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Perspektiven für Jurist*innen ausbauen – Erwerb eines Bachelors of Law auch bei durchgefallenem Staatsexamen!

Das Studium der Rechtswissenschaft zählt unter Studierenden in Deutschland zu den beliebtesten Studiengängen überhaupt. Vielerorts werben Hochschulen mit der Reichhaltigkeit an beruflichen Perspektiven für Jurist*innen, der praxisorientierten Ausbildung, sowie mit vermeintlich hohen Einstiegsgehältern für Volljurist*innen.

Was sich in der Theorie für viele Studierende wie ein erfüllendes und erfolgreiches Studium anhört, ist in der Praxis ganz anders. Fast jede*r Dritte Studierende in Deutschland fällt durch das erste Staatsexamen durch und steht mithin entweder ohne Abschluss da oder hat nur noch einen verbleibenden, alles entscheidenden Versuch auf den Erwerb des ersten Staatsexamens.  Auch beim zweiten Staatsexamen, der Prüfung, die es für den Titel des*der Volljurist*in bedarf, ist diese Quote nicht bedeutend niedriger.

Viele Studierende sehen sich in der finalen Phase ihres Studiums – während der Vorbereitung auf das erste Staatsexamen – einem immensen Druck ausgesetzt. Durch ein völlig überaltertes Prüfungssystem entscheiden über Grad des Abschlusses bzw. die finale Note am Ende des Studiums je nach Bundesland zwischen fünf und acht Klausuren in den Rechtsgebieten Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht. Studierende verbringen so mindestens vier Jahre ihres Lebens damit, sich in den dogmatischen Kernfächern zu bilden und die erforderlichen Prüfungsleistungen abzulegen. Diese Leistungen werden jedoch in keiner Weise für die Endnote angerechnet – Viel mehr zählt nur das sogenannte Schwerpunktstudium und zu 70 Prozent die Prüfungsleistung im Staatsexamen. Ein gesamtes Studium in all seinen Facetten und in seiner ganzen Breite wird so auf lediglich fünf- bis acht Prüfungen heruntergebrochen.

Mitnichten haben die Studierenden für dieses alles entscheidende Examen jedoch eine beliebige Anzahl von Versuchen. Je nach Studienverlauf können die innerhalb von lediglich zwei Wochen stattfindenden Klausuren nur ein- bis zwei Mal wiederholt werden. Wer im zweiten- oder dritten Versuch sein Staatsexamen nicht besteht, steht am Ende des Studiums ohne Abschluss da.

Dieses Szenario ist keinesfalls ein Ausnahmefall: Kaum ein anderes Studium weist eine solch hohe Durchfallquote auf – Und das, obwohl das Studium der Rechtswissenschaft zu den Gefragtesten überhaupt zählt. Diese Statistiken setzen die Studierenden vielerorts unter enormen Druck. Nicht selten berichten Studierende so von psychischen Belastungen und Erkrankungen, da der Druck zu groß wurde.

Wenig verwunderlich, dass sich besonders Kindern aus Haushalten, die das Studium nicht vollständig selbst finanzieren können, gegen die Rechtswissenschaft entscheiden. Denn wieso 4-6 Jahre Schulden in Form von BAföG oder Bildungskrediten eingehen, wenn das Risiko eines Abschlusses am Ende eine solche Präsenz einnimmt. Besonders erschwerend kommt hinzu, dass die Vorbereitung auf das Staatsexamen aufgrund von teilweise mangelhaften Repetitorien–Angebote der Hochschule selbst für teures Geld in die Hände privater Anbieter*innen selbst gelegt wird. Gleichzeitig geht mit dem außerordentlichen Zeitaufwand, den das Repetitorium mit sich bringt, eine Erwerbstätigkeit nicht zusammen. Finanziell benachteiligte Studierende werden dadurch zusätzlich diskriminiert. Die gesamte monetäre Belastung ist enorm. Die Konzeption des Jura-Studiums wird so zur Frage der sozialen Gerechtigkeit. Die Klientelreproduktion durch strukturelle Hürden im Jura-Studium muss beendet werden.

Diesem unhaltbaren System muss entgegengewirkt werden. Ein Bachelor of Law soll hierbei automatisch bei Erwerb aller für die Teilnahme am Staatsexamen erforderlichen Scheine erworben werden. Dieser Bachelor soll das Staatsexamen keinesfalls ersetzen, sondern viel mehr ergänzen. Er soll außerdem eine Grundlage bilden, auf der die Studierenden, falls sie das wünschen, aufbauen können. So sollen Studierende, die zwar durch das Staatsexamen gefallen sind aber trotzdem einen Bachelor of Law erworben haben, dennoch die Möglichkeit haben, mit den erworbenen Leistungen sowie ihrem langen Studium des Rechts die Qualifikation für einen Master zu besitzen. Im nächsten Schritt muss es dann unser Anliegen sein, das Angebot entsprechender Masterplätze zu schaffen, sowie die Einstellungskriterien im öffentlichen Dienst auf die veränderten und diversen Qualifizierungsmöglichkeiten anzupassen. Ein solcher Bachelor ist keinesfalls undenkbar: Einige Hochschulen, darunter die Universität Potsdam, die Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), sowie die Bucerius Law School in Hamburg, integrieren in ihr rechtswissenschaftliches Studium bereits ein vergleichbares Bachelormodell. Dies muss nun flächendeckend an jeder Hochschule geschehen, damit niemand nach einem langen Studium ohne Abschluss dasteht.

Die beschriebenen Zustände sind nicht länger hinnehmbar! Wir akzeptieren nicht, dass viele Menschen sich andauernd dem Leistungsdruck des juristischen Studiums ausgesetzt sehen. Insbesondere für Menschen, die ihr Studium selbst finanzieren müssen und internationale Studierende, die neben der Fülle an inhaltlichen Anforderungen oft auch vor sprachlichen Hürden stehen, ist dies ein nicht hinnehmbares Risiko. Viele Studierende, insbesondere all jene, die nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus kommen und die nicht von klein auf die deutsche Sprache sprechen, sehen sich so strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt. Dieses „Alles-oder-Nichts-Prinzip“ ist vollkommen rückständig! Wir Juso-Hochschulgruppen fordern deshalb:

  • Schluss mit diesem völlig überalterten Prüfungssystem! Das juristische Prüfungssystem muss grundlegend evaluiert und erneuert werden. Schon der Umstand, dass das juristische Staatsexamen lediglich handschriftlich abgelegt werden kann, ist im Rahmen umfassender gesellschaftlicher Digitalisierung nicht mehr zeitgemäß.
  • Die Erwerbsmöglichkeit eines Bachelors of Law bei Erwerb aller für die Teilnahme am Staatsexamen erforderlichen Scheine bzw. Prüfungsleistungen, der die Grundlage für einen kombinierbaren Masterabschluss darstellt! Kein Mensch soll am Ende seines Studiums ohne Abschluss dastehen! Mit dem Bachelor of Law ist kein spezialisierter Bachelor gemeint, wie er bereits an anderen Universitäten existiert. Die Kurse, die im Staatsexamen stattfinden, sind nicht gleichzusetzen mit den spezifischen Qualifikationen die im Bachelor of Law acquiriert werden. Aus diesem Grund sprechen wir uns für einen allgemeinrechtlichen Bachelor als Aufbauqualifikation aus.
  • Die Anerkennung von einer größeren Menge der während des Studiums gesammelten Leistungen während des Studiums gesammelten Leistungen – Auch für die Staatsexamensnote!
  • Die Stärkung der Grundlagenfächer, wie beispielsweise Rechtssoziologie, Rechtsphilosophie, Rechts- und Verfassungsgeschichte und zusätzlich eine feste Eingliederung allgemeiner Studien, um den Aspekt der Interdisziplinarität im Studienverlaufsplan zu verankern. Das juristische Studium darf nicht zu einem rein dogmatischen Paragraphensalat werden, in der Grundlagen und historisch-soziologische Erwägungen keine Bedeutung spielen!

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