Inhalt


Schluss mit Chaos und Passivität: Das Master-Desaster jetzt verhindern!

Die Bologna-Erklärung aus dem Jahr 1999 stieß einen der größten Umbrüche des Hochschulsystems der letzten Jahrzehnte an. Von den ursprünglich 29 unterzeichnenden Staaten wurde die Einführung eines zweigestuften Studiensystems beschlossen. Vorgegeben war, dass der erste Studienzyklus (undergraduate) mindestens drei Jahre dauern und eine für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikation attestieren sollte. Der zweite Zyklus (graduate) sollte den Abschluss des ersten Zyklus als Zugangsvoraussetzung haben und mit dem Master oder der Promotion abschließen.

 

Die Bologna-Reform deutscher Lesart: Humankapital als Bildungsideal

Diese Vorgaben erlaubten einen weiten Interpretationsspielraum, welcher in der Bundesrepublik schamlos ausgenutzt wurde, um eine umfangreiche Studienreform neoliberaler Prägung durchzuboxen. Unter dem Deckmäntelchen der „Bologna-Reform“ wurden Forderungen nach radikalen Studienzeitverkürzungen, eine größere „Anwendungsorientierung“ der Lehre sowie ein stärkerer Wettbewerb unter den Hochschulen hoffähig. Der Wissenschaftsrat prangerte das angeblich zu hohe Alter der Studierenden bei Studienabschluss an und setzte sich mit seiner Forderung nach einer maximalen Studienzeit von fünf Jahren, mit maximal vierjährigem Bachelor und ein- bis zweijährigem Master, durch. Diese „Regelstudienzeit“ sollte um jeden Preis eingehalten werden, weshalb von Fächerkombinationen abgerückt wurde und das Studium eine autoritärere und reglementiertere Struktur bekam. Darüber hinaus legte man fest, dass eine höhere Qualifizierung als der Bachelor nicht „die Regel“ sein sollte. Konkret bedeutete dies, dass für den Großteil der Bachelor-Absolvent*innen kein Masterplatz zur Verfügung stehen sollte.

Politisches Ziel war es, junge Menschen früher in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Als Argumente wurden dabei der drohende Fachkräftemangel sowie das im internationalen Durchschnitt erhöhte Absolvent*innenalter genannt. Dieses Beispiel zeigt deutlich: Das zugrundeliegende Bildungsideal hatte ganz offensichtlich nicht das Ziel, den Menschen Raum und die Fähigkeit zur Selbstentfaltung zu geben und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen. Das maßgebende „Bildungsideal“ zielte darauf ab, den Markt möglichst schnell mit Humankapital versorgen zu können. Die Interessen der Wirtschaft, beziehungsweise des Marktes, spielten konsequenterweise bei den getroffenen Entscheidungen eine deutlich größere Rolle, als die Bedürfnisse, Wünsche, Interessen und Zukunftsvorstellungen der jungen Menschen.

 

Der politisch gewollte „Flaschenhals“ zum Master

Diese Ignoranz findet sich auch bei der Durchführung der Reformen wieder. In der zweigestuften Studienstruktur wurde der Übergang zum Master durch eine Verknappung der Plätze als politisch gewollter „Flaschenhals“ angelegt. Bildung aber ist der zentrale Schlüssel für eine selbstbestimmte, emanzipierte Lebensführung, für Aufstiegschancen und soziale Sicherheit. Bildung ist ein Menschenrecht. Damit sollte klar sein, dass jeder Mensch, der sich bilden möchte, auch die Möglichkeit dazu haben muss. Die Erschwerung des Zugangs zu – und der somit bereits strukturell angelegte Ausschluss von Menschen von – Bildung ist verantwortungslos und für uns nicht hinnehmbar. Eine Kernforderung der Arbeiter*innenbewegung war stets jene nach einem Recht auf Bildung für alle, woran auch wir weiterhin festhalten.

Die Konsequenzen der Verknappung von Masterplätzen sind vor allem für die Studierenden weitreichend. Bereits während des Bachelor-Studiums beginnt ein Konkurrenzkampf um gute Noten, bei dem es darum geht, sich eine möglichst hohe Chance auf einen der wenigen Masterplätze zu sichern. Dies verursacht von Anfang an Leistungsdruck im Studium und damit zugleich eine hohe psychische Belastung. Für ein möglichst zielstrebiges Studium werden Interdisziplinarität, freies Lernen abseits von Noten und ehrenamtliches Engagement in der eigenen Studienplanung oft als Hindernisse wahrgenommen und von den Studierenden selbst „wegrationalisiert“. Die Kosten-Nutzen-Rechnung des Marktes überträgt sich somit auf die*den Einzelne*n.

Den erreichten Bachelorabschluss allein empfinden viele Studierende dann aber nicht als befriedigend. Drei Jahre Studium sind schlicht noch nicht ausreichend, um ein umfassendes Verständnis des eigenen Fachgebietes zu entwickeln, die eigenen Fähigkeiten im selbstständigen Studium entfalten zu können, wissenschaftlich zu Arbeiten oder das Gefühl zu haben, für den Übergang zur Erwerbsarbeit ausreichend qualifiziert zu sein. Auch auf dem Arbeitsmarkt wird der Bachelorabschluss erst nach und nach anerkannt. Die Aufstiegschancen bleiben derweil mindestens ungewiss und sind in vielen Fachrichtungen bereits von vornherein marginal.

Die eingeschränkten Möglichkeiten, über den Bachelorabschluss hinaus zu studieren und somit die eigene Zukunft planen zu können, erzeugen bei den Studierenden Unsicherheiten und Zweifel. Solche Unwägbarkeiten wirken auf tendenziell eher risikoavers agierende Menschen, zu denen statistisch häufiger weiblich sozialisierte Personen und Menschen ohne akademischen Hintergrund zählen, abschreckend. Insbesondere diese Personen gilt es jedoch im Bildungssystem besonders zu stärken!

Die Verknappung der Masterplätze zieht ebenso gesellschaftliche Konsequenzen mit sich. Bildungszugänge zu begrenzen bedeutet immer, dass nur eine gewisse Gruppe das „Privileg“ des entsprechenden Bildungsabschlusses erreichen kann. Dieser Abschluss dient als Differenzierungsmerkmal und gewährt somit der künstlichen Abgrenzung einer daraus erwachsenden „Elite“ Vorschub. Das Ideal der Bildungsgerechtigkeit steht hierzu im kompletten Gegensatz. Das Vorhaben, den dreijährigen Bachelor als Regelabschluss zu etablieren, ist gescheitert.

 

Eine echte Öffnung des Zugangs sieht anders aus

Nach massiven Protesten der Studierenden lenkte im Jahr 2009 die damalige Bundesregierung ein und sprach sich gegen politisch vorgegebene Übergangsquoten zum Master aus. Die faktische Realität sieht jedoch weiterhin anders aus. Die meisten Hochschulen bieten zwar eine Vielzahl sehr spezialisierter und ausdifferenzierter Masterstudiengänge an, doch geht mit diesen nur ein nummerisch eng beschränktes Masterplatzangebot einher. Die Gesamtzahl der Bachelorabsolvent*innen liegt weitaus höher. Grund hierfür ist allen voran die fehlende finanzielle Unterstützung seitens der Länder, welche lieber weitere NC-Beschränkungen genehmigen, als Geld für zusätzliche Studienplätze auszugeben. Die chronisch unterfinanzierten Hochschulen sind so gezwungen, den Mangel zu verwalten. Doch auch sie tragen ihren Anteil zum bestehenden Mangel bei. Mittelaufwüchse werden ungerecht aufgeteilt und das wenige vorhandene Geld zumeist in Forschung investiert. Gute Lehre und zusätzliche Studienplätze sind häufig auch innerhalb der Hochschulen nicht prioritär.

Über hohe NC-Beschränkungen und zusätzliche Zugangsvoraussetzungen wird der Zugang zu beliebten Masterstudiengängen folglich zusätzlich erschwert und die Plätze sozial selektiv vergeben. So sind Auswahlgespräche, Gutachten von Professor*innen, Studierfähigkeitstests und teure Sprachnachweise nur einige Beispiele für die willkürlich gewählten Zusatzauflagen. Eine wachsende Zahl von Instituten neigt darüber hinaus zu protektionistischem Verhalten: Durch das Abverlangen spezifischer ECTS-Konstellationen und Modulvoraussetzungen werden die „eigenen“ Absolvent*innen bei der Bewerbung gezielt bevorzugt. Dabei ist die Diskriminierung der Universitäten gegenüber Bewerber*innen mit Abschlüssen von Fachhochschulen und internationalen Abschlüssen besonders verbreitet – will man doch „das Niveau“ der eigenen Absolvent*innen als über jenem von auswärtigen Bewerber*innen attestieren können. Diese künstliche „Elitisierung“ von Studiengängen ist ungerecht, befördert die unnötige Konkurrenz zwischen Hochschulen und Studierenden und zeugt von verantwortungsloser Prestigesucht.

 

Es gilt weiterhin: Wir wollen den Wunschmaster für alle!

Die Bundesregierung beugte sich zwar der Forderung, jede*r die*der möchte, solle einen Master machen können. Dabei betonte sie jedoch, dies gelte nicht für den Wunschort oder den Wunschmaster. Schließlich sei ein Wohnortwechsel Teil der Lebensrealität. Für diejenigen Studierenden, die den gewünschten Master nicht bekommen, kann diese Härte jedoch weitreichende Konsequenzen haben. Beispielsweise können Lehramts- und Psychologiestudierende mit einem Bachelor-Abschluss wenig anfangen und stehen ohne Master mit leeren Händen da. Auch bei anderen Berufswegen, wie beispielsweise im öffentlichen Dienst wird häufig ein Masterabschluss vorausgesetzt. Entsprechend gilt das grundgesetzlich verankerte Grundrecht auf eine freie Berufswahl genauso für den Master wie für andere Studienabschlüsse. Während 89 Prozent der Studierenden laut des 12. Studierendensurveys einen Master für bessere Berufschancen studieren, steht das fachliche Interesse mit 85 Prozent direkt an zweiter Stelle. Dies zeigt deutlich: es geht nicht bloß um den Titel, sondern um den Inhalt. Mit „irgendeinem“ Master können wir uns nicht zufrieden geben – alle sollten das lernen dürfen, was ihren persönlichen Interessen und Wünschen entspricht!

Als ebenso falsch muss darüber hinaus das Argument gelten, erzwungene Wohnortwechsel seien „Teil der Lebensrealität“. Ein Wohnortwechsel bedeutet stets auch den von Verlust von sozialen Kontakten und Netzwerken und einen Wechsel des Lehrpersonals. Er erschwert häufig das ehrenamtliche Engagement, bedeutet gegebenenfalls einen Jobverlust und ist nicht zuletzt auch ein erheblicher Kostenfaktor. Zusätzliche Probleme ergeben sich beispielsweise für Studierende mit Kindern oder Verantwortung für die Pflege von Angehörigen, für Erwerbstätige oder Menschen mit Beeinträchtigungen und/oder chronischen Erkrankungen. Ein erster Schritt wäre, diese Lebensrealitäten anzuerkennen und darauf zu reagieren, anstatt marktkonforme Verteilungsmechanismen als gegeben hinzunehmen.

 

Daher fordern wir:

  • Bildungszugänge dürfen nicht begrenzt werden. Jeder Mensch, der studieren möchte, sollte dies können. Dies gilt auch für Graduierte. Wir fordern einen Rechtsanspruch auf einen Masterplatz für alle Bachlor- und alle anderen EQR6-Absolvent*innen.
  • Besonders in Fächern mit hohem Bewerber*innen-Aufkommen müssen zusätzliche Plätze aufgebaut werden. Jede*r sollte an dem Ort das Fach studieren können, wo und welches er*sie will.
  • Bund und Länder sind in der Pflicht: Sie müssen das nötige Geld für den Studienplatzaufbau zur Verfügung stellen. Die Länder dürfen NC-Beschränkungen nur noch im äußersten Notfall und zeitlich begrenzt in der Aufbauphase der fehlenden Plätze genehmigen. Bestehende NC gehören schnellstmöglich abgeschafft und müssen in halbjährlichen Abständen kritisch überprüft werden. Dabei müssen die Hochschulen die getätigten Anstrengungen zur Schaffung der nötigen Studienplätze nachweisen und zum weiteren Ausbau angehalten werden.
  • Die Hochschulen dürfen neben einem abgeschlossen Erststudium keine zusätzlichen Zugangshürden zum Masterstudium schaffen. Mindestnoten, teure Sprachnachweise, Tests, Auswahlgespräche und sonstige willkürliche Auswahlkriterien wirken sozial selektiv und sind daher abzulehnen. Entsprechend sind diese auch in den Akkreditierungsauflagen für Studiengänge der Kultusminister*innenkonferenz als unzulässig zu erklären. Dazu gehört auch die Bevorzugung der „eigenen“ Absolvent*innen gegenüber externen Bewerber*innen, beispielsweise durch bestimmte Modul- oder ECTS-Anforderungen.
  • Zugangsvoraussetzungen müssen stets auf bestehendes Diskriminierungspotential überprüft werden. Der Zugang muss für Bewerber*innen anderer Hochschularten, mit internationalen Bildungsabschlüssen oder mit besonderen Herausforderungen im Alltag genauso offen stehen wie allen anderen. Auch Bewerber*innen von Fachhochschulen müssen die gleichen Chancen auf einen Masterstudienplatz an den Universitäten erhalten.

 

Sich der konkreten Herausforderung stellen: Masterplätze für jede*n Bachelor- und FH-Diplom-Absolvent*in schaffen!

Seit über zehn Jahren war absehbar, dass die Hochschulen mit einem allgemeinen Anstieg der Studierendenzahlen zu rechnen haben würden. Grund dafür waren zum einen die geburtenstarken Jahrgänge. Zum anderen sind auch politische Entscheidungen wie die doppelten Abiturjahrgänge durch die Einführung des achtjährigen Abiturs und die Aussetzung der Wehrpflicht ausschlaggebend. Hinzu kam der, in seinem Ausmaß deutlich unterschätzte, Anstieg der Studierneigung bei jungen Menschen. Bund und Länder reagierten auf diese Entwicklungen mit ihrem derzeit üblichen Reflex, eine Verwaltungsvereinbarung aufzulegen – hier in Form des Hochschulpakts 2020. Die Intention, zusätzliche Studienplätze zu finanzieren, war zwar dringend nötig und tendenziell richtig. Der Hochschulpakt stellt jedoch eine vom Prinzip her falsche Finanzierungsgrundlage dar.

Richtig wäre es gewesen und wäre es immer noch, das Kooperationsverbot aufzuheben und so den chronisch unterfinanzierten Hochschulen deutlich mehr Geld für die Grundfinanzierung zur Verfügung zu stellen, um deren langfristige Anpassung und ein flexibles Reagieren auf die neuen Umstände zu gewährleisten. Stattdessen einigte man sich auf die Vergabe zeitlich begrenzter und zweckgebundener Projektmittel. Dabei ist völlig klar, dass der absolute Großteil der Studienplätze weiterhin von den Ländern allein finanziert werden muss. Eine kurzfristige und oberflächliche Sofortmaßnahme in Form eines Paktes kann somit höchstens für eine kurze Zeit Abhilfe schaffen. Die langfristige Problematik der völlig unterfinanzierten Hochschulen wird jedoch weiterhin ignoriert.

Auch im Detail wies der Hochschulpakt von Beginn an eklatante Mängel auf, welche auch in seiner derzeit laufenden dritten Phase nicht behoben wurden. Die Hochschulen erhalten pro neugeschaffenem Studienplatz einen festgesetzten Geldbetrag, welcher zu 50 Prozent aus Bundes- und zu 50 Prozent aus Landesmitteln gezahlt wird. Dieser Betrag wird auf vier Jahre verteilt an die Hochschulen ausgezahlt. Dabei war die Berechnungsgrundlage für die Studienanfänger*innenzahlen von Beginn an viel zu niedrig angesetzt. Die von der Kultusminister*innenkonferenz vorausgesagten Studienanfänger*innenzahlen wurden mehrfach und um mehr als das Doppelte übertroffen, was den Dilettantismus bei der Vorausberechnung deutlich macht. Zwar wurde auf die unvorhergesehene Entwicklung reagiert, indem die Gesamtmittel aufgestockt wurden. Die zugewiesenen Pauschalen für die Hochschulen blieben jedoch auf gleichem Niveau – obwohl für einen derartigen Anstieg der Studierendenzahlen deutlich umfangreichere Anpassungsmaßnamen nötig geworden wären. Zusätzliche Einstellungen zur Gewährleistung der Betreuungsrelation, neue Studierendenwohnheime und eine größere Anzahl an Seminarräumen sind an dieser Stelle nur einige der Punkte, die hätten mitfinanziert werden müssen. Dementsprechend war der angesetzte Pauschalbetrag bereits für die neu geschaffenen Bachelorstudienplätze deutlich zu gering. Umso deutlicher wird dieses Problem, betrachtet man das daraus resultierende Finanzierungsdilemma für die nötigen Masterstudienplätze.

 

Masterplatzausbau nicht länger verschlafen!

Während sich die Hochschulen zunächst vor allem auf den Ausbau der Bachelor-Studienplätze konzentrierten, hätte spätestens zwei Jahre später mit dem Ausbau zusätzlicher Masterplätze begonnen werden müssen. Die bislang stärksten Jahrgänge an den Hochschulen aus den Jahren 2011 und 2012 werden bereits seit dem Jahr 2014 mit ihrem Bachelorstudium fertig und tragen zu einer rasant ansteigenden Nachfrage an Masterplätzen bei. Ein entsprechend bedarfsdeckender Ausbau der Masterplätze hat jedoch bis heute nicht stattgefunden.

Dies liegt zum einen daran, dass die Studienplatzpauschale viel zu gering kalkuliert ist. Zum anderen sieht die Hochschulpaktfinanzierung generell bloß eine Übergangsquote von 50 Prozent der Studienanfänger*innen vor. Die Auszahlung der Pauschale über vier Jahre legt eine Berechnungsgrundlage von acht Hochschulsemestern nahe, während ein Studium von Bachelor und Master in der sogenannten „Regelstudienzeit“ zehn Semester dauern würde. Dahingegen ermitteln repräsentative Umfragen regelmäßig bei bis zu 80 Prozent der Bachelorstudierenden den Wunsch, im Anschluss ein Masterstudium aufzunehmen. Hinzu kommt das „historische Potential“ von Bachelor-Absolvent*innen, die nicht sofort einen Master anschlossen, dies aber nach einigen Jahren Berufserfahrung nachholen und zu den aktuellen Absolvent*innen hinzukommen. Die theoretische Finanzierungquote von Masterplätzen für maximal die Hälfte der Studierenden zeugt von dem offensichtlichen politischen Unwillen, für alle Interessierten einen Platz zur Verfügung zu stellen. Abermals entpuppt sich die Aussage der Bundesregierung, jede*r die*der möchte, solle einen Master machen können, als pures Lippenbekenntnis.

 

Wer sind wir und wenn ja – wie viele? Das Master-Chaos aufklären!

Statt hinsichtlich des zugrundeliegenden politischen Kalküls Farbe zu bekennen oder die eklatanten Fehler bei der Planung zuzugeben, hüllen sich die Ministerien in Schweigen. Auf Anfragen beklagen Bundes- und Landesministerien das angebliche Unwissen, eine schlechte Datenlage und allgemein die fehlende Dokumentation über des Übergangsverhaltens zwischen Bachelor und Master.

Dabei heißt es, ohne eine zuverlässige Dokumentation sei keine weitere Planung möglich und der Ausbau von Plätzen in der Konsequenz fahrlässig. Stattdessen fährt man derweil „auf Sicht“ und bleibt untätig. Auch die Hochschul-Rektor*innen-Konferenz beschwichtigte erst kürzlich wieder die Öffentlichkeit mit der Aussage, es gäbe keinen Mangel an Masterplätzen. Mit dem Argument unbesetzt gebliebener Plätze, selbst in beliebten Studiengängen, und Mehrfachbewerbungen werden Zweifel an dieser Aussage weit weg geschoben.

Dabei wird jedoch die Stärke der kommenden Jahrgänge ignoriert, welche deutlich oberhalb der letzten Abschlussjahrgänge liegen wird. Bereits in den letzten Jahren war ein Anstieg der NC-Werte bei zulassungsbeschränkten Studiengängen festzustellen. Ohne einen weiteren Ausbau der Studienplätze wird sich der Konkurrenzdruck hier noch deutlich verschärfen. Zudem ist die Situation je nach Hochschule und Fach sehr unterschiedlich. Der pauschalen Aussage, es „gäbe keinen Mangel an Plätzen“, bloß weil einige Plätze frei blieben, liegt ein Trugschluss zugrunde. Zum einen wird hierbei das bestehende „Missmatching“ missachtet. So kommt es vor, dass die angebotenen Plätze nicht zu den Schwerpunkten der Platzsuchenden passen. Insbesondere die starke Ausdifferenzierung der Masterplätze und die daraus resultierenden hochspezialisierten Masterstudiengänge sind teilweise unattraktiv oder viel zu unbekannt. Bloß weil in einem Fachgebiet Studienplätze unbesetzt bleiben, bedeutet dies nicht, dass nicht trotzdem viele Studierende in anderen Fachgebieten bei der Platzvergabe leer ausgingen.

Zum anderen werden jene potentielle Bewerber*innen, die bereits durch die zusätzlichen Zugangsbeschränkungen und informellen Hürden von der Aufnahme eines Masterstudiums abgehalten wurden, nicht mitbedacht. So werden beispielsweise Absolvent*innen von Fachhochschulen und Menschen mit internationalen Abschlüssen bei der Bewerbung auf universitäre Masterplätze häufig diskriminiert und durch zusätzliche Auflagen von einer Bewerbung abgehalten. Der Verweis auf die vorhandene Vielzahl und Vielfältigkeit der Masterstudiengänge sagt zudem noch lange nichts über die vorhandene Anzahl von Plätzen in den Studiengängen und deren Nachfrage aus. So kommt es, das selbst das sonst konservativ und neoliberal argumentierende Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) für das Jahr 2016 einen Mangel von mindestens 36.000 Masterplätzen prognostiziert, während die zuständigen Politiker*innen weiterhin angestrengt versuchen, die Problematik zu übersehen.

Die praktizierte Lethargie und das willentlich mangelnde Problembewusstsein sind für uns nicht hinnehmbar. Hochschulen, Bund und Länder müssen endlich aktiv werden. Dabei sind auch wir Juso-Hochschulgruppen gefragt: Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Studierenden ein entsprechendes Problembewusstsein entwickeln. Eine Absage für den Wunschmaster ist kein individuelles Versagen, sondern politisch gewollt und kalkuliert. Dem müssen wir entschlossen entgegentreten und in den akademischen Gremien, auf Landes- und Bundesebene den Druck erhöhen.

 

Deshalb fordern wir:

  • Ein Ende des Kooperationsverbotes und der Paktfinanzierung. Stattdessen muss die Grundfinanzierung der Hochschulen massiv erhöht werden. Die Hochschulen brauchen den Entscheidungsspielraum um auf die aktuellen Herausforderungen flexibel reagieren zu können. Grundvoraussetzung hierfür ist ebenso die Demokratisierung der Hochschulgremien.
  • Einen schnellen Ausbau der Master-Studienplätze. Für jede*n Bachelor-Absolvent*in müssen die Hochschulen einen Masterplatz in dem entsprechenden Fachbereich zur Verfügung stellen. Die Kalkulation mit einer deutlich erhöhten Übergangsquote schafft den nötigen Raum um zusätzliche (historische oder internationale) Nachfrage aufzufangen. Dort wo diese Quote nicht ausreicht, müssen schnellstmöglich ausreichende Kapazitäten aufgebaut werden.
  • Als Sofortmaßnahme müssen Bund und Länder die Mittel des Hochschulpakts deutlich aufstocken, damit die zusätzlichen Masterplätze schnellstmöglich aufgebaut werden können. Die Berechnungsgrundlage muss von acht auf mindestens zwölf Semester angehoben werden. Zehn Semester „Regelstudienzeit“ sind als politisches Ziel falsch und zudem realitätsfern.
  • Um auch Erziehungsberechtige und an der Erziehung von Kindern beteiligten Personen ein Masterstudium zu ermöglichen, muss die Kinderbetreuung an Hochschulen verbessert werden. Auch im Masterstudium muss es die Möglichkeiten zum Teilzeitstudium geben.
  • Die Hochschulen brauchen genügend finanzielle Mittel, um auch den Ausbau zusätzlich notwendiger Infrastruktur zu finanzieren. Zudem ist die Festeinstellung zusätzlichen wissenschaftlichen Personals nötig, um die Qualität der Lehre und Betreuung des wissenschaftlichen Arbeitens der Studierenden zu gewährleisten.
  • Die Datenlage zum Übergang zwischen Bachelor und Master muss deutlich verbessert werden. Wir brauchen eine schnellstmögliche und umfangreiche Erhebung zu den Präferenzen und Bedürfnissen von Bachelor-Absolvent*innen, zu den Zugangshürden und Übergangsquoten zum Master und dem Verbleib von Bachelor- und Masterabsolvent*innen. Dies soll sowohl bundesweit, als auch länderspezifisch erfasst werden.
  • Es muss untersucht werden, welche Hürden Frauen* tendenziell davon abhalten, ein Masterstudium anzustreben. Zudem müssen die Bedingungen so verbessert werden, dass mindestens so viele Frauen* wie Männer* ein Masterstudium aufnehmen.
  • Die geschaffenen Studienplatzkapazitäten für Bachelor und Master müssen auch über die Wirkungsdauer des Hochschulpakts 2020 hinaus aufrechterhalten werden. Dafür ist eine dauerhafte Finanzierung von Bund und Ländern notwendig.
  • Das Problem muss auch an den Hochschulen endlich angegangen werden. Dafür ist ein stärkeres Problembewusstsein bei den Studierenden notwendig. Das offensichtliche Versagen von Bund, Ländern und Hochschulen hat direkte Konsequenzen für die Zukunft vieler tausender junger Menschen. Es ist somit ein Politikum und muss endlich auch als solches verstanden werden.

 

Den Bachelor stärken

Wer mit dem Bachelorabschluss vorerst oder dauerhaft in den Arbeitsmarkt starten möchte, sollte dazu die Möglichkeit haben. Dies bedeutet auch, dass das Betreuungsverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden, die Forschungsorientierung der Lehre, der Anteil des selbstständigen Studium sowie die Beratungsangebote deutlich verbessert werden müssen, um den Studierenden auch während des kurzen Bachelorstudiums Bildung zu ermöglichen, die unserem emanzipatorischen Anspruch gerecht wird. Da sechs Semester Studium dafür häufig nicht ausreichen, muss endlich von der „Regelstudienzeit“ abgerückt werden. Zudem sollte, wo möglich, der Studienverlaufsplan auf acht Semester, statt auf derzeit sechs bis sieben angelegt werden.

Niemand sollte dazu gezwungen sein, mit dem Bachelorabschluss in das Erwerbsleben einzusteigen, zum Beispiel, weil er*sie keinen Masterplatz oder nicht den Wunschmasterplatz am Wunschort bekommt. Allerdings sollten auch diejenigen, die sich dafür entscheiden als Bachelorabsolvent*in ins Erwerbsleben zu starten faire Bedingungen und gute Arbeit vorfinden.

 

Ein Bachelor-Abschluss ist kein Hochschulabschluss „zweiter Klasse“!

Auf den ersten Blick scheint der Bachelorabschluss mittlerweile in der „Arbeitswelt“ angekommen zu sein – zumindest liegt laut Statistik die Arbeitslosenquoten von Bachelor- und Masterabsolvent*innen nicht weit auseinander. Von einer Erfolgsgeschichte kann jedoch nicht die Rede sein. Zwar finden die Bachelorabsolvent*innen zunächst einen Job. Auf den zweiten Blick werden die Diskrepanzen jedoch offensichtlich. So sind Bachelorabsolvent*innen häufiger unterhalb ihrer, in der Konzeption des Bachelor-Master-Systems angelegten, Qualifikation beschäftigt, erhalten im Vergleich weniger Lohn und sind öfter befristet angestellt. Zudem bleiben die Aufstiegschancen für Bachelorabsolvent*innen fraglich. Dies zeigt sich ebenso im öffentlichen Dienst, in welchem weiterhin der Masterabschluss als Voraussetzung für eine Vielzahl der Laufbahnen gilt. Wenn aber der Bachelor als erster akademischer und zugleich berufsqualifizierender Abschluss gelten soll, so muss sich dies ebenso in den Bewerbungs-, Arbeits- und Aufstiegsbedingungen widerspiegeln. Zudem sind auch die Arbeitgeber*innen gefordert, ihre Mitarbeiter*innen bei einer Weiterbildung zu unterstützen. So sollten die Mitarbeiter*innen des öffentlichen Dienstes einen Anspruch auf Weiterbildung, auch in Form eines Studiums erhalten.

Der Einstieg in den Arbeitsmarkt darf nicht den Zugang zur Weiterbildung beschränken. Häufig besteht auch nach einigen Jahren im Berufsleben der Wunsch nach Bildung und nach einem weiteren Studium. Somit darf der Weg zu einer Fortsetzung des Studiums nach dem Berufseinstieg nicht erschwert werden. Einige als weiterbildend, im Gegensatz zu konsekutiv, klassifizierte Masterstudiengänge setzen bereits Berufserfahrung der Bewerber*innen voraus. Häufig werden für diese Studiengänge hohe Gebühren verlangt. Dabei wirken zusätzliche Zugangshürden und insbesondere Bildungsgebühren sozial selektiv. Die soziale Selektivität der Weiterbildung spiegelt sich schließlich auch anhand von Gehaltsunterschieden und der Repräsentanz in Führungspositionen wider – zu Lasten der in unserer Gesellschaft bereits strukturell benachteiligten Menschen. Bildung muss immer gebührenfrei und für alle zugänglich sein!

 

Weiterbildung unterstützen

Doch allein die formalen Bedingungen schaffen noch keinen faktischen Bildungszugang. So werden ältere Menschen, die sich weiterbilden möchten, bei der Studienfinanzierung diskriminiert. Nur bis zum 35. Lebensjahr besteht ein BAföG-Anspruch und nur bis zum 45. Lebensjahr kann ein Bildungskredit der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) aufgenommen werden. Auch ist es ab dem 30. Lebensjahr nicht mehr möglich, Mitglied in der kostengünstigeren Krankenversicherung der Student*innen (KVdS) zu sein. Somit sind ältere Menschen von der Weiterbildung ausgeschlossen, indem ihnen eine finanzielle Existenzgrundlage während des Studiums verwehrt wird.

Zudem ist es nicht allen Studieninteressierten möglich, ein Vollzeitstudium zu absolvieren. Familie, Care Arbeit, ein zusätzlicher Job oder die jeweilige Lebenssituation verlangen ebenfalls Zeit und Energie von den Studierenden. Daher muss auch im Master, egal ob konsekutiv oder weiterbildend, stets ein Teilzeitstudium ohne Probleme möglich sein.

 

Daher fordern wir:

  • Lehre, Betreuung und Studienbedingungen im Bachelor müssen deutlich verbessert werden, um dem Anspruch an emanzipatorische Bildung auch im Bachelor gerecht zu werden. Die Studienverlaufspläne sollten statt derzeit von sechs oder sieben auf sieben bis acht Semester ausgelegt werden. Die Studien- und Berufsberatungen an den Hochschulen muss gestärkt werden.
  • Der Bachelorabschluss muss von den Unternehmen und auch im öffentlichen Dienst als akademischer Grad voll anerkannt werden. Dies bedeutet gleichwertige, gute Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten sowie die Unzulässigkeit der Diskriminierung bei Jobausschreibungen.
  • Die Förderung von Weiterbildung und Studium im öffentlichen Dienst durch einen entsprechenden Anspruch der Mitarbeiter*innen.
  • Einen altersunabhängigen BAföG-Anspruch zur Studienfinanzierung und die Möglichkeit für Studierende, sich unabhängig von Alter oder Semesteranzahl in der Krankenversicherung der Student*innen (KVdS) zu versichern.
  • Auch Masterstudiengänge, egal ob konsekutiv oder weiterbildend, dürfen keine zusätzliche Zugangsvoraussetzungen oder gar Bildungsgebühren erfordern.
  • Das Masterstudium muss als Teilzeitoption und berufsbegleitend ohne Probleme möglich sein.

Zurück