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Let’s talk about mental health – Psychische Gesundheit an Hochschulen

Psychische Gesundheit ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, sie beeinflusst unser Erleben, unsere Emotionen und unsere Fähigkeiten. Dabei ist wichtig, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit und/oder Störung. Nach der World Health Organization (WHO) ist es ein „Zustand des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ (Verfassung der Weltgesundheitsorganisation von 1948). Psychische Gesundheit selbst ist dabei laut Definition das subjektive Wohlbefinden, die Wahrnehmung, das zu schaffen, was mensch möchte (also wahrgenommene Selbsteffizienz), Autonomie, Kompetenz und Selbstverwirklichung des eigenen intellektuellen und emotionalen Potentials. Dennoch ist Gesundheit nicht immer gegeben, psychische Störungen können Menschen in verschiedensten Weisen betreffen. Das ist bei circa einem Viertel bis einem Drittel der Bevölkerung der Fall. Von diesen erhalten nur die Hälfte professionelle Hilfe, eine anderweitig angemessene Hilfe erhalten sogar noch weniger.

Auch Studierende fallen in diesen Personenkreis. Laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (sic!) geben 29 Prozent der Studierenden an, mehr als eine Beeinträchtigung zu haben, die ihr Studium erschwert. 55 Prozent geben an, eine psychische Erkrankung zu haben. Die Tendenz ist steigend: Zwischen 2012 und 2016 ist die Anzahl um 13 Prozent gestiegen. Psychische Störungen haben enorme Folgen für das Studium: 47 Prozent der Betroffenen sehen sich dadurch stark eingeschränkt. Dennoch nutzen sie nicht häufiger Teilzeitstudiengänge, sondern sind in Vollzeitstudiengänge immatrikuliert – studieren jedoch trotzdem faktisch in Teilzeit. Das geschieht fast doppelt so häufig wie bei nicht beeinträchtigten Studierenden. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Angebot an Teilzeitstudiengängen rar ist, zum Teil bieten Hochschulen keinen einzigen Studiengang dieser Art an. Auch im Alltag selbst haben 90 Prozent der Studierenden mit psychischen Gesundheitsproblemen schon Stigmatisierung und Diskriminierung erfahren.

Wir Juso-Hochschulgruppen setzen uns an Hochschulen und in der Gesellschaft für Inklusion und Teilhabe ein. Egal, ob eine Person eine Beeinträchtigung hat oder nicht, es darf keine nachteilige Rolle für das Studium oder den Alltag spielen. Wir wollen ein gutes Leben für alle. Um dies zu gewährleisten, ist Prävention ein wichtiger Bestandteil, um psychische Gesundheit zu fördern. Gleichzeitig setzen wir uns, gemeinsam mit betroffenen Studierenden ein, damit auch sie inkludiert werden und damit Diskriminierungen bekämpft werden und Hochschulen allen offenstehen.

Was ist was?

Wie schon eingangs erwähnt, stellt psychische Gesundheit mehr als die Abwesenheit von Krankheit und/oder Störung dar. Diese häufig genutzte Definition der WHO stellt bei psychischer Gesundheit den Zustand des Wohlbefindens in den Fokus, in der eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen und durchschnittliche Lebensbelastungen bewältigen kann. Als weiterer Teil der Definition ist das produktive Arbeiten und der Beitrag zur Gesellschaft genannt. Hier ist der Definitionsversuch kritisch zu hinterfragen, da es die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Menschen als Voraussetzung für die psychische Gesundheit mit sich trägt. Doch auch ohne Lohnarbeit zu leisten oder einen sogenannten Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, können Menschen Wohlbefinden erleben, Teil der Gesellschaft sein und verdienen Wertschätzung und Respekt. Es wird deutlich, dass Definitionen überarbeitet werden müssen, um von der neoliberalen Verwertungslogik des Menschen hin zu einer humanistischen Definition des Menschen zu gelangen. Dennoch ist die Definition der WHO die am häufigsten genutzte und akzeptierteste, weswegen sie auch Grundlage für diesen Antrag ist.

Psychische Störungen stellen dabei eine sogenannte krankhafte Beeinträchtigung des Denkens, Fühlens, Verhaltens, der sozialen Beziehungen, des Selbstbildes, der Erlebnisverarbeitung und der Willensstärke dar. Sie sind häufig mit einem persönlichen Leiden verbunden. Auch hier ist eine kritische Betrachtung der Definition vorzunehmen, vor allem in Anbetracht dessen, dass Störung in Abgrenzung zum Krankheitsbegriff verwendet wird. Der Krankheitsbegriff impliziert eine Pathologisierung und wird häufig mit „Ansteckung“ in Verbindung gebracht. Obwohl es bei vielen psychischen Störungen organische Ursachen gibt, ist er einem Krankheitsbegriff überlegen. Denn Definitionen sind nicht zwingend neutral, sondern ermöglichen zum Teil einer „Krankmachung“ sozial missliebiger Verhaltensweisen, wie bisher noch beispielsweise bei Trans*personen geschehen. Psychische Störungen können divers sein, häufig sind Menschen von mehr als einer Einschränkung betroffen. So kann neben dem Begriff der „körperlichen Behinderung“ auch eine „psychische Behinderung“ festgestellt werden. Darunter können andauernde psychosomatische Symptome, affektive   Störungen und/oder Persönlichkeitsstörungen fallen.

Behinderung (sic!) wird im 9. Sozialgesetzbuch, dann festgestellt, wenn die seelische Gesundheit eines Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit für mehr als sechs Monate vom typischen Zustand des Lebensalters abweichen und dabei ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Eine Vielzahl psychischer Störungen kann diese Kriterien erfüllen, doch eine Anerkennung dieser Tatsache im Bereich der Bildung findet kaum statt. Obwohl die UN Behindertenrechtskonvention (sic!) schon seit Jahren ratifiziert ist, gibt es noch vieles zu tun. So fällt unter Artikel 24 das Recht auf Bildung, in das auch Hochschulen und lebenslanges Lernen fallen. Dabei soll diese Teilhabe ohne Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen erfolgen. Doch diese Zielsetzung scheitert, der Alltag von vielen Studierenden mit Beeinträchtigungen sieht anders aus. So haben 90 Prozent der Studierenden mit psychischer Störung bereits Diskriminierung erfahren, 70 Prozent sind so stark unter Druck gesetzt worden, dass sie wegen ihrer Beeinträchtigung auf eine Aktivität verzichtet haben, obwohl sie dies nicht wollten. So wird deutlich, dass eine psychische Störung einen starken Einfluss auf den Alltag vieler Studierender hat. Ein Maß dafür sind sogenannte DALY, die bei psychischen Störungen besonders hoch sind. DALY sind „disability adjusted years lived with disease“, also Lebensjahre, die durch eine Beeinträchtigung bestimmt sind. Laut der WHO sind zwei der sieben höchsten Beeinträchtigungen, die DALYs hervorrufen, psychisch bedingt, dazu gehören Depressionen und Angststörungen. Dies betrifft den persönlichen Alltag von Betroffenen, zum Teil über einen großen Zeitraum hinweg, beispielsweise wird dies an der hohen Anzahl von Arbeitsunfähigkeiten aufgrund von psychischen Störungen deutlich. Inwiefern DALYs auch bei Studierenden einen Einfluss haben, wurde bisher nicht ausreichend untersucht, dennoch zeigen die Zahlen des DSW, wie stark eine psychische Beeinträchtigung das Studium beeinflussen kann.

Die Vielzahl an Studierenden, die aufgrund ihrer psychischen Störung bereits diskriminiert worden sind, zeigt den nicht-inklusiven Alltag an Hochschulen. Betroffene sehen sich häufig Vorwürfen konfrontiert, gerade nicht-sichtbare Beeinträchtigungen werden nicht als solche ernstgenommen. Ihnen wird beispielsweise unterstellt, sich ihre Beeinträchtigung einzubilden oder nur auf Aufmerksamkeit und Sonderbehandlung aus zu sein. Zugeschriebene Eigenschaften sind auch ein Mangel an Willen, Leistung zu zeigen. In Zeiten, in denen eine neoliberale Verwertungslogik des Menschen auch an Hochschulen verankert ist, fehlt der Raum für Verständnis von psychischen Beeinträchtigungen. Stigmatisierungen sind auch in der Studierendenschaft verankert, nach Umfragen gehören Studierende mit psychischen Störungen zu der Gruppe der Beeinträchtigten, die am wenigsten Sonderregelungen bei Prüfungen und anderen Inklusionsmaßnahmen im Universitätskontext haben sollten. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Studierende dadurch nicht nur durch ihre psychische Störung beeinträchtigt sind, sondern auch unter der Diskriminierung durch Dritte leiden. Eine diverse Hochschullandschaft darf dies nicht zulassen, denn egal ob Beeinträchtigung oder keine Beeinträchtigung – ein Studium muss allen offenstehen, frei von Diskriminierungen.

Aktuelle Lage: Eine Feststellung der Situation

Die Zahl der Studierenden mit psychischer Störung steigt, doch weder die Hochschulen noch das allgemeine Bildungssystem werden diesen Zahlen gerecht. Vor allem Präventionsangebote sind eine Rarität. Gerade diese sind jedoch von großer Bedeutung, um eine Störung, die als sehr belastend empfunden wird, frühzeitig abfangen zu können und individuelle Strategien zum Umgang zu entwickeln. Auch Therapieangebote sind nicht ausreichend vorhanden. Nach Angaben der WHO gibt es in ganz Europa zu wenig Therapieplätze, häufig sind vorhandene Therapieangebote nicht adäquat. Beispielsweise ist die Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz je nach Wohnort zwischen sechs und 12 Monaten die Regel.

Eine der Anlaufstellen, um diese Wartezeit zu vermeiden, sind psychosoziale oder psychologische Beratungen an Hochschulen. Das DSW hat in seiner Sozialerhebung festgestellt, dass diese Angebote verstärkt genutzt werden. Doch auch sie sind betroffen von Kosteneinsparungen, zum Teil kann eine ausreichende Beratung nicht mehr geleistet werden, da der Bedarf steigt. Wartezeiten sind zum Teil auch zu lang, um in konkreten Stresssituationen Hilfe leisten zu können. Und obwohl die Beratungen meist anonym sind, gibt es trotzdem Hürden, die Beratung aufzusuchen. Gerade wenn nur eine kurzfristige Hilfe angeboten wird, nehmen viele das Angebot nicht an. Hintergrund ist, dass Menschen, die später beispielsweise als Beamte*r arbeiten wollen, diese Verbeamtung nicht riskieren wollen, indem sie sich in eine Therapie begeben, die beispielsweise von der Krankenkasse finanziert wird. Doch gerade diese wird empfohlen, da Beratungsangebote an Hochschulen häufig nur als Erstanlaufstelle gelten, eine langfristige Hilfe ist selten möglich. Die Anzahl der möglichen Inanspruchnahmen kann institutionell begrenzt sein. Zwar kann auf Therapieangebote außerhalb der Hochschulen hingewiesen werden, doch gerade die Möglichkeit, einen kostenlosen und hürdenärmeren Zugang zu Beratung zu haben, wird dadurch eingeschränkt.

Ebenfalls haben sozioökonomische Faktoren einen Einfluss auf psychische Gesundheit. So schränken eine schlechte Wohnsituation und Armut diese ein. Beide Einflussgrößen sind bei Studierenden weit verbreitet. So kämpfen Studierende häufig auf einem hart umkämpften Wohnungsmarkt um Wohnraum und hangeln sich von Zwischenmiete zu Zwischenmiete. Der Mangel an sozialem Wohnungsraum sorgt dafür, dass Studierende sich beliebte und gut gelegene Viertel mit entsprechender Infrakstruktur nicht leisten können. Auch das Geld zum Leben ist bei Studierenden zum Teil knapp bemessen. Ein nicht ausreichendes BAföG, befristete Lohnarbeit und Studienkredite gehören zum Alltag der individuellen Studienunterfinanzierung. Nicht selten sind Sorgen darüber, wie viele Tage des Monats mensch sich von Nudeln mit Ketchup ernähren muss oder wie mensch die teuren Lehrbücher anschaffen soll, die mensch dringend für eine Prüfung braucht. Wenn dann noch eine ärztliche Bestätigung darüber, dass mensch aufgrund seiner Beeinträchtigung eine Verlängerung des BAföG-Bezugs braucht, benötig wird, wird der Druck noch weiter erhöht. Anstatt Ruhe für ein gutes Studium zu haben, das die persönliche Gesundheit nicht in Mitleidenschaft zieht, spielen Sorgen um die eigene Lebensfinanzierung eine Rolle.

Diese Stressfaktoren belasten Körper und Psyche. So gehört ein erhöhtes Stresserleben zum Studienalltag dazu. Gerade durch die Bolognareform ist der Leistungsdruck gesteigert worden. Der Workload von Studienfächern ist zum Teil nicht mehr schaffbar, Studienfächer sind in der aktuellen Konzeption nicht in vorgesehener Regelstudienzeit studierbar – was auch Bereiche wie das BAföG beeinflusst. Sei es der Kampf um gute Noten, um den NC für den Masterstudienplatz zu schaffen oder die Prüfungsangst vor dem Drittversuch: psychische Gesundheit wird im aktuellen Studienalltag angegriffen.

Handlungsempfehlungen: Wie unsere Gesellschaft ein Ort psychischer Gesundheit wird

Auch 2017 gibt es nicht ausreichend Raum für Diskurse über psychische Gesundheit und psychische Störungen. Als erster Schritt müssen offene Gespräche über Gesundheit, egal ob körperlich oder psychisch, in einem Rahmen geführt werden können, in dem sich jede*r wohl fühlt und sich offen äußern kann, ohne soziale oder studienbezogene Benachteiligung fürchten zu müssen. Deswegen ist Kommunikation über dieses Thema von zentraler Bedeutung.

Als weiterer Schritt müssen mehr Behandlungs- und Beratungsangebote offenstehen. Dies dient einerseits der Prävention und der Förderung des Wohlbefindens und andererseits kann so Betroffenen schneller geholfen werden. Dazu braucht es mehr Psychotherapeut*innen mit staatlichen Kassensitzen, die wissenschaftlich fundierte Therapien anbieten. Dafür muss sich bereits im Studium der Psychologie einiges ändern. Neben hohen NCs für Bachelor und Master, der Interessierte selektiert und von ihrer freien Berufswahl abhält, ist auch die Therapieausbildung selbst ein Problem. Bezahlt werden Psychotherapeut*innen in Ausbildung mit einem Hungerlohn. Gleichzeitig übernehmen sie in Therapieeinrichtungen schon in der Ausbildung große Verantwortung. Die Ausbildung kostet mehrere zehntausende Euro in Eigenbeteiligung. Danach beginnt der Kampf um die beliebten Kassensitze, die viel zu selten vergeben werden und dem tatsächlichen Bedarf an Psychotherapie nicht gerecht werden.

In der Prävention muss bereits frühzeitig angesetzt werden. Sogenannter frühkindlicher Stress kann die Wahrscheinlichkeit, später Depressionen, Diabetes und anderen Störungen/Krankheiten zu haben, stark erhöhen. Psychische Gesundheit muss mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt werden, wie beispielsweise andere Ärzt*innenbesuche zur Kontrolle Standard sind. Sei es bei U3 Untersuchungen oder in der Kita: psychische Gesundheit ist bereits für Kinder wichtig. Deswegen sind Investitionen in Prävention wichtig. So können Menschen langfristig gesünder sein und Beeinträchtigungserfahrungen können so eher verhindert werden.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Unser Ziel muss es sein, bei Inklusion nicht nur an Hilfsmittel wie Rampen und Braille-Schrift zu denken, sondern die Heterogenität von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in den Blick zu nehmen. Es darf dabei nicht Bringschuld der Betroffenen sein, für Toleranz und Inklusion zu kämpfen. Alle müssen sich beteiligen, um aufzuzeigen, dass Diversität der Normalzustand ist und jede*r andere Bedürfnisse und Anforderungen hat. Einer der Schritte dafür ist eine flächendeckende Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention (sic!), damit unter anderem die Bildungslandschaft so divers ist, wie es die Gesellschaft ist, und somit ein Schnittbild ebendieser bietet.

Handlungsempfehlungen: Wie Hochschule Orte psychischer Gesundheit werden

Auch Hochschulen müssen ein Ort werden, an dem psychische Gesundheit im Fokus steht. Hier muss ebenfalls sowohl bei der Prävention, als auch im Umgang mit Menschen mit psychischer Störung angesetzt werden. Erster notwendiger Schritt dafür ist der Ausbau von Beratungsmöglichkeiten an Hochschulen selbst. Sie bieten eine kostenfreie und leicht zugängliche Hilfe für Studierende, die sich beeinträchtigt fühlen. Dabei müssen diese Beratungsangebote dauerhaft anonym sein, damit diese auch Studierende in Anspruch nehmen können, die anderweitige Angebote aufgrund einer Bedrohung für die Verbeamtung nicht nutzen können. Es ist hierbei festzustellen, dass auch die Praxis, Menschen einen Beamt*innenstatus zu verwehren, weil sie eine psychische Störung haben, diskriminierend ist und ein Ende haben muss. Sie sorgt nur dafür, dass vorhandene Störungen nicht ausreichend behandelt werden und Betroffene verschweigen müssen, wenn es ihnen nicht gut geht. Einer Gesellschaft, der Gesundheit wichtig ist, muss hingegen ein offener Diskurs wichtig sein. Deshalb dürfen auch bei Beratungsangeboten keine Informationen an Träger weitergegeben werden. In den Beratungen selbst müssen qualifizierte Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen arbeiten, um Studierenden ausreichend helfen zu können. Dabei ist ein adäquater Personalschlüssel von enormer Bedeutung, besonders vor dem Hintergrund einer gestiegenen Nachfrage und langen Wartezeiten bei Therapeut*innen.

Auch eine Sensibilisierung für das Thema ist von enormer Bedeutung. Sei es bei Hochschulpersonal, Studierenden und Lehrkräften: Wissen über psychische Störungen und Gesundheit ist wichtig, um Akzeptanz zu schaffen. Informationen darüber müssen leicht zugänglich sein. Beispielsweise können Beratungsangebote für Prüfungsangst hochschulweit beworben werden. Das Lehrpersonal selbst muss ebenfalls im Umgang mit Menschen mit psychischer Beeinträchtigung geschult werden, beispielsweise wenn es um angepasste Studienbedingungen geht. Auch für angehende Lehrer*innen ist Wissen über psychische Gesundheit im Sinne einer frühen Prävention von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen von Bedeutung. Durch Kenntnisse über psychische Gesundheit kann ein Raum geschaffen werden, differenziert, enttabuisiert und offen darüber zu reden.

Die Studienbedingungen selbst müssen ebenfalls angepasst werden, um allen Zugang zu einer Hochschulbildung gewährleisten zu können. Dazu gehört einerseits, dass Anwesenheitspflichten abgeschafft werden müssen. Weil mensch beispielsweise aufgrund seiner Störung oder wegen anderen der individuellen Lebenssituation entspringenden Umständen nicht zu Seminaren erscheinen kann, darf es nicht sein, dass der Studienabschluss davon bedroht wird. Gerade in stressigen Zeiten sind Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten von Bedeutung. Deshalb müssen auch Teilzeitstudiengänge ausgebaut und mehr Menschen zugänglich gemacht werden. Das DSW konnte zeigen, dass viele Studierende mit psychischer Störung de facto in Teilzeit studieren, obwohl sie in einem Vollzeitstudium eingeschrieben sind. Hier wird deutlich, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmen und mehr Möglichkeiten offengehalten werden müssen. Dazu gehört auch, dass solche Studienformen mit in der Studienfinanzierung bedacht werden.   Weder BAföG noch Stipendien sind derzeit an Teilzeitstudiengänge angepasst, dies verschärft die finanzielle Lage Studierender weiterhin. Prüfungsformen können ebenfalls ein Stressfaktor sein, denn nicht jede*r sieht sich dazu in der Lage, eine mündliche Prüfung zu haben oder vor einem Seminar einen benoteten Vortrag zu halten. Deshalb ist eine freie Wahl der Prüfungsform wichtig.  Lernerfolge leiden darunter, wenn sich Studierende dem Druck ausgesetzt fühlen, unter unangenehmen Bedingungen gute Noten erbringen zu müssen. Weiterhin ist bei Prüfungen auf sogenannte Nachteilsausgleiche zu achten. Psychisch beeinträchtigte Studierende dürfen nicht immer wieder gezwungen sein, ihre persönliche Störung vor Dozierenden zu erklären, um Ausgleiche zu erwirken. Hier spielt eine Stärkung von Vertretungen von chronisch kranken und beeinträchtigten Studierenden eine zentrale Rolle, um beispielsweise Anonymität von betroffenen Studierenden vor Dozierenden zu wahren. Auch die An- und Abmeldungen zu Prüfungen müssen flexibilisiert werden, um Studierenden die Möglichkeit zu geben, Prüfungsleistungen nur abzulegen, wenn sie sich dafür zu dem Zeitpunkt in der Lage sehen. Auch eine Wiederholung von Prüfungsleistungen muss unbegrenzt möglich sein, Maßnahmen wie Drittversuche sorgen nur für Stresssituationen und sagen nicht zwangsläufig etwas darüber aus, ob in dem jeweiligen Fach ausreichend gelernt oder kritisch hinterfragt wurde. Insgesamt ist eine Überprüfung von Studiengängen nötig, denn nicht immer sind diese überhaupt in ihrer derzeitigen Konzeption studierbar.

Eine Sorge, die viele Studierende haben, ist die Finanzierung ihres Alltags. Dabei stellt für uns Juso-Hochschulgruppen das BAföG das zentrale Mittel der individuellen Studienfinanzierung dar: Durch ein alters-, ehepartner*innen- und elternunabhängiges BAföG als Vollzuschuss kann allen Studierenden ermöglicht werden, sich auf das Studium zu konzentrieren und nicht darauf, wie die nächste Miete bezahlt werden soll. Die bisherige Praxis vom Festhalten an Regelstudienzeiten und Mindestcreditpoints als Fördervoraussetzung ist nicht realitätskonform und wir lehnen es ab, dass auf diese Weise Druck aufgebaut werden soll, das Studium möglichst schnell zu beenden. Unser Bildungsideal ist, dass Bildung ein Menschenrecht ist. Dazu gehört, dass auch beeinträchtigte Studierende daran teilhaben können. Gerade sie sehen sich aber durch ihre Störung eingeschränkt  und können ein Vollzeitstudium häufig nicht in Regelstudienzeit absolvieren. Im Sinne einer Prävention von Störungen und einer Förderung von Gesundheit ist es deshalb von Interesse, dass auch Stressfaktoren wie die Studienfinanzierung in den Blick zu nehmen und wirksame Lösungen anzubieten.

Hochschulen als Spiegel der Gesellschaft müssen divers und inklusiv sein. Dabei ist es für uns Juso-Hochschulgruppen wichtig, dass das Wohlbefinden aller Studierender gewährleistet wird. Deshalb fordern wir:

  • Eine Entstigmatisierung von psychischen Störungen und stattdessen einen offenen Diskurs über Gesundheit
  • Leichteren, kostenfreien und adäquaten Zugang zu Psychotherapie, Präventions- und Beratungsangeboten und gleichzeitig bei gerechter Bezahlung derer, die in diesen Berufsfeldern tätig sind.
  • Ausreichend Psychotherapieplätze, um die Wartezeit zu verkürzen
  • Bereits frühkindliche Prävention, um möglichst vielen Menschen langfristig Gesundheit zu ermöglichen
  • Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe inklusive der flächendeckenden Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention
  • Niedrigschwellige hochschulinterne Beratungsmöglichkeiten ausbauen und allen unbegrenzt  zugänglich machen
  • Sensibilisierung bzw. Fortbildungsangebote für Lehrkräfte, Hochschulpersonal und Studierende für psychische Gesundheit und Störungen
  • Anpassung der Studienbedingungen: gegen Anwesenheitspflichten, Regelstudienzeit, für ein flexibleres Studium
  • Eine Studienfinanzierung, die allen gerecht wird. Ehepartner*innen- und Elternunabhängiges BAföG ohne Bindung an Regelstudienzeit, Altersgrenzen, Teil- oder Vollzeitstudium als Vollzuschuss muss her!
  • Mehr Teilzeitstudiengänge inklusive flexiblen Wechselmöglichkeiten, um dem Studienalltag von Studierenden gerecht zu werden
  • Flexible und gute Bildung als Menschenrecht, weg von der neoliberalen Verwertungsordnung des Studiums

Ermöglichung der unbegrenzten Wiederholung von Prüfungsleistungen

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