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Leisten Nachwuchswissenschaftler*innen keinen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben? Für eine einheitliche Regelung des Status von Promotionsstudent*innen!

Die Phase der Promotion ist vornehmlich durch den ungeklärten Status der Promovierenden gekennzeichnet. Die Finanzierung der Promotion ist sehr individuell und doch oft ziemlich unzureichend geregelt hinsichtlich der Kranken- und Rentenversicherungsleistungen. Diese unzufriedenstellende Situation betrifft meist Promovierende mit Stipendium oder einem prekären Beschäftigungsverhältnis. Wir fordern für diese Gruppe von Promovierenden, dass sie als Studierende bei den Krankenkassen anerkannt werden und ein reduzierter einheitlicher Pflichtbeitrag in Höhe der Forderung der Promovierenden Initiative für sie eingerichtet wird. Eine andere Möglichkeit stellte - zumindest für die Stipendiumsempfänger*innen unter ihnen - dar, dass es eine einheitliche Regelung für die Aufteilung des Krankenkassenbeitrages zwischen Stipendiat*innen und ihren jeweiligen Stiftungen gibt – etwa in Analogie zur einheitlichen Aufteilung des Beitrages zwischen Arbeitnehmer*- und Arbeitgeber*innen.

Promovend*innen, die sich ihre Promotion mittels eines Stipendiums oder einer meist prekären Beschäftigung finanzieren, sind laut dem Urteil des Bundessozialgerichtes vom 23.03.1993 nicht mehr als studentisch kranken- und rentenpflichtversichert, da die Promotion nicht zur wissenschaftlichen Ausbildung gehöre.[1] Laut dem genannten Urteil haben Promovierende keinen Rechtsanspruch auf die Einstufung als Studierende, obgleich bei Erfüllung sonstiger Voraussetzungen der Studierendenstatus durch die Krankenkasse gewährt werden kann. Folglich gibt es Krankenkassen, die Promovierende – in Abhängigkeit der gegebenen Voraussetzungen – als Studierende versichern, ihnen für eine Übergangszeit eine Art Sondertarif einräumen oder sie nach der gesetzlich geregelten Beitragsbemessung für Arbeitnehmer*innen einordnen. In letzterem Fall beläuft sich der Beitrag - je nach Gesellschaft für die gesetzlich Versicherten und nach Höhe der finanziellen Förderung (etwa durch ein Stipendium) - aktuell auf etwa 170 bis 260 Euro monatlich.

Diese mäßig zufrieden stellende Rechtslage liegt u.a. in der uneinheitlichen Regelung des Promotionsstatus innerhalb der Landeshochschulgesetze begründet. Promovierende zählen mal als Student*innen, mal als Mitarbeiter*innen oder mal als Angehörige der Hochschule oder beides. Diese Ambiguität kann zwar die grundsätzlich richtige individuelle Lebenslage der Doktorand*innen widerspiegeln, doch sie trägt weder zu einer einheitlichen Behandlung bei, noch trägt sie der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung in ihrer Gänze Rechnung. Nachwuchswissenschaftler*innen gehen ihrer forschenden Tätigkeit nicht aus Selbstzweck nach, sondern nehmen sich Forschungsdesideraten an, die sie ebenso mit Relevanz und Bezug zu verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen definieren müssen. Das Resultat der Forschung lässt sich nicht nur auf eine käuflich zu erwerbende (kumulative) Dissertation reduzieren, sondern ist eine gesellschaftlich nutzbar zu machende Idee.

Diese uneinheitlichen Regelungen stellen eine doppelte Ungleichbehandlung für die Promovierenden dar: Da die Promovierenden keine eigene Statusgruppe an der Hochschule bilden, können sie sich hochschulpolitisch nicht formieren und haben kein garantiertes Mitspracherecht, das ihnen erlaubte, ihre Interessen einheitlich in den Diskurs einzubringen, um sich Gehör für ihre Angelegenheiten zu verschaffen. Solange ihnen das verwehrt bleibt, können sie sich auch nicht in sozialversicherungsrechtlichen Fragen auf eine etwaige Regelung berufen.

Die finanzielle Relevanz der grundsätzlichen Forderung, die dieser Antrag formuliert, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt lediglich teilweise in Zahlen fassen. In Ermangelung an umfassenden und öffentlich zugänglichen Datenquellen, die im Wesentlichen auf die aktuell bestehenden Einschränkungen hierzu in den Hochschulgesetzen zurückgeht, befassen sich unterschiedliche Akteur*innen mit Fragen um die Doktorand*innenausbildung. Das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) hat als erste Einrichtung in Deutschland begonnen, eine Langzeitstudie zu verschiedenen Fragen in der Promotion durchzuführen. In ihrem Arbeitspapier Nr. 13[2] bewertet das iFQ die finanzielle Situation der Promovierenden als nicht „armutsgefährdet“[3] und spricht bei der Betrachtung der gesamten Promotionsphase von einer „relativen Stabilität“[4] hinsichtlich der finanziellen Absicherung. Hierbei sind mehrere Dinge zu erwähnen: 34% der Befragten haben eine wissenschaftliche Mitarbeiter*innenstelle, 28% erhalten ein Stipendium, weitere 15% gehen einer externen Beschäftigung nach und für die restlichen Befragte (23%) nennt sie keine Kategorie, sondern verschiedene Status, wie: ist arbeitslos, erhält private Unterstützung, nutzt Kindererziehungszeit oder ist wissenschaftliche Hilfskraft.[5] Das heißt, dass gut zwei Drittel nicht die Möglichkeit hat, sich einer festen Statusgruppe an der Universität hochschulpolitisch zuzuordnen und darüber hinaus nicht auf einen einheitlichen Status Bezug nehmen kann, wenn es um sozialversicherungsrelevante Themen, wie dem unklaren Status der Promovierenden bei den Krankenkassenbeiträgen, geht. Zudem sind Promovierende mit einer externen Beschäftigung (15%) sowie der „Rest“ (23%) einer sehr prekären Lebenssituation ausgesetzt, die mitnichten als relativ stabil bezeichnet werden kann. So wird das durchschnittliche Einkommen mit 1261€ angegeben, die Unterschiede seien gering, wobei das Armutsrisiko 2010 bei 826€ lag, welches auf 12% dieser Befragung zutrifft. Zwölf Prozent bilden nicht die Mehrheit oder den Großteil, doch gemessen daran, dass Deutschland, nach den USA und der Schweiz, der drittbeste Wissenschaftsstandort - insgesamt betrachtet - der Welt sein soll, ergibt sich hier jedoch ein Nachholbedarf.

Eine differenziertere Analyse zu den genannten Problematiken findet sich an keiner Stelle dieser Studie, obgleich zu Beginn des Kapitels noch positiv formuliert steht: „Dabei wird geprüft, ob die vorgebrachten Klagen berechtigt sind und über anekdotische Evidenz hinausgehen.“[6]. Es bleibt demnach unerwähnt, dass die Promovierenden einer Doppelbelastung ausgesetzt sind und zu welchen Ausgaben sie im Wissenschaftsbetrieb verpflichtet sind.

Insgesamt thematisiert die Studie verschiedene kritische Punkte in der Promotionsphase nicht und das ist hinsichtlich der daraus zu ziehenden Schlüsse fatal, ist sie doch bisher die einzige, die einen heterogenen Ansatz hinsichtlich des sample unternimmt. Die Studie kommt über den Vergleich zwischen Hochschulabsolvent*innen, die promovieren und die nicht promovieren, in ihrer Analyse nicht hinaus. Des Weiteren werden Promovierende zu Gruppen subsumiert, die eine Einzelbetrachtung nicht nur verdient, sondern auch notwendig hätten (externe Beschäftigung und „die Übrigen“[7]). So erscheint die Bewertung, die Mehrheit liege mit ihrem Einkommen nicht unter der Armutsgrenze, nicht bis zu Ende gedacht. Zum Schluss sei noch ein Hinweis angemerkt zum Schluss des Unterkapitels zum verfügbaren Einkommen: „Sozio-biografische Kennzeichen wie Bildungsherkunft der Eltern [...] beeinflussen die Höhe des Einkommens während der Promotion nicht.“.[8] - Wie sollte auch ein anderes Ergebnis herauskommen, wenn die Mehrzahl der Befragten laut einem Durchschnittseinkommen von 1261 Euro nicht von Armut betroffen sei und wenn im Kapitel zum familiären Bildungshintergrund bereits festgestellt worden war, dass sich „[b]eim Übergang in die Promotionsphase die Selektion [fortsetzt]“ und dass „vier von sechs von ihnen [Promovierenden] eher aus besser gebildeten Elternhäusern stammen“?[9]

Die Diskussion rund um die Promotion, die seit den 1980er Jahren intensiver geführt wird, scheint sich also in der Frage um deren Qualität(-ssicherung) vornehmlich mit dem Vergleich zwischen Promovierenden und Nicht-Promovierenden zu beschäftigen. Das ist nicht nur methodisch ein Problem, sondern auch inhaltlich: Wenn wir alle die Diskussion in dieser vergleichenden Art führen, müssen wir uns keine Gedanken um die Probleme einer Minderheit machen. So wiederholen wir Studie für Studie, dass „die Promovierenden ihre Situation selbst als akzeptables Übergangsphänomen wahrzunehmen [scheinen]“[10] und relativieren und negieren gar dabei, dass die Finanzierung u.a. der Krankenversicherung keiner einheitlichen Richtlinie folgt und das Promovierende durch ihre Arbeit an einem Forschungsdesiderat einer Doppelbelastung ausgesetzt sind.

Der aktuelle Diskurs ist geprägt von der Entwicklung von Mechanismen zur Qualitätssicherung, Überlegungen zur Verkürzung der Promotionsdauer, der Frage nach Qualifikationszielen und etwa der Organisation der Promotionsbetreuung. Gegenwärtige Lösungsansätze bilden die Einrichtung von Graduiertenschulen nach Vorbild angloamerikanischer Graduate Schools, die jedoch lediglich einer Minderheit zur Verfügung stehen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung institutionalisierte Konzept des Lebenslangen Lernens sowie der eigene Anspruch, das Wissenschaftssystem in Deutschland weiterzuentwickeln, muss mit darauf hinwirken -  will es nicht nur Eliten fördern - allen Doktorand*innen die Möglichkeit zu geben, sich namentlich in einer solchen Statusgruppe an der jeweiligen Hochschule zu formieren und muss sich dafür einsetzen, dass dieser Gruppierung, etwa 200.000 an der Zahl, ein einheitlicher reduzierter Krankenkassenbeitrag gewährt wird.

Forderungen

Zusammengefasst lauten die Forderungen also wie folgt:

  • Promovierende, die sich mittels eines Stipendiums oder einer prekären Teilzeitbeschäftigung finanzieren, arbeitslos gemeldet sind, private Unterstützung erhalten, eine wissenschaftliche Hilfskraftstelle haben oder die Kindererziehungszeit nutzen, müssen einheitlich als Studierende anerkannt werden (sie widmen sich voll ihrer Promotion und sind nicht etwa abgesichert – hinsichtlich der Kranken- und Pflegeversicherung - durch eine Stelle als wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in)
  • Für diese Gruppe von Promovierenden muss ein reduzierter einheitlicher Pflichtbetrag errechnet werden, der – im Vergleich zum Studium - aufgrund der zu erwartbaren erhöhten Einkommenssituation nicht mehr der studentische Beitrag sein kann, der jedoch aufgrund der Mehrbelastung durch die wissenschaftliche Tätigkeit auch nicht einem normalen Einkommen gleichzusetzen ist.

In diesem Zuge muss auch der Bologna-Prozess in seiner einheitlichen als Grundlage für den einfachen Wissenschaftsaustausch vorgesehenen Ph.D.-Phase neu überdacht werden, denn die wissenschaftliche Nachwuchsförderung muss früh im Studium ansetzen und nicht erst in der Abschlussphase der Promotion, wie es gegenwärtig bei den meisten Programmen zur Qualitätssicherung in der Promotionsphase jedoch der Fall ist.



[1] Wolters Kluwer: Abgeschlossenes Studium; Doktorand; Krankenversicherungspflicht; Studenten, 23.03.1993 <https://www.jurion.de/Urteile/BSG/1993-03-23/12-RK-45_92> (15.4.17)

[2] Hauss, Kalle et al.: Promovierende im Profil: Wege, Strukturen und Rahmenbedingungen von Promotionen in Deutschland. Ergebnisse aus dem ProFile-Promovierendenpanel. Berlin 2012 (=iFQ-Working Paper, Bd. 13). <http://www.forschungsinfo.de/Publikationen/Download/working_paper_13_2012.pdf> (15.4.17).

[3] ibid., S. 133.

[4] ibid., S. 141.

[5] ibid., S. 124.

[6] Ibid., S. 123.

[7] Ibid., S. 124.

[8] Ibid., S. 137.

[9] Ibid., S. 66.

[10] Ibid., S. 123.

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