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„Ein Bisschen Schwund ist immer?!“ - Nicht mit uns! Für ein Studium für alle

Wir Juso-Hochschulgruppen sind ein besonderer Verband. Als Studierendenorganisation ist es unser Ziel den knapp drei Millionen Studierenden in den Gremien der akademischen und studentischen Selbstverwaltung sowie innerhalb der SPD, als auch in der gesamten Gesellschaft, eine Stimme zu verleihen und konkrete Verbesserungen an den Hochschulen herbeizuführen. Dafür kämpfen unsere Aktiven vor Ort jeden Tag.

Unser Handeln steht jedoch nicht im luftleeren Raum. Unsere Vision jungsozialistischer Hochschulpolitik ist eingebettet in eine tiefe Überzeugung mittels eines emanzipatorischen Bildungsideals die gesellschaftliche Kehrtwende herbeiführen zu können, an dessen Ende das gute Leben für alle steht.

Als sozialistischer, feministischer und internationalistischer Verband richten wir unsere Positionen und unser ganzes Handeln nach unseren Grundwerten. Ganz besonders sind diese Werte, die uns einen, ein Leitfaden für die starke Arbeit der vielen Juso-Hochschulgrüppler*innen in den Asten, StuRäe, RefRäten, Senaten, Ausschüssen, Kommissionen und Konzilen.

Ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung beginnt beim ungehinderten Zugang zu den verschiedenen Bildungsangeboten -von der KiTa bis zur Hochschule und auch darüber hinaus- und der Möglichkeit deren volles Potential für sich nutzen zu können.

Jede*r soll die Möglichkeit haben in Freiheit und Selbstbestimmung zu leben. Wir wollen keine Gesellschaft, die davon geprägt ist, dass Selbstverwirklichung nur ein paar Ausgewählten zusteht. Der erste Schritt dafür ist ein Studium für alle, frei von Zugangshürden und Hindernissen. Denn Bildung - sei es akademische oder andernorts - ist Menschenrecht!

Alle Menschen sollen die Möglichkeit haben, ein Studium aufzunehmen und dieses selbstbestimmt zu gestalten. Bisher jedoch bleibt dies unerreicht. Finanzierungshürden, ein männlich dominierter Wissenschaftsbetrieb, Leistungsdruck und strikte Verschulung sind nur einige Faktoren, die Wissenschaft und den Zugang zu akademischer Bildung sozial selektiv gestalten. Obwohl die Studierendenschaft erfreulicherweise immer diverser wird, zeichnet sich ein nicht unerheblicher Teil der Studierenden durch bestimmbare Kriterien aus. Es bildet sich eine Klientel, die sich in der Struktur des Hochschulstudiums fortlaufend reproduziert. Großen Teilen der Gesellschaft wird damit vollumfängliche Teilhabe an Hochschulen erschwert. Der Zugang zu Hochschulen oder zu einem Studium wird ihnen durch viele Hürden verbaut oder sogar komplett verwehrt.

Dabei dürfen Hochschulen nicht als ein isolierter Kosmos betrachtet werden, sich nicht zu gesellschaftlichen Elfenbeintürmen erheben. Sie sind Teil der Gesellschaft, strahlen in diese und prägen sie. Genauso werden Hochschulen von der Gesellschaft beeinflusst. Die Wechselwirkung zwischen Hochschulen und Gesellschaft muss sich auch in der Studierendenschaft zeigen, Studierendenschaft muss genauso divers, bunt, laut und vielfältig sein wie die Gesellschaft selbst.

Sozialer Selektivität an Hochschulen sagen wir daher den Kampf an! Es ist Zeit auf die Barrikaden zu gehen und für ein Studium für alle zu kämpfen. Wir müssen die hochschulischen Elfenbeintürme in die Knie zwingen. Hochschulen müssen sich öffnen und zwar für alle, ohne soziale Gruppen gegeneinander auszuspielen. Unsere Forderung ist klar: Wir wollen soziale, gerechte, feministische Hochschulen für alle!

Wer denn hier eigentlich rein? – Soziale Selektivität an Hochschulen heute

Vor der Entscheidung über das passende Bildungsangebot steht eine ganze Reihe an Überlegungen. Es gibt viele Faktoren, die Studieninteressierte letztendlich dazu bringen, sich gegen die Aufnahme eines Hochschulstudiums zu entscheiden. Das ist auch in Ordnung, wenn mensch die Vorzüge einer beruflichen Ausbildung, die dem Hochschulstudium in nichts nachsteht, für sich nutzen möchte. Es gibt jedoch eine ganze Reihe an Baustellen abseits der der persönlichen Präferenz, die ein Studium erschweren oder sogar unmöglich machen.

Studienfinanzierung

Die Möglichkeit zu studieren hängt allem voran von der eigenen finanziellen Lage und dem Geldbeutel der Eltern ab. Insbesondere für Kinder von Eltern, die nicht studiert haben oder aus Haushalten mit geringem Einkommen ist die individuelle Finanzierung schwierig. Alle Menschen müssen unabhängig ihrer finanziellen Lage die gleichen Möglichkeiten haben. Das BAföG wird dieser Anforderung nicht gerecht. Die Förderhöhe reicht zum Leben nicht aus, die Regelungen lassen keinen Raum für individuelle Lebensläufe und zuletzt hindert die Elternabhängigkeit Studierende daran als mündige Menschen ihr Leben zu gestalten. Neben dem Studium zu arbeiten kostet Zeit und wird in Modulhandbüchern und der vorgegebenen Regelstudienzeit nicht berücksichtigt. Stipendien, die meist höchst sozial selektiv sind, sind keine Lösung für dieses Problem. Sie dienen nur den besonders guten Studierenden und nicht den besonders Bedürftigen. Dass sich Studierenden immense Schulden aufzwingen, da sie Bildungskredite aufnehmen müssen, kommt einer Lösung ebenso wenig nahe. Was wir brauchen, ist eine staatliche Studienfinanzierung, die in die Breite geht. Allein eine grundlegende BAföG-Reform hin zu einem eltern- und altersunabhängigen BAföG als Vollzuschuss kann sicherstellen, dass der Zugang zur Hochschule nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt.

Beratung

Insbesondere Kinder aus nicht akademischen Haushalten sind mit Hürden auf dem Weg zur Hochschule konfrontiert. Oft fehlen die Erfahrung und das Wissen, wie Hochschulen und ihre oftmals undurchsichtigen Abläufe funktionieren; z.B. wenn es um die Wahl des Studienfaches geht, Zusammenstellung von Stundenplänen, Umgang mit verschiedenen Prüfungsformaten und die Vermittlung von Arbeitsplätzen als studentische*r Mitarbeiter*in. Gerade informelle Auswahlprozesse können höchst selektiv sein und haben wenig mit Gerechtigkeit zu tun. Hochschulische Abläufe und insbesondere Auswahlprozesse müssen daher transparent gestaltet sein. Aber auch Beratungs- und Unterstützungsangebote, insbesondere für Menschen mit alternativen Bildungsbiographien und/oder deren Eltern selbst nicht studiert haben, müssen ausgebaut werden.

Internationale Studierende

Als internationalistischer Verband streiten wir dafür, dass sich Internationalität auch in der Studierendenschaft abbildet. Schon bei der Anerkennung von internationalen Abschlüssen sind viele mit komplizierten und ungerechten Systemen konfrontiert. Gerade Menschen mit Fluchterfahrung, denen entsprechende Belege für bereits erworbene Abschlüsse fehlen können, kann der Hochschulzugang komplett verwehrt werden. Sind sie einmal an Hochschulen angekommen begegnen ihnen sowohl formelle als auch informelle Hürden. So ist es bereits mehrfach bewiesen, dass Studierende mit nicht-deutschen Namen häufig schlechter bewertet werden. Internationalistische Hochschulpolitik sieht anders aus. Menschen sollen studieren können, egal woher sie kommen und egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Wir fordern daher flächendeckende anonymisierte Prüfungen! Abgesehen von mündlichen Prüfungen und Haus-, Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten sind alle Prüfungen komplett zu anonymisieren. Dies soll für alle Bachelor- und Masterstudiengänge sowie für Studiengänge auf Staatsexamen gelten. Diverse Wissenschaft lebt von internationalem Austausch und das bereits unter Studierenden. Vor diesem Hintergrund wird umso deutlicher, wie untragbar der Trend zu Studiengebühren für internationale Studierende, wie in Baden-Württemberg unlängst eingeführt, ist. Alte Konzepte werden neu aufgewärmt auch nicht besser. Studiengebühren sind das Paradebeispiel sozialer Selektivität und konkretisiert auf internationale Studierende sind sie dazu noch diskriminierend. Wir sagen: In die Tonne damit und stattdessen Kapazitäten für internationale Studierende ausbauen!

Studieren und Familie

Gerade Studentinnen* können im Verlauf des Studiums mit einer zusätzlichen Belastung konfrontiert sein. Mit Reproduktionsaufgaben häufig alleine gelassen, sind es vor allem weibliche* Studierende, die durch gesellschaftliche stereotype Vorstellungen gebremst werden. Aber auch andere familiäre Verpflichtungen können ein Studium massiv erschweren, wie z.B. die Pflege von Angehörigen. Fehlende Zeit für das Studium oder daran gehindert zu sein an Präsenzveranstaltungen teilzunehmen, können schnell einen notwendigen Schein kosten oder sogar zur Exmatrikulation führen. Ein Teilzeitstudium ist nicht an allen Hochschulen möglich. Die Vereinbarkeit von Studium und Familie wird oft erschwert, statt möglich gemacht zu werden. Sozialistische und gerade feministische Hochschulpolitik bedeutet auch, dass ein Studium und Familie vereinbart werden müssen und besonderer Förderung bedarf.

Inklusion

Für behinderte Studierende und/ oder chronisch kranke Studierende sind nicht alle Veranstaltungen und Orte zugänglich. Die meist alten Gebäude sind in einem schlechten baulichen Zustand und der barrierefreie Zugang ist kaum möglich. Aber auch Studierende mit psychischen Krankheiten, die mit ca. 45% den größten Teil der Studierenden mit Beeinträchtigung ausmachen, erleben an Hochschulen zahlreiche Hürden, wie z.B. Anwesenheitspflichten. Daneben fehlt es an barrierefreier Lehre. Lehrmaterialien und -formate sind oft nicht inklusiv gestaltet oder sind nicht für jede*n nutzbar. Beratungs- und Stabsstellen sind oft unterbesetzt und es fehlen die nötigen Ressourcen, um wirklich bedarfsorientierte Änderungen an Hochschulen herbeizuführen. Wie Studien des Deutschen Studentenwerks [sic!] zeigen, ist zudem ein viel größeres Problem, dass das Beratungsangebot nicht genutzt wird. Meist liegt es daran, dass Studierende ihre Beeinträchtigung nicht preisgeben wollen oder sich vom Betreuungsangebot nicht angesprochen fühlen. Auch Nachteilsausgleiche werden nur von 30% der dazu berechtigten Studierenden in Anspruch genommen, 70% nehmen laut Studien diese wichtige Möglichkeit nicht in Anspruch. Gründe sind vor allem die Unwissenheit über die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs und die Angst, die Beeinträchtigung anderen bekannt zu machen. Daher brauchen wir eine umfangreiche Aufklärung an Universitäten und Hochschulen, wieso Kampagnen gegen die Stigmatisierung von Menschen mit Beeinträchtigung. Dabei steht für uns fest, dass ein Studium für alle auch immer inklusiv sein muss. Denn auch Inklusion ist Menschenrecht!

Frauen*empowerment

Keine Hochschulen der Freien und Gleichen, ohne dass diese feministisch seien! Fast so viele Frauen* wie Männer* entscheiden sich für ein Hochschulstudium. Zum gleichgestellten Zugang zur Wissenschaften ist es trotzdem noch ein weiter Weg. So wird Frauen* nach wie vor überdurchschnittlich häufig die Verantwortung für familiäre Aufgaben zugeschrieben. Der mehrheitlich aus Männern bestehende und von diesen dominierte Wissenschaftsbetrieb diskriminiert immer wieder Frauen*. Gerade in den besonders von Männern beherrschten MINT-Fächern sind Frauen* deutlich unterrepräsentiert und ein Studium wird ihnen zusätzlich erschwert. Fehlende feministische Perspektiven in der Lehre und eine männlich dominierte Lehre reproduzieren diese Umstände. Der erste Schritt ist klar: Es müssen mehr Frauen* in die Wissenschaft! Wirksame Regelungen, wie feste Frauen*quoten müssen her und feministische Perspektiven müssen fest in Lehre und Forschung integriert werden. Studierende, die sich in keinem binären Geschlechtersystem einordnen, sind von zusätzlicher Diskriminierung betroffen. So müssen sie sich bereits bei der Einschreibung einem Geschlecht zuordnen, mit dem sie sich nicht identifizieren. Feministische und insbesondere queerfeministische Hochschulpolitik sieht anders aus!

Lebenslanges Lernen

Auch das Alter von Studierenden kann eine zusätzliche Hürde darstellen. So muss ein*e BAföG-Bezieher*in unter 30 bzw. 35 Jahren sein. Die fehlende Studienfinanzierung macht lebenslanges Lernen an Hochschulen schwieriger. Die fehlende Vereinbarkeit von Studium, Familie und Lohnarbeit verringert die Möglichkeit zu studieren noch einmal zusätzlich. Ein Studium für alle bedeutet eben auch, dass wirklich jede*r studieren kann, egal wie alt er*sie ist.

Nicht zuletzt spielt der Schulabschluss von Menschen eine große Rolle. Menschen ohne allgemeine Hochschulreife haben oftmals Probleme einen Studienplatz zu erhalten. Dabei muss es auch für Menschen ohne Abitur möglich sein zu studieren. Der sogenannte Zweite Bildungsweg ist ein erster Ansatz, aber bei weitem nicht ausreichend. Wir müssen mehr Durchlässigkeit schaffen.

Das Studium für alle wagen – Unsere Forderungen

Wir brauchen endlich ein Studium für alle. Deshalb sind folgende Punkte unumgänglich:

  • Ein neues emanzipatorisches Bildungsideal muss her. Das Studium darf nicht ökonomisiert werden und dient nicht nur dafür fähige Arbeitskräfte auszubilden. Ein Studium ist auch Bildung zur Selbstbildung und die Entwicklung zu Mündigkeit und kritischer Analyse.
  • Eine gerechte Studienfinanzierung. Wir brauchen keine Stipendien oder Studienkredite, sondern eine grundlegende BAföG-Reform. Das BAföG muss bedarfsdeckend angepasst werden. Vermögensgrenzen müssen deutlich erhöht werden. Außerdem muss BAföG immer ein alters- und elternunabhängiger Vollzuschuss sein.
  • Ein selbstbestimmtes Studium. Wir lehnen die Zwänge von Regelstudienzeit und Anwesenheitspflichten ab. Studierende brauchen Zeitautonomie. Sie sollen selbstbestimmt wählen, was sie wann belegen. Dazu gehört auch die Möglichkeit ein Teilzeitstudium zu beginnen und auch dafür BAföG zu erhalten.
  • Eine gute Lehre. Dazu gehören auch individuellere Lehrformate, gute Betreuung der Studierenden, Interdisziplinarität und feministische Perspektiven in allen Studiengängen.
  • Ausbau der sozialen Infrastruktur an Hochschulen. Wir brauchen ausreichend bezahlbaren studentischen Wohnraum, der inklusiv und barrierearm zu gestalten ist – auch und gerade in studentischen Wohnheimen- und eine starke Beratungsstruktur für inklusive Maßnahmen und Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankung oder feste Beratungen zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse und zu interkultureller Kompetenz.
  • Die paritätische Besetzung aller Hochschulgremien. Nur wenn wir eine starke studentische Stimme in den Entscheidungsstrukturen haben, können wir auch das Studium wirklich nachhaltig verbessern.
  • Feministische Hochschulen. Wie wollen eine feste Frauen*quote von 50% in der Wissenschaft sowie den Ausbau von Gender Studies an Hochschulen. Frauen* müssen in ihrem Studium empowert werden. Insbesondere in der Arbeit in männlich dominierten Gremien an Hochschulen wollen wir das Frauen*-Empowerment verstärken. Dabei ist für uns immer klar, dass Frauen* die Deutungshoheit über den Feminismus behalten müssen.
  • Gute Arbeit an Hochschulen. Wer gute Lehre möchte, braucht auch einen guten Lehrkörper. Das fängt damit an, dass Dozierende fest und unbefristet angestellt sein müssen. Außerdem setzt es bessere Bezahlung voraus.
  • Gerechte Bewertung. Wir fordern, dass alle schriftlichen Prüfungen, die nicht von der prüfenden Person betreut werden, anonymisiert werden.

 

 

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