veranstaltungen berücksichtigt werden. Auch in Anspruch genommenen Fortbildungen im Bereich der Didaktik muss besonderes Gewicht beigemessen werden.
  • Bei der Bewerbung muss ein Lehrkonzept eingereicht werden. Zur Überprüfung der Eignung in der Lehre muss sodann eine Probeveranstaltungen vor Studierenden abgehalten werden. Diese gilt es öffentlich zu bewerben und durchzuführen. Nach der Veranstaltung muss die Berufungskommission auf Wunsch der Hochschulangehörigen diese zu ihrer Einschätzung beziehungsweise Beurteilung der Kandidat*innen anhören.
  • Vereinbarungen zur kontinuierlichen Weiterbildung sollen mit den Berufenen bei der Einstellung vereinbart werden.
  • Die Fähigkeit, Drittmittel einzuwerben, darf bei Berufungen kein Kriterium sein. Außerdem dürfen keine Einwerbungen von Drittmitteln als Grundlage eines Arbeitsvertrages festgeschrieben werden.

 

Mehr kritische Wissenschaft!

  • Auch Forschungsansätze und Themenfelder abseits des Mainstreams müssen zukünftig deutlich mehr Berücksichtigung finden als bisher. Aus diesem Grund fordern wir die Abschaffung von diskriminierenden Bewertungsmaßstäben wie beispielsweise Zitationsrankings.
  • Trans- und Interdisziplinarität müssen als Bewertungskriterien Eingang in den Berufungsprozess finden.
  • Die Strukturplanungen des Fachbereichs und somit auch die Berufungen sollen in Forschung wie Lehre ein breites Spektrum abdecken. Bei der Neubesetzung von Lehrstühlen soll darauf geachtet werden, dass die fachlichen Kriterien der Fakultäten so weit wie möglich gesteckt werden.

 

Mehr Demokratie!

  • Solange Hochschulen und die akademische Selbstverwaltung nach Statusgruppen organisiert sind, sind Berufungskommissionen paritätisch zu besetzen. Die verschiedenen Statusgruppen müssen quotierte Delegationen entsenden.
  • Die Möglichkeit, in einer Berufungskommission aktiv zu sein, soll unter allen Hochschulangehörigen breit beworben werden. Berufungskommissionsmitglieder müssen rechtlich und inhaltlich auf ihre Aufgabe vorbereitet werden.
  • Mitglieder von Berufungskommissionen dürfen pro Jahr maximal an einem Berufungsverfahren beteiligt sein, um eine lediglich eigene Ziele – oder Ziele einer Gruppe von Personen – verfolgende Einflussnahme auf die Zusammensetzung der Professor*innenschaft präventiv auszuschließen. Fehlt es an der Fakultät an möglichen Mitgliedern für eine Berufungskommission, sind Mitglieder aus anderen Hochschulen als externe Mitglieder der Berufungskommission zu berufen.
  • Die Studierenden sollen im Rahmen einer Veranstaltung der jeweiligen Fachschaft die Möglichkeit haben, Berufungskandidat*innen zu befragen und mit ihnen in Dialog zu treten. Nach dieser Veranstaltung muss die Berufungskommission die Studierenden anhören, wenn diese es wünschen.
  • Haben die studentischen Mitglieder der Kommission begründete Zweifel an der Lehrbefähigung eines*einer Bewerber*in, steht ihnen ein Veto-Recht zu.

 

Mehr Transparenz!

  • Es soll unter den Kultusminister*innen eine rechtssichere Einigung zu einem bundesweit standardisierten Verfahren geben, das unter anderem den Ablauf und den Zeitrahmen von Berufungen regelt und so allen Beteiligten ein gewisses Maß an Orientierung bietet.
  • Berufungen innerhalb der eigenen Fakultät lehnen wir ausdrücklich nicht ab, solange alle Anforderungen an die Transparenz des Verfahrens erfüllt werden. Entscheidend für eine Berufung ist lediglich die Eignung der sich bewerbenden Person und nicht ihre Promotions- und/oder Habilitationsfakultät.
  • Die Vergabekriterien für eine Professur werden in der Berufungskommission gemeinsam erarbeitet und sodann öffentlich gemacht.
  • Etwaige Beziehungen oder Verbindungen von Mitgliedern der Berufungskommission und Bewerber*innen jedweder Art müssen von den Mitgliedern bzw. den Bewerber*innen der Kommission angezeigt und öffentlich gemacht werden. Unterlässt eine*r der Beteiligten die Anzeige, ist diese Person aus der Berufungskommission zu entfernen und die frei gewordene Position neu zu besetzen. Das Mitglied, das die Anzeige unterlassen hat, ist für das kommende Jahr von der Teilnahme an Berufungsverfahren ausgeschlossen. Der*die Bewerber*in ist vom Berufungsverfahren auszuschließen.
  • Die Verfahren müssen so öffentlich dokumentiert werden, dass die Entscheidungen der Berufungskommission nachvollziehbar sind. Dabei müssen jedoch persönliche Daten der Bewerber*innen geschützt und daher nur in einem so geringen Maße wie unbedingt notwendig veröffentlicht werden.
  • Strukturplanungen sollten partizipativ, öffentlich und ausgewogen ablaufen.

 

Mehr Diversität!

  • Gender- und Diversitykompetenz und Kenntnisse in inklusiver Lehrgestaltung müssen Kriterien für eine Berufung sein.
  • Das Ziel ist eine Frauen*quote unter den Berufungen von mindestens 50 Prozent.
  • Die Frauen*beauftragte hat ein Vetorecht, wenn sie Gleichstellungsgrundsätze als von einer Berufungskommission verletzt ansieht.
  • Nicht nur die Quantität von wissenschaftlichen Veröffentlichungen soll in die Beurteilung mit eingehen, sondern auch deren Qualität.
  • Familienzeiten dürfen Bewerber*innen nicht benachteiligen.
  • Sollten Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens und der Entscheidung der Berufungskommission bestehen, muss sowohl Einsicht in Unterlagen gewährt werden, als auch der Klageweg offenstehen – ohne, dass die wissenschaftliche Karriere der Kläger*innen gefährdet wird. Bei Verdacht auf Diskriminierung müssen sich die jeweiligen Rechtsaufsichten der einzelnen Gremien einschalten.

Zurück