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Studieren ist für alle da - Vereinbarkeit von Studium und Pflege ermöglichen!

Während des Studiums Kinder bekommen - für viele ist das unvorstellbar und eine riesige Hürde bei der Gestaltung des Studienalltags. Für andere ist es die beste Entscheidung ihres Lebens, denn zu keinem anderen Zeitpunkt sei die Zeit so flexibel einteilbar wie während des Studiums. Obwohl noch viel getan werden muss, sei es hinsichtlich der finanziellen Unterstützung oder der Betreuungsmöglichkeiten, treffen einige Studierende diese Entscheidung also ganz bewusst. Und tatsächlich gibt es an sehr vielen Standorten Kindertagesstätten, die von den Hochschulen, den Studierendenwerken oder sogar von der Studierendenschaft selbst betrieben werden und die diese Flexibilität ermöglichen. Dass es in einigen Studierendenschaften Elternreferate gibt und dass das Deutsche Studentenwerk [sic] (DSW) Studierende mit Kind durch Broschüren oder Fortbildungen und Tagungen für die Mitarbeiter*innen der örtlichen Studierendenwerke unterstützt, offenbart, dass in dieser Hinsicht viel passiert.

Anders geht es Studierenden, die im Laufe ihres Studiums in die Situation kommen, die Pflege von Angehörigen zu übernehmen. Diese Entwicklung lässt sich in der Regel nur schwer vorhersehen und beruht nur eingeschränkt auf dem Wunsch der Studierenden selbst. Über 70 Prozent der Menschen mit Pflegebedarf (etwa 1,76 Millionen) werden derzeit von ihren Angehörigen in ihrem häuslichen Umfeld versorgt. Dass auch Studierende immer häufiger in die Situation kommen, ihre Angehörigen versorgen zu müssen, liegt bei der steigenden Lebenserwartung und der Tatsache, dass viele Menschen erst spät Kinder bekommen, eigentlich nahe. Trotzdem scheint die Entwicklung vielerorts verschlafen worden zu sein. Es gibt zwar an vielen Hochschulen, seitens der verschiedenen Akteur*innen Beratungsangebote, die als „Studieren mit Familie“ gekennzeichnet sind, meist liegt der Fokus hier jedoch auf Studierenden mit Kind. Wie wenig Beachtung das Thema bisweilen findet, zeigt sich auch am nur spärlich vorhandenen Datenmaterial. In der größten Erhebung zur Lebenssituation von Studierenden in der Bundesrepublik, der Sozialerhebung des DSW, wird nicht einmal erhoben, ob eine Person familiäre Pflegeaufgaben übernimmt. Entsprechend lässt sich nur auf kleinere Umfragen zurückgreifen. Eine Studie der Hochschulen Hannover und Osnabrück, die sich speziell mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf/Studium und Pflege an den Hochschulen befasste, kam zu folgenden Ergebnissen: Vierzehn Prozent der Studierenden hatten in der Vergangenheit oder aktuell Pflegeaufgaben übernommen. Da es sich um eine themengebundene Umfrage handelte, ist es natürlich naheliegend, dass die Rücklaufquote, also der Anteil an den verschickten Anträge die ausgefüllt zurückgeschickt wurde, unter den Betroffenen höher war. Dennoch sind die insgesamt 156 betroffenen Studierenden an drei Hochschulen, bei einer Gesamtrücklaufquote von etwa einem Fünftel keine Zahl die es erlauben sollte, die Situation von Studierenden, die Angehörige pflegen, zu einem marginalen Problem zu erklären. Hinzu kommt, dass die Pflege von Angehörigen etwa 17 Stunden pro Woche in Anspruch nimmt und damit fast einem regulären Halbtagsjob entspricht. Grundsätzlich muss jedoch klar sein, dass keine Gruppe jemals zu klein ist, um sich ihren spezifischen Problemen anzunehmen.

Pflege als „weibliches Problem“

Die Erhebung kam weiterhin zu der Erkenntnis, dass etwa zwei Drittel der pflegenden Personen weiblich sind. Schaut man sich die Geschichte der Trennung von Lohn-, Pflege- und Hausarbeit und die Wertschätzung für Pflegetätigkeiten an, verwundert diese Erkenntnis kaum. Umso größer ist jedoch hier der Handlungsbedarf.

Als die industrielle Revolution und kapitalistische Produktionsweise Ende des 18. Jahrhunderts/Anfang des 19. Jahrhunderts die feudale Gesellschaft mit ihrer Subsistenzwirtschaft, bei der sich alle gemeinsam um den Erhalt der Lebensgrundlage gekümmert hatten, verdrängten, entstand die für moderne Gesellschaften typische Arbeitsteilung in Lohn- und Heimarbeit. Zur selben Zeit verlor auch der Stand seine Funktion als Referenzrahmen und die Geschlechter und ihnen zugeschriebene Eigenschaften und Charakterzüge gewannen an Identifikationspotenzial. In diesem Rahmen fiel es den Männern, als das angeblich aktive und dem öffentlichen Raum zugewandte Geschlecht, zu, das Geld nach Hause zu bringen und einer Lohnarbeit nachzugehen. Die Lohnarbeit erhielt mit Aufstiegschancen und Bezahlung deutlich mehr Anerkennung als die Arbeit der Frauen*. Ihnen wurde als wiederum angeblich passive und auf das private gerichtete Personen, die aufgrund ihrer weicheren Charakterzüge bestens für die Kindererziehung und Pflege geeignet waren, die Haus- und Pflegearbeit zugeteilt. Diese Trennung wurde auch dann beibehalten, wenn Frauen* einer Lohnarbeit nachgingen. Ihnen wurde fortan die doppelte Arbeit angelastet, ohne dass sie dafür entsprechende Entlohnung und gesellschaftliche Anerkennung erhalten hätten. Die Bindung an die unbezahlte Heimarbeit verfestigte zudem die ökonomische Abhängigkeit der Frauen* von Männern, da sie selbst kaum über Geld verfügten.

Diese Trennung bestand, entgegen mancher Behauptungen, auch im sogenannten real existierenden Sozialismus weiter fort. In der DDR beispielsweise gingen Frauen* zwar wesentlich häufiger einer Lohnarbeit nach als in der damaligen Bundesrepublik, doch von einer gleichgestellten Position der Frau* konnte in diesem Zusammenhang kaum die Rede sein. Frauen* erhielten wesentlich weniger Lohn und hatten kaum Aufstiegschancen; ihre typischen Berufsfelder konnten nur mit wenig gesellschaftlicher Anerkennung rechnen. Zusätzlich waren sie für die Heimarbeit zuständig und hatten insgesamt geringe Chancen auf echte Gleichstellung und emanzipatorische Selbstbestimmung.

Die beschriebene Trennung prägt auch heute noch unsere Gesellschaft. Sie zeigt sich zum Beispiel in der Einteilung von „typischen Männer- und Frauenberufen“. So sind Handwerker*innen in der Regel deutlich besser bezahlt als Pflegekräfte, obwohl sich bereits auf den ersten Blick feststellen lässt, dass ihre Arbeit weder körperlich weniger anstrengend, noch psychisch weniger belastend ist. Obwohl die Übernahme von Erziehungs- und Pflegeaufgaben mittlerweile staatlich unterstützt wird, fällt die Anerkennung von Menschen, die diese Aufgaben meist neben einem Beruf übernehmen, gegenüber einer regulären Lohnarbeit deutlich ab. So sind es weiter Frauen*, die diese Aufgaben übernehmen, finanzielle Nachteile und den Verlust von Karrierechancen in Kauf nehmen müssen und einer gesellschaftlichen Geringschätzung ausgesetzt sind. Diese Geringschätzung begründet sich unter anderem darin, dass diese Arbeit von Frauen* naturalisiert wird: Noch immer herrscht der Glaube vor, Frauen* seien qua ihres Geschlechts und damit zusammenhängenden Eigenschaften für diese Arbeit prädestiniert. Was sich verändert hat ist jedoch die Erwartungshaltung an Frauen*: Gehen sie nur einer Lohnarbeit  nach und kümmern sich weder vorrangig um Haushalt und Kinder oder die Pflege Angehöriger, werden sie als „eiskalte Karrierefrauen“, „Rabenmütter“ und „schlechte Töchter“ dargestellt. Gehen sie keiner Lohnarbeit nach, sondern bleiben Zuhause und widmen sich primär der beschriebenen Carearbeit, sind sie mit dem Vorwurf der mangelnden Emanzipation, des sich abhängig Machens und der Wahl einer „unmodernen Hausfrauenlebensweise“ konfrontiert. Die „moderne Frau“ muss beides tun: Karriere machen und sich um Haushalt, Kinder und Angehörige kümmern. Daran hat sich in der Summe auch durch verstärkte paritätische Aufteilungen in heterosexuellen Partner*innenschaften nichts geändert. Im Gegenteil machen die Gender Pay Gap und geschlechtlich zugeschriebene, gesellschaftliche Erwartungshaltungen ein Ausbrechen  fast unmöglich.

Vor diesem Hintergrund muss sich gesamtgesellschaftlich einiges ändern. Als feministischer Richtungsverband ist es unsere Aufgabe, auf diese Missstände hinzuweisen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflegeaufgaben muss sichergestellt sein. Der finanzielle Ausgleich muss gerecht und an der tatsächlichen Belastung gemessen sein. Pflege- und Erziehungsberufe müssen aufgewertet werden und dem Thema muss an allen Stellen mehr Aufmerksamkeit zukommen. All dies muss ein gesamtgesellschaftlicher Prozess sein. Doch insbesondere die Hochschulen können in ihrer gesellschaftlichen Funktion und ihrem Selbstverständnis als progressive Kräfte Impulsgeberinnen in dieser Sache sein. Dafür muss sich an den Hochschulen jedoch einiges ändern.

Das muss sich ändern!

Die Beschäftigung mit der Vereinbarkeit von Studium und Pflege ist nicht nur aus einer feministischen Perspektive dringend notwendig. Allen soll die Aufnahme eines Studiums offen stehen. Die Übernahme von Pflegeaufgaben darf kein Grund sein, ein Studium gar nicht erst zu beginnen oder es abzubrechen. Hochschulen müssen sich die Herstellung dieser Vereinbarkeit auf die Fahnen schreiben. Dies darf jedoch kein leeres Bekenntnis darstellen, sondern muss weitreichende Veränderungen zur Folge haben. Dafür müssen mehrere Bereiche angegangen werden. Das Thema muss zunächst einmal überhaupt in den Fokus rücken: Alle Angehörigen der Hochschule müssen dahingehend sensibilisiert werden. Das Thema darf nicht tabuisiert und zum privaten Problem erklärt werden. Alle sollen die Möglichkeit haben ihre spezifischen Sorgen und Nöte vorurteilsfrei äußern zu können und Unterstützung zu erhalten. Darauf aufbauend muss eine Vereinbarkeit, sowohl in finanzieller als auch in organisatorischer Hinsicht, ermöglicht werden.

Erforschung und Sensibilisierung

Eigentlich liegt es nahe, dass die Vereinbarkeit von Studium und Pflege immer mehr zum Thema werden wird. Neben verschiedener demographischer Entwicklungen spielt auch das Ziel, die Hochschulen für beruflich Qualifizierte und für das lebenslange Lernen zu öffnen, eine Rolle. Erhebungen zu den konkreten Zahlen gibt es dennoch nicht. Gleichzeitig führt diese Unsichtbarkeit dazu, dass Betroffene nur selten auf entsprechend sensibilisierte Hochschulangehörige treffen.

Deshalb fordern wir:

  • Die Zahl von Studierenden, die Pflegeaufgaben übernehmen, muss in der DSW-Sozialerhebung erfasst werden
  • Auch darüber hinaus soll sich wissenschaftlich mit dem Thema befasst werden.
  • Für Studierende die Pflegeaufgaben übernehmen muss es überall Beratungs- und Coachingangebote geben
  • Alle Akteur*innen an den Hochschulen und in den Studierendenwerken sollen für das Thema sensibilisiert werden

 Organisatorische Vereinbarkeit von Studium und Pflege

Studium und Leben unter einen Hut zu bekommen ist nicht immer einfach. Durch einengende Regelungen wie starre Modulpläne und Anwesenheitspflichten ist die Studierfreiheit stark eingeschränkt und damit auch die Möglichkeit, den Alltag nach den eigenen Wünschen selbstbestimmt zu gestalten. Die meisten Studierenden müssen zusätzlich noch einer Lohnarbeit nachgehen, diese also koordinieren und engagieren sich ehrenamtlich oder haben familiäre Verpflichtungen. Für Studierende mit Pflegeaufgaben, aber auch für alle anderen, müssen Wahlfreiheit und Flexibilität gewährleistet sein.

Deshalb fordern wir:

  • Die flächendeckende Abschaffung von Anwesenheitspflichten
  • Den Ausbau von barrierefreien E-Learningangeboten
  • Die allgemeine Flexibilisierung des Studiums und die uneingeschränkte Möglichkeit, Urlaubssemester zu nehmen, sowie die Abschaffung der Bindung an Regelstudienzeiten beim BAföG oder in Bezug auf Langzeitstudiengebühren
  • Die generelle Ermöglichung des Teilzeitstudiums
  • Die Einführung mehrere Prüfungstermine pro Semester
  • Längere Zeitfenster für Prüfungen, wenn familiäre Aufgaben übernommen werden
  • Die Möglichkeit Prüfungen kurzfristig zu- oder abzusagen
  • Kurzfristig die Einführung eines Vorrechts bei der Vergabe von Seminarplätzen für Menschen mit familiären Verpflichtungen, langfristig die Schaffung von genügend Plätzen in Lehrveranstaltungen, so dass jede*r das Seminar wählen kann, dass er*sie wünscht, auch wenn es außeruniversitäre Verpflichtungen gibt
  • Den Abbau des bürokratischen Aufwands bei Nachweis des Bedarfs
  • Kurzzeitpflegeangebote der Hochschulen oder Studierendenwerken während Prüfungen oder Blockseminaren

 Finanzielle Vereinbarkeit von Studium und Pflege

Das BAföG ist nicht bedarfsdeckend und wird nach ungerechten Kriterien vergeben. Viele Studierende stellt diese Tatsache vor eine große Herausforderung. Sie müssen neben ihrem Studium kontinuierlich arbeiten und sind permanent mit Sparzwängen und finanziellen Problemen belastet. Ein Teilzeitstudium bietet grundsätzlich die Möglichkeit, neben einem Halbtagsjob zu studieren. Das schafft die Möglichkeit, in absehbarerer Zeit zu studieren und den Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn das Beziehen von BAföG nicht möglich ist. Was aber, wenn man ein Teilzeitstudium macht, weil man aufgrund von Pflegetätigkeiten nicht die Möglichkeit hat, Vollzeit zu studieren? Teilzeitstudierende haben keinen Anspruch auf BAföG, da sie ja - so die Begründung - genug Zeit hätten, nebenher zu arbeiten. Dass diese Begründung realitätsfern ist, zeigen nicht zuletzt die im Schnitt bei 17 Stunden liegende Pflegezeit in der Woche.

Deshalb fordern wir:

  • Die Öffnung des BAföG für Teilzeitstudierende
  • Langfristig den Wegfall von Regelstudienzeiten und ECTS-Grenzen und kurzfristig die Möglichkeit einer Verlängerung für Menschen mit familiären Verpflichtunge
  • Den Wegfall aller Altersgrenzen, insbesondere beim BAföG und der studentischen Krankenversicherung
  • Der Anspruch auf Kindergeld soll für Studierende, die Pflegeaufgaben übernehmen, verlängert werden

Ein zeitgemäßes Studium muss für alle offen sein. Je diverser die Studierendenschaft dadurch wird, desto sensibler muss mit den verschiedenen Themen, die einzelne Gruppen betreffen, umgegangen werden. Studium und Pflege stellt nur eines dieser Gebiete dar. Es muss endlich über den Tellerrand geblickt werden und belastbare Bedarfsermittlungen sowie langfristige, gute Lösungen geben. Themen wie die Vereinbarkeit des Studiums mit familiären Verpflichtungen sind keine Frage, die nur Frauen* betreffen sollte. Vereinbarkeit muss eine Querschnittsaufgabe mit explizitem feministischem Blickwinkel werden, die nicht als nebensächlich an die Gleichstellungsbüros abgeschoben werden darf, sondern an allen Stellen prioritär behandelt wird. Schließlich muss das Studium insgesamt flexibler werden, um allen mehr Studierfreiheit zu gewährleisten und die Vereinbarkeit des Studiums mit dem Leben zu verbessern. Die Hochschulen können durch entsprechende Sensibilisierung und darauf folgende strukturelle Veränderungen einen gesellschaftlichen Impuls geben und weiteren, gesamtgesellschaftlichen Veränderungen den Weg ebnen.

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