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Der vorherrschenden Marginalisierung in der Wissenschaft endlich den Kampf ansagen - Postkoloniale und (queer)feministische Perspektiven stark machen!

Entgegen bürgerlicher Vorstellungen ist Wissenschaft kein objektives Mittel der Erkenntnis, sondern längst determiniert durch Standortabhängigkeit und durch ihren Gebrauch als Herrschaftsinstrument, das den allgemeinen Wissenshorizont bestimmt und damit eine Art hegemonialer Ideologie schafft. Der exklusive Zugriff auf Wissen, den privilegierte, d.h. weiße, männliche, bürgerliche, Subjekte auf die Wissenschaft nehmen, sowie die institutionelle Manifestation in Form von Hochschulen, die eben jene Exklusivität begünstigen, schaffen eine Wissenschaft, die systematisch heterodoxe Perspektiven ausklammert. Ihr Blick kann kein objektiver sein, sondern der Blick einer konstruierten Norm auf die Abweichung von ihr - das „Andere“. Jedwede inhaltliche Auseinandersetzung muss innerhalb des Diskurses stattfinden, der diese Norm internalisiert hat, mithin in der Sprache des herrschenden Meinungsbildes. Es ist dieser Kontext, welcher die bürgerliche Phrase der Freiheit von Forschung und Lehre Lüge straft.

 

Wissenschaft erfüllte in der Vergangenheit, sowie aktuell stets auch die Funktion einer gesellschaftlichen Rechtfertigungsgrundlage.  Wenn wir daher sagen, dass wir eine emanzipative Wissenschaft wollen, die einen klaren Gegenpol zur hegemonialen Vorstellung von Forschung und Lehre bildet, so ist dies nicht nur ein Plädoyer für eine realisierte Wissenschaftsfreiheit, sondern auch ein großer Schritt in Richtung einer antikapitalistischen Praxis.
Im deutschen Bildungs- und Wissenschaftssystem wird in der Regel das Wissen der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft, also das der weißen, meist männlichen Wissenschaftler ohne Behinderung oder chronische Erkrankung, vermittelt. Für Perspektiven abseits dieser einseitig ausgerichteten Wissensvermittlung ist weder Raum vorgesehen, noch wird einer zielführenden Diskussion über die Problemherde diskriminierender Strukturen Platz eingeräumt. Diese Tendenz wird durch die Umstellung des Systems der öffentlichen Hochschulfinanzierung hin zu einer Markt-Imitation, in der öffentliche Gelder nach ökonomisch determinierten Leistungsindikatoren vergeben werden, noch verschärft. Es ist wenig überraschend, dass die konservative Strömung der bürgerlichen Wissenschaft vom bürgerlichen Staat bevorzugt behandelt wird und dass die zahlreichen, überwiegend männlich dominierten Gremien, die über Mittelvergabe entscheiden, patriarchale Strukturen unterstützen. Heterodoxen Perspektiven soll so die finanzielle Grundlage entzogen werden.

Wir wollen mit diesem Antrag konkrete Perspektiven entwickeln, die aufzeigen, wie ein Rahmen geschaffen werden kann, in welchem marginalisierte Perspektiven in der Wissenschaft eine Chance auf Entfaltung erhalten können. Es ist jedoch ein naiver Gedanke, dass die seit Jahrhunderten ungleichen Verhältnisse in Forschung und Lehre durch ein paar Gesetzesänderungen grundlegend verändernd werden können. Daher ist es essentiell, dass jungsozialistische Hochschulgruppen  Widerstand gegen die hegemoniale Wissensordnung und ihre einseitig betriebene Vermittlung in der universitären Lehre formulieren, um diesen Konstellationen konkret entgegenzuwirken.  Ziel muss dabei nicht die schnöde Koexistenz heterodoxer Perspektiven nebst orthodoxer Lehrmeinung sein, sondern das Anstreben einer echten Alternative, die bisher kaum berücksichtigte Akteur*innen und deren Blickwinkeln eine Stimme gibt und so ihre Interessen unterstützt. Das Etablieren einer gegenhegemonialen Wissensproduktion kann als ein Schritt verstanden werden, welcher zu dem  Prozess der Überwindung hegemonialer Wissensordnung beiträgt.

 

Postkoloniale Studien – Den Blick (er)öffnen

Die Auswirkungen der Kolonialzeit haben auch heute noch enormen Einfluss auf Gesellschafts-, Denk- und Handlungsstrukturen der Menschen, in kolonialisierten ebenso wie in den kolonialisierenden Staaten. Die globale Unterdrückung im Hinblick auf politische, wirtschaftliche und soziale Entscheidungsprozesse hinterlässt Spuren im Gesellschaftsverständnis aller Menschen. Resultat der Jahrhunderte währenden Vormachtstellung des globalen Nordens über den globalen Süden ist, dass sich diejenigen Kräfte, die insbesondere das europäische und angloamerikanische Wissenschaftsbild formten, also ein Wissenschaftsbild, welches sich überwiegend aus der Weltanschauung weißer, männlicher Wissenschaftler rekrutiert,  massive Auswirkungen auf den Wissenshorizont sämtlicher Bildungseinrichtungen des globalen Südens hat.

 

Diese Vormachtstellung wird durch die bewusst eingenommene postkoloniale Perspektive hinterfragt. Aus postkolonialer Perspektive wird beispielsweise sehr schnell erkenntlich, dass - besonders auffällig - in den Geisteswissenschaften „Europa“ nach wie vor als das theoretische Subjekt eines universell angelegten Theorieverständnisses sehen, welches in weitgehender Unkenntnis über nicht-westliche Kulturen angelegt wurde. Das dadurch vermittelte Bild, in welchem Europa als Ausgangspunkt von Zivilisation in Abgrenzung zu unzivilisierten Gesellschaften gestellt wird, prägte und prägt in eingehender Weise die Repräsentation globaler Diversität. Vor diesem Hintergrund wird die Ökonomie westlicher Staaten als Bemessungsgrundlage der Modernisierung angesehen und andere, nicht-westliche Staaten oftmals als unterentwickelt und primitiv abgewertet.

 

Inhaltliche Scheuklappen lassen sich unterdes auch für ganze Wissenschaftszweige nachweisen. So werden stillschweigend stark verwestlichte Perspektiven zum paradigmatischen Ausgangspunkt weiter Teile der akademischen Lehre gemacht. Der Maßstab an welchem sich jedes weitere Forscher*innenbegehren messen lassen muss, bleibt das eigene System. Dieses wissenschaftliche Vorgehen legitimierte die kolonialen Bestrebungen von Europäer*innen und stellte die sich daran anschließende Ausbeutung, Versklavung und Genozide nicht in Frage.

 

Postkoloniale Studien haben es sich zum Ziel gesetzt, jene als universell angelegten eurozentrischen Leitbilder in Frage zu stellen und die daraus abgeleiteten Gesellschaftsbilder zu dekonstruieren. Im hochschulischen Kontext muss in vermehrter Weise der Fokus auf die Reflexion der vorherrschenden Konzepte, die noch immer von einem stark eurozentrischen Blickfeld geprägt sind, gelegt werden. Dabei muss jedoch auch die schulische und außerschulische Bildung in den Blick genommen werden, denn marginalisierte Perspektiven finden im Schulunterricht oftmals viel zu wenig Gehör. Wenn nur einseitige, eurozentrische Perspektiven vermittelt werden, wird Diskriminierung strukturell produziert und reproduziert.

Dies entspricht nicht unserem internationalistischen Verständnis. Die Möglichkeit, Wissensformen in vielfältiger Art und Weise aufzuzeigen, muss an jeder Bildungseinrichtung gegeben sein!

 

Globale Ungleichgewichte in der Wissenschaft durch die Kommerzialisierung von Bildung weltweit

Durch die Ausweitung des globalen Bildungsmarkts werden Studienangebote von westlichen Universitäten international vermarktet. Zudem werden bei Online-Lehrangeboten Hochschulkurse auch von westlichen Hochschulen (oder von Franchise-Teilnehmern wie z.B. der Weltbank) geliefert, die Sprachen und Kulturen der Länder, in denen diese Kurse angeboten werden, kommen darin nicht mehr vor. Länder des globalen Südens müssen so gegen die Überschwemmung des Bildungsmarkts durch westliche Akteur*innen ankämpfen und sind weniger in der Lage, ihren wissenschaftlichen Nachwuchs an eigenen Hochschulen mit eigenen Programmen auszubilden. Darüber hinaus, kann sich nur ein kleiner Teil der Student*innen die westlichen Programme leisten, woraus eine (Re-)Produktion von Eliten mit westlich geprägten wissenschaftlichen Perspektiven resultiert.

 

Die Eröffnung von Zweigstellen von Hochschulen im Ausland, welche als Academic Franchise-Betriebe geführt werden, trägt dazu bei, dass westliche Hochschulen in Ländern des globalen Südens den Raum einnehmen, westliche Wissenschaftsmodelle durch eigene, oftmals weiße Dozent*innen zu verbreiten. Dabei wird die einseitige, eurozentrische Perspektive abermals reproduziert und wissenschaftliche Homogenität geschaffen, die die hegemoniale Stellung von Weißen weiter festigt.

 

Diese Form der einseitig auf den Profit ausgerichteten internationalen Bildungsmarktausweitung muss kritisiert werden. Diese einseitige Wissensvermittlung muss zugunsten einer ausgewogenen, ausdifferenzierten und wechselseitigen globalen Bildungsvernetzung weichen!

 

Der postkoloniale Blick – auf dem Campus und Überall!

Postkoloniale Studien müssen querschnittsthematisch in allen Studiengängen Gehör finden. Die Lehrangebote der Hochschulen müssen entsprechend verändert werden. Der Blick muss auf aktuelle Disparitäten zwischen globalem Norden und Süden gerichtet werden. Denn die Ausbeutung ganzer Bevölkerungen kann nur durch die Symbiose rassistischer und kapitalistischer Mächteverhältnisse aufrecht gehalten werden. Es bieten sich Ringvorlesungen und/oder spezielle Kolloquiumsreihen an, die im interdisziplinären Rahmen nicht-westliche Perspektiven und die kritische Aufarbeitung westlicher Gesellschaftsvorstellungen in den Fokus setzen. Kolonialisierte Curricula müssen sich einer ständigen Kritik ausgesetzt sehen. Jungsozialistische Hochschulgruppen müssen eine aktive Rolle in der Formulierung konkreter Kritik an Lehrveranstaltungen und der Initiative postkolonialer Veranstaltungsreihen einnehmen. Die Schaffung postkolonialer Awareness ist das Mittel zum Ziel der Überwindung der weißen, bürgerlichen Wissenschaft.

 

Die Allgegenwart der kolonialen Ausbeutung und Versklavung findet sich in noch immer bestehenden Straßen-, Platz- sowie Gebäudebezeichnungen wieder.  In Berlin existiert zum Beispiel noch immer die „Lüderitzstraße“, welche nach dem Kaufmann Alfred Lüderitz benannt ist, der sich durch Betrug und die rücksichtslose Unterwerfung der Bewohner*innen die Kolonie „Deutschsüdwestafrika“ einvernahm.  Auch die Hochschulen Deutschlands sind nicht frei von kolonialer Geschichte. Die Aufarbeitung dieser durch Initiativen zur Umbenennung von Plätzen, Straßen und S- und U-Bahnstationen sowie durch die Umsetzung von Denkmälern trägt dazu bei,  wichtige Positionen der deutschen Erinnerungskultur und in ihrer kolonialen Auseinandersetzung zu formulieren. Dementsprechend muss die Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Wissenschaft und Kolonialismus muss endlich zur Norm an europäischen Hochschulen werden. Die koloniale Geschichte von Hochschulgebäuden lässt sich aufarbeiten und kann einen ersten Anstoß zu einer erinnerungspolitischen Diskussion bieten. Als weitere Methoden der Aufarbeitung lassen sich kritische Hochschulrundgänge und die Errichtung von Denkmälern zur Aufarbeitung von kolonialer Vergangenheit der Hochschulen heranziehen. Auch hier ist die Initiative lokaler Juso-Hochschulgruppen gefragt!

 

Black Studies flächendeckend an die Hochschulen!

Postkoloniale Studien müssen fester Bestandteil in der Hochschullandschaft werden, denn sie nehmen die Vorreiterrolle für Dekolonialisierungsstrategien weltweit ein. Die einseitig koloniale Geschichtsschreibung  muss endlich aufgebrochen werden. Ihr muss die Perspektive der Gruppen, deren Kultur systematisch unterdrückt und ausgelöscht wurde, entgegengesetzt werden. Schwarze und PoC- Erfahrungen müssen in der Wissenschaft repräsentiert sein. Dabei darf die Wissensproduktion schwarzer Geschichte keinesfalls schwarze Wissenschaftler*innen ausschließen. Black-Study-Forschungsgruppen haben nicht den Sinn, Arbeitsplätze für weiße Wissenschaftler*innen zu generieren! Im Gegenteil: Es muss ein institutionalisierter Platz der Wissensproduktion von schwarzen/ PoC- Menschen an den Hochschulen verankert werden. Denn nur wenn ein breit aufgestellter Diskurs gewährleistet ist, können struktureller Rassismus und gesellschaftliche Hierarchien, die aus der Kolonialzeit resultieren, endlich überwunden werden.

 

Zu diesem Zweck muss der Bund unterstützend tätig werden. Wir fordern die Einrichtung einer Bundesstiftung Black Studies, die die bundesweite Vernetzung von Wissenschaftler*innen dieses Fachgebiets unterstützt, Räume autonomen Forschens schafft und Periodika und Fachjournals herausgibt.

 

Lehrinhalte nicht auf alte weiße Männer Beschränken – Privilegien hinterfragen und bewusst machen

Critical-Whiteness bedeutet, die Figur des Weißen in seiner zentralen, normstiftenden Position abrufbar zu machen. Die zentrale Frage lautet, wie Weißsein als unsichtbarer Maßstab das Nicht-Weiße als Abweichung und minderwertige Abstufung darstellt.

 

In der Hochschule zeigt sich die Wissensreproduktion der Weißen in den Literaturverzeichnissen von Seminaren und Vorlesungen. Professor*innen selektieren, welche  Theorien und Methodiken gelehrt werden. Zu selten treffen Student*innen in Seminaren auf wirklich divers aufgestellte Autor*innenlisten; die meisten sind von weißen und männlichen Autoren dominiert. In einigen Fächern wird noch immer ausschließlich der eurozentrische Blick gelehrt, ohne dass eine Reflexion der eigenen Position stattfindet.

 

Dagegen kann der erste Schritt zu einer rassismenfreien Gesellschaft nur gesetzt werden, wenn Menschen über globale Zusammenhänge reflektieren lernen und über eigene Privilegien nachdenken. Die auf einer unbewussten Ebene getätigten rassistischen Aussagen oder Handlungen durch die unausgesprochene Annahme von Weißsein als Norm, muss benannt und in eine kritische Reflexion eingebettet werden. Die Reproduktion bestimmter Klischees durch Farbenblindheit fußt auf rassistischen Ideologien und muss endlich überwunden werden.

 

Die Auseinandersetzung mit den Privilegien, die Weißsein in einer rassistischen Ordnung von Macht bedeutet, muss verpflichtender Teil universitärer Ausbildung sein. Die entsprechende Überarbeitung der Fächercurricula ist bleibende Aufgabe des ganzen Verbands. Die Länder müssen dies dadurch forcieren, dass die kritische Reflexion des Weißseins Bestandteil der Staatsexamina wird.

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