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Für eine konsequente Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit - Auch an den Hochschulen

Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, dass man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewusstsein. Sondern man will einen Schlussstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen. 

(Th. W. Adorno: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit)

 Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehören Holocaust und Nationalsozialismus zu den Themen, die die postnazistische Gesellschaft in der Bundesrepublik intensiv beschäftigen. Für Schüler*innen ist die Auseinandersetzung mit der  systematischen Ermordung von Menschen mit Jüd*innen, Sinti und Roma und anderer NS-Verbrechen fester Bestandteil der Lehrpläne. Ganz anders sieht die Situation  an den Hochschulen aus: Hier werden Lehrveranstaltungen zu dem Themenkomplex selten oder gar nicht angeboten. Zudem verläuft die Aufarbeitung an deutschen Hochschulen - bis auf Ausnahmen - schleppend.

Die Hochschulen im Nationalsozialismus

Viele Wissenschaftler*innen mussten nach 1933 den Wissenschaftsbetrieb in Deutschland den Rücken kehren, weil sie jüdische Wurzeln hatten oder politisch verfolgt wurden. Während der nationalsozialistischen Diktatur wurden Professor*innen, Privatdozierenden und Studierenden die akademische Ausbildung verbaut, entlassen und verfolgt. In diesem Zuge wurden Titel aberkannt, die Lehrerlaubnis entzogen und von der Uni verwiesen. Schätzungen gehen von mehr als 2000 aberkannten Doktorgraden im deutschsprachigen Raum aus.

Die Betroffenen, die nicht rechtzeitig emigrierten wurden, in deutsche Konzentrationslager verschleppt, als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt und ermordet.

Die in Deutschland lange Zeit als kritisch verklärte Studierendenschaft opponierte in überwältigender Mehrheit nicht gegen die Nazis. Das „Mitmachen“ der Studierenden im NS manifestierte sich schon 1933 in den Bücherverbrennungen, die nicht vom Reichspropagandaministerium, sondern von der Deutschen Studentenschaft organisiert wurde. Im Zuge der Bücherverbrennung wurden unter dem Slogan “ Wider den undeutschen Geist” hunderte Werke von jüdischen, kommunistischen, sozialistischen, humanistischen und sozialdemokratischen Autor*innen und Komponist*innen verbrannt. Die deutsche Studierendenschaft war also alles andere als kritisch und machte sich zum Stadthalter anti-intellektueller , antisemitischer und rassistischer Ressentiments. An den Universitäten gab es nur geringen studentischen Widerstand, der sich dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch entgegen stellte. Die Studierendenschaft hatte die NS-Bewegung schon vor 1933 überwiegend positiv aufgenommen.

Die Einschränkung der persönlichen Freiheit oder die weltanschauliche Schulung erzeugten zwar häufig Widerwillen, führte aber nicht automatisch auch zur Ablehnung des Regimes. Wenn es Proteste gab, kamen sie in den Jahren bis zum Kriegsbeginn von linken oder christlich engagierten Studierenden. Mit Ausnahme von Widerstandsgruppen wie beispielsweise “Die Weiße Rose” gab es nur in wenigen Städten Versuche, organisierten Widerstand zu leisten. Dieser erfolgte meist in Form von Flugblatt-Aktionen.

Profitiert von den sogenannten „Säuberungen“ an den Hochschulen haben neben überzeugten Nationalsozialist*innen auch Mitläufer*innen, die begehrte Positionen im universitären Betrieb erhielten. Die Ideologie von Blut und Boden spiegelte sich auch in der Lehre an den Hochschulen wieder. Schon Jahre vor dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion wurde die “NS-Lebensraumpolitik” an den Unis erforscht und somit ideell vorbereitet sowie pseudowissenschaftliche Rassenkunde gelehrt. Auch die Vorgängerinstitution der heutigen Max-Planck-Gesellschaften, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaften hatte in vielfältiger Weise Anteil am NS- System:  Forscher*innen kooperierten bereitwillig mit dem NS-Staat, indem sie eigene Forschungsinteressen mit den politischen und militärischen Zielen des Regimes zum beiderseitigen Vorteil verbanden. In den meisten Kaiser-Wilhelm-Instituten waren die Übergänge zwischen wissenschaftlichen Interessen und der Einbindung in Politik und Zielsetzungen des NS-Regimes fließend.

Wissenschaftler*innen überschritten eindeutig ethische Grenzen und wurden zu Täter*innen. Die Kaiser-Wilhelm-Institute bezogen menschliche Präparate aus Vernichtungszentren, der auf die Vernichtung behinderter Menschen abzielenden Aktion T4. Viele Wissenschaftler*innen bekannten sich bereits 1933 ideologisch zur nationalsozialistischen Rassenpolitik und unterstützen diese, indem sie an entsprechenden Gesetzesvorlagen mitwirkten. Die Institute hatten ab 1942 Kontakte zum Lagerarzt von Auschwitz Joseph Mengele und bezogen über ihn gezielt Blutproben sowie Präparate von im KZ ermordeter Menschen.

Die Hochschulen waren integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Gesellschaft und hatten auch in ökonomischer Hinsicht eine wichtige Rolle. Die deutschen Universitäten beteiligten sich an der Rüstungsforschung und unterstützen die menschenverachtende Zwangsarbeiter*innenpolitik der Nazis.

Hochschule und Forschung leistete also einen fundamentalen Beitrag zur Stützung der NS-Herrschaft und haben das nationalsozialistische Regime entscheidend geprägt. Daher fordern wir für jede vorbelastete Hochschule eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung der Vergangenheit und das Ziehen dementsprechender Konsequenzen.                                                                                 

Kontinuitäten nach 1945

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten gab es auch an den Hochschulen keinen konsequenten Bruch mit der Vergangenheit. Trotz der Bemühungen der Alliierten, große Teile der Verwaltung in den Besatzungszonen zu entnazifizieren, wurden viele Professor*innen schon in den 1950er Jahren rehabilitiert und konnten ihre wissenschaftlichen Karrieren in der neuen Bundesrepublik weiterverfolgen. So verlieh die TU Berlin beispielsweise dem Industriellen Friedrich Flick, der in der NS-Zeit durch Zwangsarbeit ein Vermögen erworben hatte und bei den Nürnberger Prozessen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, die Würde eines Ehrensenatoren. Auch Privatdozent*innen und  wissenschaftliche Mitarbeiter*innen mit NSDAP-Parteibüchern wurden als „Mitläufer“ (sic) rehabilitiert.

Die Aufarbeitung der NS-Zeit begann in der postnazistischen Gesellschaft nicht unmittelbar nach Kriegsende, sondern erst in den 1960er Jahren. Trotzdem ist die Weigerung eines großen Teils der Bevölkerung, sich mit dem Nationalsozialismus zu befassen, noch immer weit verbreitet. Das zeigen nicht zuletzt die seit Jahrzehnten immer wieder geführten "Schlusstrichdebatten".

Wie auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen fehlte es auch an den Hochschulen lange Zeit an einer ernsthaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Von einer wirklichen Aufarbeitung und daraus resultierenden Aufklärung kann aber nicht gesprochen werden. Weder hat in der Bundesrepublik im Allgemeinen, noch an den Hochschulen im Besonderen eine kollektive Aufarbeitung stattgefunden. Zumeist wurde - und wird - die Forderung nach Aufarbeitung von Seiten Studierender gestellt, aber selten offiziell von Hochschulen unterstützt. Die rund 1.800 Hochschullehrer*innen, die im Nationalsozialismus aus dem Dienst „entfernt“ wurden, wurden  erst in den letzten Jahren durch die deutschen Hochschulen rehabilitiert.

Erst in den 1990er Jahren arbeitete die Uni München den Titelentzug auf. Die Universität Göttingen erinnerte erst 2004 an die Opfer. Andere Universitäten haben bis heute nicht reagiert und in historischen Darstellungen fehlt oftmals der Zeitraum zwischen 1933 und 1945. Ein weiteres Negativbeispiel ist die Universität Greifswald, die immer noch nach dem Antisemiten Ernst Moritz Arndt benannt ist.

Die Wiedergutwerdung der Deutschen[1]

Auch wenn sich staatliches Gedenken dahingehend gewandelt hat, dass demokratische Politiker*innen an Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen, gilt es hier genauer hinzuschauen. Immer wieder gibt es Versuche das Gedenken an den Nationalsozialismus zu instrumentalisieren um eine positive Identifikation mit der “geläuterten” deutschen Nation herzustellen. Eine positive Deutung des Gedenkens halten wir als Juso-Hochschulgruppen für falsch. Unser Gedenken und unsere Solidarität gilt uneingeschränkt den Opfern und Hinterbliebenen und nicht dem “Erinnerungsweltmeister” Deutschland.

Trotz aller Initiativen zur Aufarbeitung der Vergangenheit sind auch heute Ideologien der Ungleichheit Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Antisemitismus, Antiromaismus und Rassismus sind kein Randphänomen und auch die Universitäten im Jahr 2017 sind nicht frei davon. So gab und gibt es auch immer wieder in Seminaren und Vorlesungen an den Hochschulen Aussagen seitens Dozierenden und Studierenden die diese Stereotype reproduzieren.

Konsequenzen ziehen: Die Verantwortung der Juso-Hochschulgruppen

Die Juso-Hochschulgruppen stehen aufgrund der Geschichte in der Verantwortung auf blinde Flecken der Aufarbeitung an den Hochschulen hinzuweisen. Außerdem müssen Initiativen, die sich mit der Geschichte der Hochschulen im Nationalsozialismus beschäftigen unterstützt und begleitet werden. 

Für uns ergibt sich daraus eine Pflicht zur Bekämpfung der aktuellen Auswüchse von Rassismus und Antisemitismus, ob in studentischen Gremien, auf der Straße oder bei Demonstrationen oder Debatten.

Eine wichtige Rolle für unsere eigene Struktur spielt hier die Gedenkpolitik und politische Bildungsarbeit. Wir begrüßen Ansätze wie erinnerungspolitische Seminare des Bundesverbands oder die Gedenkveranstaltungen anlässlich der sog. Bücherverbrennung , an der sich viele Juso-Hochschulgruppen aus dem ganzen Bundesgebiet beteiligten. Hier gilt es anzusetzen und die politische Bildungsarbeit, auch mit unseren Bündnispartner*innen zum Thema zu intensivieren!

Daher fordern wir folgendes zur Aufarbeitung an den Hochschulen:

  • Erinnerung und Aufarbeitung dürfen kein Mittel zum Zweck sein. Daher stellen wir uns gegen eine Identitätspolitik der „Erinnerungsweltmeister“
  • Lehrstühle für Holocaust und Genocide Studies
  • Ein gutes fächerübergreifendes Lehrangebot zum Themenkomplex Nationalsozialismus und Holocaust
  • Eine konsequente wissenschaftliche Aufarbeitung  des Nationalsozialismus an allen vorbelasteten Hochschulen durch externe Expert*innen und Historiker*innen sowie Student*innen
  • Gegen jeden Antisemitismus! Antzionist*innen und Antisemiten*innen dürfen niemals unsere Bündnispartner*innen sein!
  • Forderungen nach einem “Schlussstrich” müssen auch seitens der Juso-Hochschulgruppen vehement widersprochen werden. Wir setzen diesen Forderungen eine konsequente und kritische Erinnerungs- und Gedenkpolitik entgegen!
  • An Hochschulstandorten, an denen nach wie vor Gebäude, Straßen, Adressen o.ä. nach Nationalsozialist*innen und ihren Sympathisant*innen benannt sind, müssen Umbenennungen dieser stattfinden. Darüber hinaus sollen vor allem an Hochschulen, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen sind, aber auch an jenen, bei denen dies nicht der Fall ist, generell Umbenennungen von Gebäuden, Räumen, Straßen und Adressen stattfinden und zum Beispiel nach jüdischen, in der NS-Zeit aus den Hochschulen vertriebenen Professor*innen benannt werden.
  • Studierende, die während der NS-Zeit aus rassischen oder politischen Gründen exmatrikuliert wurden und Wissenschaftler*innen, die aus dem Dienst „entfernt“ und denen Dissertationen oder Titel aberkannt wurden, müssen von den Hochschulen rehabilitiert werden. Vielen Nationalsozialist*innen wurden ihre Doktortitel bis heute nicht aberkannt. Dies muss an allen Hochschulen umfassend aufgeklärt und anschließend konsequent umgesetzt werden.


[1] Vgl. Eike Geisel. Die Wiedergutwerdung der Deutschen: Essays und Polemiken. 2015.

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