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Den Sprung ins kalte Wasser verhindern – Lehramtsstudium an Praxis koppeln

Wir kämpfen seit Jahren für eine gute Arbeitswelt und vor allem für gute Übergänge zwischen Studium und Beruf. Doch immer noch treten viele Studierende desillusioniert in den Berufsalltag ein, wenn es an der Betreuung scheitert und die Menschen ausgebeutet werden Besonders trifft dieser Zustand angehende Lehrer*innen, da sie oft sofort voll im Beruf eingesetzt werden und das ohne ausreichende Praxiserfahrung gesammelt zu haben. Aller Anfang ist schwer, aber der Sprung ins kalte Wasser ist nicht unser Ziel. Die Hochschulen müssen ihren Auftrag zur Ausbildung von Lehrer*innen stärker an die Schule gekoppelt sehen, statt sich nur für den wissenschaftlichen Teil verantwortlich zu fühlen. Selbstverständlich ist dieser von hoher Bedeutung. Wir wollen aber auch gut ausgebildete Lehrer*innen, deswegen müssen die Verzahnung zwischen Theorie und Praxis sowie die Übergangsphase zwischen Studium und Schule neu gestaltet werden.

Im
Konflikt zwischen dem Gleichgewicht von Theorie und Praxis

Alle Menschen, die sich für ein Lehramtsstudium an einer Hochschule in Deutschland entscheiden, durchlaufen theoretisch in der angegebenen Regelstudienzeit zehn Semester Studium im Staatsexamen oder im Bachelor und Master. Durch die Vielfalt der verschiedenen Studiengänge in 16 Bundesländern, kommt es auch zu einer unterschiedlichen Ausprägung von Praxisanteilen – von ein paar Wochen Praxis bis zu einem ganzen Semester. Was in den meisten Bundesländern fehlt, ist die Verzahnung zwischen Theorie und Praxis. Praktika sind alles andere als Alltag im Studium.  Selbst für diesen unzureichenden Praxisanteil gibt es nicht mal genügend Plätze. Dies kann bisweilen dazu führen, dass sich der*die Lehramtsstudent*in zum Teil eher wie ein lästiges Problem vorkommt, das irgendwo untergebracht werden muss, anstatt wie eine willkommene Chance für eine gute und qualitative hochwertige Schulbildung

Ein wichtiger Teil dieses Studiums ist die Didaktik, denn sie soll vermitteln wie das gelernte Wissen altersgerecht vermittelt werden kann. Didaktik wird theoretisch und praktisch vermittelt, allerdings in einigen Bundesländern nur jeweils in einem Modul im gesamten Studium. Dabei sollen Methoden gelernt werden, die allen Altersstufen, jedem Geschlecht, jedem Lernstand und jedem Inklusionsbedarf gerecht werden können. Didaktisches Wissen muss einen höheren Stellenwert in der wissenschaftlichen Lehrer*innenbildung einnehmen. Ein Problem bleibt jedoch, dass einige Dozierenden, vor allem die Professor*innen, selbst ebenfalls wenig Praxiserfahrung sammeln konnten. Ein bis zwei Probestunden vor einer Klasse reichen für alle Student*innen nicht aus, um zu entscheiden, ob der Beruf auch das Richtige ist und ob die gelernten Methoden auch in der Praxis funktionieren. Dieses Problem ist ein Teufelskreis.

Am Ende des Studiums steht das Referendariat von ein bis zwei Jahren. Neben einem guten Berufseinstieg mit Betreuung und einem regulierten Einstieg in den Schulalltag stehen durch Personalmangel oft Volleinsatz und Ausbeutung auf der Tagesordnung. Die Differenz zwischen der Praxis im Studium und dem Volleinsatz im Referendariat ist schwer vereinbar. So kann es zu Demotivation, Überarbeitung und langfristiger Frustration in diesem Beruf kommen. Dabei will die Bildungspolitik doch ein System aufbauen, dass Lehrer*innen vielfältige Aufgaben anvertraut. Nicht mehr nur die reine Stoffvermittlung, sondern auch Erziehungsaufgaben, Persönlichkeitsentwicklung, Berufsberatung, Inklusion von Kindern mit Beeinträchtigung, Organisation von Nachtmittagsangeboten, Demokratisierungserziehung und die Vorbereitung auf das Leben, zählen zum Aufgabenbereich von Lehrer*innen. Denn wir streben ein emanzipatorisches Bildungsideal an, dass nicht an Leistung und reiner Wissensvermittlung interessiert ist, sondern an individueller Persönlichkeitsentwicklung.

Endlich handeln statt nur träumen – unsere Forderungen

Vor dem Studium

Schon vor dem Studium muss eine Beratung geschaffen werden, die den Interessierten einen realistischen Eindruck des Berufsfeldes bieten kann. Deswegen müssen Studienberatungen an Hochschulen eng mit den Schulen zusammenarbeiten und gemeinsame kostenlose Beratungsangebote schaffen. Zudem sollten die Hochschulen vor der Einschreibung einen Selbsteinschätzungstest anbieten, der eine Reflexion bietet, aber keine persönliche Beratung ersetzt.

Wir sprechen uns außerdem klar gegen Einstellungstest vor dem Studium aus, bei denen Studienplatzbewerber*innen sich und ihre Fähigkeiten präsentieren müssen. Diese können nur eine Momentaufnahme bieten und führen zu einem hohen Druck auf Bewerber*innen, die ihre Fähigkeiten zum Teil erst noch entwickeln müssen. Weiterhin sprechen wir uns dafür aus, dass die Länder und Schulen  Praktikumsplätze an Schule schaffen, die auch vor dem Studium in Anspruch genommen werden können, um einen ersten Einblick aus Lehrer*innensicht für Interessierte zu bieten. Wie alle Praktika sollten diese vergütet werden.

Während des Studiums

In der Lehre muss Didaktik ein Teil des ganzen Studiums werden. Aus diesem Grund setzen wir uns für eine Aufwertung der Fachdidaktik ein, welche dazu prädestiniert ist, didaktische Kompetenzen am jeweiligen konkreten Gegenstand zu vermitteln. Schließlich sind in fast allen Berufen Präsentations-, Sprach-, und Methodenkompetenzen von Vorteil. Insofern sollte bei der Auswahl von Didaktik-Dozent*innen auch eine ausreichende Praxiserfahrung im Vordergrund stehen.

Wir haben uns bereits zum Bachelor-Master-System bekannt, weil es unter anderem eine höhere Flexibilität in den Abschlüssen bietet. Auch im Lehramt soll sich der Bachelor und Master durchsetzen und das Staatsexamen ablösen. Gleichzeitig fordern wir eine bundesweite Masterplatzgarantie für alle Studierenden. Aber auch der Bachelor of Education muss ein berufsqualifizierender Abschluss sein, der die Möglichkeit bietet, auch mit diesem in einen Erziehungsberuf oder zu einer weiteren Qualifizierung auf dem Gebiet zu gelangen. Praxissemester, Projekte mit Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen und dauerhafte Kooperationen mit diesen sind Möglichkeiten der Umsetzung, wobei die theoretische Ausbildung der Studierenden darunter nicht leiden darf.

Weiterhin fordern wir, dass die angebotenen Praktika vereinbar mit dem Studium sein müssen. Es kann nicht sein, dass in der Zeit, in der Lehramtsstudierende Hausarbeiten schreiben, auch noch Praktika absolviert werden müssen. Praktika, die während des Semesters studienbegleitend stattfinden oder hausarbeitsfreie vorlesungsfreie Zeit wären eine Option. Solche Praktika – etwa das Praxissemester in NRW – dürfen aber nicht eine Kostenreduzierung für die Lehrer*innen-Ausbildung zum Ziel haben, indem durch das unbezahlte Praktikum die Zeit des Referendariats verkürzt wird. Daher fordern wir eine angemessene Vergütung des Praxissemesters, mindestens in Höhe des BAföG-Höchstsatzes.

Inklusion muss endlich ein Querschnittsthema werden, dass sich durch alle Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken zieht. Deswegen fordern wir, dass bei allen Inhalten und Methoden, die in diesen Fächern erlernt werden, den Aspekt der Inklusion miteinzubeziehen. Auch feministische und queere* Perspektiven müssen endlich zum Lehralltag werden, um zukünftige Lehrer*innen zu sensibilisieren und Sensibilisierungsarbeit zu einem Kernelement der didaktischen Praxis zu machen. Nicht nur in den Fächern müssen Lehrinhalte überdacht werden, auch Methoden müssen in Hinsicht auf Gleichstellung geprüft werden. Weiterhin trägt die Sensibilisierung dazu bei, dass Lehrer*innen bestehende Benachteiligungen leichter erkennen und beseitigen können. Außerdem fordern wir eine Schulung aller Lehramtsstudierenden für den Umgang mit Missbrauchsopfern, damit auch die Lehrperson als erste Ansprechperson kompetent und sensibel mit der Situation umgehen kann, um eventuell weitere Schritte einzuleiten. Weiterhin sollen generell mehr psychologische Anteile den Weg ins Studium finden, ebenso wie bildungstheoretische Aspekte.

Nach dem Studium

In der Phase nach dem Studium ist die Schrittweise Eingliederung in den Berufsalltag besonders wichtig. Deswegen fordern wir, dass angehende Lehrer*innen nicht weiter als Aushilfslehrer*innen ausgebeutet werden, sondern entsprechend ihres Fortschritts im Unterricht eingesetzt werden. Weiterhin fordern wir die dauerhafte Betreuung durch Hochschule und Schule. Es muss die Möglichkeit bestehen, sich in einem geplanten Austausch über Schwierigkeiten und weiteres zu beraten, ohne dass es dabei zu einer Abkoppelung von der Hochschulebene kommt. Nur durch eine Verzahnung der beiden Ebenen kann eine passende Beratung gewährleistet werden, die sich auch an dem Gelernten im Studium orientiert, sowie an den gegebenen Realitäten in der Schule.
Weiterhin fordern wir die Wahlfreiheit bei der Bewerbung für einen Referendariatsplatz für alle Lehramtsstudierenden, damit Lebensplanungen nicht zerstört oder Familien auseinandergerissen werden. Eine Verteilung der Plätze von der Landesebene aus, ist nicht akzeptabel und paternalistisch. Außerdem fordern wir eine Übernahmegarantie, damit Lehrer*innen nach der Praxisphase/ dem Referendariat im gewohnten Umfeld weiter lehren können und ihre Betreuungsverhältnisse nicht zerrissen werden.
Jahresverträge, die jeweils zu den Sommerferien enden um danach wieder verlängert zu werden, lehnen wir entschieden ab. Eine Stelle ohne Befristung muss immer Ziel jeder Planung der Bildungsministerien sein.

Wir treten gegen die Praxis ein, Absolvent*innen des Lehramtsstudiums ohne abgeleistetes Referendariat als Vertretungslehrer*innen unter prekären Bedingungen einzusetzen. Vertretungslehrer*innen leisten meist die gleiche Anzahl an Unterrichtsstunden für weniger Geld als die ordentlich angestellten Lehrer*innen ab. Zudem erhalten die Vertretungslehrer*innen im Unterschied zu Referendar*innen keine Betreuung oder weitere pädagogische Ausbildung, die aber angesichts der geringen Praxis innerhalb des Studiums unerlässlich ist. Somit erleiden auch die Schüler*innen Nachteile durch den Einsatz von Absolvent*innen des Lehramtsstudiums als Vertretungslehrer*innen, weil die Qualität des Unterrichts leidet, wenn noch nicht vollständig ausgebildete Lehrer*innen allein verantwortlich und auf sich gestellt diesen Unterricht gestalten. Wenn den Ländern Lehrer*innen zur Sicherstellung guter Schulen fehlen, sind sie aufgefordert, mehr Referendariatsplätze zu schaffen. Die Ausbeutung von Absolvent*innen des Lehramtsstudiums als Vertretungslehrer*innen lehnen wir jedoch ab, da sie sowohl den zukünftigen Lehrer*innen und den Schüler*innen schadet.

Bund und Länder

Die Länder müssen endlich ihren Sparkurs in der Bildungspolitik beenden und wieder mehr Lehrer*innen einstellen. Die Betreuungsverhältnisse pro Schüler*innen müssen drastisch verbessert werden. Besonders jetzt, da wir auch geflüchteter Schüler*innen, die nun raschen Zugang zum Bildungssystem erhalten müssen, an Schulen willkommen heißen dürfen, sind Bund und Länder unter Zugzwang. Gleichzeitig muss der Betreuungsschlüssel für Referendar*innen und Praktikant*innen gesenkt werden. Dabei müssen Lehrer*innen entlastet werden, die neben ihrem Unterricht zusätzlich noch Betreuungsverhältnisse von Referendar*innen kompetent wahrnehmen wollen.

Weiterhin brauchen wir einen Stellausbau an den Hochschulen. Denn auch hier muss das Betreuungsverhältnis stimmen. Halbe Stellen für Didaktiker*innen, die einen ganzen Jahrgang betreuen und zusätzlich ihre Stelle an der Schule wahrnehmen müssen, können nicht der Weg sein. Grundsätzlich sind halbe Stellen für aktive Lehrer*innen an den Hochschulen begrüßenswert, schaffen diese doch die Verzahnung von Schule und Hochschule. Doch auch für die Organisation muss ausreichend Zeit eingerechnet werden. Auch die Schaffung von Professuren für Fachdidaktiken ist weiter unser Ziel. Fachdidaktiken sind keine Nebenfächer, die mal eben von Privatdozent*innen abgedeckt werden können, sondern brauchen einen eigenen Lehrstuhl, an dem fachgerecht geforscht und gelehrt werden kann.

Auch der Wechsel von aktiven Lehrer*innen zurück an die Hochschule muss weiterhin gewährleistet und erleichtert werden. So kann die Wissenschaft mit Praxiserfahrung unterstützt und der wissenschaftliche Nachwuchs mit Erfahrung gefördert werden. Zur Unterstützung könnten Koordinationskräfte eingestellt werden, die zwischen Schule und Hochschulen vermitteln und die Kommunikation fördern könnten. Sie wären Ansprechperson für aktive Lehrer*innen, Studierende, Lehrende und Professor*innen für die Organisation/Vermittlung von Praktikumsplätzen, Projekten, Praxisphasen, Vermittlung eines dauerhaften Austauschs und Ansprechperson für Wechsel in die Wissenschaft oder in die Schule.

Außerdem fordern wir die bundesweite Anerkennung aller Abschlüsse des Lehramts und damit Erhöhung der Mobilität für Lehrer*innen. Es ist nicht akzeptabel, dass einige Bundesländer die Abschlüsse aus anderen Bundesländern als schlechter betiteln und Lehrer*innen so keine Chancen haben, jemals in ihren studierten Fächern eingestellt zu werden.

Also lasst uns unser emanzipatorisches Bildungsideal auch für die Lehrer*innenbildung umsetzen und eine gelungene Beratung, Ausbildung und ein erfolgreiches Studium möglich machen. Wir brauchen keine Lippenbekenntnisse und kleine Reformen, sondern ein umfassendes Reformpaket und die Einsicht der Hochschulen, für die realitätsbezogene Ausbildung eine Mitverantwortung zu tragen.

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