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Gute Perspektiven für Wissenschaftler*innen – Das Tenure-Track-Modell verbessern

Der Kampf für gute Arbeitsbedingungen ist für uns Juso-Hochschulgruppen selbstverständlich. Seit dem Bestehen unseres Verbands kämpfen wir hier für Verbesserungen und geben uns nicht mit kleinen Schritten zufrieden. Unser Ziel ist eine wissenschaftliche Karriere, die planbar ist und Wissenschaftler*innen gute Bedingungen und eine gute Bezahlung bietet. Wir wollen, dass die Wissenschaft mehr Menschen offensteht, insbesondere mehr Frauen*.

Doch die Realität an den Hochschulen ist oftmals eine andere. Gerade im Mittelbau schreckt noch viel zu oft eine schlechte und prekäre Beschäftigung den wissenschaftlichen Nachwuchs ab. Überstunden und das Verschieben der eigenen wissenschaftlichen Qualifikation, wie beispielsweise der Promotion, in die Freizeit, stehen an der Tagesordnung. Gleichzeitig hangelt man sich in den meisten Fällen von Befristung zu Befristung. Das persönliche wissenschaftliche Weiterkommen ist damit nur sehr wenigen Menschen möglich. Wer Karriere in der Wissenschaft machen möchte und etwa eine Professur anstrebt, muss etliche Jahre Befristungen und prekäre Bedingungen mit unsicherer Perspektive in Kauf nehmen, ohne zu wissen, ob es am Ende für eine der wenigen Professuren reicht. Einen solch unsicheren Karriereweg können sich viele junge Menschen nicht leisten. Insbesondere im Falle von noch anderweitigen Verpflichtungen, wie etwa Care-Arbeit, wählen viele zum Teil gezwungenermaßen einen anderen Weg. Solange Frauen* in unserer Gesellschaft immer noch diejenigen sind, die überdurchschnittlich mit Reproduktionsarbeit belastet sind, werden sie so auch im wissenschaftlichen System benachteiligt. Doch die prekäre Beschäftigung wirkt sich nicht nur negativ auf den Zugang zur Wissenschaft aus, sondern auch nachteilig auf Lehrbedingungen und kritische Forschung. Denn klar ist, dass zum Beispiel die ständige Unklarheit darüber, ob Arbeitsverträge verlängert werden und doppelte Abhängigkeiten die Forschungsfreiheit einzelner Wissenschaftler*innen einschränken können.

All das wollen wir nicht länger hinnehmen. Wir wollen Befristungen eindämmen, Dauerstellen schaffen und die bestehenden Überlastungen durch die Einstellung weiterer Wissenschaftler*innen abbauen. Junge Menschen sollen eine gute berufliche Perspektive in der Wissenschaft haben. Ein mögliches Modell, um eben den schlechten Aussichten etwas entgegenzusetzen, ist der Tenure-Track. Die damit verbundenen Chancen und jungsozialistische Perspektiven einer zukünftigen Ausgestaltung des Tenure-Tracks sollen daher im Folgenden betrachtet werden.

Tenure-Track – Was bedeutet das?    

Das Tenure-Track-Modell ist ein Laufbahn-Modell in der Wissenschaft und als solches vor allem im US-amerikanischen Raum verbreitet. Grundprinzip des Modells ist, dass ein*e Wissenschaftler*in nach einer befristeten Phase der Anstellung (die üblicherweise sechs Jahre dauert), die Chance auf eine unbefristete, feste Stelle hat, zum Beispiel in Form einer Lebenszeitprofessur. Diese Beförderung findet jedoch nicht automatisch statt, sondern wird von bestimmten Kriterien abhängig gemacht, welche im Arbeitsvertrag zu Beginn festgehalten und nach einer bestimmten Zeit evaluiert werden. Im Anschluss an die sechs Jahre findet dann eine Art Berufungsverfahren mit dem*der Wissenschaftler*in statt. Durch klare und transparente Zielvorgaben soll die Person nachvollziehen können, unter welchen Voraussetzungen der Übergang auf die unbefristete Stelle stattfindet. Bei Erreichen der Zielvorgaben bekommt der*die Wissenschaftler*in die Stelle außer Konkurrenz, also ohne, dass diese ausgeschrieben wird. Das System des Tenure-Tracks soll einerseits vor allem der Rekrutierung von jungen Wissenschaftler*innen dienen. Auf der anderen Seite wird für diese eine zumindest halbwegs sichere und transparente Perspektive und Planbarkeit der weiteren Karriere ermöglicht.

In der Bundesrepublik gab es früher ein dem Tenure-Track ähnliches Instrument, die sogenannte Verbeamtung auf Widerruf, welche jedoch in den 70er Jahren abgeschafft wurde. Die Hochschulen konnten darauf folgend aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten Tenure-Track-Laufbahnen nicht einfach selbst etablieren, da an den Hochschulen grundsätzlich eine Ausschreibungspflicht galt, auf die beim Tenure-Track-Modell gerade verzichtet werden soll. Jedoch wurde auch durch das Vorbild anderer Länder und die zunehmende Prekarisierung innerhalb der wissenschaftlichen Karriere das Thema Tenure-Track im Zusammenhang mit Juniorprofessuren Anfang der 2000er Jahre wieder politisch diskutiert. Seit der fünften Novelle des Hochschulrahmengesetzes im Jahr 2002 ist es schließlich möglich, Juniorprofessuren mit einem Tenure-Track auszugestalten. Durch die gesetzliche Novellierung können für den Tenure-Track Ausnahmen von der Ausschreibungspflicht gemacht werden. Nähere Regelungen über die Tenure-Tracks können die Länder in ihren Hochschulgesetzen festlegen. Dieser Umstand führt auch dazu, dass keine einheitlichen Tenure-Track-Stellen geschaffen wurden, sondern Unterschiede in den Bundesländern und an den einzelnen Hochschulen bestehen.

Der neu geschaffenen Möglichkeit folgten jedoch nur wenige Hochschulen, sodass insgesamt wenige Tenure-Track-Stellen etabliert wurden. Dies liegt zum Teil auch daran, dass das Modell eine große Neuerung im Gegensatz zum bisherigen System darstellt. Viele Hochschulen können die genauen Konsequenzen und Bedingungen nicht einschätzen und wollen sich nicht zu früh auf Personen festlegen. Andererseits gab es seit einiger Zeit etwa im MINT-Bereich einiger Hochschule verschiedene Unternehmungen das Tenure-Track-Modell zu erproben, da die Abwanderung von Nachwuchswissenschaftler*innen ins Ausland aufgrund von schlechten Perspektiven besonders stark war.

Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Die Notwendigkeit, bessere Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs herzustellen, ist somit auch nach Einführung der Möglichkeit des Tenure-Tracks nicht geringer geworden. Folge dieser Situation ist auch, dass es für viele Wissenschaftler*innen attraktiver ist, im Ausland zu arbeiten. Insgesamt ist die Stellenbesetzung in der Bundesrepublik auch im internationalen Vergleich sehr intransparent, kompliziert und schwer kalkulierbar. Auch die immer zunehmende Befristung der Stellen im wissenschaftlichen Bereich hat in der letzten Zeit erneut eine politische Debatte angestoßen. Deswegen wurde 2016 zwischen Bund und Ländern das Tenure-Track-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vereinbart. Im Rahmen dieses Programms sollen zwischen 2017 und 2032 1000 Tenure-Track-Professuren finanziell mit bis zu einer Milliarde Euro gefördert werden. Dadurch soll das Tenure-Track-Modell weiter etabliert und gefördert werden sowie die Attraktivität des Wissenschaftssystems gesteigert und Wissenschaftler*innen bessere Perspektiven geboten werden. Gleichzeitig erhöhen die Länder die Anzahl der unbefristeten Lebenszeitprofessuren um 1.000 Stellen. Förderungsberechtigt sind Universitäten und ihnen gleichgestellte Hochschulen (im Sinne von promotionsberechtigten Hochschulen). Bislang hat die erste von zwei Bewilligungsrunden stattgefunden, wobei 486 Tenure-Track-Professuren an 34 Hochschulen entstanden sind.

Die Förderung der 1.000 Stellen durch die Politik war sicherlich ein guter Schritt in die richtige Richtung. Allerdings sind 1.000 Stellen bei knapp 200.000 Nachwuchswissenschaftler*innen nicht einmal annähernd ausreichend, um möglichst vielen Menschen eine gute Perspektive zu bieten und um einen grundsätzlichen Strukturwandel zu erreichen. So fordert etwa der Wissenschaftsrat die Schaffung von 7.500 Stellen und auch von Seiten der Gewerkschaften werden deutlich mehr Stellen gefordert. Gleichzeitig ist das Programm insofern exklusiv gestaltet, als dass zum Beispiel Fachhochschulen nicht daran teilnehmen können. Fragen ergeben sich auch hinsichtlich der langfristigen Finanzierung nach Ablauf des Programms. Zudem zeigt sich, dass von etwa 50% der zur Verfügung stehenden Stellen gerade einmal 10% der Hochschulen bundesweit profitieren.

Insgesamt zeigt sich, dass es noch einiges an Handlungsbedarf gibt. Bei der Ausgestaltung des Tenure-Track-Programms mangelt es an klaren Bestimmungen und einer flächendeckenden Umsetzung. Das Programm scheint darüber hinaus nicht in eine Gesamtstrategie eingebettet zu sein, die sich um gute Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft allgemein kümmert. Damit verkommt es zu einem Tropfen auf den heißen Stein und kommt bei vielen Wissenschaftler*innen nicht an.

Auch eine feministische Perspektive kommt bei der politischen Handhabung des Tenure-Track-Programms bisher deutlich zu kurz. Wenn durch die Tenure-Tracks die Entscheidung über eine Berufung quasi vorverlegt wird, muss eine Frauen*quote schon ab diesem Punkt greifen. Tenure-Track-Programme eignen sich grundsätzlich sehr gut um gezielt Frauen* für eine wissenschaftliche Karriere zu begeistern, da gerade sie besonders von den prekären Bedingungen und schlechten Perspektiven betroffen sind. Auch hier bleibt das Tenure-Track-Programm hinter seinen Möglichkeiten zurück. Wir wollen gute Perspektiven und dafür ist das Modell grundsätzlich geeignet, allerdings gibt es bei der Ausgestaltung und den konkreten Bedingungen einiges an Nachholbedarf.

Tenure-Track – Für gute Arbeit an den Hochschulen

Wir fordern insgesamt mehr Tenure-Track-Stellen, die auch mehr Wissenschaftler*innen offenstehen sollen. Die Rahmenbedingungen müssen dabei vor allem fair und transparent gestaltet werden. Bei den Zielvorgaben müssen Vereinbarkeit, gute Lehre und kritische Wissenschaft einen zentralen Stellenwert einnehmen. Wichtig ist hierbei jedoch, dass dieses Programm nicht von Hochschulen und Ländern ausgenutzt wird, um Lehrstühle bei Neubesetzungen als finanziell günstige Alternative durch Juniorprofessuren zu besetzen.

Deswegen fordern wir zunächst verbesserte Rahmenbedingungen:

  • Für eine grundlegende Verbesserung der Perspektiven junger Wissenschaftler*innen braucht es deutlich mehr Tenure-Track-Stellen. Wir orientieren uns dabei an den Forderungen von Gewerkschaften, wie der GEW, und dem Wissenschaftsrat. Die beiden Organisationen gehen von einem Bedarf von mindestens insgesamt 5.000 bis 7.500 Tenure-Track-Stellen aus.
  • Tenure-Track-Stellen dürfen nicht nur an einigen wenigen Standorten, Hochschulen und Fachrichtungen geschaffen werden. Es gilt, für einen flächendeckenden Ausbau und eine faire Verteilung zu sorgen. Das umschließt explizit auch Fachhochschulen, die vom derzeitigen Programm ausgenommen sind.
  • Das aktuelle Phänomen der Kettenbefristungen geht zu einem großen Teil auch auf das derzeitige System der Hochschulfinanzierung zurück. Um Hochschulen besser in die Lage zu versetzen, Tenure-Track-Modelle einzuführen und insgesamt die Befristungen einzudämmen, braucht es ein grundlegendes Neudenken in der Hochschulfinanzierung. Nur bei einer auf Dauer angelegten Ausfinanzierung aller Hochschulen entsteht für diese finanzielle Planungssicherheit, um Dauerstellen zu schaffen.

Bei der Ausgestaltung der Tenure-Tracks braucht es einheitliche und transparente Regelungen. Die Kriterien, die über eine Weiterbeschäftigung nach sechs Jahren bestimmen, dürfen nicht rein leistungsorientiert sein, sondern einen Beitrag zur emanzipatorischen und kritischen Wissenschaft leisten. Im Einzelnen fordern wir:

  • Tenure-Tracks müssen so ausgestaltet sein, dass sie für die Wissenschaftler*innen gute Beschäftigungsbedingungen bedeuten. Neben einer angemessenen Entlohnung muss sichergestellt sein, dass es zu keiner Überlastung kommt und, dass Lehrverpflichtungen, Forschung und eigene Qualifikation in einen guten Ausgleich gebracht werden. Auch bei Tenure-Track-Stellen muss die Einheit von Forschung und Lehre gewahrt bleiben.
  • Zudem muss die Vereinbarkeit mit Care-Aufgaben eine zentrale Dimension von Tenure-Track-Programmen sein. Zum einen braucht es die Möglichkeit, die Tenure-Track-Laufbahn flexibel zu gestalten, um sie für mehr Menschen zu öffnen. So ist etwa auch die Möglichkeit für die Teilnahme in Teilzeit und anderen Formen abseits der Vollzeitbeschäftigung sicherzustellen. Gleichzeitig muss die Laufbahn zum Beispiel für Elternzeit oder Pflege von Angehörigen Möglichkeiten vorsehen, die Zielvorgaben oder Laufzeit anzupassen. Bei dem Übergang von der befristeten in die unbefristete Stelle dürfen den Absolvent*innen aufgrund dessen keine Nachteile entstehen.
  • Die Beschäftigten auf Tenure-Track-Stellen müssen in die Gremien der Mitbestimmung eingebunden werden. Die Interessen und Bedürfnisse dieser Gruppe müssen berücksichtigt werden.
  • Damit in Zukunft Frauen* nicht länger im wissenschaftlichen Betrieb unterrepräsentiert sind, muss bei der Vergabe von Tenure-Track-Stellen eine Frauen*quote von mindestens 50% eingehalten werden.
  • Wenn durch die Schaffung von mehr Tenure-Track-Stellen in Zukunft mehr Professuren quasi schon vorverlagert vergeben werden, muss natürlich auch in diesem neuen System sichergestellt werden, dass die Vergabe transparent, demokratisch und unter studentischer Mitbestimmung stattfindet.

Klar ist aber auch, dass die Schaffung von Tenure-Track-Stellen alleine nicht das Ende von prekärer Beschäftigung an den Hochschulen bedeutet. Vielmehr braucht es zusätzlich die Bekämpfung von Befristungen auf allen Ebenen der wissenschaftlichen Laufbahn und die Schaffung von Dauerstellen für Daueraufgaben auch abseits der Professur. Nur durch Entfristungen, der Vermeidung von Doppelabhängigkeiten und der Einhaltung von arbeitsschutzrechtlichen Vorschriften können gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden und nur so kann die wissenschaftliche Karriere auch für junge Wissenschaftler*innen attraktiv sein. Auf die Missstände wollen wir weiter hinweisen und für unsere Forderungen kämpfen, da wir gute Arbeitsbedingungen für alle Menschen wollen und ohne die gute Lehre und kritische Wissenschaft nicht erreichbar sind. Auf dem Weg dorthin sind die Gewerkschaften unsere natürlichen Bündnispartner*innen.

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