Inhalt


Sexismus bekämpfen – Polizei sensibilisieren

Für viele Menschen sind Sexismus und sexualisierte Übergriffe leider immer noch Teil ihres Alltags. Viele der Übergriffe werden dennoch nicht zur Anzeige gebracht. Dass von Sexismus & sexualisierter Gewalt Betroffene keine Anzeige über den Vorfall erstatten, hat unterschiedliche Gründe. Einer ist der unzureichende Rechtsschutz der sexuellen Selbstbestimmung, der auch nach der anstehenden Reform des Sexualstrafrechts nicht dem Kredo „Nein heißt Nein“ entsprechen wird. Die emotionale Belastung und die drohende Abwärtsspirale in Folge des falschen Umgangs mit Betroffenen, den emotionalen Druck und der ständig erzeugten Rechtfertigungslage kombiniert mit den verschwindend geringen Aussichten auf eine Verurteilung des Täters führen nicht nur dazu, dass juristische Verfahren wenig lohnend erscheinen, sondern sind häufig sogar gefährlich für den langsamen und sensiblen Prozess der persönlichen Stabilisierung. Der unsensibilisierte Umgang mit Betroffenen beginnt bereits auf dem Polizeirevier. Um Betroffene bei Anzeigen zu unterstützen, müssen in größeren Polizeipräsidien entsprechend geschulte und sensibilisierte Ansprechpartner*innen bereitgestellt werden. Die Beamt*innen sollen zusätzlich für den Umgang mit LGBT*IQ-Menschen (Lesben, Gays, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queers) und Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden. Beamt*innen, die in diesen Bereichen bereits Erfahrungen haben, sollen bei der Einstellung besonders berücksichtigt werden.

Analyse:

Durch die Vorfälle der Silvesternacht in Köln, wurden viele daran erinnert, was eigentlich schon immer klar war, aber von vielen ignoriert oder als unwahr abgetan wurde: Sexismus und sexualisierte Übergriffe sind nach wie vor fester Bestandteil und treten nach wie vor in besonderem Maße bei Großveranstaltungen, wie Silvester, Fastnacht oder Oktoberfest, aber auch kleineren lokalen Veranstaltungen in Erscheinung. Doch zu glauben, die Geschehnisse der letzten Zeit seien „bedauerliche Einzelfälle“ ist genauso falsch, wie der Gedanke Geflüchtete seien für diese Übergriffe der Ursprung oder ähnliches. Vielmehr ist Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem, das in allen sozialen, kulturellen oder anderen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt. Dies äußert sich beispielweise in gehäuften Vorfällen bei Veranstaltungen, in denen auch die Masse an Menschen für Täter Schutz bietet, als auch in der zunehmenden Existenz von sogenannten „Pick-up-Artist“, die insbesondere Frauen* objektivieren und teilweise sogar für die Legalisierung von Vergewaltigungen eintreten. Vor allem äußert sich der Sexismus für viele Menschen aber am Arbeitsplatz, an der Hochschule, im Einkaufszentrum, in sexistischer Werbung und im gesamten Alltag.

Alltagssexismus drückt sich nicht nur symbolisch und in der Sprache, sondern ganz konkret in bspw. dem Gender-Pay-Gap und vor allem auch in sexualisierten Übergriffen aus. Aus verschiedenen Studien geht hervor, dass mehr als jede zweite Frau schon einmal Ziel von sexueller Belästigung, sexueller Nötigung, einer Vergewaltigung oder anderer sexualisierter Gewalt war. Dennoch werden lediglich ca. fünf Prozent dieser Übergriffe zur Anzeige gebracht. Auch nach den Vorfällen in der vergangenen Silvesternacht gingen zu erst wenige Anzeigen bei der Polizei ein, bis viele durch die Berichterstattung Ermutigte ebenfalls Anzeige erstatteten. Die Gründe für ein Nicht-Anzeigen sind oftmals die gleichen. Die von den Übergriffen Betroffenen haben Angst vor Stigmatisierung, fühlen sich Ohnmächtig und müssen befürchten, dass das eigene Umfeld ihnen eine Mitschuld unterstellt. Die Tatsache, dass die Täter zumeist Bekannte aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen sind, steigert die Hemmung vor einer Anzeige zusätzlich.

Sexualisierte Übergriffe sind in erster Linie Ausdruck von Macht.  Die geringe Anzahl an Anzeigen führt dazu, dass viele Taten ohne Konsequenzen bleiben, Täter sich in ihrer Machtposition bestätigt fühlen und oft zu Wiederholungstätern werden. Um diesem Zustand entgegenzuwirken, ist es notwendig, die Betroffenen bei der Erstattung von Anzeigen zu unterstützen. Eine Möglichkeit der Unterstützung ist die Schaffung von Strukturen, die den Betroffenen die Kommunikation mit der Polizei erleichtert und fördert. Der erste Schritt in diese Richtung ist die Einrichtung der „Opferschutzbeauftragten“ und der „Ansprechpartner für Menschen in gleichgeschlechtlicher Lebensweise“ wie es beispielsweise am Polizeipräsidium Frankfurt der Fall ist. Zwar ist die Einrichtung besonderer Ansprechpartner*innen grundsätzlich zu begrüßen, doch fehlt den „Ansprechpartnern für Menschen in gleichgeschlechtlicher Lebensweise“ nach eigener Aussage eine besondere Ausbildung oder Schulung. Für den Umgang mit Betroffenen ist eine Schulung und Sensibilisierung jedoch unbedingt notwendig. Hinzu kommt, dass der von der schwarz-grünen Landesregierung ausgewählte Name für die Ansprechpartner*innen völlig fehl geht. Der Name verkennt beispielsweise, dass Trans*personen noch viel öfter Ziel von Übergriffen sind. Gerade auf Grund der Betroffenheit der Minderheit der Transsexuellen, steigt das Erfordernis von Schulungen und Sensibilisierungen in diesen Bereichen. 

Eine weitere Gruppe, die bei diesem Thema bisher größtenteils unberücksichtigt geblieben ist, ist die Gruppe der Menschen mit Behinderung. Menschen mit bestimmten Einschränkungen sind oftmals den Tätern wehrlos ausgeliefert. In letzter Zeit sind vermehrt Vorfälle bekannt geworden, bei denen Pfleger oder Vorgesetzte in Behinderten-Werkstätten und Pflegeheimen von Helfern zu Tätern geworden sind. Auch hier ist die Dunkelziffer an Übergriffen wahrscheinlich weitaus höher als die Anzahl der tatsächlichen Anzeigen. Selbst wenn die Betroffenen Anzeige erstatten möchten, werden sie oft daran gehindert, da ihnen nicht geglaubt wird oder sie dabei auf Hilfe angewiesen sind. Es ist also notwendig die Ansprechpartner*innen der Polizei auch in dieser Hinsicht zu schulen und zu sensibilisieren.

Zurück