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Mehr Interdisziplinarität im Studium!

Der Alltag von vielen Studierenden ist geprägt von vollen Stundenplänen, erhöhtem Prüfungsstress, Finanzierungsschwierigkeiten und einem ständigen Leistungsdruck unter den Studierenden. Dazu kommt, dass Lerninhalte und Studienverläufe schon von vornherein festgelegt sind. Als Folge können sich die Studierenden bloß noch auf das fokussieren, was ihnen vorgesetzt wird. Raum für Engagement neben dem Studium, eine wirkliche Aneignung von diversem Wissen und freie Entfaltung bleibt da nicht. Dabei sollte ein Studium eigentlich genau das sein: die Möglichkeit eines Menschen, sich ausgiebig mit Wissenschaft zu beschäftigen, in verschiedene Bereiche hineinzublicken, Dinge zu hinterfragen und zu erforschen, die Perspektive auch mal zu verändern, kreativ zu sein und sich frei zu entfalten. Ein Studium darf nicht bloß zur Entwicklung arbeitsmarktkonformer und wirtschaftlich verwertbarer Erwerbstätiger dienen, es sollte vielmehr ein Ort sein, an dem Menschen sich selbst bilden und so zu kritischen und mündigen Personen werden können.

Ein Aspekt, um so ein emanzipatorisches Studium zu verwirklichen, ist mehr Interdisziplinarität im universitären Alltag. Denn ein solches Studium bedeutet eben auch, dass Studierende während ihres Studiums „über den eigenen Tellerrand“ blicken können. Die Fixierung bloß auf das, was nützlich ist, wollen wir so durchbrechen. Interdisziplinarität meint eine fachbereichsübergreifende Arbeitsweise. Von interdisziplinärer Forschung sind stets verschiedene Fachbereiche oder Disziplinen betroffen.  Dabei werden Fragestellungen zum Beispiel mithilfe verschiedener wissenschaftlicher Strategien bearbeitet. Die verschiedenen Disziplinen arbeiten also nicht bloß nebeneinander her, insofern ist Interdisziplinarität von der Multidisziplinarität abzugrenzen.  Interdisziplinarität bietet somit dem Individuum die Möglichkeit einer breiteren wissenschaftlichen Betrachtung. Zugleich erfährt der wissenschaftliche Prozess eine Entgrenzung und wird von einseitigen Denk- und Betrachtungsweisen befreit. Darüber hinaus bietet Interdisziplinarität eine freie Wahl dessen, was studiert und wozu geforscht werden soll. Auf diese Weise können Studium und Wissenschaft im Allgemeinen ihrer emanzipatorischen Funktion mehr gerecht werden.

Wo gibt es bereits Interdisziplinarität?

In den letzten Jahrzehnten fand eine Entwicklung hin zu immer mehr ausdifferenzierteren Studienfächern statt. In dieser Hinsicht gibt es insbesondere viele neue Studiengänge, die den Anspruch haben, verschiedene Disziplinen miteinander zu verknüpfen. Viele dieser neuen, interdisziplinären Studiengänge sind im Rahmen des Bologna-Prozesses entstanden, denn Ziel des Prozesses war es unter anderem auch, die Interdisziplinarität zu erhöhen. So kam es beispielsweise zum Wegfall der Rahmenprüfungsordnungen, wodurch die Hochschulen bei der Entwicklung neuer Studienfächer einen viel größeren Spielraum gewonnen haben.

Daneben werden an einigen Hochschulen teilweise sogenannte Allgemeine Studien angeboten. Diese sollen ein Angebot neben dem eigentlichen Lerninhalt darstellen und können in einigen Fächern sogar angerechnet werden. In vielen Fächern ist das allerdings noch die Ausnahme. Zudem ist festzustellen, dass es in diesem Rahmen lediglich sehr begrenzte Auswahlmöglichkeiten und häufig keine wirklich inhaltlichen Angebote gibt.
Ein sogenanntes Studium Generale, das eine Art Orientierungsstudium darstellt und es Studienanfänger*innen ermöglicht, verschiedene wissenschaftliche Bereiche und das wissenschaftliche Arbeiten kennenzulernen, wird bislang nur vereinzelt an öffentlichen Hochschulen angeboten. Somit besteht diese Möglichkeit momentan nur für finanziell besser gestellte Studierende. Es steht damit bei weitem nicht jedem*r zur Verfügung.
Es gibt zudem Konzepte unter dem Namen Teamteaching, bei denen das gemeinsame Lernen und Forschen im Vordergrund steht. Das bedeutet, dass Studierende verschiedener Fachrichtungen bestimmte Themen, die beide Fachbereiche tangieren, gemeinsam behandeln. Dies bietet zum einen die Möglichkeit eines Perspektivenwechsels, zum anderen können die Studierenden voneinander lernen und profitieren.
Besonders häufig und relevant ist Interdisziplinarität im Bereich der Forschung. Dies ist allein schon der Tatsache geschuldet, dass eine Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Fachbereichen oft unmöglich und realitätsfern ist. Zudem erfordert eine kritische und fundierte Forschung unterschiedliche Blickwinkel. Jedoch spiegelt sich diese interdisziplinäre Forschung nicht in der Lehre wieder und bleibt somit einem Teil der Wissenschaft vorenthalten.

Diese nicht abschließenden Beispiele zeigen: An einigen Hochschulen und in einigen Bereichen gibt es schon Strukturen und Ideen, die mehr Interdisziplinarität im Studium und in der Forschung ermöglichen und den Austausch und die Zusammenarbeit unter den verschiedenen Fachbereichen fördern. Diese gilt es zu unterstützen und auszubauen. Dennoch muss die Forderung sein, dass Studierenden an allen Hochschulen mehr Interdisziplinarität im Studium ermöglicht wird.

Wie verwirklichen wir Interdisziplinarität?

Zuallererst muss es allen Studierenden möglich sein, während ihres Studiums auch Lehrveranstaltungen in Bereichen außerhalb ihres Studiengangs zu besuchen. Es muss zumindest die Möglichkeit bestehen, innerhalb eines jeden Studiengangs in jedem Semester eine angemessene Anzahl an fachfremden Veranstaltungen zu besuchen und sich diese anrechnen zu lassen. Darin erbrachte Leistungen müssen auch angerechnet werden können. Um das zu ermöglichen, müssen Studienverlaufspläne flexibilisiert und das Konstrukt der Regelstudienzeit aufgehoben werden. Nur wenn Studierende auch selbst Schwerpunkte und Inhalte ihres Studiums frei wählen können, kann der emanzipatorische Gedanke des Studiums verwirklicht werden. Aufgezwungene Studieninhalte stehen dem entgegen. Wir fordern langfristig deswegen eine größtmögliche Freiheit der Studierenden bei der Gestaltung ihres Studiums, wobei gesamtgesellschaftliche Interessen aber auch immer berücksichtigt werden müssen.
Auch das wesentliche Problem der Allgemeinen Studien wollen wir angehen. In ihnen werden oftmals nur methodische Inhalte, mit der Fokussierung auf die Vermittlung von für den Arbeitsmarkt oder für die Wirtschaft nützlichen Fertigkeiten, gelehrt. Dies steht im Widerspruch zu einer unabhängigen Bildung, bei der die freie Entfaltung im Vordergrund stehen soll. Die Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt darf kein Kriterium sein. Stattdessen sollen die Studierenden frei Lehrveranstaltungen aus allen Fachbereichen der Hochschule wählen dürfen.

Daneben soll die Etablierung eines freiwilligen Studium Generale für Studienanfänger*innen vermehrt an staatlichen Hochschulen weiter gefördert werden. In zwei Semestern können diese Lehrveranstaltungen in verschiedenen Fachbereichen besuchen. Dies soll die Studienwahl erleichtern und zudem in das wissenschaftliche Arbeiten einführen. Dadurch können Studienanfänger*innen auch besser über die verschiedenen Studienfächer informiert und Studienabbrüchen so entgegengewirkt werden. Zudem soll den Studierenden die Möglichkeit gegeben werden, frei nach ihren Interessen in die Breite zu studieren. Dabei sollten die Studierenden die Möglichkeit haben, sowohl an den regulären Lehrveranstaltungen der Fachbereiche, als auch an speziellen Einführungsveranstaltungen zu verschiedenen Bereichen teilzunehmen. Sofern reguläre Lehrveranstaltungen eines Fachbereichs besucht werden, können erworbene Leistungen auch in einem späteren Studium angerechnet werden.
Die Entstehung und Entwicklung von immer mehr interdisziplinären Studiengängen begrüßen wir, da diese den Studierenden größere Freiheiten gewähren und zudem die Zusammenarbeit unter den verschiedenen Fachbereichen stärken. Auch hier dürfen jedoch nicht wirtschaftliche Synergieeffekte ausschlaggebender Faktor sein. Langfristig soll es in allen Fachrichtungen ein breites Angebot an interdisziplinären Studiengängen geben. Darüber hinaus müssen Studierende und Studieninteressierte umfangreich über das interdisziplinäre Angebot aufgeklärt werden.

Daneben soll es umfassende themenspezifische Zusammenarbeiten Studierender verschiedener Fachrichtungen geben. Dabei ist es Ziel, dass Studierende während ihres Studiums mit möglichst vielen Fachbereichen in Berührung kommen. Das Konzept des Teamteachings trägt zu einer guten Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen bei und muss bei der Konzeption von Lehrinhalten stets bedacht werden. Dieses Konzept kann überdies den Grundstein für eine gelungene spätere interdisziplinäre Forschung legen. Dennoch muss auch darauf geachtet werden, dass Studierende nicht mit zu vielen Inhalten konfrontiert werden. Dies erfordert die Möglichkeit einer gut betreuten Vor- und Nachbereitung sowie einen ausbalancierten und nicht überfrachteten Stundenplan.

Darüber hinaus müssen die Studierenden selbst auch die Freiheit haben, ihr Studium interdisziplinär zu gestalten. Die Aneignung von Wissen und Engagement neben dem eigentlichen Studium werden schon jetzt häufig durch einen zu vollen Stundenplan, die Notwendigkeit von Lohnarbeit neben dem Studium und weiteren Aufgaben, wie zum Beispiel Pflege von Angehörigen, verhindert. Eine freie und breite Entfaltung im Studium, die inklusiv ist und somit allen möglich, erfordert freie Zeit und eine gesicherte Studienfinanzierung. Deswegen muss es ein alters- und elternunabhängiges bedarfsdeckendes BAföG als Vollzuschuss geben, welches nicht länger an die Regelstudienzeit gekoppelt ist.
Wenn an den Hochschulen aber interdisziplinäre Studieninhalte vermittelt werden sollen, müssen auch die Lehrpersonen dementsprechend geschult werden. Deswegen muss es in dieser Hinsicht ein breites Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen geben.

Interdisziplinarität darf aber nicht nach dem Studium aufhören. Gerade auch in der Forschung ist Interdisziplinarität eine Bereicherung für die Arbeit der Wissenschaftler*innen. In vielen Bereichen findet deswegen schon eine Zusammenarbeit von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen statt. Die Hochschulen müssen die Räume für interdisziplinäre Forschungen ausbauen und solche Zusammenarbeiten fördern. Vor allem muss hier auch die Fächervielfalt berücksichtigt werden. Interdisziplinäre Forschung gibt es heute vor allem häufig in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen, da dort oftmals ein unmittelbares wirtschaftliches Interesse verfolgt wird. Auch abseits davon muss aber interdisziplinäre Forschung stattfinden. Diese Interdisziplinarität der Forschung muss dann auch in der Lehre berücksichtigt und aufgegriffen werden. Nur so kommen wir dem Ideal der Einheit von Forschung und Lehre näher.
Um Interdisziplinarität an den Hochschulen umzusetzen, müssen dafür die Kapazitäten in den einzelnen Bereichen ausgeweitet werden. Dafür müssen die benötigten Mittel zur Erweiterung der interdisziplinären Angebote durch die Ausfinanzierung der Hochschulen bereitgestellt werden.

Wir fordern die Unterstützung von Studierendeninitiativen, die sich für mehr Interdisziplinarität einsetzen, z.B. studentische Kolloquien oder Projekttutorien, die Studierende aller Fachbereiche ansprechen und zusammenbringen. Wir fordern die Bereitstellung von Geldern für solche Projekte und die Möglichkeit der Anrechnung in allen Fächern. Die Kooperation zwischen Lehrstühlen und Fakultäten ist dabei ausdrücklich erwünscht.
Selbst die Kombination von „nur“ zwei Studienfächern wird oftmals durch die Hochschulen dadurch erschwert, dass die Veranstaltungen parallel gehalten werden und es nicht möglich ist, den Stundenplan so zu organisieren, der beide Fächer unterschiedlicher Fakultäten unter einen Hut bringt. Förderung von Maßnahmen, die ein Teilzeitstudium ermöglichen, die eine eigenständige Einteilung der Zeit ermöglichen, müssen selbstverständlich sein.

Vor allem sind es also die Hochschulen, denen in der Entwicklung zu mehr Interdisziplinarität eine entscheidende Rolle zukommt. Jedoch können die Hochschulen nur dann agieren, wenn die dafür benötigten Mittel zur Verfügung stehen. Deswegen müssen sowohl die Politik als auch die einzelnen Hochschulen mit dem Wunsch nach mehr Interdisziplinarität konfrontiert werden. Insbesondere die Studierendenschaften sind aufgefordert, an den entscheidenden Stellen Druck aufzubauen und auch durch Aktionen öffentlich wirksam das Thema auf die Agenda zu setzen.

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