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Zeitautonomie für Studierende – Studierfreiheit ernst nehmen und Engagement ermöglichen

I. Aktuelle Lage von Studierenden

Unser aller Alltag ist in ein engmaschiges Netz aus zeitlichen Anforderungen und Strukturen eingebunden, die zumeist nicht selbstbestimmt sind. Sie werden vom sozialen Umfeld, der Hochschule, der oft notwendigen Erwerbstätigkeit oder allgemein der Gesellschaft vorgegeben. Diese bloße Feststellung schafft jedoch noch kein politisches Programm. Es muss deshalb darum gehen, die Debatte um die sogenannte Zeitpolitik in den politischen Diskurs zu tragen und als Thema für alle Menschen und nicht nur die eine, vermeintlich „gehetzte Generation“ fruchtbar zu machen.

 

Zeitpolitik bedeutet dabei zweierlei. Zunächst muss Politik in einem ersten Schritt gesellschaftliche Zeitstrukturen gestalten (Zeit als Gestaltungsgegenstand). Doch die Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen ist kein Selbstzweck. Damit muss vielmehr der Wille einhergehen, mit der Veränderung von Zeitstrukturen auch nicht-zeitliche Sozialstrukturen zu verändern (Zeit als Gestaltungsinstrument). Unser Ziel bleibt ein selbstbestimmtes Leben für alle. Um allen Menschen die gleichen Chancen einzuräumen, gilt es, mit den Mitteln der Zeitpolitik Zeit- und damit letztlich Sozialstrukturen zu verändern.

 

Insbesondere seit dem Beginn des Bologna-Prozesses 1999 erfährt die Hochschulstruktur in Europa eine grundlegende Veränderung. Die europaweite Harmonisierung von Studiengängen und -abschlüssen hatte die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums zum Ziel. Dieser sollte sich durch höchstmögliche Mobilität, internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Stärkung der Beschäftigungsfähigkeit auszeichnen. Obgleich das grundlegende Ziel, ein einheitlicher europäischen Hochschulraum zu schaffen, unterstützenswert ist, sind die Motive sowie die einzelnen Ausprägungen keineswegs im Sinne der Studierenden. Durch die mangelhafte Einführung von Bologna (vor allem des BA/MA-Systems) aber auch durch falsche Zielsetzungen wie die Unterordnung des Studiums unter die Möglichkeit der kapitalistischen Verwertbarkeit ist die Zeit der Studierenden vollends verzweckt worden. Ziel ist heute vielfach anscheinend ausschließlich die Nutzbarkeit des Studienergebnisses für das spätere Erwerbsleben zu sein. Von einem Studium als selbstbestimmtem Lern- und persönlichen Entwicklungsprozess sind wir weiter entfernt denn je.

 

Es scheint, als wären die unterschiedlichen Maßnahmen auch kaum auf ihre Folgen und Konsequenzen für Studierende und Hochschulen überprüft worden. So hat die neue zweistufige Form der Strukturierung des Studiums neben verschiedenen Vorteilen auch erhöhte Prüfungsleistungen durch modularisierte Studiengänge und eine größere Anzahl der Semesterwochenstunden mit Präsenzpflicht zur Folge. Vorgegebene Curricula ohne Wahlmöglichkeiten und Freiheiten, die Studienstruktur selbst flexibel zu gestalten, Anwesenheitspflichten bei Lehrveranstaltungen und die Reduktion des Studiums auf Wissensvermittlung und -abfrage sind unterschiedliche Ausprägungen des gleichen Phänomens: Mehr und mehr findet eine Implementierung der Charakteristika der heutigen Form von Schule in der Hochschule statt. Anwesenheitspflichten zeigen dabei in besonderer Weise, dass den Studierenden nicht einmal mehr die Autonomie gewährt wird, selbst zu entscheiden, zu welchen Veranstaltungen sie gehen wollen.

 

Studierfreiheit ist an den Hochschulen nicht mehr der Regelfall, sondern die Ausnahme. Freiräume – ganz gleich ob zeitlich oder räumlich – sind kaum existent. Hochschulen werden so immer mehr zu Räumen, die nicht mehr politisch sind, auch weil sie es nicht sein sollen. Die neoliberale Transformation der Hochschulen verlangt Hochschulen, die exklusive, sich außerhalb gesellschaftlicher Auseinandersetzungen befindende Orte sind. Der Mangel an (politischen) Freiräumen führt zu einem weit verbreiteten Desinteresse unter Studierenden, aber auch Lehrenden und Forschenden. Dies wird dadurch begünstigt, dass in unserem Bildungssystem politische Bildung kaum noch stattfindet. In Fachschaften ist die Mitwirkung mit 14 Prozent noch am höchsten ausgeprägt, da sie weniger als politische Einrichtungen angesehen werden, sondern unmittelbar in den Studienrealitäten verhaftet sind. Die Hochschulen bieten zwar eine Vielzahl an kleinteiligen Partizipationsmöglichkeiten; aber je abstrakter die Wahrnehmung der einzelnen Arbeitsbereiche, desto geringer wird das Interesse. Daher ist es kein Wunder, dass laut Studierendensurvey die studentische Politik bei lediglich zehn Prozent der Studierenden auf Interesse stößt und eine Mehrheit von 51 Prozent gänzliches Desinteresse an hochschulpolitischen Fragen zum Ausdruck bringt. Durch undemokratische Hochschulstrukturen und lediglich auf die Erwerbstätigkeit ausgelegte Studiengangsplanungen ist es gelungen, Politik auch an Hochschulen zu einem Nischenthema werden zu lassen. Die gewisse Wiederbelebung des Interesses an den Hochschulgremien im Jahre 2010 auf 35 Prozent (gegenüber nur 30 Prozent 2007) ist als „Strohfeuer“ im Zuge studentischer Proteste gegen den Bologna-Prozess, die damals einen Höhepunkt erreichten, anzusehen – danach ging er umso stärker, um acht Prozentpunkte zurück. Das Ergebnis sind Studierende, die zwar mehrheitlich zu sozialdemokratischen und grün-alternativen Positionen tendieren, zugleich aber ein autoritäres Verständnis von Politik haben. Die Aufgabe einer Opposition sehen sie eher in der konstruktiven Unterstützung der Regierung als in der Kritik. Ein Drittel der Studierenden lehnt die Kontrollrechte der Opposition sogar gänzlich ab. Ähnliches gilt für pluralistische Interessenvertretungen, die von 19 Prozent abgelehnt werden.

 

Neben den Belastungen im mehr und mehr verzweckten Studienalltag und der damit einhergehenden Entpolitisierung besteht für viele Studierenden die Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit neben dem Studium. Lediglich so gelingt für viele eine Finanzierung ihres Studiums, da das BAföG am realen Bedarf und damit einem Großteil der Studierenden vorbei geht. Diese Mehrbelastungen durch zu hohe Anforderungen an das Zeit- und Selbstmanagement von Studierenden und die Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit sorgen auch für eine Rückläufigkeit von gesellschaftlichem Engagement von Studierenden.

 

In einer HISBUS-Studie zum gesellschaftlichen Engagement nach Bologna gab die Hälfte der Studierenden an, dass auf Grund eines sehr zeitintensiven Studiums ein gesellschaftliches Engagement für sie kaum noch möglich sei. Zugleich engagieren sich aber zwei Drittel der Studierenden nach eigener Aussage zumindest gelegentlich und wenden dafür im Schnitt sechs Stunden pro Woche auf. Zu beachten ist jedoch, dass in entsprechenden Studien jeweils ein weiter Engagementbegriff Anwendung findet, der den Befragten einen gewissen Interpretationsspielraum lässt. Das Engagement verteilt sich im Wesentlichen auf den Jugend-, Sport- und Freizeitbereich (33 Prozent), die Politik (32 Prozent), soziale Tätigkeiten (24 Prozent) und Kunst und Kultur (11 Prozent). Im Gegensatz dazu geben jedoch drei Viertel aller Jugendlichen in der Shell-Studie an, dass sie sich gesellschaftlich engagieren. Diese Zahlen scheinen ein weitreichendes Engagement zu belegen. Da sie aber nicht nach Arten des Engagements differenzieren, kann aus ihnen nicht die problemlose Vereinbarkeit eines Hochschulstudiums mit Erwerbsarbeit und gesellschaftlichem Engagement hergeleitet werden.

Hervorzuheben ist darüber hinaus, dass politisch engagierte Studierende am ehesten aus finanziell gut situierten Elternhäusern stammen, denen Sorgen der Studienfinanzierung fremd sind. Diese Studierenden wachsen vermutlich oftmals auch in ein gesellschaftliches Engagement hinein, das unmittelbar über das Elternhaus vermittelt oder durch dieses unterstützt und begünstigt wird. Auch ist in der Herkunftsgruppe der Studierenden, die aus einem finanziell schwachen Milieu stammen, die Gruppe derjenigen höher, die aussagen, dass ihnen kaum Zeit für Engagement bleibt, weil sie auf eine Erwerbstätigkeit neben dem Studium angewiesen sind. Im Vergleich geben in dieser Gruppe 43 Prozent zu 25 Prozent der Studierenden aus finanziell gut situierten Verhältnissen die notwendige Erwerbstätigkeit als Engagementhemmnis an. Auch die Aussage, dass andere Tätigkeiten (wie beispielsweise die Betreuung von Familienangehörigen) so dringlich sind, dass keine Zeit für ein Engagement bleibt, findet hier mit 43 Prozent gegenüber 31 Prozent mehr Zustimmung.

 

Daneben spielen auch die Stressbelastung im Studium und daraus resultierende gesundheitliche Folgen eine Rolle. Die erhöhte Anzahl an Prüfungsleistungen oft innerhalb kürzester Zeit und eine damit einhergehende dauerhafte Stresssituation führt bei vielen Studierenden zu negativen gesundheitlichen Folgen. Insofern ist es wenig überraschend, dass die Prüfungsangst unter Studierenden gestiegen ist. Diese Stressbelastung und ihre gesundheitlichen Folgen werden gesamtgesellschaftlich jedoch oftmals mit dem Verweis auf angebliche große persönliche Freiheiten im Studium heruntergespielt. Eine angemessene medizinische Behandlung von Stresssymptomen und allgemein psychischen wie physischen Erkrankungen, die zuallererst Akzeptanz voraussetzt, wird so zusätzlich erschwert.

 

II. Staatliche Rahmenbedingungen von Engagement

Bildung umfasst für uns nicht bloß inhaltliches Wissen, sondern auch soziales Lernen – Kompetenzen wie Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit, Empathie und soziales Verantwortungsbewusstsein müssen Bestandteil eines ganzheitlichen Bildungsansatzes sein. Ein demokratisches Bildungssystem ist die beste Voraussetzung für mündige Bürger*innen, die demokratische Teilhabe leben und ihre bürgerschaftlichen Kompetenzen – also Partizipations- und Mitbestimmungsfähigkeiten – in diesen Schulen der Demokratie erwerben.

 

Grundsätzliches Ziel jungsozialistischer Politik muss deshalb die Entschleunigung von Studien- und Arbeitsleben aller Menschen sein. Auch studentische Zeitpolitik zielt darauf, die Lebensqualität durch konkrete Gestaltungsmaßnahmen zu verbessern. Dadurch ist es Studierenden auch wieder möglich, sich neben ihrem Studium gesellschaftlich zu engagieren. Dabei müssen Mitgestaltungsmöglichkeiten niedrigschwellig gestaltet werden, so dass ein*e jede*r die Möglichkeit der Nutzung hat, und diese nicht ausschließlich bereits engagierten oder finanziell starken zu gute kommt. Deshalb bleibt unser langfristiges Ziel die Ermöglichung eines Studiums für alle an ihrer Wunschhochschule, in ihrem Wunschort, in ihrem Wunschzeitraum und mit angemessenen Studienrahmenbedingungen.

 

Eine Demokratie ist immer nur so stark, wie ihre Zivilgesellschaft lebendig ist. Deshalb benötigen wir heute die Vitalisierung der Demokratie und des demokratischen Gemeinwesens, damit auch der Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft wieder gestärkt wird. Es gibt über 23 Millionen bürgerschaftlich engagierte Menschen in der BRD. Die Zahl derer, die grundsätzlich bereit sind, ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, ist noch viel größer. Deshalb müssen wir verhindern, dass Engagement an fehlenden Informationen, Möglichkeiten oder Angeboten scheitert.

 

Doch geht es hierbei nicht um die Indienstnahme der Zivilgesellschaft für den Staat. Es geht nicht um die Instrumentalisierung zivilgesellschaftlicher Akteur*innen für die Legitimation einer vielleicht nicht so gelungenen staatlichen Politik. Engagement und Teilhabe sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Engagement lässt sich nicht per Dekret verordnen. Wir können nur den Nährboden schaffen, in dem Kreativität und Eigeninitiative gedeihen. Deshalb muss Eigeninitiative und Kreativität schon bei der Strategieentwicklung durch Mitgestaltungsmöglichkeiten Raum gegeben werden. Dadurch fließen die Erfahrungen derjenigen ein, die sich engagieren. Es gilt, Politik für Engagierte aus ihrer Perspektive zu machen.

 

Gesamtstaatlich wollen wir deshalb eine abgestimmte Engagementförderung zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Institutionen. Es braucht das Zusammenspiel der vielen unterschiedlichen Akteur*innen unter gesamtstaatlicher Abstimmung. Bildungseinrichtungen müssen mit bürgerschaftlichen Akteur*innen kooperieren, sodass das informelle Lernen stärker unterstützt wird. Die Verbesserung der Rahmenbedingungen, die Unterstützung des unentgeltlichen, freiwilligen Engagements ist politische Querschnittsaufgabe. Es geht um Flexibilität, Handlungsfreiheit und Entbürokratisierung für die Engagierten.

 

Wir verkennen nicht, dass beispielsweise auch die Umstrukturierung des Studiensystems oder veränderte rechtliche Rahmenbedingungen beim Engagement neue Herausforderungen schaffen. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Mobilität und Engagement im Studium gilt es daher so aufzulösen, dass nicht die eine Seite hinter der anderen zurückstehen muss. Es braucht deshalb staatliche Handlungsstrategien, die den Engagierten Rahmenbedingungen bieten, die ihnen erlauben, sich mit ihren spezifischen Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen. Es gilt vor allem verantwortungsbewusst mit Zeit der Engagierten umzugehen, da es sich dabei um eine wertvolle Ressource handelt. Um dies zu gewährleisten, müssen hauptamtlich Tätige in Verwaltung, Politik, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen für den Umgang mit Engagierten qualifiziert werden.

 

III. Rahmenbedingungen an der Hochschule

Damit wirklich alle Studierenden selbst entscheiden können, ob sie ein Engagement aufnehmen, müssen die unterschiedlichsten Rahmenbedingungen deutlich verbessert werden. Für uns ist dabei klar, dass, um allen Studierenden die gleichen Chancen zukommen zu lassen, unterschiedliche Bildungsbiografien besondere Unterstützung erfahren müssen. Zeitautonomie bedeutet auch, dass es für Studierende mit Kind angemessene Betreuungsangebote in Hochschulnähe gibt und dass auf diverse Bildungsbiografien auch immer diversere Formen des Engagements und flexible Hochschulen als Antwort folgen. Schon beim Übergang von der Schule zur Hochschule oder Ausbildung, wie beim Übergang zwischen beiden Bildungswegen muss vom Staat gestaltend eingegriffen werden. Wir wollen, dass Studierende stetig begleitet werden. Dies soll nicht der Kontrolle, sondern ihrer Unterstützung und Absicherung dienen.

 

Die Absicherung von Studierendenbiografien ist aber auch in finanzieller Hinsicht Aufgabe des Staates. Wir fordern daher eine grundlegende Reform der Ausbildungs- und Studienfinanzierung, die bisher durch das BAföG geschieht. Es braucht aber keine Novellierung im Sinne der Begünstigung von gesellschaftlichem Engagement, sondern ein sozial gerechtes, eltern- und altersunabhängiges BAföG für alle, das als Vollzuschuss gewährt wird. Nur wenn allen von vornherein die gleichen Chancen eingeräumt werden, öffnen wir auch die Türen für den Start in ein selbstgewähltes Engagement.

 

Neben der finanziellen Absicherung von Studierendenbiografien braucht es angemessenen bezahlbaren Wohnraum für alle. Die Politik ist in der Verantwortung, diesen zu schaffen. Die Mietpreisbremse war ein richtiger Schritt; daneben braucht es aber auch die Neuschaffung von Wohnraum durch Nachverdichtung und die neue Erschließung von Wohnquartieren. Wir fordern daher einen verstärkten Ausbau von Wohnheimen in qualitativ und quantitativ angemessener Ausstattung und Zahl durch die öffentliche Hand und eine solide Finanzausstattung der Kommunen. Studierendenwerken muss endlich mehr Geld für die soziale Infrastruktur bereitgestellt werden. Auch muss gegen Leerstände mit Mitteln wie einer Zweckentfremdungssatzung restriktiv vorgegangen werden.

 

Um an den Hochschulen die Selbstentfaltung auch für Engagement möglich zu machen, braucht es neben den studiengangsbezogenen Freiräumen auch räumliche Freiräume. Es braucht an jeder Hochschule ein Studierendenhaus, das als Garant für selbstverwalteten studentischen Raum im Zentrum eines jeden Campus wirken kann. Erst durch Freiräume können auch politische Räume entstehen. Zugleich muss aber der gesamte Campus ein Raum sein, an dem sich alle Menschen wohl und sicher fühlen. Deshalb gilt es, Angsträume zu identifizieren und zu überwinden.

 

Um Engagement möglich zu machen, wollen wir auch die Möglichkeiten der sozialen Medien nutzen. Am Anfang eines jeden Engagements steht die Kommunikation. Ein Großteil der Menschen engagiert sich, weil sie direkt angesprochen und um Unterstützung gebeten werden. Ein Großteil der Kommunikation findet heute über das Internet statt. Diese Form des sozialen Dialogs wollen wir nutzen und allen Menschen gleichsam ermöglichen. Die Möglichkeiten der Digitalisierung vereinfachen die Kommunikation, erleichtern die Partizipation, erhöhen die Reichweite von Informationen und ändern die Art ihrer Verbreitung. So gibt es schon heute neue Möglichkeiten des Engagements, das entweder online stattfindet oder in einem ersten Schritt online koordiniert wird.

 

Wir erkennen die freiwillige Entscheidung für oder gegen ein Engagement an. Doch zunächst geht es darum, allen überhaupt ein Engagement möglich zu machen. Dafür muss das Studium flexibilisiert werden, was auch eine Abschaffung der Regelstudienzeit und das Aufbrechen festgelegter Studienordnungen beinhaltet. Studiengänge müssen im Sinne der Studierenden flexibler gestaltbar und insgesamt interdisziplinärer werden. So wird allen das Studium der jeweiligen Wunschinhalte ermöglicht, ohne dass sie in vorgegebene Strukturen gezwungen werden. Um zeitliche Freiräume zu schaffen, braucht es in den Semesterferien festgelegte Zeiträume, in denen keine Prüfungen stattfinden dürfen. Doch auch die Freistellungsmöglichkeiten bei sichergestellter Studienfinanzierung für ganze Semester müssen ausgeweitet werden.

 

Daneben wollen wir das Teilzeitstudium für alle Menschen deutlich aufwerten. Dabei stellen wir uns der Entgrenzung von Freizeit und Studium entgegen. Ähnlich wie im Berufsleben muss auch das Studium einen ausreichenden Freiraum zur Selbstentfaltung lassen. So wollen wir Engagement, kulturelle Teilhabe oder eben die Erfüllung privater Verpflichtungen ermöglichen. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Lehre zu nutzen, um Teilhabe für alle am Studium zu ermöglichen. Dadurch soll die Präsenzlehre nicht verdrängt werden. Wir verstehen die Digitallehre als ihre logische Ergänzung.

 

Freiraum bedeutet aber auch, dass die Menschen selbst entscheiden können, wann sie lernen möchten. Darauf müssen die Öffnungszeiten von Bibliotheken und Instituten Rücksicht nehmen. Gleichzeitig stehen wir als sozialistischer Richtungsverband für gute Arbeitsbedingungen der Beschäftigten ein und fordern daher die angemessene Entlohnung dieser Nachtarbeit. Auch Anwesenheitspflichten verhindern vielerorts die Teilhabe von zeitlich eingeschränkten Studierenden und sind daher abzuschaffen. Es handelt sich um den Zwang an einer Veranstaltung der Hochschule teilzunehmen; es geht dabei weder um aktive Beteiligung noch um eine kooperative Gestaltung von Lehrformaten, sondern einzig um die Pflicht, körperlich anwesend zu sein. Schon in ihren Strukturvorgaben von 2009 haben sich die Bundesländer in der Kultusminister*innenkonferenz auf eine Abschaffung der Anwesenheitspflichten geeinigt. Aber rechtsverbindlich ist dieser Beschluss nicht; die Länder müssen ihn erst individuell in ihren Hochschulgesetzen umsetzen, was jedoch bisher nicht ausreichend geschieht. Die Untätigkeit vieler Bundesländer bedeutet eine ständige Verletzung der Studierenden in ihrem Grundrecht auf Studierfreiheit hergeleitet aus Art. 5 III 1 GG. Doch nicht nur die juristischen Argumente sprechen gegen eine allgemeine Anwesenheitspflicht. Auch fehlt ihr eine didaktische Begründung. Die Studierenden zur körperlichen Präsenz zu zwingen und zu hoffen, dass dadurch eine kontroverse Debatte in Veranstaltungen zustande kommt, ist schlicht naiv und falsch. Die Studierenden belohnen vielmehr auch heute schon innovative Lehrkonzepte und von ihrem Stoff begeisterte Dozierende durch ihre freiwillige Präsenz. Das Studium lebt gerade von der Eigeninitiative, dem eigenständigem Denken und der Selbstverantwortung der Studierenden. Studierende und Lehrende sollten sich auf einer Ebene freier Individuen begegnen. Die akademische Freiheit gilt eben nicht nur für Professor*innen – vielmehr genießen auch Studierende den Schutz der Freiheit von Bildung und Forschung, der charakteristisch für das wissenschaftliche Studium ist. Deshalb fordern wir die Abschaffung jeglicher Anwesenheitspflichtsregelungen bei universitären Veranstaltungen.

 

Die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich zu engagieren, kommen oft nicht von selbst, sondern müssen erworben und gefördert werden, brauchen Anregungen, Freiräume und Vorbilder. Gleichzeitig ist der Zugang zum Engagement heute sozial ungleich verteilt. Ziel muss es deshalb sein, alle Studierenden zum gesellschaftlichen Engagement zu ermutigen und zu befähigen. Um alle Menschen an ein Engagement heranzuführen, braucht es entsprechende freiwillige Mentoring-Programme an den Hochschulen.

 

Engagement ist jedoch auch zwischen Geschlechtern ungleich verteilt. Trotz vorhandenen Interesses bleibt beispielsweise die Mitarbeit weiblicher* Studierender in politischen Gruppen geringer als bei Männern. Im Gegensatz dazu überwiegt der Anteil von Frauen* in gesellschaftspolitischen Feldern, die eine starke idealistische Motivation voraussetzen. Unser Ziel ist daher eine gendergerechte Zeitpolitik, damit das gesellschaftlich konstruierte Geschlecht bei der Auswahl des gesellschaftlichen Engagements keine Rolle mehr spielt. Dafür müssen sich auf der einen Seite die Rahmenbedingungen verändern, damit am Campus die Voraussetzungen für Zeitautonomie für alle bestehen. Auf der anderen Seite müssen sich jedoch auch Verbände verändern und offener und partizipativer werden. Zum Erreichen einer inklusiven Hochschullandschaft müssen strukturelle Barrieren beseitigt und Partizipationshürden überwunden werden. Dafür ist eine Erweiterung der Beratungs- und Weiterbildungsangebote notwendig.

 

Institutionalisiertes und freies Engagement sind für uns keine Widersprüche sondern können sich erfolgreich ergänzen. Es braucht einerseits die Möglichkeit der Mitwirkung an den Hochschulen. Das ist nur durch eine grundlegende Demokratisierung von Hochschulen möglich. So könnten endlich verfasste Studierendenschaften mit allgemeinpolitischem Mandat gemeinsam mit den Studierendenwerken die ersten Anlaufstellen für studentisches Engagement werden und in diesem Bereich auch eine kompetente Beratung sicherstellen. Andererseits sollen aber auch freie und demokratische studentische Initiativen unterstützt werden. Bei beiden Formen des Engagements muss an Hochschulen, die als Teil der Gesellschaft begriffen werden, ein transparenter Informationsfluss zwischen Hochschule und Gesellschaft sichergestellt werden. Gesellschaftliches Engagement muss daneben eine staatliche Unterstützung durch die unkomplizierte Finanzierung von Sachmitteln erfahren.

 

Im gesellschaftlichen Engagement erworbene Fähigkeiten müssen eine stärkere Wertschätzung erfahren, wofür es vergleichbare und aussagekräftige Nachweisstrukturen braucht. Sie sollen als Studienleistungen im Bereich der Schlüssel- und Fachkompetenzen berücksichtigt werden. Doch im Engagement findet auch der Erwerb sozialer und personaler Fähigkeiten, die das Lernen in Schule und Hochschule ergänzen können, statt. Deshalb müssen verlässliche und transparente Strukturen verstetigt, neu geschaffen und bekannt gemacht werden, damit eine systematische Qualifizierung, Weiterbildung und Begleitung von freiwillig engagierten Menschen möglich ist. Engagement darf dabei jedoch nicht in Kategorien von Verwertbarkeit oder Nützlichkeit gedacht werden

 

IV. Mitgestaltungsmöglichkeiten durch Zeitautonomie

Wir wollen das Studien- und Arbeitsleben entschleunigen. Es gilt, Zeitstrukturen so zu gestalten, dass auch soziale Strukturen Veränderungen erfahren. Soziale Strukturen sollen in einer demokratischen Gesellschaft so gestaltet werden, dass allen ein Engagement neben der Schule, dem Studium, der Ausbildung oder Erwerbstätigkeit möglich ist, wenn sie dies möchten. Dieses Engagement gilt es einer neuen Form der Anerkennung zukommen zu lassen, denn es ist grundlegendes Element einer offenen aber auch kritischen Gesellschaft. Engagement und demokratische Teilhabe gehören für uns untrennbar zusammen. Gemeinsam sind sie die wesentlichen Gestaltungsmöglichkeiten des einzelnen Menschen innerhalb eines demokratischen Gemeinwesens. Diese Gestaltungsmöglichkeiten müssen alle gleichermaßen verwenden können. Deshalb stehen wir für eine Zeitpolitik, die Studierfreiheit ernst nimmt und Engagement ermöglicht. Nur so schaffen wir Zeitautonomie für Studierende.

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