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Internationalismus leben – Solidarität zeigen. Für einen intensiven Austausch mit Ägypten.

  • Wir wollen in engeren Austausch mit unseren Genoss*innen in Ägypten treten die den Kampf um Demokratie und Freiheit trotz aller Widrigkeiten noch nicht aufgegeben haben. Wir werden alle Möglichkeiten untersuchen, die uns eine Delegationsreise nach Ägypten realisieren lassen!

2011 erhoben sich im Zuge des später so genannten „Arabischen Frühlings“ Demonstrationen in Ägypten gegen den Diktator Mubarak, die Korruption in Polizei und Staat und die Folter die in ägyptischen Gefängnissen alltäglich war.

Nun, fünf Jahre später, sitzen die meisten der Revolutionär*innen von damals – Student*innen wie wir – in eben genau jenen Gefängnissen, gegen die sie demonstrierten, während von der erkämpften Demokratie nur noch ein Schein übrig ist. Das Militär, das in Ägypten ohnehin eine große Macht besitzt, da seine Angehörigen die meisten der großen Hotelressorts und Tankstellen ihr eigenen nennen, und somit den Großteil der Einnahmen Ägyptens für ihre privaten Zwecke erhalten, haben nun, in dem Al-Sissi der Staatschef ist weiterhin an Einfluss gewonnen. Die Korruption in der Polizei hat weiterhin zugenommen, unter anderem da ihre Einkommen zu gering sind um davon leben zu kennen, und durch den Wegbruch europäischer Tourist*innen auch die Trinkgelder entfallen. Um dennoch genügend finanzielle Ressourcen für sich und ihre Familie zu haben, erscheint für viele Polizist*innen Korruption eine kaum umgängliche Möglichkeit zu sein. So lassen sie sich beispielsweise von Taxifahrer*innen bestechen, die Straßensperren umgehen wollen, um ihre Fahrgäste am gewünschten Ort abzuliefern. So leiden letztere doppelt.

Es klafft die ohnehin schon große Schere zwischen Arm und Reich, die es in Ägypten in den letzten Jahren immer gegeben hat weiter auseinander. Während sich die wenigen reichen aus Kairo in eine neue Stadt zurückziehen, geht diese Stadt mit seinen mittlerweile offiziell 23 Millionen und inoffiziell 30 Millionen Bewohner*innen in Müllbergen versinkt, weil sich die Bewohner*innen ganzer Quartiere sich das Geld für die Müllversorgung nicht leisten können, und der Luftverschmutzung unter. In den Schulklassen werden zumeist bis zu 60 Kinder gleichzeitig unterrichtet. Dies stellt auch für Lehrer*innen erschwerte Bedingungen dar. Einerseits ist es kaum möglich, in solch großen Klassen guten Unterricht zu geben. Andererseits sind Lehrer*innen durch ihr geringes Gehalt zusätzlich belastet. In den meisten Fällen müssen sie auch nach der Schule noch privaten Nachhilfeunterricht geben, um so ein existenzsicherndes Einkommen zu erhalten. So ist Bildung jenen mit reichen Eltern vorbehalten, die die Möglichkeit haben ihre Kinder auf die weit außen gelegenen bi- und trilingualen Schulen zu schicken, wo, wie sie hoffen, sie alles lernen, was sie brauchen, um im Endeffekt ihr Land zu verlassen und wo anders ein besseres Leben aufzubauen. Für einen durchschnittlichen Studierenden ist es nicht möglich ins Ausland zu gehen. So verlangt beispielsweise Deutschland von Menschen die sich hier niederlassen wollen, dass sie ein Konto von 8000 Euro anlegen, was für die meisten Menschen in Ägypten, selbst jene mit einem guten Gehalt, eine unerreichbare Summe ist. So bleiben die Armen in ihrem Elend zurück, während die Reichen sich zurückziehen. Bedingt durch wirtschaftliches Elend breitet sich nun auch ein immer größer werdender Wertkonservatismus in Ägypten aus, der Frauen*rechte zurücknimmt, die in diesem Land sehr lange sehr fortgeschritten waren. So nehmen Zwangsverheiratungen zu, und die Bildungschancen für Mädchen* gehen zurück, während die Regierung tatenlos zusieht, wie Investoren verzweifelten Menschen, die in der drastisch wachsenden Stadt (teils 10.000 Zuzüge pro Tag) auf der Suche nach einer Wohnung für ihre Familie sind, attraktive Neubauten anbietet, und mit dem Bau derselben in genau dem Moment aufhört, wo die Menschen die letzte Rate aus ihrem hart Ersparten gezahlt haben, so dass sie gezwungen sind ohne Strom und Wasser und Fenster in einem Rohbau zu leben.

Die meisten dieser Entwicklungen finden ihre Ursache in der zurückgehenden Wirtschaft. Die ägyptische Wirtschaft, die bis 2011 kaum nennenswerte Industrie hatte, und hauptsächlich auf den Tourismus ausgerichtet war, bricht zusammen, weil eben jener ausbleibt. Zwar gibt es in letzter Zeit vermehrt Gruppenreisen aus Indien und China, doch helfen diese der einheimischen Bevölkerung kaum, da das Geld das diese Reisenden ausgeben ausnahmslos bei den großen Hotelketten zurückbleibt, da die Reisenden keinen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung haben und in den meisten Fällen auch keinen Wünschen. Die europäischen Tourist*innen, die eher Individualreisen unternommen haben und damit die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung darstellten bleiben aus, weil eine Berichterstattung, die sich nur auf die Katastrophen im Land fokussiert die meisten nachhaltig abgeschreckt hat. Eben weil Islamist*innen und nun auch Al-Sissi soziale Maßnahmen verabschieden um die Bevölkerung zu locken, schieben die meisten Ägypter*innen die Schuld für ihre Lage auf die Versuche der Demokratie und die Revolutionär*innen von 2011, die ihrer Meinung zu folge, für abstrakt akademische Ziele den Wohlstand einer Nation geopfert hätten. Der Wunsch nach Demokratie ist unter jenen, die vom Tourismus leben, also einem gros der Bevölkerung, fast verschwindend gering, und das Fehlen von Freiheiten wird bereitwillig akzeptiert, wenn dafür sich die Wirtschaft erholt. So setzten die meisten nun ihre Hoffnung in eine Diktatur, weil sie hoffen, dass eine Diktatur dem „Westen“ eben jene Stabilität glaubhaft macht, die der Tourismus braucht um in dem Land wieder zu florieren.

Es ist nun wichtiger denn je in einen intensiven Austausch zu treten und die Solidarität zu zeigen die solange nicht zum Ausdruck kam. Es sollen Möglichkeiten gefunden werden, die einer Delegation die Chance gewähren, sich ein Bild zu machen.

Es waren vorwiegend Studierende die die Revolution von 2011 getragen haben, und es sind auch noch heute Studierendenorganisationen, die sich trotz aller Widrigkeiten weiterhin für Demokratie in ihrem Land einsetzten und dafür oftmals Gefängnis und schlimmeres riskieren. Oppositionelle Parteien hatten nach 30 Jahren Diktatur kaum Gelegenheit sich aufzubauen, ehe die Demokratie auch wieder in Brüchen lag. Ein politischer Austausch kann also vorwiegend mit studentischen Organisationen stattfinden. Deswegen sollte es ein besonderes Anliegen der Juso Hochschulgruppen sein diesen Austausch zu suchen.

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