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Fight against gender inequality – von Anfang an

Seit Jahren machen wir Juso-Hochschulgruppen uns gegen jede Diskriminierung aufgrund von Geschlechtern und sexuellen Orientierungen stark, wir haben viel dazu diskutiert und viele gute Forderungen formuliert. Aber wir müssen weiter denken, denn dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, beginnt nicht erst an der Hochschule. In der Kindheit werden die meisten Menschen nach wie vor nach ihrem vermeintlichen „biologischen Geschlecht“ sozialisiert. Damit wird Kindern die Möglichkeit zur freien Entfaltung genommen. Mehr noch: Sie müssen in Zwängen leben, die dadurch entstehen, dass es klare Regeln dafür gibt, was „normal“ ist, wie man sich als Angehörige*r eines konstruierten „vermeintlichen Geschlechts“ zu verhalten und was für eine Form von Beziehung man zu führen hat.

In Baden-Württemberg löste ein Flyer der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) über die Reform des Sexualkundeunterrichts einen massiven Ansturm von „besorgten Eltern“ aus. Die Kinder würden mit den vorgeschlagenen Unterrichtsmodellen zum „Schwulsein“ erzogen werden. Wir stellen uns als queerfeministischer Richtungsverband klar gegen diese und andere reaktionäre,  homophobe und sexistische Thesen.

In einer patriarchalen Gesellschaft gibt es keinen Bereich, in dem Sexismus und Heteronormativität nicht wirkt. Das Aufzeigen dieses Wirkens, die Aufklärung darüber und das Entwickeln von Gegenstrategien, die allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, begreifen wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dennoch kommt den Bildungseinrichtungen dabei eine besondere Rolle zu; insbesondere KiTa und Schule beeinflussen die Entwicklung und demzufolge das Leben eines Menschen immens. Statt dazu beizutragen, dass Menschen in ein Geschlechterkorsett gezwungen werden, sollen Bildungsinstitutionen dazu beitragen, dass sich jeder Menschen unabhängig von der ihm*ihr zugeschriebenen Geschlechterrolle entwickeln kann.

 

Gesellschaft macht Geschlecht

Der Anteil von Frauen in Ingenieur*innenberufen betrug im Jahr 2010 gerade einmal 17%, der Anteil von Männern in Pflegeberufen war im Gegensatz dazu vergleichbar niedrig. Wir sind davon überzeugt, dass es sich nicht am Faktor Geschlecht entscheidet, für welchen Beruf eine Person geeignet ist. Die Zahlen sind jedoch ein Indiz dafür, dass Berufsgruppen stark von gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrollen bestimmt sind, mit der Konsequenz, dass Berufsgruppen mit hohem Männer- und hohem Frauen*-Anteil klar identifizierbar sind. Frauen* sind vor allem in schlechter bezahlten Berufen überrepräsentiert, während Männer sich grundsätzlich in höher entlohnten Arbeitsverhältnissen befinden. Die Annahme, dass Frauen bessere „Veranlagungen“ für die Pflege und Erziehung haben, ist ein sehr altes Klischee, dass vor allem im 19. Jahrhundert dafür genutzt wurde Frauen konsequent aus der Lohnarbeit abseits von Pflege- und Erziehungsberufen rauszuhalten. Heute wird dieses Klischee nach wie vor reproduziert. So ergreifen primär Frauen* den schlechter bezahlten Beruf der Grundschullehrerin* und Männer den besser bezahlten des Gymnasiallehrers. Langfristige Folgen für das Bildungssystem sind u. a. der Professurenmangel im Grundschullehramt, da Frauen* aufgrund von Diskriminierung, Reproduktionsarbeit und Wissenschaftsprekariat besonders häufig keine Habilitation anstreben.

Wenig überraschend kommen Studien zu dem Schluss, dass es primär die Sozialisation durch Familie und Schule ist, die Neigungen zu Fächern und Berufen hervorbringt. Doch die Bildungseinrichtungen tun bisher viel zu wenig, um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Im Gegenteil, denn Lehrer*innen fördern vor allem unbewusst bestimmte Geschlechter in bestimmten Fächern. So kam es bisher, trotz vieler neuer Erkenntnisse, nicht zu einem Aufbrechen der geschlechtsspezifischen Berufswahl. Förderprogramme wie der Girls Day und Boys Day sind ein guter Schritt um Stereotype aufzubrechen, setzen aber erst an, wenn die Sozialisation so gut wie abgeschlossen ist – und kommen damit zu spät.

Denn diese beginnt, was Bildungseinrichtungen betrifft, schon in der KiTa. Sozialisation sorgt für eine gezwungene Anpassung des Geschlechts von Kindern an die Erwartungen, welche die Gesellschaft mit dem biologischen Geschlecht verbindet. Mit der Aufnahme in die KiTa vollziehen Kinder eine entscheidende Entwicklung in ihrer Geschlechtsidentität, denn sie setzen sich bewusst mit dieser auseinander; auch, weil sie spätestens in diesem Kontext mit der Geschlechterrolle, die ihnen zugeschrieben wird, konfrontiert sind. Umso mehr überrascht es, dass in der Erzieher*innenausbildung kein Schwerpunkt auf eine entsprechende Sensibilisierung gelegt wird.

Dass Schüler*innen später Probleme haben, Geschlechterrollen zu reflektieren, verwundert auch beim Blick auf den Biologieunterricht nicht. Die meisten Lehrpläne sind nicht konkret, wenn es darum geht, was in ihnen unter Aufklärung und Sexualkunde verstanden wird. Einige stellen klar die traditionelle Ehe und Familie als die  einzige Lebensgemeinschaft heraus, die förderungswürdig sei. Es bleibt also den Lehrer*innen selbst überlassen, ob sie auch andere Geschlechtsidentitäten und Lebensentwürfe thematisieren. Hierbei handelt es sich um eine drastische Abweichung von der Lebensrealität vieler Menschen. Auch dass im Themenbereich Genetik immer noch die Chromosomensätze XX und XY als „normal“ gelten und alle Abweichungen davon als Krankheiten gezählt werden, diskriminiert Menschen und kann den Ansprüchen eines modernen Biologieunterricht nicht mehr genügen.

Das Problem der fehlenden Sensibilisierung gegenüber der Diskriminierung  verschiedener Geschlechter und sexueller Orientierungen lässt sich auch außerhalb des Biologieunterrichts  nachverfolgen. So werden in den weiteren Fächern kaum feministische und/oder queere Perspektiven auf Themen eingenommen, um bestehende gesellschaftliche Normen und Zuschreibungen kritisch zu reflektieren. Geschichte wurde und wird maßgeblich von weißen Männern gemacht, weil Geschichtsschreibung immer Deutung von Ereignissen ist, und weil die jeweilige Deutungshoheit bei jenen liegt, die gesellschaftlich in der Machtposition sind. Auch im Deutschunterricht wird fast ausschließlich die Literatur weißer Männer behandelt. Diversität sieht anders aus.

Lehrer*innen ist es in den meisten Bundesländern möglich, queerfeministische Perspektiven zu setzen, denn Rahmenpläne sind zum Teil sehr flexibel aufgebaut. Doch schon in der Lehramtsausbildung mangelt es an der dafür nötigen Sensibilisierung. In den Fachwissenschaften werden kaum queerfeministische Themen angeboten, sondern der Einfluss weißer männlicher Theoretiker weiter verstärkt. In Bezug auf die in diesem Kontext notwendig zu erlangenden Kompetenzen für Lehrer*innen bleibt es oft bei der vagen Formulierung, dass Studierende sich der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts bewusst sein sollten.

Solange Lehramtsstudierenden in z. B. Didaktikvorlesungen geraten wird, den Mädchen „Kabale und Liebe“ sowie den Jungen „Wilhelm Tell“ zum Lesen zu geben, bleibt die Überwindung des binären Geschlechtersystems und der damit zusammenhängenden Normen unerreichbar.

 

Handlungsnotwendigkeiten im Bildungssystem – unsere Forderungen

Um Kindern eine individuelle Entwicklung ohne Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung zu ermöglichen, braucht das Bildungssystem umfassende Reformen, die aktuellen Forschungsergebnissen gerecht werden und sich von einem Sexualkundeunterricht der 1960er Jahre verabschieden.

 

Kindertagesstätten (KiTas)

In der Ausbildung von Erzieher*innen fordern wir eine Schwerpunktsetzung auf die Sensibilisierung für die Entwicklung von Geschlechterrollen. Dies soll dazu beitragen, dass die verschiedenen Herkünfte der Kinder und damit zusammenhängend diverse Lebensentwürfe der Eltern gleichwertig behandelt sowie individuelle Geschlechteridentitäten von Kindern anerkannt und deren Entwicklung gefördert wird. Dafür erlernen Erzieher*innen Vermittlungs- und Sozialkompetenzen in der Aus- oder Weiterbildung, die ihnen helfen, in der KiTa Angebote zu schaffen, die Kinder frühzeitig über die Diversität von Geschlechtern und Lebensentwürfen aufklären. Darüber hinaus soll dies Erzieher*innen dazu ausbilden, Kindern bei der Reflexion und Wahrnehmung ihrer Geschlechteridentität neutral zur Seite zu stehen. Erzieher*innen sollen wie auch Lehrer*innen und Hochschullehrer*innen bezüglich geschlechtergerechter Sprache geschult werden.

 

Schule

Für die Schule fordern wir eine grundlegende Reform des Sexualkundeunterrichts. Dafür sollen in Fachrahmenplänen grundlegende Regelungen formuliert werden, die vor allem Biologielehrer*innen – aber auch alle anderen Fachlehrer*innen – dazu verpflichtet, Diversität zu thematisieren, ohne eine Priorisierung auf bestimmte Lebensentwürfe vorzunehmen. Sie beugen mit ihrer Arbeit Diskriminierung vor, in dem sie von der konstruierten heteronormativen Zweigeschlechtigkeit abrücken und die Vielfalt sowie die soziale Konstruktion von Geschlechtern  betonen und darstellen. Im Themenbereich Genetik werden andere Chromosomenzusammensetzungen nicht mehr als Krankheit behandelt.

Wir fordern weiterhin, dass bei allen Inhalten von Lehrplänen eine queerfeministische Perspektive eingebracht wird. Jeder Lerninhalt ist neben der Prüfung auf Lebenswelt- und Gegenwartsbezug auch auf die Bedeutung für Frauen* hin zu prüfen. Lehrer*innen setzen sich außerdem in der Klasse für Minderheiten eines Geschlechts gegenüber Mehrheiten ein und schützen deren Interessen.

Alle Schulbücher müssen auf (hetero-)sexistische Inhalte geprüft und im betreffenden Fall ausgetauscht werden. Im Zuge dieser Überarbeitung soll auch auf andere Diversitätsskategorien geachtet sowie die Konstruktion von Geschlechtern thematisiert werden.

Auch Lehrer*innen müssen für die Benutzung von Beispielen sensibilisiert werden, die sexistisch sind und Menschen diskriminieren. Dafür und für die Sensibilisierung gegenüber weiterer Diskriminierung im Schulsystem sollen Lehrer*innen Fortbildungen besuchen, die sie auf eine gendersensible Arbeit vorbereiten. Neben allgemeinem Sexismus ist auch die Diskriminierung von LSBTTIQ leider immer noch ein fester Bestandteil des Schulalltags. Es ist nicht hinnehmbar, dass z.B. „schwul“ ein weit verbreitetes Schimpfwort auf Schulhöfen ist und Schüler*innen aus Angst vor Mobbing nicht offen mit ihrer Identität umgehen können. Auch in diese Richtung müssen Lehrer*innen sensibilisiert werden, um gegen solche Verhaltensweisen und Denkformen vorgehen zu können.

Der Schulsport ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Schulalltags. Er dient dazu, sportliche Akzeptanz, Rücksichtnahme, Gesundheit und Bewegung der Schüler*innen zu fördern. Es ist daher notwendig, den Sportunterricht für all Geschlechter und auch körperlich benachteiligten Menschen zu öffnen.

 

Hochschulen

Für die Hochschulen fordern wir im Lehramtsstudium eine Sensibilisierung durch explizit auf das Thema Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung spezialisierte Kurse. Dadurch kann der unbewussten Förderung bestimmter Geschlechter vorgebeugt werden.

In den Fachwissenschaften fordern wir schon länger eine Diversität der Inhalte und die Einbringung queerfeministischer Perspektiven. Das Gleiche muss für die Fachdidaktik gelten, deren Forschungsstand auf dem Gebiet aktuell von reiner Feststellung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern bis hin zur Vorbeugung von Diskriminierung reicht. Uns reicht die rein empirische Feststellung von Unterschieden nicht, wir fordern eine Aufarbeitung der Ursachen dieser sehr holzschnittartig dargestellten Unterschiede und der darauf ausgerichteten Didaktik. Wir halten diese Unterschiede als der Teil Sozialisation für konstruiert und diskriminierend.

In den Bildungswissenschaften fordern wir, dass das Thema präsenter wird. Es reicht nicht, die Diskriminierung wegen des Geschlechts und der sexuellen Orientierung in einem Nebensatz des Lehrangebots zu erläutern. Es sollten Kurse, Vorlesungen, Workshops und Diskussionsrunden für Studierende angeboten werden, die die geforderte Sensibilisierung leisten können. Diese Angebote müssen zum Teil verpflichtend sein. Darüber hinaus soll es auch für bereits beschäftigte Lehrer*innen ein breites Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen geben.

Auch strukturell muss das Thema an der Hochschule umgesetzt werden. Deswegen fordern wir die gezielte Förderung von Männern* im Grundschullehramt sowie die Förderung von Frauen* im Gymnasialzweig, damit struktureller Sexismus aufgebrochen wird und das verschiedene Lehrämter für Personen attraktiver werden. Auch wenn wir generell die starre Einteilung in Lehramtsstudiengänge ablehnen, muss diese Forderung gestellt werden, da eine Spezialisierung auch bei einer Auflösung der starren Einteilung noch angeboten werden sollte.

 

Bund und Länder

Damit die genannten Forderungen in Schule und Hochschule umgesetzt werden können, müssen in Schulgesetzen die Themen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und Diversität als Schwerpunkte aufgenommen werden. Auch die Rahmenpläne der Bildungsministerien sollen diese Fokusnahme vollziehen. Außerdem fordern wir, die Passagen zur besonderen Förderung des Ehemodelles und der Familie restlos aus den Schulgesetzen zu streichen.

Auch die Kultusministerkonferenz [sic!] (KMK) muss ihre Standards für die Lehrer*innenbildung überarbeiten und zu dem beschriebenen Berufsbild den Punkt hinzufügen: „Lehrer*innen sind sich ihres Einflusses auf die Sozialisation bewusst und gehen gegen die Diskriminierung und einseitige Förderung aufgrund des Geschlechts vor. Außerdem vermitteln sie durch ihre Sprache und Handlungen die Diversität von Geschlechtern.“

Wir fordern weiterhin, dass Erziehungsberufe auch finanziell aufgewertet werden. Die Gehälter von Lehrer*innen in allen Lehramtsbereichen müssen auf das gleiche Niveau angehoben werden. Eine niedrigere Bezahlung des Grund- und auch Sonderschullehramts ist unzulässig und hat nur zur Abwertung dieser Lehrämter geführt.

Außerdem müssen Frauen* aufgrund der genannten Diskriminierung im Wissenschaftssystem im Bereich der Promotionen und Habilitationen durch Förderprogramme aus Bund- und Ländermitteln unterstützt werden, damit die Zahl der Abschlüsse von Frauen* in allen Lehrämtern wieder steigt.

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