Inhalt


Gute Beratung an Hochschulen – auch im sozialen Bereich!

Geht es darum, Studienanfänger*innen zu gewinnen, investieren viele Hochschulen in Erstberatung und Selbstvermarktung. Innerhalb des Studiums sind die Angebote an Studien- oder Karriereberatung häufig auch gut ausgebaut. Diese orientieren sich dabei aber meist am neoliberalen Zeitgeist. Alles, was die Verwertbarkeit der Studierenden auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen scheint, wird gerne angeboten. Es zählt, die eigene Leistung zu steigern und neben dem durch Modulpläne und Anwesenheitspflichten geprägten Studium noch möglichst viele Soft Skills zu erlangen.

Eine solche Beratung, die sich nur an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiert und die Studierenden mit ihren alltäglichen Sorgen allein lässt, lehnen wir ab. Denn auch das Leben neben dem Studium muss organisiert werden. Insbesondere all jene, die nicht auf die Erfahrungen ihrer Eltern aufbauen können, da sie als erste in ihrer Familie studieren, sind hier im Nachteil. Angesichts der Tatsache, dass nach wie vor etwa drei Viertel aller Akademiker*innenkinder ein Studium aufnehmen, während es bei allen anderen nur ein Viertel sind, zeigt, dass sich dringend etwas tun muss. Der Hochschulzugang darf weder vom Geldbeutel, noch vom Erfahrungsschatz der Eltern abhängen.

Ein wichtiger Schritt ist daher die Bereitstellung guter nachhaltiger und vor allem bedarfsorientierter Beratungsangebote im sozialen Bereich. Zwar bildet das Studium selbst laut einer Studie im Auftrag des DSW aus dem Jahr 2013 den größten wahrgenommenen Stressfaktor, dicht gefolgt jedoch von Arbeit und finanzieller Situation. Für viele Studierende kommen zudem noch besondere Bedarfe hinzu, zu denen sie Informationen benötigen. Obwohl sich viele Informationen bereits auf anderen Wegen zusammentragen lassen, ist eine persönliche Beratung häufig hilfreich. Ist die Ausgangslage zum Beispiel sehr individuell, ist eine Beratung durch entsprechende Fachpersonen zielführender. Gleiches gilt für sehr persönliche Probleme oder solche im Zusammenhang mit (psychischen) Erkrankungen. Wir fordern daher eine Beratung die sowohl bestimmte Qualitätsmerkmale erfüllt als auch ein breites Angebot zur Verfügung stellt.

Studierendenschaften, Hochschulen, Hochschulklinika, Studierendenwerke, Eigeninitiativen und weitere Akteur*innen bieten an den Hochschulen Beratungen an. Die Vielfalt der Perspektiven ist in der Regel eine Chance und bietet größere Wahlfreiheit für Studierende, die Hilfe suchen. Problematisch wird die Beratungsvielfalt, wenn Ratsuchende zwischen den einzelnen Stellen hin und her geschickt werden und niemand weiß, welche Beratung die jeweils anderen bieten. Diese unnötige Bürokratie kostet Zeit und führt dazu, dass Beratungsangebote letztendlich gar nicht wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass Beratung auch von Sachbearbeiter*innen, die für sensible Themen nicht geschult sind, und in Räumen durchgeführt wird, in denen keine Vertraulichkeit gewährleistet ist. Schließlich fehlt es an manchen Hochschulen überhaupt ganz grundsätzlich an Angeboten. Insgesamt gilt es daher, die Qualität und Rahmenbedingungen von Beratung im sozialen Bereich zu verbessern.

Der Weg hin zu echten Veränderungen bei Themen wie Studienfinanzierung, Wohnen oder Inklusion ist noch lang, doch wir sind unterwegs. Für einige Probleme, die in einem Moment noch das gesamte Studium zu bedrohen scheinen, können durch die richtige Beratung Lösungen gefunden werden. Wir wollen daher sowohl für bessere Rahmenbedingungen als auch für eine bessere Beratung im Rahmen der aktuellen und kommenden Regelungen kämpfen. Erhebungen des Beratungsbedarfs und der drängendsten Probleme der Studierenden können außerdem einen Hinweis darauf liefern, wo es noch große Baustellen gibt. Dementsprechend müssen auf den verschiedenen Ebenen Instrumente geschaffen werden, die Raum für Austausch bieten und es ermöglichen, Erfahrungen zu bündeln. Am Ende muss eine bessere Studiensituation aller als Ziel stehen.

Koordiniert und kompetent – Merkmale guter Beratung

koordiniert

Um zu verhindern, dass Studierende mehr Zeit auf der Suche nach dem richtigen Angebot als in der eigentlichen Beratung verbringen, muss es eine zentrale Einrichtung an den Hochschulen geben, die Erstanlaufstelle für alle Probleme ist. Diese kann neu eingerichtet werden oder, sofern sie bereits existiert, weiter verbessert werden. Die Erstanlaufstelle soll den Studierenden genau Auskunft darüber geben können, wo sie von wem zu welchen Themen beraten werden können. Ziel soll es sein, Fragen oder Probleme nach nur einer Weiterleitung zu klären. Für diese Institutionen gilt es, den Kontakt zu den einzelnen Beratungseinheiten zu halten und über Änderungen bei Zuständigkeiten und Beratungsthemen informiert zu sein. Weiter sollten alle Stellen darüber informiert werden, wer und unter welchen Gesichtspunkten in ähnlichen Bereichen berät. Statt einer Konkurrenzsituation, in der jede Beratungsstelle um die größtmögliche Anzahl an zu beratenden Studierenden kämpft, soll es eine koordinierte Beratung im Sinne der Studierenden geben.

unabhängig und sachlich

In der Beratung sind viele unterschiedliche Institutionen tätig. Für alle muss jedoch gelten, dass das Wohl der Studierenden und nicht des*der Berater*in oder der entsprechenden Institution im Mittelpunkt steht. Gute Beratung bemüht sich, alle Möglichkeiten gleichermaßen und ohne Beeinflussung aufzuzeigen und den Hilfesuchenden die Entscheidung zu überlassen, welchen Weg sie einschlagen möchten. Wichtig ist dabei auch eine sachliche und vor allem eine an nicht kommerziellen Zielen orientierte, sondern ehrliche Beratung.

flexibel

Das Beratungsangebot muss für alle barrierefrei zugänglich sein. Insbesondere die erste Anlaufstelle sollte zentral gelegen und mit dem ÖPNV gut und barrierefrei erreichbar sein. Außerdem müssen die regulären Öffnungszeiten so gestaltet sein, dass möglichst viele Personengruppen sie wahrnehmen können. Daher sollten Öffnungszeiten an Betreuungs- und Vorlesungszeiten angepasst sein. Darüber hinaus sollte es die Möglichkeit geben, barrierefrei und flexibel und einfach Termine zu vereinbaren.

sensibel und vertraulich

Da Themen, wie beispielsweise psychische Erkrankungen, gesellschaftlich weitestgehend tabuisiert werden und Probleme im Studium aufgrund des vorherrschenden Leistungsgedankens sehr unangenehm sein können, fällt es Betroffenen oft schwer zu kommunizieren, dass sie an einem Punkt angelangt sind, an dem sie externe Hilfe benötigen. Damit sich alle Hilfesuchenden trotzdem trauen können, Beratung zu suchen, muss die Vertraulichkeit unbedingt gewährleistet werden. Dazu gehört, dass ausreichend Beratungsräume zur Verfügung stehen und Probleme nicht im vollbesetzten Großraumbüro besprochen werden müssen. Wichtig ist auch der Datenschutz, der sowohl für digitale als auch für analoge Daten gewährleistet sein muss. Es gilt außerdem, alle Beratenden in regelmäßigen Abständen auf die mitunter schwierigen Situationen der Ratsuchenden vorzubereiten. Sachbearbeiter*innen sind häufig nicht dafür geschult, mit komplizierten persönlichen oder familiären Situationen konfrontiert zu werden. Um sie dafür zu sensibilisieren und so den Studierenden eine angemessene Beratung zu ermöglichen, müssen alle, die beratend tätig sind, ausreichend geschult sein.

kompetent

Sucht man eine Beratungsstelle auf, möchte man Informationen erhalten, die über das Basiswissen, welches man in Broschüren finden kann, hinausgehen. Entsprechend sollten Beratende bemüht sein, auch für komplexere Themen eine Lösung zu finden. Dazu gehört auch, dass die entsprechende Fachliteratur vorhanden ist. Bevor an die nächste Beratungsstelle verwiesen wird, sollte außerdem die Möglichkeit genutzt werden, einen zweiten Termin zu vereinbaren und die fehlenden Informationen in der Zwischenzeit zu recherchieren. Um eine wirklich kompetente Beratung zu gewährleisten, müssen außerdem Mittel zur Verfügung stehen, um an Weiterbildungen durch qualifizierte Personen und Vernetzungstreffen teilnehmen zu können. Ändert sich die Gesetzeslage grundlegend, sollten entsprechenden Fortbildungen verpflichtend sein.

kostenlos

Ein inklusives Beratungsangebot für Studierende muss immer kostenlos sein. Das gilt für alle Beratungsformen. Für Sozialberatung, psychologische Beratung und auch für rechtliche Erstberatung dürfen keine Gebühren erhoben werden.

individuell

Die Form der Beratung sollte für die Ratsuchenden frei wählbar sein. Sie sollte telefonisch, persönlich und online möglich sein. Außerdem muss es die Möglichkeit geben, den*die Berater*in zu wechseln, sofern man sich unwohl in der Kommunikation mit einer Person fühlt. Es darf kein abzuarbeitendes allgemeingültiges Schema in der Beratung geben. Gute Beratung geht auf den*die Einzelne*n und ihre*seine Fragen und Probleme ein.

ohne Zeitdruck

Fragen und Anliegen sind sehr individuell. Steht der*die Beratende unter wahrnehmbarem zeitlichem Druck, kann eine vertrauensvolle Beratung nur schwer funktionieren. Daher muss ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Um Wartezeiten zu verkürzen, bietet sich darüber hinaus eine vorherige vertrauliche Terminvergabe bei bestimmten Angeboten an. Insgesamt gilt es jedoch auch Arbeits- und Pausenzeiten der Beratenden einzuhalten und gute Arbeitsbedingungen sowie eine gute Bezahlung sicherzustellen.

offen

Die klassische Beratung vor Beginn des Studiums bezieht sich häufig ausschließlich auf die Fächerwahl. Ob ein Studium aufgenommen wird oder nicht, hängt jedoch auch mit anderen, zum Beispiel finanziellen Fragen zusammen. Um hier alle Möglichkeiten aufzuzeigen und einer möglichst großen Gruppe von Menschen ein Hochschulstudium zu ermöglichen, muss eine solche Beratung auch Studieninteressierten offen stehen.

international

Beratung sollte nicht nur für Studierende zugänglich sein, die Deutsch sprechen. Eine englischsprachige Beratung muss überall vorhanden sein. Auch in diesem Bereich sollen Berater*innen entsprechende Fortbildungen erhalten können. Außerdem sollte es Informationen zu den Beratungsangeboten und grundlegende Broschüren in weiteren Sprachen geben.

gendersensibel

Die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht beeinflusst viele Bereiche unseres Lebens. Gute Beratung muss die Rahmenbedingungen der konstruierten Zweigeschlechtlichkeit im Hinterkopf behalten und dementsprechend sensibel agieren. Die Genderperspektive muss auch auf inhaltlicher Ebene Teil der Beratung sein und kritisch reflektiert werden.

Breit aufgestellt und kompetent – Beratungsbereiche

Ein gutes Beratungsangebot im sozialen Bereich muss vielfältig sein und soll besonders den Bedürfnissen von Studierenden mit schwierigeren Ausgangsvoraussetzungen begegnen. Die verschiedenen Institutionen sind aufgerufen, ein möglichst breites Spektrum an Beratung zu etablieren, das aber mindestens folgende Bereiche abdeckt.

Studienfinanzierung

Dieses Gebiet ist das größte und vielfältigste. Es deckt alle grundlegenden Themen studentischen Lebens ab. An erster Stelle steht hier die Beratung zur Finanzierung selbst, da mangelnde finanzielle Ressourcen aufgrund des unzureichenden BAföG eines der größten Probleme von Studierenden darstellen. Über 40 Prozent von ihnen verbinden ihre finanzielle Situation mit starkem Stress. Gleichzeitig handelt es sich hierbei um einen der häufigsten Gründe, aus dem noch immer das Studium abgebrochen wird. Beraten werden muss also über alle Möglichkeiten der Studienfinanzierung. Im Mittelpunkt sollte die Möglichkeit stehen, Gelder nach dem BAföG zu erhalten. Darüber hinaus muss aber auch über die Möglichkeiten studentischer Lohnarbeit informiert werden. Hier zählt es, auf die Rechte von Studierenden als Arbeitnehmer*innen hinzuweisen, denn leider erhalten sie zum Beispiel noch nicht überall den gesetzlichen Mindestlohn.
Eng verknüpft mit der Finanzierungsfrage ist die nach Versicherungen. Egal ob Kranken- Haftpflicht- oder Unfallversicherung, auch hier muss für Studierende in ihren jeweiligen Lebenssituationen Klarheit geschaffen werden können.

Wohnen

Studentischer Wohnraum, vor allem auch barrierefreier Wohnraum, ist knapp und häufig überteuert. In einigen Fällen sind Mieten jedoch unzulässig hoch oder es sind Mietminderungen aufgrund verschiedener Mängel möglich. Über die eigenen Rechte in diesem Bereich im Einzelfall informiert zu sein, kann den studentischen Geldbeutel deutlich entlasten. Eine Zusammenarbeit mit dem Mieter*innenschutzbund, die an einigen Standorten bereits etabliert ist, bietet sich daher an.

Studieren mit besonderen Ausgangsvoraussetzungen

Studierende mit Kind oder pflegebedürftigen Angehörigen benötigen passgenaue Beratung, um die Vereinbarkeit ihrer familiären Verpflichtungen mit dem Studium managen zu können. Hier ist es wichtig, dass die zuständige Stelle über möglichst alle Bereiche zumindest einen Überblick geben kann, so dass Studierende nicht alle Fragen an verschiedenen Orten abklären müssen.

Auch für beeinträchtigte und/oder chronisch erkrankte Studierende sollte es eine Beratung aus einem Guss geben, die die meisten Lebensbereiche, für die zum Beispiel Nachteilsausgleiche geltend gemacht werden können, abdeckt.

Gleichstellung und Antidiskriminierung

Studierende aller Geschlechter sollen die Möglichkeit erhalten, sich über Gleichstellungsaspekte zu informieren und in konkreten Diskriminierungsfällen Beratung zu erhalten. Wichtig ist es, die binäre Geschlechterperspektive zu überwinden und insbesondere offen für queere Fragestellungen zu sein. Auch in Fällen sexualisierter Gewalt sollte eine sensible Betreuung sichergestellt sein. Das Team der Beratung in diesem Bereich sollte möglichst divers sein.

Für alle weiteren Fälle von Diskriminierung sollte es eine Anlaufstelle geben. Vorfällen sollen dort sachlich aufgearbeitet werden. Unabhängig davon, ob es sich um Studierende, Dozierende oder Mitarbeiter*innen handelt – echte Konsequenzen müssen in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen umsetzbar sein.

Rechtsberatung

Studierende können sich in der Regel nicht ohne weiteres eine*n Anwalt*Anwältin leisten. Trotzdem kommen auch sie in Situationen, in denen eine rechtliche Beratung hilfreich sein kann. Dementsprechend sollte es kostenlose Erstberatungsangebote geben. Um eine Unabhängigkeit von den Hochschulen zu gewährleisten, soll diese Beratung von der Studierendenschaft eingerichtet und finanziert werden. Wichtig ist, dass der*die beratende Anwalt*Anwältin die Beratung nicht zur Kund*innenakquise nutzt. Insbesondere im sozial- und familienpolitischen Bereich sollten Studierende rechtlichen Rat erhalten können.

Psychologische Beratung

Die Belastung im Studium ist für viele Studierende sehr hoch. In der bereits erwähnten Umfrage gaben 59 Prozent der Studierenden im Bachelor an, sich in den letzten Wochen gestresst und nervös gefühlt zu haben. Die gleiche Studie hat ergeben, dass 6 Prozent der Studierenden bereits psychologische Beratung in Anspruch genommen haben. Langfristig sollte es das Ziel der Juso-Hochschulgruppen sein, die Belastung im Studium zu minimieren und Zeitautonomie herzustellen. Solange jedoch viele Studierende Hilfe benötigen, muss ein ausreichendes Angebot zur Verfügung stehen. Die Beratung sollte von ausgebildeten Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen und/oder Psychiater*innen durchgeführt werden. Die Wartezeiten dürfen nicht mehr als eine Woche betragen. Zusätzlich muss es Notfallnummern geben, die Tag und Nacht zu erreichen sind. Sind die Probleme schwerwiegender Art, soll auch zu längerfristigen Behandlungsmöglichkeiten beraten werden.

Gute Beratung zur Verbesserung der Chancengleichheit

Sind all diese Voraussetzungen, die wir an gute Beratung stellen, erfüllt, sind wir auf einem guten Weg, möglichst vielen die Aufnahme und den Abschluss eines Studiums zu ermöglichen, die Chancengleichheit zu verbessern und Ängste und Belastungen im Studium zu mildern. Unser Kampf für gute Beratung ist immer auch ein Kampf zur Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Zurück