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Neue Hochschulgovernance statt neoliberalem Hochschulwahn

Unser Hochschulwesen war schon immer von einem ständigen Wandel geprägt. Insbesondere die Rolle der Hochschulen innerhalb der Gesellschaft und die Wechselwirkung zwischen beiden wandeln sich ständig Dieser Wandel wird besonders in der Struktur der Hochschulen deutlich, sowohl in ihrer internen Organisation als auch der Einflussnahme von außen, beispielsweise durch den Staat oder andere Organisationen. Dieser Wandel, aber auch die Debatten darüber, spielen sich immer in einem zentralen Spannungsfeld ab zwischen staatlicher Regulation und akademischer Unabhängigkeit. Hier gilt es einen Weg zu finden, den gewisse staatlichen Vorgaben und Kontrollen garantiert, aber in die wissenschaftliche Freiheit nicht eingreift. Diese Prozesse können im Komplex der „Hochschulgovernance“ zusammengefasst werden.

Unter Hochschulgovernance allgemein wird die Gestaltung und Leitung einer Hochschule und eines Hochschulsystems, die autonom agieren dürfen, verstanden. Damit sind auch Entscheidungsstrukturen über ein Hochschulsystem als Ganzes, innerhalb der Politik, aber auch innerhalb von Hochschulen Thema der Debatte. Aus einer Debatte über die Form von Governance einer Hochschule resultiert auch meistens eine Debatte über eine Profilbildung einzelner Hochschulen und das Abstecken langfristiger strategischer Ziele in der Entwicklung derselben.

Dabei darf der Begriff Hochschulgovernance nicht unkritisch übernommen werden. Hochschulgovernance wird meist verstanden als Deregulierung und ein Rückzug des Staates aus der Hochschulpolitik, insbesondere in der Hochschulfinanzierung. Auch im historischen Kontext lässt sich beobachten, dass sich Hochschulstrukturen immer in einem Spannungsfeld zwischen zwei Extremen bewegen, starker staatlicher Kontrolle und starker Autonomie. Dabei ist aber auch historisch ein klarer Trend erkennbar, nämlich der immer weitergehende Rückzug des Staates aus den Hochschulen. Die Deutungshoheit über solche Begriffe dürfen wir Juso-Hochschulgruppen keinen neoliberalen Ideen, wie der Ökonomisierung der Hochschulen und ihrer Finanzierung, überlassen, sondern müssen sie selbst prägen. Unser Ziel sind ganz klar soziale, queerfeministische, gerechte und offene Hochschulen. Deshalb braucht es eine neue Politik, die Ideen umsetzt, die unsere Hochschulen öffnen und sozialer gestalten.

Die Entwicklung des Hochschulwesens

In den sogenannten humboldt’schen Hochschulen war ein starker Dualismus zu beobachten. Auf der einen Seite war die Hochschule Objekt starker Regulierungen in der Hochschulverwaltung. Auf der anderen Seite war die Freiheit von Forschung und Lehre ein äußerst zentrales Symbol.

Durch den großen Anstieg von Studierendenzahlen in den 1960er Jahren wurde die akademische Autonomie immer stärker in Frage gestellt. Als Folge mischte sich der Staat immer stärker in die akademischen Belange der Hochschulen ein. Dies geschah unter anderem durch die Verabschiedung von Rahmenprüfungsordnungen oder dem Hochschulrahmengesetz, welches wir seit seiner Einführung richtigerweise dafür kritisieren, dass es ein Studium nur noch an seiner Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt misst.

Die dadurch entstandene sogenannte Gruppenuniversität war durch vermehrte staatliche Regulation geprägt, aber auch durch eine Stärkung der Hochschulgremien. Durch die Stärkung dieser Gremien in ihren Entscheidungsgewalten wurden auch viele Prozesse formalisiert. Durch die Vielzahl an Gremien und formalen Prozesse waren die Hochschulen als Ganze gefordert ihre Organisation zu ändern. Das Ergebnis waren starke Managementstrukturen auf Hochschulebene um diese neuen Prozesse zu koordinieren. Das Management wurde meist durch die Hochschulleitungen betrieben, wodurch diese die Gelegenheit hatten eine zentrale Rolle in den Hochschulen und ihren Entscheidungsstrukturen einzunehmen.

Mit den 1990er Jahren setzte ein neuer Wandel im Hochschulwesen ein, der bis heute anhält. Unter der Prämisse des „schlanken Staates“ beginnt der Staat sich auch aus den Hochschulen verstärkt zurückzuziehen. Dieses neue Leitbild der sogenannten „autonomen Hochschulen“ ist charakterisiert durch eine Stärkung der Autonomie von Hochschulen und damit auch der Entscheidungsstrukturen innerhalb dieser. Mit einer staatlichen Grundfinanzierung über dessen Verwendung die Hochschule autonom entscheiden darf, hat die Hochschule auch finanziell stärkere Autonomie erlangt. Diese neue Autonomie führte aber dazu, dass insbesondere die Hochschulleitungen als solche profitiert haben, indem sie eine große Entscheidungskompetenz in der Verteilung der Mittel erhielten. Durch diese Autonomie drängen Hochschulleitungen aber immer stärker auf eigene Entscheidungskompetenzen unabhängig von den weiteren Gremien der Hochschule. Damit wird deutlich, dass die Hochschulgovernance in andere Wirkungsbereich der Hochschule hineinreicht und sich mit diesen verschränkt. Das gilt beispielsweise für die Hochschulfinanzierung oder für studentische Beteiligungsmöglichkeiten.

Insbesondere die Entwicklung zur autonomen Hochschule ist Teil einer neuen Strategie vieler politischer Akteur*innen, das sogenannte „New Public Management“. Der Staat sieht sich nicht mehr als Regulator, sondern stellt nur noch gewisse, insbesondere finanzielle, Leistungen zur Verfügung. Was Akteur*innen, wie zum Beispiel Hochschulen, mit diesen Leistungen machen, ist ihnen überlassen, so lange es sich in einem gesetzlich festgelegten Rahmen bewegt. Die Ausgestaltung der Hochschulgovernance steht dabei regelmäßig zur Debatte.

Die aktuelle Ausgestaltung der Hochschulgovernance

Insgesamt gibt es nach dem Staatsrechtler und Hochschulforscher Lothar Zechlin fünf verschiedene Stellschrauben mit denen sich die Ausgestaltung von Hochschulgovernance beeinflussen lässt. An der Spitze steht der zentrale Akteur, der das Hochschulwesen beeinflusst: der Staat. Er kann Hochschulen ganz direkt durch Regulierungen und gesetzliche Vorgaben lenken, dies wird in der ersten Stellschraube der „Staatlichen Regulierung“ zusammengefasst. Alternativ kann der Staat aber auch weichere Methoden im Rahmen der zweiten Stellschraube, der sogenannten zielbezogenen Außensteuerung, nutzen. Hier hat der Staat die Möglichkeit als externer Akteur gemeinsam mit den Hochschulen Vereinbarungen über die Entwicklung des Hochschulwesens zu treffen. Die Gegenspielerin des Staates ist die akademische Selbstorganisation, die dritte Stellschraube. Ihre Wirkkraft ist abhängig vom Grad der Freiheit von Forschung und Lehre. Sie umfasst alle Entscheidungsstrukturen und Gremien. Auf der anderen Seite gibt es die sogenannte organisatorische Selbststeuerung als vierte Stellschraube. Sie charakterisiert die administrativen Strukturen einer Hochschule. Als letzte mögliche Stellschraube der Hochschulgovernance gilt der Wettbewerb im Hochschulwesen. Gemeint ist einerseits der Wettbewerb innerhalb einer Hochschule, aber auch der Wettbewerb unter verschiedenen Hochschulen um Rankings oder Mittel.

Finanzierungskonzepte, wie die Exzellenzinitiative bzw. -strategie machen deutlich, dass vor allem die Stellschraube des Wettbewerbs an Bedeutung gewinnt. Immer mehr Mittel werden durch den Staat in Wettbewerben vergeben, von denen meist nur wenige Hochschulen oder sogar nur einzelne Projekte profitieren. Dies betrifft keinesfalls kleine Zusatzinvestitionen sondern umfasst Großbeträge, die in den Grundbedarf der Hochschulen einfließen. Das Ziel ist klar formuliert: Es geht darum eine kleine, leistungsstarke Elite unter den Hochschulen zu schaffen.

Dieses Agieren, insbesondere des Staates, zeigt, dass er auf falsche Autonomien im Hochschulwesen setzt. Statt ein unzureichendes Hochschulfinanzierungssystem zu verbessern, drückt der Staat sich unter dem Mantra der autonomen Hochschulen vor seiner Verantwortung. Andere Geldgeber*innen gewinnen zwangsläufig an Bedeutung. Durch die verstärkte Akquise von Drittmitteln bilden die Hochschulen neue Abhängigkeiten von der Wirtschaft, die die vertikale Differenzierung verstärken - frei nach dem Motto „Wer hat, dem*der wird gegeben.“. Gerade private Geldgeber*innen haben durch die Vergabe von Drittmitteln und damit verbundenen Bedingungen die Gelegenheit Forschung und Lehre an einer Hochschule zu beeinflussen. Damit wird die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre massiv eingeschränkt.

Dieses aktuelle Spardiktat an vielen Hochschulen nutzen Hochschulleitungen dafür aus, ihre eigene Position zu stärken. Immer intensiver versuchen sie, eigene Entscheidungskompetenzen auszubauen und die Gremien umgehen zu können. Unter dem Paradigma der Effizienz werden immer autonomere Strukturen für Hochschulleitungen durchgesetzt, um möglichst selbstständig und ohne Rücksichtnahme auf demokratische Gremien darüber zu entscheiden, wohin eine Hochschule steuert. Die ohnehin ungenügend bestehenden demokratischen Strukturen an Hochschulen werden dadurch weiter abgebaut.

Dieses System kann und darf nicht weiterbestehen. Denn mit ihm lassen sich keine offenen und gerechten Hochschulen gestalten. Wir brauchen neue Hochschulen, die auch fähig sind sich zu öffnen, sozialer zu agieren und demokratisch fundiert zu sein. Das aktuelle System ist damit nicht vereinbar. Wir machen ganz deutlich: Dieses neoliberale System für Hochschulen ist zutiefst unsolidarisch und ungerecht! Unser Hochschulwesen braucht einen Neuanfang!

Unsere Forderungen an eine neue Hochschulgovernance

Dem neoliberalen Wettbewerb ein Ende setzen – Für ein Hochschulwesen ohne Wettbewerb

Wie oben bereits dargelegt, ist gerade die Hochschulfinanzierung von Wettbewerben in der Mittelvergabe geprägt. Statt gemeinsam mit Hochschulen Leitbilder und langfristige Strategien zu entwickeln und diese an allen Hochschulen gleichermaßen zu fördern, versucht der Bund durch Pakte Akzente in der Hochschulentwicklung zu setzen. Hochschulen müssen sich dann mit besonders ausgereiften Konzepten in den einzelnen Bereichen auf diese Paktmittel bewerben und nur eine immer kleinere Gruppe kann letzten Endes von dieser Finanzierung profitieren. Dies zeigt sich insbesondere am zentralen Prestigeprojekt des Bundes: der Exzellenzstrategie. Hier werden Mittel vergeben, von denen nur eine kleine Elite profitiert. Das Ziel, damit das komplette Hochschulsystem zu beeinflussen, ist kläglich gescheitert. Dieses Scheitern hat für uns nur eine Konsequenz: Wir brauchen keinen Wettbewerb um Mittel an Hochschulen! Möchte der Staat Einfluss auf die Hochschulentwicklung nehmen, soll er diese Ziele mit den Hochschulen gemeinsam vereinbaren und dann auch alle Hochschulen bei ihrer Umsetzung fördern, statt diese durch zweckgebundene Paktwettbewerbe zu diktieren.

Aber es gibt auch einen zweiten Bereich der Hochschulfinanzierung, in dem der Wettbewerb zwischen Institutionen Kernbestandteil ist: die Vergabe von Drittmitteln. Diese Drittmittel werden meist in intransparenten nichtöffentlichen Verfahren vergeben, was den undemokratischen Charakter der Vergabe stärkt. Bedingungen an die diese Drittmittelvergabe geknüpft ist, sind oft nicht einsehbar und es ist nicht zu erkennen, ob der Erhalt von Drittmittel nicht auch aktuelle Forschung und Lehre bei den Profiteur*innen beeinflusst. Solange Hochschulen noch von Drittmitteln abhängig sind und sie nicht nur als on-top Finanzierung gelten, sondern Haushaltslöcher stopfen müssen, sind sie abzulehnen.

Beide Formen von Wettbewerb führen nur zu einem: eine starke vertikale Differenzierung zwischen den Hochschulen. Um dem ein Ende zu setzen, fordern wir, dass sich Bund und Länder gemeinsam für eine bedarfsdeckende Grundfinanzierung aller Hochschulen einsetzen. Das Kooperationsverbot muss endlich vollständig fallen. Hier sind insbesondere die SPD-regierten Länder in der Verantwortung, diese Forderung nun endlich durchzusetzen.

Aber auch im Bereich der Internationalisierung von Hochschulen spielt der Wettbewerb eine große Rolle. Gerade durch internationale, aber auch nationale Rankings wird dieser Wettbewerb immer weiter angefeuert. Dabei sind Rankings alles andere als plausibel und nachvollziehbar. Sie versuchen einen Vergleich zwischen Institutionen herzustellen, die nicht vergleichbar sind. Das Hochschulsystem der Bundesrepublik lässt sich nicht mit einem britischen oder US-amerikanischen Hochschulwesen vergleichen. Genauso wenig lassen sich unterschiedliche Hochschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Programme innerhalb der Bundesrepublik vergleichen. Neben den falschen Intentionen, die ein Ranking verfolgt, ist es doch auch meist die Methodik, die diese letztendlich komplett scheitern lässt. Insbesondere die Intransparenz, mit der Daten erhoben und ausgewertet werden, führt zu großen Zweifeln an der Seriosität und Legitimität solcher Rankings. Dass Hochschulen immer stärker mit allen Mitteln darauf drängen, einer sogenannten internationalen oder nationalen Elite anzugehören, führt zu falschen Schwerpunkten in der Hochschule. Dabei ist Internationalisierung wichtig für Forschung, Lehre und Studium. Diese Internationalisierung muss stattfinden, ohne sich ständig mit vermeintlichen Rankings und Eliten zu vergleichen.

Die Leidtragende dieser Wettbewerbe im Finanzierungs- und Internationalisierungsbereich ist meist die Lehre. Ein Großteil dieser Wettbewerbe spielt sich in der Forschung ab. Deshalb ist immer stärker zu beobachten, dass die Entwicklung guter Lehre an Hochschulen vernachlässigt wird. Aber gute Forschung kann nur zustande kommen, wenn auch die Lehre gut ist. Beide Aspekte getrennt zu betrachten ist falsch. Lehre muss wieder eine zentrale Rolle in den Hochschulen spielen.

Staatliche Regulierung – Unsere Vision eines autonomen Hochschulsystems

Lange Zeit war es üblich, dass Gesetze dafür genutzt wurden, um Hochschulen zu regulieren und Handlungsweisen vorzugeben, manchmal sogar Mittelvergaben und –verteilungen. Da Bildung nach wie vor eine der Hauptkompetenzen der Länder ist, spielt gerade die Gesetzgebung der Länder eine herausragende Rolle. Landeshochschulgesetze bieten die zentralen Vorgaben für Hochschulen. Die konkrete Ausgestaltung ist deshalb von hoher Bedeutung. Dabei ist klar, dass wir die Autonomie der Hochschulen fordern, die Freiheit in Forschung und Lehre garantiert. Die Aufgabe eines Staates ist es, den Hochschulen als öffentliche Institutionen, Gelder zur Verfügung zu stellen und die Leitlinien für die Arbeit von Hochschulen zu skizzieren.

Durch staatliche Regulierung muss sichergestellt werden, dass sich offene und transparente Hochschulen für alle entwickeln. Es ist die Aufgabe eines Staates demokratische Prozesse an Hochschulen zu sichern und Diskriminierung zu verhindern. Insbesondere muss die Möglichkeit eines freien und gerechten Studiums garantiert werden, für welches keine Bildungsgebühren erhoben werden. Das oberste Gut einer Hochschule, die Freiheit von Forschung und Lehre muss durch Gesetze geschützt sein genauso wie sichere und gerechte Arbeitsverhältnisse aller Beschäftigten an Hochschulen.

Gerade um eine gerechte und feministische Hochschule zu verwirklichen braucht es staatliche Vorgaben, um Frauen* an Hochschulen zu stärken durch feste Quoten und explizite Förderung, z.B. durch Mentoring- und Empowermentprogramme von Professorinnen* für Studentinnen*, die über eine Promotion nachdenken, und Promoventinnen*. Genauso braucht es auch einer klaren offenen Hochschulfinanzierung. Deshalb ist es dringend nötig Gender-Budgeting an allen Hochschulen verpflichtend einzuführen.

Zielbezogene Außensteuerung – Ein gemeinsames Hochschulwesen entwickeln

Entwicklungen in Hochschulen anzuregen und voranzutreiben darf nicht über finanzielle Mittel und Wettbewerbe geschehen, sondern funktioniert nur über zielbezogene Außensteuerung. Auch ein Staat hat gewisse Interessen, wie sich das Hochschulwesen entwickeln soll und diese soll er auch gegenüber Hochschulen artikulieren dürfen. Er darf sie jedoch nicht über Gesetzgebungsverfahren implementieren, solange sie nicht die oben genannten Kriterien erfüllen. Langfristige Ziele und Entwicklungen sollen gemeinsam mit den Hochschulen diskutiert und vereinbart werden. Dies darf jedoch kein simpler Prozess zwischen Hochschulleitungen und Regierung sein, sondern muss breit und demokratisch geschehen. Das bedeutet, dass diese Prozesse durch die demokratisch legitimierten Gremien an Hochschulen begleitet werden müssen. Das Ergebnis müssen gemeinsame Ziele sein, die allen Hochschulen von Nutzen sind. Das Ziel darf niemals ein Wettbewerb zwischen Institutionen sein, sondern immer ein möglichst starkes Hochschulwesen, das auf Breite statt Spitze baut. Hier wird wieder deutlich wo die momentane Wissenschaftspolitik versagt. Statt gemeinsame langfristige Ziele zu entwickeln, gibt der Staat eine Reihe von Zielen, im Rahmen der Paktfinanzierung, vor. So kann keine gerechte Wissenschaftspolitik gestaltet werden.

Die meisten Hochschulen befinden sich immer wieder im Prozess der Profilbildung, indem sie über langfristige Ziele und Schwerpunktsetzungen entscheiden. Deshalb muss auch dieser Prozess intensiv von staatlicher Seite begleitet werden. Die Hochschulen sich bei diesem Prozess selbst zu überlassen wäre fatal. Denn diese zentralen Entwicklungen müssen demokratisch und breit begleitet werden. Um das zu gewährleisten, müssen möglichst viele gesellschaftliche Akteur*innen beteiligt werden. Denn Profilbildung ist immer noch zu oft von wirtschaftlichen Interessen einer Hochschulleitung geprägt statt von gemeinsamen Interessen aller Hochschulmitglieder. Wissenschaft lebt von Interdisziplinarität und diese muss auch bei der Profilbildung gewahrt werden. Deshalb muss der Grundpfeiler einer jeden Hochschulen sein, auch wenn diese nur aus einem Fachbereich besteht, dass Interdisziplinarität sowohl im Studium als auch der Forschung gelebt wird.

Akademische Selbstorganisation – eine demokratische Hochschule für alle

Auch bei internen Entscheidungsprozessen einer Hochschule spielt eine vermeintliche Profilbildung und ihre Entwicklung eine zentrale Rolle. Für eine langfristige Steuerung einer Hochschule und das Setzen von langfristigen Zielen für diese, ist die Profilbildung dienlich. Sie darf aber nicht von wirtschaftlichen Interessen gelenkt sein. Wenn die langfristige Steuerung und Profilbildung durch eine Hochschulleitung undemokratisch festgesetzt wird, beispielsweise aufgrund von wirtschaftlichen Zielen wie dem stärkeren Einwerben von Mitteln oder der besseren Positionierung in Rankings, ist sie falsch und konsequent abzulehnen. Eine Profilbildung kann nur einen wirklichen Mehrwert entwickeln, wenn sie demokratisch diskutiert und beschlossen wird. Ein zentraler Aspekt dieser Profilbildung ist eine gemeinsame Profilbildung von Forschung und Lehre. Sie getrennt zu behandeln, läuft dem Ideal von Wissenschaft zuwider. Diese beiden Aspekte müssen sich als Einheit gemeinsam entwickeln und auch durch diese Prozesse vor externen Einflüssen geschützt werden.

Viele wissenschaftspolitische Akteur*innen in der Wissenschaftspolitik sprechen sich immer wieder für starke und autonome Hochschulleitungen aus und lehnen demokratische Gremienprozesse ab. Sie wünschen sich einen sogenannten kreativen Partizipationsprozess der Hochschulmitglieder, aber keine echte Mitbestimmung mit Stimmrecht. Undemokratische, autoritäre Entscheidungsprozesse lehnen wir kategorisch ab. Stattdessen müssen die derzeitigen Gremien an den Hochschulen weiter fortentwickelt und stärker demokratisiert werden. Außerdem sind Gremien häufig männlichen dominiert. Auch dies muss sich auf dem Weg hin zu echter demokratischer Mitbestimmung ändern.

Ein Gremium mit professoraler Mehrheit kann kein demokratisches Gremium sein. Deshalb muss kurzfristig die paritätische Besetzung aller Gremien umgesetzt werden. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1973 zur professoralen Mehrheit ist nicht mehr zeitgemäß. Es muss endlich revidiert werden! Denn die professorale Mehrheit ist überholt und undemokratisch. Alle Statusgruppen müssen die gleichen Mitspracherechte genießen. Die Entscheidungen an Hochschulen und insbesondere in den Gremien sind politischer Natur. Entscheidungen und ihre Entscheidungsträger*innen willkürlich in Statusgruppen aufzuteilen, hindert den politischen Prozess. Deshalb muss langfristig das Konzept der Statusgruppen abgeschafft werden. Jede Hochschulwahl ist eine politische Wahl und darf nicht durch die Begrenzung des Wahlrechts auf einzelne Statusgruppen eingeschränkt werden.

Insbesondere innerhalb von Hochschulleitungen sind immer autonomere Entscheidungsmuster zu beobachten. Diese die Tendenz der Effizienz als Legitimation für alle Entdemokratisierungsprozesse mussn endlich gestoppt werden. Hochschulleitungen sind nicht bestimmendes und ausführendes Organ für Entscheidungen in Hochschulen zugleich. Sie bilden die Exekutive und damit sind sie gebunden an die Entscheidungen der demokratisch gewählten Gremien der Hochschulen. Um diese Rolle auch deutlich zu machen, müssen Hochschulleitungen von den demokratisch gewählten Gremien der Hochschulen zukünftig stärker kontrolliert werden. Denn es ist ganz klar: die Entscheidungsgewalt an den Hochschulen liegt bei den Gremien.

Ein zentraler Akteur innerhalb der Hochschule für die Entwicklung strategischer Ziele und Profile ist der Hochschulrat. Dieses intransparente und demokratisch nicht legitimierte Gremium wird damit zu einem der zentralsten Gremien der Hochschule. Teilweise hat es sogar die finale Entscheidungshoheit über Berufungen oder den Globalhaushalt von Hochschulen. Außerdem sind viele Hochschulräte geprägt von Vertreter*innen aus der Privatwirtschaft. Wie hier die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre gewährleistet werden kann, ist zumindest fragwürdig. Kurzfristig muss Hochschulräten deshalb die Entscheidungshoheit abgesprochen werden. Mittelfristig müssen diese Gremien dann gänzlich abgeschafft werden. Es ist aber weiterhin zentral für Hochschulen ein Teil der Gesellschaft zu sein und sich nicht zu Elfenbeintürmen zu entwickeln. Deshalb braucht es eine Alternative zum Hochschulrat, um der gesamten Gesellschaft durch Partizipationsprozesse und neue Gremien die Möglichkeit zu bieten, Hochschulen in ihrer Arbeit zu beraten. Dabei muss sichergestellt werden, dass es sich um einen gesamtgesellschaftlichen Prozess handelt, der nicht von der Privatwirtschaft geprägt wird.

Organisatorische Selbststeuerung – Für eine neue Hochschuladministration

Auch die Administration einer Hochschule muss auf diese angepasst werden und deshalb eine gewisse Autonomie in ihrem Aufbau aufweisen. Einen durch den Staat vorgeschriebenen festen Aufbau einer Administration und ihre Regulierung lehnen wir ab. Der Staat trägt auch hier die Verantwortung, Rahmenbedingungen aufzustellen und ihre Einhaltung zu überwachen.

Die Prinzipien guter Arbeit müssen dabei beachtet werden. So müssen Anstellungsverhältnisse klar geregelt werden. Mitarbeiter*innen an der gesamten Hochschule und auch in der Hochschulverwaltung dürfen nicht prekär beschäftigt sein. Dass Mitarbeiter*innen durch ausschließliche Projektfinanzierung in rein befristeten Arbeitsverhältnissen schweben, lehnen wir ab. Wir fordern die konsequente unbefristete Beschäftigung aller Mitarbeiter*innen in der Administration. Genauso wie wir in der Wissenschaft eine Frauen*quote von mindestens 50% benötigen, brauchen wir diese in der Verwaltung, insbesondere der Führungsebene.

Ein zweiter wichtiger Bestandteil der Rahmenbedingungen müssen die Entscheidungsstrukturen von Administrationen in Verwaltungen sein. Wir fordern möglichst flache Hierarchien und demokratische Entscheidungsprozesse. Zentrale Entscheidungen, die die Administration betreffen, müssen von den demokratisch gewählten Gremien der Hochschule getroffen werden. Die aktuelle Position der Kanzler*innen an Hochschulen als oftmals alleinige Entscheidungsträger*innen einer Verwaltung lehnen wir ab. Stattdessen müssen die leitenden Personen einer Hochschuladministration viel mehr koordinierende und exekutive Aufgaben übernehmen.

Die Gestaltung der Hochschulgovernance ist eine der zentralen Möglichkeiten das Hochschulsystem als Ganzes, aber auch die Strukturen von Hochschulen vor Ort, zu ändern. Denn nur wenn auch diese gerecht und solidarisch gestaltet ist, kann sich das Hochschulwesen zum Besseren entwickeln.

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