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Wider die Ökonomisierung – Universelle Bildung für alle statt Zersplitterung der Hochschullandschaft!

Bildung ist eines der wichtigsten Güter der modernen Gesellschaft, denn Bildung bestimmt wie kaum etwas anderes die individuellen Lebenschancen. Die Zahl der Studierenden in der Bundesrepublik ist nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes seit einigen Jahren stetig gestiegen. So studieren heute an den Hochschulen in Deutschland circa 300.000 mehr Menschen als noch im Jahr 2013. Diese Entwicklung empfinden wir als überaus positiv, da mehr Menschen der Zugang zu Bildung, in diesem Fall Hochschulbildung, ermöglicht wird und nicht nur einem noch kleineren, privilegierteren Teil der Bevölkerung. Dabei ist die Hochschulbildung nicht der einzige Bildungsweg nach der Schule. Jede*r soll die Chance haben, ganz individuelle Bildungswege einzuschlagen. Dafür braucht es ein umfassendes Beratungsangebot für Schüler*innen und junge Menschen. Die berufliche Bildung ist dabei ganz gleichwertig anzusiedeln wie eine hochschulische Bildung und darf nicht unterbewertet werden. Doch am Anfang des Studiums stehen viele vor der Herausforderung den vermeintlich „richtigen“ Studiengang zu finden. Doch nicht nur der Studiengang scheint entscheidend, sondern auch die Hochschule an der dieser angeboten wird. In Zeiten des Neoliberalismus und der Ökonomisierung der Hochschulen drängen sich Studienanfänger*innen vermehrt die Fragen auf: Welche Hochschule hat das beste Ranking? Wo komme ich am schnellsten und mit wenig Aufwand durch mein Studium, sodass ich möglichst früh in meinen Beruf einsteigen kann? Welcher Studiengang ist auf dem Arbeitsmarkt am angesehensten?

Gerade die Frage nach dem Studiengang stellt sich manchmal als äußert schwierig dar. Die Zahl der unterschiedlichen Studiengänge in Deutschland betrug im Wintersemester 2015/2016 18.044, die an 426 Hochschulen, von denen 119 private Hochschulen sind, studiert werden können, und von denen 8.298 mit einem Bachelorabschluss und 8.099 mit einem Masterabschluss enden. Für viele Schüler*innen, die gerade ihr Abitur gemacht haben und die direkt nach der Schule ein Studium anfangen wollen, stellt diese Vielzahl oft eine große Herausforderung bei der Suche nach dem „richtigen“ Studiengang dar. Wer zum Beispiel ein Studium in die Richtung von BWL anfangen möchte, hat die Auswahl zwischen 289 Studiengängen an 162 Hochschulen. Die einzelnen Studiengänge haben alle unterschiedliche Schwerpunkte und Fachrichtungen, wobei es Studienanfänger*innen, die natürlicherweise noch keine großen Vorkenntnisse haben, schwerfällt, sich einen Studiengang, der auf ihre Interessen ausgerichtet ist, auszusuchen. Statt nach inhaltlichen Kriterien wird stattdessen oftmals nach Rankings, Regelstudienzeit oder dem Standort der Hochschule entschieden. Dabei ist die Wahl des Standorts auch abhängig von persönlichen Gegebenheiten, beispielsweise räumliche Nähe zur KiTa von Studierenden mit Kindern.

Im Zuge der Ökonomisierung im Bildungsbereich wird Bildung oft als Ware verstanden, die wie im Wettbewerb verglichen werden kann und die sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Dabei schlägt die Effizienz stets die Effektivität. Nicht die Art und Weise der Bildung scheint wichtig, sondern in welcher Zeit sie erreicht oder vermittelt werden kann. Dieses Phänomen lässt sich am besten an privaten Hochschulen erkennen. Bildung wird von einem öffentlichen Gut zu einem privaten, das nur denen zugänglich ist, die dafür bezahlen können. Dieses Prinzip der Differenzierung zwischen staatlichen und öffentlichen Hochschulen ist unsolidarisch und führt zur Privilegierung eines kleinen Kreises. Die privaten Hochschulen finanzieren sich durch Subventionen der Industrie sowie hohen Studiengebühren, die sie von ihren Studierenden verlangen. Der Einfluss privater Investor*innen und Unternehmen an privaten Hochschulen kann immens sein. Er kann so weit gehen, dass sich Unternehmen ganze Lehrstühle „kaufen“ können und damit massiv Berufungen, Forschung und Lehre beeinflussen können. Das ist falsch. Diese Hochschulen sind auf Grund dessen oftmals finanziell besser ausgestattet als staatliche Hochschulen. Dies wird nicht nur im Betreuungsverhältnis, sondern auch bei der vorhandenen Technik oder der Raumausstattung deutlich. Des Weiteren richten sich private Hochschulen oft an eine andere Zielgruppe, als es die öffentlichen Hochschulen tun. Denn sie bieten vermehrt berufsorientierte Studiengänge an, die auch als flexibleres Fern- und Teilzeitstudium abzuschließen sind. Vielfach werben private Hochschulen mit guten Verbindungen in die Wirtschaft, zusätzlich zum Studium soll „Vitamin B“ dabei helfen, einen guten Start in den Beruf zu ermöglichen. Das lehnen wir ab!

Hier kumulieren sich Probleme, die es natürlich aber auch an anderen Hochschulen gibt: Bildung wird als ein Konkurrenzkampf angesehen, in dem es dem Leistungsprinzip entsprechend nur um Noten geht und in welcher Zeit welche Abschlüsse erreicht werden können. Diese Konkurrenzsituation ermöglicht es einigen Wenigen nach dem Studium einen gut bezahlten Beruf zu erlangen, lässt aber eine breite Mehrheit in psychischem und physischem Druck und Stress versinken. Viele Probleme entstehen durch eine bei weitem nicht ausreichende Finanzierung der Hochschulen ‒ fast alle Hochschulen sind unterfinanziert. Deswegen kooperieren viele Hochschulen mit der Wirtschaft und lassen Forschungsprojekte und die Ausbildung von Akademiker*innen teilweise durch Drittmittel finanzieren. Auch gibt es viele Stiftungslehrstühle, die von privaten Unternehmen, Stiftungen oder Einzelpersonen zu großen Teilen mitfinanziert werden. Dabei haben diese Stifter*innen massiven Einfluss auf den Forschungs- und Lehrschwerpunkt der Professur und zuletzt auch Mitspracherechte im Berufungsverfahren.

Zwar stellt eine Vielzahl an Studiengängen natürlich erst einmal eine Bereicherung der Hochschullandschaft dar und bietet angehenden Studierenden eine größere Auswahl und die Chance genau das Studium zu finden, das ihren Interessen am ehesten entspricht. Doch genau darin liegt auch die Problematik. Die Entscheidung für einen bestimmten Studiengang an einer bestimmten Hochschule bringt für die Studierenden nachhaltige Folgen mit sich: Die Einschreibung an der Hochschule, die Suche nach bezahlbarem Wohnraum, der Umzug und das Eingewöhnen in ein neues soziales Umfeld. Das kostet Zeit, aber vor allem auch Nerven, da besonders die Wohnungssuche je nach Stadt eine schwierige Angelegenheit ist. Hat die*der Studierende sich erst einmal für eine Stadt und einen Studiengang entschieden, kann das Studium beginnen. Doch statt einer breiten Auswahl an Themenschwerpunkten, Modulen und Seminaren bekommen die meisten Studierenden einen starren Studienverlauf vorgesetzt, sodass sich manche schon die Stundenpläne für ihre ersten drei Jahre, natürlich in Regelstudienzeit gedacht, ausdrucken können. Im ersten Semester verursacht ein verschultes Studium zwar eventuell weniger Stress, da die Studierenden stärker an die Hand genommen werden, jedoch müssen dann auch viele Vorlesungen besucht werden, die nicht einmal ansatzweise den Interessen der*des Studierenden entsprechen. Die Abbruchquote von Studiengängen liegt im Schnitt bei etwa 30 Prozent. Gerade in den ersten Semestern ist diese Quote aufgrund von falschen Vorstellungen vom speziellen Studiengang, oder zu anspruchsvollen Prüfungen, besonders hoch. Solch ein Studienabbruch führt für die Studierenden häufig zu Schwierigkeiten und Problemen. Parallel zu der Suche nach einem neuen Studium, einer Ausbildung o. ä., sind die Studierenden dann häufig auch mit einer ungewissen Wohn- und Finanzierungssituation konfrontiert. Junge Menschen müssen im Vorfeld ihrer Entscheidung für ein Studium möglichst breit zu ihren Möglichkeiten und den unterschiedlichen Studiengängen informiert werden. Dazu braucht es einen Ausbau der Beratungsangebote an den Schulen und Hochschulen. Doch auch bei einer guten Beratungssituation wird es nach wie vor vorkommen, dass Menschen im Laufe ihres Studiums andere Interessen ausbilden oder schlicht etwas Anderes studieren wollen. Wir wollen ein Klima erzeugen, in dem die Menschen die Chance haben, sich auszuprobieren und ein Studienabbruch nicht als Scheitern verstanden wird. Dazu müssen auch Studienabbrecher*innen in ihrer oftmals von persönlichen Sorgen und Zukunftsängsten geprägten Situation ausreichend beraten und gestärkt werden. Studienabbrüche dürfen für die*den einzelne*n Studierenden keineswegs Hindernisse auf dem weiteren Bildungsweg sein. Dazu müssen etwa erbrachte Leistungen auch fächerübergreifend leichter anerkannt werden und so darf auch die staatliche Studienfinanzierung nicht durch einen Studienwechsel gehindert werden.

Doch nicht nur Studiengänge mit speziellen Fachrichtungen, sondern auch einige „neue“ Studiengänge, die sehr speziell sind, bergen oft Probleme. Unter diesen findet sich auch z.B. der Bachelor in Coffee-Management. Doch warum genau sollte dieser problematisch sein? Denn es gibt auch Menschen, die sich genau für Thema, also das Anbauen, Vermarkten und Verkaufen von Kaffee interessieren. Bei diesem Studiengang ist jedoch die Entstehungsgeschichte sehr kritisch zu betrachten, denn dieser ist in Kooperation mit dem Deutschen Kaffeeverband entstanden und richtet sich laut Geschäftsführer der privaten Hochschule „konsequent an den Anforderungen der Wirtschaft aus und sichere so eine fundierte, praxisbezogene Qualifikation“. Doch ein Studium darf, nach einem emanzipatorischen Bildungsanspruch, nicht an wirtschaftlichen Interessen und den Arbeitsmarkt ausgerichtet sein. Stattdessen muss es ein Bildungsangebot darstellen, das allen Studierenden eine universelle und breite Bildung ermöglicht und lehrt kritisch zu denken. Denn ein Studium ist keine Berufsausbildung!

Das Problem beginnt schon bei der Akkreditierung von Studiengängen. Diese werden von privaten Akkreditierungsagenturen zugelassen, in denen neben Vertreter*innen der Hochschulen und Studierenden auch Vertreter*innen der Wirtschaft sitzen. Es darf jedoch nicht sein, dass bei der Zulassung von Studiengängen Vertreter*innen aus der Wirtschaft je nach Agentur einen höheren oder genauso großen Stimmenanteil wie Studierende haben. So ist es kein Wunder, dass viele Studiengänge an wirtschaftlichen Interessen angelehnt sind. Den Einfluss der Wirtschaft bei der Akkreditierung von Studiengängen gilt es, so gering zu halten wie möglich. Wir lehnen daher auch Beiräte, aus der Wirtschaft besetzt, als beratende Gremien für die Entwicklung von Studiengängen und Lehrinhalten ab.

Dieser Einfluss auf die Hochschulen zeigt sich auch darüber hinaus in privaten Drittmitteln, die die Hochschulen beziehen. Dadurch entsteht eine Konkurrenzsituation zwischen den Hochschulen, um die Hochschulfinanzierung und damit um die vermeintliche Qualität der Hochschule. Auch hier werden Studieninhalte teilweise an wirtschaftliche Interessen geknüpft. Deshalb müssen private Drittmittel gänzlich durch eine ausreichende Grundfinanzierung der Hochschulen ersetzt werden. Forschung und Lehre dürfen nicht von wirtschaftlichen Interessen abhängig sein. Eine Konkurrenz der Hochschulen um Geldgeber*innen der Wirtschaft oder um vermeintliche Exzellenz, um mehr Geld zu bekommen, darf es nicht geben.

Um die Kooperation der Hochschulen mit der Wirtschaft zu reduzieren müssen die Hochschulen von den Ländern und vom Bund so finanziert werden, dass Hochschulen nicht zu Dienstleisterinnen für Unternehmen werden, sondern auch ohne private Drittmittel genügend Gelder haben, um Forschungsprojekte durchzuführen, aber auch eine gute Lehre, ohne Exzellenzstrategie, bieten zu können. Um diese Lücke der privaten Finanzierung zu schließen wird eine öffentliche Finanzierung in Milliardenhöhe nötig sein und sie muss ohne Studiengebühren und wird nicht ohne eine Umverteilungsstrategie auskommen.

Studiengänge müssen flexibler werden und mehr auf die Interessen der Studierenden eingehen. Es kann nicht sein, dass Menschen durch einen starren Verlaufsplan ihr Studium abbrechen oder es gar nicht erst anfangen. Deshalb muss es in allen Studiengängen deutlich mehr Freiheiten und Wahlmöglichkeiten geben, um die Interessen der Studierenden besser auszufüllen. Zum einen fachspezifische Wahlmöglichkeiten durch die Auswahl verschiedener Module und Seminare, die weiterhin unter dem Dach eines Studiengangs angeboten werden, zum anderen aber auch fächerübergreifende Wahlmöglichkeiten, die für das Studium angerechnet werden können, um die Interdisziplinarität zu stärken und so die Hochschulbildung zu verbessern.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass spezielle Studiengänge, die im Bachelor angeboten werden, meistens nur einen speziellen Master nach sich ziehen. Studierende, die merken, dass das Studium nicht ihren Interessen entspricht, können, durch begrenzte Wahlmöglichkeiten, nicht innerhalb des Studiums die Fachrichtung wechseln, sondern werden gezwungen, sich komplett umzuentscheiden oder das Studium mit nur mäßigem Interesse weiterzuführen.

Deshalb fordern wir:

  • Bachelorstudiengänge müssen inhaltlich weiter und offener angelegt sein. Spezialisierte Bachelorstudiengänge eines Fachbereichs müssen in breitere Bachelorstudiengänge integriert werden, damit nicht vor dem Studium, sondern innerhalb des Bachelorstudiengangs thematisch differenziert wird
  • Die Zusammenarbeit der Wirtschaft mit den Hochschulen muss eingeschränkt werden. Dies betrifft vor allem die Inhalte des Studiums, aber auch das Beziehen von privaten Drittmitteln. Dafür muss die Grundfinanzierung der Hochschulen durch die Länder und den Bund massiv erhöht werden.
  • Die Kompetenz über die Errichtung und Führung von Studiengängen liegt ausschließlich in der Wissenschaft. Die Universitäten sollen durch vom Wissenschaftsrat bestellte und beaufsichtigte Gutachter*innengruppen mit wissenschaftlicher Mehrheit, welche beratend durch Expert*innen der Qualitätssicherung begleitet werden, systemakkreditiert werden. Auf eine angemessene Berücksichtigung der Studierendeninteressen soll auch durchs studierende Gutachter*innen gewährleistet werden. Wirtschaftsvertreter*innen sind in diesen Gutachter*innengruppen nicht anwesend.
  • Die Wahlmöglichkeiten innerhalb der Studiengänge muss stark erhöht werden, um eine größere Auswahl und mehr Freiheiten für die Studierende zu schaffen und so die Qualität der Lehre zu erhöhen.
  • Jeder Bachelorstudiengang muss die Zulassungsvoraussetzung für verschiedene Masterstudiengänge bieten, damit Studierende nicht mit Beginn des Studiums auf einen starren Weg festgelegt sind.
  • Damit das Studium nicht nur eine Berufsvorbereitung, sondern eine universelle Bildung bietet, muss die Regelstudienzeit abgeschafft werden, damit Studierende selbstbestimmt und ohne Zeitdruck studieren können. Alternativ soll das Recht auf ein Teilzeitstudium durchgesetzt werden.
  • Um Studierende nicht nur einseitig fachspezifisch auszubilden, sondern zu mündigen Bürger*innen, muss die Interdisziplinarität an Hochschulen erhöht werden. Dies kann durch einen massiven Ausbau und Verbesserung der Allgemeinen Studien oder durch ein Studium generale ermöglicht werden.

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