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Wider das Vergessen: Einführung von Lehrstühlen zur Holocaustforschung an allen Hochschulen

In vielen anderen Ländern (USA, Schweden, Polen, Österreich und in den Niederlanden[1]) existieren an Hochschulen bereits Lehrstühle für Holocaustforschung, während dies in der Bundesrepublik bisher nicht der Fall ist. Die Arbeit von Einrichtungen im Wissenschaftsbereich zur Holocaustforschung in der Bundesrepublik, wie die des Instituts für Zeitgeschichte in München und des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt, ist ebenso wertvoll wie notwendig. Doch eine stärkere Verankerung der Holocaustforschung in der Lehre, vor allem über das Fach Geschichte hinaus und interdisziplinär, ist unabdingbar. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist es die Verantwortung der BRD, alles zu tun, um das Geschehene im Bewusstsein der Menschen zu halten und um der Zukunft willen zu ergründen, wie es passieren konnte, um eine Wiederholung vergleichbaren Grauens zu verhindern. 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wird nun auch in der Bundesrepublik erstmals ein Lehrstuhl, der sich explizit der Holocaustforschung widmet, eingerichtet.

Lehrstuhl für Holocaustforschung in Frankfurt

Ab dem 1. Januar 2017 wird es an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main einen Lehrstuhl für Holocaustforschung geben, nachdem dies lange, insbesondere vom Fritz Bauer Institut Frankfurt am Main und anderen wissenschaftlichen Institutionen, die sich mit Holocaustforschung beschäftigen, gefordert wurde. Angesiedelt sein wird dieser Lehrstuhl im Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften. Darüber hinaus wird die ordentliche Professur am Historischen Seminar der Goethe-Uni mit der Stelle des*der Direktor*in des Fritz Bauer Instituts verbunden sein. Das Fritz Bauer Institut versteht sich als „interdisziplinär ausgerichtete, unabhängige Forschungs-, Dokumentations- und Bildungseinrichtung zur Geschichte und Wirkung des Holocaust und ist als An-Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main assoziiert“[2]. Durch die enge Verbindung zum Fritz Bauer Institut ist ein Wirken des Lehrstuhls über die Goethe-Uni hinaus, auch in die Gesellschaft und Öffentlichkeit hinein, sichergestellt. Die Aufgaben der Professur sind die „umfassende historische Erforschung der nationalsozialistischen Massenverbrechen - insbesondere des Holocaust - und ihrer Wirkungen bis in die Gegenwart. Die verantwortliche Mitwirkung in bestehenden und künftigen Forschungsverbünden des Fritz Bauer Instituts, des Historischen Seminars und der Universität sowie in der akademischen Selbstverwaltung wird erwartet.“[3]

Finanzierung des Lehrstuhls

Die Realisierung des Lehrstuhls wird auch dadurch ermöglicht, dass das Land Hessen diesen jährlich mit 150.000€[4] fördert und so die Goethe-Universität entlastet. Gerade in Zeiten in denen Hochschulen mit finanziellen Kürzungen und Sparzwängen kämpfen müssen, stellt eine Unterstützung durch das Land einen enormen Anreiz dar, Professuren dieser Art zu etablieren. Neben den 150.000€ unterstützt das Land Hessen das Fritz Bauer Institut zusätzlich mit 350.000€ im Jahr, sodass der*die zukünftigen Inhaber*in der Professur insgesamt eine halbe Million Euro zur Verfügung stehen, um zu forschen, zu lehren und in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken. Dabei ist es besonders erfreulich, dass so keine Drittmittel für die Professur eingeworben werden müssen und die Unabhängigkeit der Professur gewährleistet ist.

„Wir können es nicht verstehen. Aber wir können und wir müssen verstehen, woher es entsteht, und wir müssen wachsam bleiben.“ (Primo Levi)

Dieser Satz des italienischen Schriftstellers Primo Levi, der Auschwitz überlebte, macht deutlich, weshalb eine tiefere Verankerung der Holocaustforschung in der Lehre notwendig ist. In Zeiten eines Studiums, das immer mehr an der heutigen Form von Schule orientiert und durch Regelstudienzeiten, Anwesenheitspflichten und finanzielle Zwänge bestimmt ist, bleibt für Studierende oft nicht mehr die Möglichkeit, sich mit Themen, die nicht in ihrer Prüfungsordnung stehen, zu beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit den Grauen des Holocaust, aber auch den Strukturen des gesamten nationalsozialistischen Deutschlands und dessen Wirkung und Kontinuitäten, die bis heute andauern, sollte jedoch einen Grundsatz von Bildung darstellen. Theodor W. Adornos Feststellung, „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen", gilt unumstritten heute wie damals und macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust jeder Bildung, deren Ziel die Mündigkeit der*des Einzelnen ist, immanent sein muss. Eine Professur, die sich ausschließlich mit den Systematiken und Auswirkungen des Holocaust beschäftigt, wird nicht nur die Forschung in diesem Bereich weiter voran bringen, sondern dient auch dazu, das Bewusstsein von Studierenden, aber auch Lehrenden, für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Allgemeinen und dem Holocaust im Besonderen zu stärken und darüber hinaus die Notwendigkeit der Beschäftigung mit heutigen rechten Tendenzen und Antisemitismus zu verdeutlichen.

Wir fordern:

  • Die Einführung von Lehrstühlen zur Holocaustforschung an allen Hochschulen der Bundesrepublik, an denen ein Fachbereich der Geschichtswissenschaft, Humanwissenschaften (Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Psychologie, Lehramt, etc.) oder Sozialwissenschaft, insbesondere der Politikwissenschaft, Soziologie existiert. Ein solcher Lehrstuhl soll die Verbindung der Hochschule mit dem Holocaust und Kriegsverbrechen untersuchen.
  • Dort, wo Einrichtungen wie das Fritz Bauer Institut, die im Bereich der Holocaustforschung tätig sind, existieren, sollen diese eng mit dem Lehrstuhl verbunden sein.
  • Um eine globale Perspektive auf den Holocaust zu ermöglichen, soll bei der Besetzung der Professuren auf Internationalität geachtet werden. Bei der Besetzung soll darüber hinaus auf Genderdiversität geachtet werden
  • Die Lehrstühle zur Holocaustforschung sollen zwar falls vorhanden am Fachbereich der Geschichtswissenschaften angesiedelt sein, aber interdisziplinär wirken, sodass Veranstaltungen des Lehrstuhls für Studierende aus allen Fachrichtungen belegbar sind. Darüber hinaus müssen alle Studierenden, interdisziplinär, für das Belegen von Veranstaltungen am Lehrstuhl für Holocaustforschung Credit Points erhalten.
  • Die Finanzierung der Lehrstühle soll sich am Beispiel Frankfurt orientieren und anteilig durch Hochschulen und Länder geschehen. Darüber hinaus soll auch der Bund an der Finanzierung beteiligt werden.


[1]welt.de/politik/deutschland/article144340798/Erster-deutscher-Lehrstuhl-zum-Holocaust-geplant.html

[2]uni-frankfurt.de/45303004/fb08

[3]uni-frankfurt.de/45303004/fb08

[4] wissenschaft.hessen.de/presse/pressemitteilung/finanzierung-der-ersten-holocaust-professur-deutschlands-gesichert

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