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Ein gutes Studium braucht gute Lehre

Das Studium heute – Eine Bestandsaufnahme

Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, ein Hochschulstudium zu beginnen. Die Zahl der Student*innen liegt aktuell bei ca. 2,8 Millionen, vor vier Jahren waren es noch 2,5 Millionen. Dabei können sich Studierende zwischen mehr als 400 Hochschulen und verschiedensten Hochschularten entscheiden. Allein zu diesem Wintersemester haben sich fast eine halbe Million Studienanfänger*innen für eins von mehr als 18.000 Studienfächern entschieden. An den Hochschulen arbeiten momentan mehr als 680.000 Menschen, darunter ca. 46.000 (Junior-) Professor*innen.      

Hürden im heutigen Studium

In diesem Dschungel von Zahlen und Fakten müssen sich Studierende erst einmal zurechtfinden. Dies, in Kombination mit anderen Hürden, wie knappem und teurem Wohnraum, einer unzureichenden Studienfinanzierung und mangelnder Zeit durch die nicht zufriedenstellende Umsetzung der Bologna-Reform, stellt für Viele Probleme dar. Vor allem Studierende mit Eltern, die selbst nicht studiert haben, können nicht auf ein Erfahrungsnetzwerk zurückgreifen. Auch im Studium selbst gibt es viele Baustellen, die es zu überwinden gilt – allenn voran eine stark verschulte Lehre, die ein schnelles Einleben ins Studium zur Bedingung macht und keinen Raum für ein selbstbestimmtes Studium lässt.

Jede*r Student*in kann wahrscheinlich von einem Seminar oder einer Vorlesung berichten, in der gute Lehre Mangelware war. Auch häufen sich Erzählungen von viel zu vollen Vorlesungen, in denen der*die Dozent*in einfach nur von den Folien der Präsentation vorliest, die aber kaum zu lesen sind, da der Hörsaal so veraltet ist, dass der Beamer streikt. In einer solchen Situation schwindet die Lust am Inhalt schnell. Eigentlich hätte man sich unter einem Studium etwas Anderes vorgestellt. Die Aufrechterhaltung einer guten Lehre wurde in der Wissenschaftspolitik und an Hochschulen schon lange schleifen gelassen. Progressive Wissenschaft muss Forschung und Lehre als sich gegenseitig bedingende Bereiche erachten. Es gibt viele Handlungsfelder, an denen dringend angesetzt werden muss, um Studium wieder zeitgemäß zu machen. Es kann kein gutes Studium ohne eine gute Lehre geben!

Betreuung im heutigen Studium

Gute Lehre bedeutet zuallererst, dass überhaupt ausreichend Lehrkräfte vorhanden sind, um Studierende in einem angemessenen Maß betreuen zu können und didaktisch und qualitativ gute Wissensvermittlung gewährleisten zu können. Die steigende Zahl der Studierenden erfordert dringend Personalaufstockungen. Obwohl die Zahl der Dozierenden erhöht wurde, reicht sie nicht aus, um den steigenden Studierendenzahlen gerecht zu werden und somit gute Lehre und eine entsprechende Betreuung zu gewährleisten. Während 2010 noch durchschnittlich ein*e Professor*in auf 60 Studierende kam, mussten 2016 bereits 66 Studierende betreut werden. Dieses Verhältnis ist, obwohl in den vergangenen zehn Jahren fast 3000 Professor*innen mehr eingestellt wurden, erschreckend.

Doch auch die Hochschulart, das Studienfach und das Bundesland, in dem studiert wird, haben einen Einfluss auf das Maß an Betreuung. So haben kostenintensivere Studienfächer häufig eine schlechtere Betreuungsrelation, wie beispielsweise in MINT-Fächer und in der Humanmedizin. Ein weiterer Einfluss auf die Anzahl der Professor*innen, die Studierende betreuen, ist das Bundesland. Während in Thüringen und Bremen nur 47 Studierende betreut werden, müssen in Nordrhein-Westfahlen fast 90 Studierende von einer*einem Professor*in betreut werden. Dabei kann nicht jede*r Student*in sich den Studienort aussuchen, der eine gute Betreuung ermöglicht und auch die Fächerwahl ist durch zahlreiche abzulehnende Zugangshürden eingeschränkt.
Das Studium wird immer komplexer, bei einer steigenden Anzahl von Studienfächern, die zum Teil hoch spezialisiert sind, kann es häufig zu Orientierungslosigkeit kommen. Gerade Studierende aus Nicht-Akademiker*innen-Familien haben häufig keinen Zugriff auf ein Erfahrungsnetz und stehen allein da. Auch die Unsicherheit, ob man das richtige Studienfach gewählt hat und die Lehrinhalte wirklich zu einem selbst passen, spielen eine Rolle.
Wie Betreuung hingegen stattfinden soll, ist nirgendwo allgemein festgelegt. Dabei sind Anforderungen, an denen sich Dozierende orientieren können sinnvoll, um Rahmenbedingungen zu schaffen und allen Studierenden eine gute Betreuung zu ermöglichen, die gewissen Standards entspricht.

Um gute Lehre zu ermöglichen, sind Schulungen und Weiterbildungen für Dozierende ein wichtiges Mittel. Dabei spielen sowohl Inhalte der Didaktik als auch in den Bereichen Diversity, in denen Lehrpersonal feministische, sozialpsychologische und inklusive Inhalte nähergebracht werden. So kann auf Bedürfnisse einzelner Studierender eingegangen werden. Zudem kann hochschulintern ein Austausch zwischen Dozierenden hilfreich sein, best practice Austausch stellt dabei eine Möglichkeit dar, gute Lehre und gute Betreuung in Anwendung zu sehen.

Ein Studium besteht nicht nur aus Vorlesungen, Seminaren und anderen Veranstaltungen an sich. Auch außerhalb profitieren Studierende von einer guten Betreuung. So können Inhalte hinterfragt, gefestigt und genauer betrachtet werden. Ebenfalls ist für die Erstellung von Haus-, Abschlussarbeiten sowie Klausuren, mündlichen Prüfungen und sämtlichen anderen Prüfungsleistungen die Betreuung durch Ansprechpartner*innen von Bedeutung. Zudem müssen Klausuren und Hausarbeiten als Prüfungsleistungen selbst kritisch reflektiert und Alternativen erörtert werden. Insbesondere Betreuung und Beratung müssen in jedem Fall und bei der Prüfungsform intensivierend gewährleistet sein. Sprechstunden müssen deswegen häufiger und für Studierende besser erkenntlich angeboten werden, um einen Raum zu schaffen, der die Früchte guter Lehre auch über den Hörsaal hinaus gewährleistet. So können Inhalte hinterfragt, gefestigt und genauer betrachtet werden, auch für die Erstellung von Haus- und Abschlussarbeiten ist die Betreuung durch Ansprechpartner*innen von Bedeutung.

Neben der Betreuung bezüglich fachbezogenen Fragen muss auch die allgemeine Studienberatung gestärkt werden. Bei einer steigenden Anzahl von Studienfächern, die zum Teil hoch spezialisiert sind, kann es häufig zu Orientierungslosigkeit kommen. Viele Studierende sind unsicher, ob sie nach der Initialentscheidung für ein Studium auch das richtige Studienfach gewählt haben.  Ansprechpartner*innen vom Fach, so beispielsweise Dozierende, können hier ein erster Anlaufpunkt sein. Besonders für Studierende mit Eltern, die selbst nicht studiert haben, ist ein umfassendes Informations- und Beratungssystem unerlässlich.

Für eine gute Beratung ist auch die Art, mit der Dozierende mit Feedback umgehen, von Bedeutung. Eine positive Feedbackkultur kommt allen zu Gute und steigert die Qualität der Lehre. Dazu muss durch eine gute Betreuung eine Atmosphäre geschaffen werden, die ermöglicht, Raum für Lob und Kritik zu schaffen. Ein gutes und offenes Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden, begleitet durch eine stabile allgemeine Studienberatung, dient dazu, Studienabbrüche zu vermeiden. Die hochschulischen Hierarchien müssen insofern aufgebrochen und insbesondere Lehre als Orte der Wechselwirkung begriffen werden. Eine gute Lehre beginnt bei guter Betreuung und dem respektvollen Austausch untereinander.

Studierende und gute Lehre

Didaktik und Ausstattung

Ein großer Teil des Studiums wird durch die Teilnahme an den unterschiedlichen Lehrveranstaltungen ausgemacht. Zu Beginn des Studiums erhoffen sich viele spannende Diskussionen und einen guten Austausch untereinander und mit der Lehrperson. Doch der Alltag sieht häufig anders aus: In viel zu vollen und maroden Hörsälen quetschen sich viele Studierende in zu engen Räumen und hören einem*einer Dozent*in bei einem reinen Vorlesen der Folien zu. Selbst in Seminaren, in denen oft noch Anwesenheitspflicht herrscht, ist das Bild nicht anders. Studierende werden zu selten aktiv eingebunden. Dabei hat eine gute didaktische Aufbereitung von Lehrveranstaltungen und die Möglichkeit der Partizipation für Studierende einen hohen Stellenwert, um sich divers, reflektiert und kritisch mit der Thematik auseinanderzusetzen, eigene Ansätze zu entwickeln und Wissen fortzubilden.

Darüber hinaus spielt die Didaktik der Dozierenden eine große Rolle. Wenn die Dozierenden Spaß am Lehren und am Inhalt der Veranstaltung haben, kommt das auch bei den Studierenden an, gerade wenn die Inhalte aktivierend und motivierend vermittelt werden. Studierende müssen sich der Thematik proaktiv nähern können, eigene Gedanken und Impulse einbringen und selbstständig arbeiten können. Wenn Fragen, Unklarheiten oder Diskussionsbedarf aufkommen, muss auch diesen Raum gegeben werden. Dies ist aber nur möglich, wenn Kontakt zum und Austausch mit dem Lehrpersonal Teil von Lehrkonzepten ist. Zurzeit werden Vorlesungen zum Teil sogar im Kino übertragen, um die Masse an Studierenden unterkriegen zu können. Eine gute Lehre ist so nicht möglich, stattdessen wird rein auf Frontalvorträge und das Auswendiglernen von Folieninhalten gesetzt. Das muss sich ändern! Das Zentrale in der Wissenschaft ist die Weiterentwicklung eben dieser durch einen Diskurs, weshalb auch in den Lehrveranstaltungen der Austausch im Mittelpunkt stehen muss. Zuletzt sind Studierende selbst das aussagekräftigste Maß über den Erfolg einer Lehrveranstaltung; ihr Feedback ist daher von Bedeutung, dieses muss angenommen und umgesetzt werden und nicht erst in der letzten Sitzung eingeholt werden.

Digitalisierung und gute Lehre

Lehre muss mit der Zeit gehen und die neue Möglichkeiten der Digitalisierung aufgreifen. So  können beispielsweise nicht alle Studierenden immer in Präsenzveranstaltungen teilnehmen, weil sie etwa zusätzliche Verpflichtungen, wie Kindererziehung und Familienpflege wahrnehmen, einer beruflichen Tätigkeit nachgehen oder aufgrund einer chronischen Krankheit und/oder körperlichen Beeinträchtigung nicht anwesend sein können. Studierende können davon profitieren, wenn Vorlesungen aufgezeichnet werden, wenngleich dies kein Ersatz für die barrierefreie Gestaltung von Lehrveranstaltungen und die flexiblere Terminfindung sein kann.

Auch weitere Formate, wie sie an verschiedenen Hochschulen bereits praktiziert werden, helfen dabei, auf individuelle Bedürfnisse von Studierenden eingehen zu können und jeder*m das Studium in dem Rahmen zu ermöglichen, wie er*sie es benötigt. Hier haben neue Lehrkonzepte, wie z.B. Blended Learning eine zentrale Rolle, um auch große Zahlen von Studierenden individuell betreuen zu können.

Um die Digitalisierung auch wirklich an den Hochschulen umzusetzen, ist eine entsprechende Ausstattung von Lehrräumen dringend nötig. Grundlegende Ausbaumaßnahmen wie Internet- und Stromzugang sind nur erste Schritte, um die Chancen der Digitalisierung auch im Hochschulalltag nutzen zu können. Ebenfalls spielt der Zugang zu Lehr- und Lernmaterialien eine Rolle im Bereich der Digitalisierung. Nur wenn alle die Möglichkeit haben, kostenlos auf breit gefächerte Inhalte zurückzugreifen, ist ein ein selbstbestimmtes Studium möglich. In Anbetracht dessen, wie leicht Studierende diesen Zugang verlieren können (Stichwort: VG Wort), ist es besonders wichtig zu betonen, dass Materialien allen Studierenden leicht online zugänglich gemacht werden müssen. Hierfür ist insbesondere die Einbindung von OpenAcces- Plattformen zu prüfen, auf denen Wissen frei publiziert und von anderen abgerufen werden kann. Die Zeiten, in denen Kopierer nötig waren, um Inhalte eigenständig nutzen zu können, sind zu Recht vorbei. In einer digitalen Zeit muss gute Lehre auch die Digitalisierung einbinden!

Gutes Studium und Wahlfreiheit

Studium bedeutet zuallererst auch Selbstbestimmung. Stark verschulte Studiengänge mit wenig Wahlfreiheit stehen unserem emanzipatorischen Bildungsideal entgegen. Vielmehr müssen Studiengänge interdisziplinär ausgestaltet sein und frei wählbar sein.Dabei soll transparent gemacht werden, was die Inhalte der Veranstaltung sind und welche Anforderungen damit einhergehen, sodass Studierende selbst entscheiden können, was sie für ihren eigenen Bildungsweg als sinnvoll erachten. Dabei lebt eine diverse Wissenschaft gerade davon, auch über den Tellerrand des eigenen Studiums hinauszublicken und durch Einbindung anderer Studieninhalte eine kritische Lehre und Forschung erleben zu können. Ein Studium Generale, wie es bereits von einigen Hochschulen angeboten wird, bietet dazu gute Rahmenbedingungen. Gerade dadurch können Studierende eine allgemeinere Bildung erhalten und für sich herausfinden, welches Studienfach zu ihnen passt und Studienabbrüche können so reduziert werden.

Bei einer freien Studienwahl ist aber auch eine gewisse Planbarkeit von Bedeutung. Solange Studierende nicht die Sicherheit haben, an ihrer Wunschveranstaltung teilnehmen zu können, werden ihnen Steine in den Weg eines selbstbestimmten Studiums gelegt. Gerade für Studierende, die Pflege- und/oder Lohnarbeit mit ihrer Bildung vereinbaren müssen, ist diese Planbarkeit von Bedeutung. Die Kopplung der Regelstudienzeit an BAföG und Krankenkassenbeiträge und strikte Vorgaben wie Pflichtfächer und Anwesenheitspflichten, wirken hier nicht als Förderung der Lehre, sondern schränken Studierende in ihrem Studium weiter ein. Ein gutes Studium braucht keine Zeitvorgaben, sondern Flexibilität und Zeitautonomie. Dazu gehört auch, dass ein Studium in Teilzeit möglich ist.

Dozent*innen und gute Lehre

Der Motor einer guten Lehre sind selbstverständlich die Dozent*innen. Ihnen fallen eine Vielzahl von Aufgaben zu. Neben der didaktischen Aufbereitung von Lehrveranstaltungen und einer guten Betreuung von Studierenden müssen sie häufig auch Mittel zur Eigenfinanzierung einwerben und engagieren sich ggf. noch in der Gremienarbeit. Bei steigenden Studierendenzahlen und einem paktbasierten Finanzierungssystem, das die Kosten von guter Lehre und kritischer Wissenschaft nicht deckt, scheint es fast unmöglich, diese Fülle an Aufgaben adäquat zu bewältigen. Insbesondere die Lehre leidet unter diesem Zustand. Eine schlechte Lehre hat keine Konsequenz für die Dozierenden, wohl aber für die Studierenden. Neben Anreizen für Dozierende, gute Lehre als zentral zu begreifen, braucht es vor allem genügend Ressourcen bei den Dozent*innen, um Lehrveranstaltungen aufzubereiten und den Austausch mit Studierenden zu pflegen. Zu diesen Ressourcen zählt ebenfalls, dass Dozierende ausreichend Zugang zu Weiterbildungen erhalten können, vor allem der Bereich der Didaktik hat für gute Lehre die größte Bedeutung. Auch interdisziplinäre Weiterbildungen sind ein Mittel, um fächerübergreifende Lehre zu ermöglichen.

Berufungsverfahren

Vakante Professuren werden über Berufungsverfahren neu besetzt, in denen zumindest alle Statusgruppen beteiligt werden, wenn auch in ungleichen Anteilen. Dabei werden vor allem auf die Anzahl der Veröffentlichungen und die Fähigkeit, Drittmittel einzutreiben, geachtet. Die Qualität der Forschung und Lehre sowie kritische Ausrichtung der eigenen Arbeit sind dabei sekundär. Forschungszweige abseits des Mainstreams finden kaum Beachtung. Die Lehre, die einen gros der Arbeit ausmacht, wird nur am Rande betrachtet. Wichtig ist der Nutzen der für die Hochschule als Institution entsteht und nicht für die Lernenden.

Lehrerfahrung und didaktische Kriterien sind für spätere gute Lehrveranstaltungen wichtige Indikatoren. Ob ein*e Bewerber*in beispielsweise Weiterbildungen in diesem Bereich absolviert hat, sollte beachtet werden, denn ein Großteil guter Lehre hängt damit zusammen, wie diese präsentiert wird. Deshalb soll auch, im Falle einer Einstellung, kontinuierlich didaktische Weiterbildung angeboten werden, damit gute Lehre gesichert und gefördert wird.

Zurzeit sind Berufungsverfahren häufig intransparent, studentische Partizipation ist kaum möglich, auch die wichtige Meinung einer Gleichstellungsbeauftragten fällt häufig hinten runter. Das kann nicht sein; Studierende brauchen endlich eine paritätische Besetzung in Berufungsverfahren sowie in allen weiteren Gremien. Gleichstellungsfragen müssen Gehör finden und die Gleichstellungsbeauftragten müssen gestärkt werden, denn nur so kann eine feministische Einstellungspolitik ermöglicht werde. Die Berufungskommissionen müssen dafür Sorge tragen, dass die Besetzung von freien Stellen mit einer 50 prozentigen Frauen*quote erfolgen und schon bei Ausschreibung einer zu besetzenden Stelle auf Gleichstellungsaspekte geachtet wird. Damit die Stimmen aller Geschlechter deutlich werden, muss auch die Berufungskommission selbst geschlechterparitätisch besetzt sein. So kann dagegen angekämpft werden, dass sich Männernetzwerke weiter reproduzieren. Die Qualität der Veröffentlichungen und nicht nur deren Quantität müssen in Berufungsverfahren beachtet werden. Die Akquise von Drittmitteln darf kein Kriterium bei der Berufung von Professor*innen sein. So erfahren Frauen*, die aufgrund von Pflegearbeit Auszeiten genommen haben, keine Nachteile gegenüber ihren Kollegen. Hier zeigt sich: schon bei der Berufung muss auf gute Lehre ein Fokus gesetzt werden, um einen Grundstein für gute Studienbedingungen zu legen.

Kritische Wissenschaft und Demokratisierung

Teil der Arbeit an einer Hochschule ist es, zu forschen. Dennoch geschieht dies häufig in Mainstreambereichen, die wirtschaftlich rentabel sind und kritisches Überprüfen einschränken. Da eine gute Lehre und eine kritische Forschung Hand in Hand gehen, muss auch hier ein Wechsel von statten gehen. Wir brauchen eine diverse Wissenschaft, in der feministische Inhalte aufgegriffen werden. Dazu gehört auch, dass die Finanzierung von Projekten sichergestellt ist und der Fokus nicht auf Drittmittelbeschaffung liegt. Nur so kann Forschung fernab von finanziellen Interessen Dritter emanzipatorisch stattfinden, um kritisches Hinterfragen zu ermöglichen und Perspektiven des Feminismus aufzugreifen.

Der interdisziplinäre Austausch lebt von der Vielfalt an wissenschaftlichen Disziplinen, die unabhängig von Interessen wirtschaftlicher Geldgeber*innen ihre Berechtigung haben. Dieses kritische Denken ist nicht nur an Hochschulen sinnvoll, sondern hat auch einen Demokratisierungsaspekt. Wenn Diskussionen in Lehrveranstaltungen gefördert werden und der Blick über den eigenen Tellerrand unterstützt wird, hat dies auch einen Effekt auf den Diskurs außerhalb der Hörsäle.

Arbeitsbedingungen von Dozent*innen

Eine gute Lehre und gute Arbeitsbedingungen sind nur dann möglich, wenn Dozierende nicht überfordert werden. Zur Zeit sind allerdings immer weniger Dozierende für immer mehr Studierende verantwortlich. Gerade stressbezogene Krankheiten werden so nur gefördert. Besonders, da viele Stellen in der Wissenschaft prekär und befristet sind. Auch Student*innen fallen unter diese Gruppe. Häufig arbeiten sie als Tutor*innen und sollen, ohne eine didaktische Ausbildung erhalten zu haben, andere Studierende lehren. Von Weiterbildungen in diesem Bereich profitieren letztlich alle, denn Lehre lebt von guten rhetorischen und didaktischen Fähigkeiten und gibt auch Dozierenden die Möglichkeit, Inhalte angemessen weiterzugeben. Studierende sollen für diese didaktischen Schulungen, unabhängig ihres Studiengangs Creditpoints erhalten, gerade in Hinblick auf ihre Zeitbelastung. Nicht nur Fort- und Weiterbildungen in Didaktik, auch der Einsatz digitaler Medien, Diversity, Antidiskriminierung und in psychosozialen Inhalten sorgen dafür, dass gute Arbeit in der Lehre geleistet werden kann.

Viele Dozierende arbeiten nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Forschung . Auch hier ist eine Finanzierung von Projekten nicht sichergestellt, das Werben um Drittmittel rückt häufig in den Fokus. Dabei müssen Forschung und Lehre vereinbar sein, die Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten darf kein Grund dafür sein, dass gute Lehre und kritische Wissenschaft darunter leiden. Auch Student*innen sind von befristeten Beschäftigungen in der Lehre betroffen. Häufig bleibt unklar, wie lange ein Betreuungsverhältnis überhaupt möglich ist, zum Teil wechseln Dozierende sogar während des laufenden Semesters. Diese Unsicherheit schlägt sich auch in der wahrgenommenen Belastung der Studierenden nieder, vor allem, wenn diese sich vorstellen können, selbst später in der Wissenschaft zu arbeiten. Es zeigt sich, dass Bildung nicht von einer schwarzen Null abhängen darf, sondern Lehre sowohl für Studierende, als auch für Dozierende eine ausreichende Finanzierung bedarf

Insgesamt zeigt sich prekäre Beschäftigung in all den unterschiedlichen Beschäftigungsgruppen der Hochschulen. Und dabei wird klar, egal ob es sich um Dozent*innen, Mitarbeiter*innen aus Technik und Verwaltung oder wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen handelt – sie alle tragen durch ihre Arbeit zu guten Bedingungen für Lehre und Forschung bei. Deswegen braucht es für gute Lehre auch gute Arbeit – für alle Mitglieder der Hochschule.

Gute Lehre gibt es nicht umsonst – ein gutes Studium auch nicht!

Hochschulfinanzierung für eine gute Lehre

Obwohl die Ausgaben der Länder für Forschung und Lehre nominell gestiegen sind, reichen sie nicht aus, um die steigende Anzahl der Studierenden abzudecken. Gerade die leidige Paktfinanzierung kann bei dem Problem nicht weiterhelfen. Insbesondere kostenintensive Studienfächer leiden unter einer zu geringen Finanzierung, auch kleine Studiengänge geraten unter enormen Finanzierungsdruck. Dadurch werden wissenschaftliche Stellen unterproportional ausgebaut, obwohl eigentlich viel Handlungsbedarf besteht.

Ein Ende der Paktfinanzierung muss her, stattdessen müssen Hochschulen endlich eine vernünftige Grundfinanzierung erhalten. Teil der Grundfinanzierung müssen ausreichend Mittel sein, um genug Personal einstellen zu können. Nicht nur ein Grundbedarf muss gedeckt werden, nur über eine ausreichende Anzahl an Lehrpersonal kann wirklich gute Lehre ermöglicht werden. Solange Wissenschaftler*innen noch Zeit aufwenden müssen, um Drittmittel zu werben, um Finanzierung sicher zu stellen und in späteren Bewerbungsprozessen um eine Professur bessere Chancen zu haben, fehlt Zeit. Diese Zeit wäre besser aufgehoben in guten Betreuungsangeboten, kritischer Lehre und didaktischen Weiterbildungen. Auch Angestellte der Hochschule brauchen Sicherheit, sowohl, dass ihre Projekte ausreichend finanziert werden, als auch ihre Arbeitsstelle erhalten bleibt. Deswegen ist es wichtig, dass endlich von der Praxis abgegangen wird, Wissenschaftler*innen nur befristet einzustellen!

Studienfinanzierung und ein gutes Studium

Auch Studierende sehen sich vor und während ihres Studiums mit der Frage konfrontiert, wie sie dieses finanzieren sollen. Dies geschieht häufig über BAföG, das, nachdem man sich durch das Chaos der Beantragung geschlagen hat, häufig kaum ausreicht, um ein wirklich selbstbestimmtes Leben führen zu können. Eine starke Einschränkung, die BAföG zurzeit mit sich bringt, ist die Fokussierung auf die Regelstudienzeit. Dieses Konzept soll primär dazu beitragen, Studierende möglichst schnell durch das Studium zu schleusen, damit sie möglichst früh erwerbstätig sein können. In Wahrheit sorgt es aber für unnötigen Druck. Es verhindert, über den Tellerrand des eigenen Studiengangs zu blicken, kritisch zu hinterfragen und schränkt darin ein, Bildung als Selbstwert erfahren zu können. Deshalb brauchen wir endlich ein alters- und elternunabhängiges BAföG in ausreichender Höhe, dass auch Studierende in Teilzeitstudiengängen fördert, denn ein selbstbestimmtes Studium darf nicht durch Regularien eingeschränkt sein. Eine gute Lehre, die durch Partizipation der Studierenden, beispielsweise durch kritisches Hinterfragen, entsteht, ist erst dann möglich, wenn finanzielle Sorgen nicht im Vordergrund stehen. Die Abkehr vom Sinnbild der Schwarzen Null muss her, denn gute Bildung braucht Investitionen!

Feministische und inklusive Perspektiven guter Lehre

Chronisch kranke und beeinträchtigte Studierende einbeziehen

Die Studierendenschaft wird immer diverser, doch häufig sind Hochschulen in ihrem Personal, ihrer Forschung und ihrer Lehre homogen. Hochschulen sollten aber ein Spiegel der Gesellschaft sein und auf die Bedürfnisse einzelner eingehen.

Teil davon ist, eine gute Lehre inklusiv zu gestalten. Durch diverse Lernmittel, Vorlesungsaufzeichnungen und eine gute Betreuung durch Dozent*innen kann besser auf Einzelne eingegangen werden. Damit alle von guter Lehre profitieren können, muss diese aber für alle zugänglich sein, sei es durch eine räumliche Anpassung in Hörsälen, durch eine Bereitstellung von Audiomaterial oder Lesehilfen, die zum Teil an einigen Hochschulen bereits ausgeliehen werden können. Auch Bibliotheken sollen mit Arbeitsplätzen für behinderte Menschen ausgestattet werden. Es kann nicht sein, dass ein studentisches Leben sich für Gruppen von Menschen nur in den Hörsälen und Seminarräumen abspielen kann, rein aufgrund der Tatsache, dass sonst keine barrierefreien Bauten aufzufinden sind. Die Ausstattung von Bibliotheken umfasst unter anderem Vorleseräume, sowie spezielle Drucker für hör- und sehbehinderte Menschen. Auch Dozierende müssen für jede Studierendengruppe sensibilisiert werden, es darf keine Bringschuld von Studierenden mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen gefordert werden.

Frauen* an Hochschulen

Obwohl inzwischen fast so viele Frauen* wie Männer* studieren, sind Studieninhalte und die Professor*innenschaft häufig männlich geprägt. Auch die Debattenkultur ist geprägt von männlich dominantem Redeverhalten. Dies darf so nicht weitergehen. Es braucht feministische Inhalte in Seminaren und Vorlesungen; Frauen* als Wissenschaftlerinnen* müssen endlich die Beachtung bekommen, die sie auch verdienen. Gute Lehre bedeutet auch, (queer-)feministische Aspekte mit einzubeziehen, denn der Fokus auf die Binarität der Geschlechter prägt den Alltag weiterhin. Deutlich wird dies sowohl an Studieninhalten als auch an den Dozierenden, vor allem das Zahlenverhältnis von Professorinnen* zu Professoren* spricht hierbei Bände.

Damit in Vorlesungen, Seminaren und anderen hochschulinternen Veranstaltungen die Diversität der Studierendenschaft zu spüren ist, muss eine angenehme Atmosphäre für alle geschaffen werden. Diskriminierungen dürfen nicht hingenommen werden, stattdessen spielt Sensibilisierungsarbeit eine große Rolle, um Hochschulen und Lehre so zu gestalten, dass alle einem guten, selbstbestimmten Studium nachkommen können. Oft werden allein durch die Formulierungen von Ausschreibungen Frauen* aktiv an der Bewerbung gehindert.

Dozentinnen* kommt in Hochschulen auch eine Vorbildrolle Zugute. Durch ihre Tätigkeit in der Wissenschaft prägen sie das Bild mit, wie eine Hochschule aussieht. Auch deshalb ist es von Bedeutung, dass Frauen* in der Wissenschaft arbeiten und eine Quote von 50% erzielt wird. Die Hälfte der Studienanfänger*innen sind weiblich, es wird Zeit, dass diese Zahl auch in der Wissenschaft repräsentiert wird!

Um Gute Lehre für alle zu ermöglichen fordern wir deshalb:

  • Eine gut didaktisierte Lehre, die für alle Studierende zugänglich ist. Dies darf nicht länger von der Wahl des Studienfachs, des Studienorts oder der Hochschulart abhängen.
  • Einen Ausbau der Räumlichkeiten der Hochschule, sodass gute Lehre gegeben werden kann. Dazu gehört eine ausreichende technische Ausstattung, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, auch die Belange von Studierenden mit chronischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen müssen beachtet werden.
  • Ein selbstbestimmtes Studium, geprägt durch Interdisziplinarität und Wahlfreiheit. Dieses muss allen Studierenden angeboten werden.
    • Die Möglichkeit eines zwei Semester andauernden Studiums Generale, um allen Studierenden einen Überblick über die Fächervielfalt zu geben.
  • Ausreichend Lehrpersonal! Es muss nicht nur ein Grundbedarf gedeckt, sondern zusätzliche Kapazitäten ausgebaut werden, um gute und kritische Lehre zu garantieren
    • Gut ausgebildetes Lehrpersonal, dem Weiterbildungen bezüglich Interdisziplinarität, Digitalisierung, Didaktik, Sozialpsychologie, Inklusion und Gleichstellung ermöglicht wird.
  • Transparente und faire Berufungsprozesse. Dabei müssen die Meinungen von Studierenden und der Gleichstellungsbeauftragten stärker gehört und berücksichtigt werden.
    • Eine 50 prozentige Frauen*quote in der Wissenschaft, keine Replizierung von Männernetzwerken.
    • Ausschreibungen für Professor*innen sollen geschlechtergerecht formuliert werden.
    • Die Qualität der Veröffentlichungen, nicht die Quantität soll dabei in Betracht gezogen werden.
    • Gute Lehre muss während und nach der Berufung im Fokus stehen. Das Erwerben von Drittmitteln darf kein Berufungskriterium sein.
  • Kritische Wissenschaft und Demokratisierung anstatt einer neoliberalen Ausbildung, die auf den Arbeitsplatz ausgerichtet ist muss her. Dozierende haben deshalb die Aufgabe, Inhalte abseits des Mainstreams zu behandeln und kritisches Denken der Studierenden zu fördern.
  • Gute Betreuung von Studierenden, sowohl zu fachbezogenen als auch persönlichen Themen. Dazu müssen Dozierende in den betreffenden Bereichen ausgebildet sein
  • Eine positive Feedbackkultur, damit Lehre stetig verbessert und an die Bedürfnisse von Studierenden angepasst werden kann.
  • Gute Arbeitsbedingungen für Studentische Hilfskräfte und Dozierende an Hochschulen. Dazu gehört ein Ende der befristeten Beschäftigungen und ein angemessener Arbeitsaufwand für alle.
  • Didaktische Fortbildungen auch für studentische Tutor*innen, die unabhängig vom Studiengang anrechenbar sind.
  • Eine Hochschulfinanzierung, die nicht auf Pakten, sondern wirklichem Bedarf beruht. Besonders die Lehre leidet häufig unter Unterfinanzierung. Daher fordern wir eine dauerhafte flächendeckende Finanzierung der Hochschulen. Wir sprechen uns gegen jede Form von Drittmittelfinanzierung aus. Unbefristete Arbeitsverträge können so gesichert werden.
  • Eine Studienfinanzierung, die allen ein gutes Studium ermöglicht. Dazu gehört ein alters- und elternunabhängiges BAföG als Vollzuschuss, dass auch für Studierende in Teilzeitstudiengängen offensteht und das nicht länger an die Regelstudienzeit gekoppelt ist, damit das Studium und nicht Finanzsorgen im Vordergrund bleiben.

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