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Freiwilligendienste für alle möglich machen!

Viele Bereiche unserer Gesellschaft sind schon längst durchökonomisiert und auf Effizienz optimiert. Kinder sollen so früh wie möglich eingeschult werden, mit G8 eine verkürzte Schulzeit durchlaufen, im Anschluss bestenfalls direkt eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, dieses in Regelstudienzeit beenden, und dann mit Anfang oder Mitte Zwanzig ins Berufsleben einsteigen. Seit Jahren wird uns von Ökonom*innen eingetrichtert, dies sei wichtig, um international auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Es führt jedoch vor allem dazu, dass Schulabgänger*innen immer häufiger minderjährig sind und ohne verschiedene Lebenserfahrungen noch nicht genau wissen, was sie denn nach der Schule überhaupt machen wollen. Entgegen dieser Zwänge entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, nach der Schule einen Freiwilligendienst anzutreten, um wichtige Erfahrungen zu sammeln und somit für eine ganz persönliche Lern- und Orientierungsphase, die es so in der Schulzeit nicht gibt. Für die einzelne Person bedeutet ein Freiwilligendienst damit die Möglichkeit und einen Raum zur persönlichen Entfaltung. Gleichzeitig leisten Freiwilligendienste einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesellschaft; sie stärken das soziale und kulturelle Engagement in der Gesellschaft. Jedoch gibt es bei den Möglichkeiten der verschiedenen Freiwilligendienste noch einen enormen Verbesserungsbedarf.

Mangelnde Informationspolitik

An vielen Schulen gibt es in der Mittelstufe eine „Berufsberatung“, die durch Abfrage der Interessen der Schüler*innen eine Empfehlung für mögliche Berufssparten ausspricht. Ebenso findet häufig in der Oberstufe eine Studienberatung statt, um über Studiengänge, Studienfinanzierung und Vor- und Nachteile verschiedener Hochschulen zu informieren und den Schüler*innen einen besseren Überblick über ihre Möglichkeiten zu geben. Was jedoch oftmals gänzlich fehlt, ist eine Ausbildungs- oder Freiwilligendienstberatung. Es gibt zwar Messen und Märkte der Möglichkeiten, auf denen sich Unternehmen bzw. Institutionen, die Träger*innen von Freiwilligendiensten sind, vorstellen, jedoch kaum zentrale Informationstage oder -abende in den Schulen oder durch die Kommunen organisiert. Schüler*innen, die sich für einen Freiwilligendienst interessieren, müssen von sich aus aktiv werden und sich selber informieren, wodurch einige erst gar nicht auf die Idee kommen, einen solchen zu absolvieren. Deshalb ist es notwendig, dass alle allgemeinbildenden Schulen dazu verpflichtet werden, Informationsveranstaltungen anzubieten, bei denen über die verschiedenen Freiwilligendienste in gleicher Weise wie über Berufs- und Studiermöglichkeiten informiert wird und ehemalige Freiwilligendienstleistende ihre Erfahrungen einbringen. Freiwilligendienste müssen in den Schulen als gleichwertige Möglichkeiten zum Studium oder zur Ausbildung dargestellt werden, damit den Schüler*innen keine Entscheidung vorgegeben wird.

Probleme der Freiwilligendienste

In der Bundesrepublik gibt es verschiedene Formen der Freiwilligendienste. Die größten sind jedoch der Bundesfreiwilligendienst (BFD), der aus dem Zivildienst entstanden ist und vom Bund finanziert und geregelt wird, und das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das jeweils die Länder verwalten. Seit Jahren herrscht bei den Freiwilligendiensten eine so starke Nachfrage, dass die Platzvergabe zu einer Herausforderung geworden ist. Dadurch, dass der BFD für alle Menschen, egal welchen Alters, geöffnet ist, ergibt sich eine schwierige Doppelstruktur bei der Verteilung der Plätze an junge bzw. ältere Menschen. Viele BFD-Stellen umfassen ehemalige Zivildienststellen, die nie auf ihren Bildungsanspruch und ihre Arbeitsmarktneutralität überprüft worden sind. Arbeitsmarktneutralität bedeutet dabei, dass die Stelle des Bundesfreiwilligendiensts keine hauptamtliche Stelle in dem jeweiligen Berufsfeld – vor allem also in den sozialen Berufen – ersetzt. Der Bundesfreiwilligendienst muss zu einem Lerndienst für junge Menschen umgebaut werden und parallel dazu muss es auch für ältere Menschen neue Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements geben. Um den großen Andrang von jungen Menschen auf die Freiwilligendienste zu bewältigen, hilft es jedoch nur die Anzahl der vorhandenen Plätze massiv auszubauen, um allen Menschen, die sich sozial, kulturell, oder bei andersartig gemeinnützigen Organisationen engagieren wollen, dieses auch zu ermöglichen.

Das Ziel von Freiwilligendiensten ist es, dass Menschen die Möglichkeit gegeben wird, etwa im sozialen oder kulturellen Bereichen wichtige Lernerfahrungen zu sammeln. So lernen sie beispielsweise an Schulen, bei der Betreuung von Menschen mit chronischer Erkrankung und/oder Beeinträchtigung oder bei der Seniorenhilfe Bereiche kennen, mit denen die meisten in ihrem Leben sonst nicht in Kontakt kommen würden. Für ihre Arbeit bekommen die Freiwilligen eine Aufwandsentschädigung, die durch die*den jeweiligen Träger*in festgelegt wird. Es gibt dabei eine gesetzliche Obergrenze von 381 Euro, im Durchschnitt bekommen Freiwillige jedoch nur 150 Euro. Einige Einrichtungen bieten aber auch Wohnen und Verpflegung an. Dabei sind Freiwilligendienste immer ein schwieriger Balanceakt zwischen bezahlter Freiwilligkeit und schlecht bezahlter Arbeitskraft. Das Problem dabei ist, dass viele Freiwilligendienstleistende Arbeit machen, die eigentlich von Hauptamtlichen übernommen werden müsste, die wegen fehlender finanzieller Mittel jedoch nicht eingestellt werden. Freiwilligendienste dürfen deshalb nicht in Konkurrenz zu hauptberuflichen Stellen stehen, da es dem Charakter eines Freiwilligendienstes widerspricht, die Arbeit von Angestellten zu ersetzen. Soziale Berufe sind immer noch nicht so hoch angesehen und so bezahlt, wie sie es verdient haben. Der Ausbau der Freiwilligendienste darf nicht dazu führen, dass die Löhne in diesem Bereich noch weiter sinken. Freiwilligendienste in sozialen Berufen können jedoch auch genau das Gegenteil bewirken. Sie eröffnen die Möglichkeit, dass die Sensibilisierung der jungen Menschen und die gesellschaftliche Anerkennung für die Arbeit in diesen Berufen gestärkt werden, um soziale Berufe dauerhaft aufzuwerten.

Die niedrige Bezahlung der Freiwilligendienste wirft jedoch noch ein weiteres Problem auf: Freiwilligendienste sind sozial exklusiv. Die geringe Entlohnung führt dazu, dass nur junge Menschen diese bestreiten können, deren Eltern sie finanziell unterstützen und weiter für ihre Wohnung, Verpflegung und Fahrtkosten aufkommen können, oder Menschen, die neben dem Freiwilligendienst noch arbeiten. Denn mit 150 Euro im Monat lässt sich vielleicht gerade einmal die Monatskarte bezahlen, nicht jedoch der komplette Lebensunterhalt. Dadurch werden Jugendliche aus finanziell schwachen Elternhäusern von vornherein gehindert, Freiwilligendienste zu machen. Daher müssen wir einen Zweiklang fordern. Zum einen müssen die vor allem sozialen Berufsbilder finanziell aufgewertet werden, zum anderen fordern wir eine faire Vergütung für Freiwilligendienste. Freiwilligendienstleistende müssen mindestens eine Vergütung in Höhe des Mindestlohns bekommen, um zumindest für den eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können. Darüber hinaus muss allen Freiwilligendienstleistenden sowohl günstiger und angemessener Wohnraum, als auch bezahlbare Fahrkarten zur Verfügung gestellt werden, um eine Unabhängigkeit von den finanziellen Mitteln der Eltern zu gewährleisten. So gelingt es die soziale Exklusivität der Freiwilligendienste aufzubrechen. Freiwilligendienste müssen für alle jungen Menschen offen sein, gerade auch für Jugendliche, deren Eltern nur wenig Geld verdienen, denn gesellschaftliches Engagement darf kein Privileg für einige wenige sein.

Deshalb fordern wir:

  • Die klare Absage an Forderungen nach einem Pflichtdienst für junge Menschen, denn wir setzen auf die Freiwilligkeit im Engagement.
  • Eine Verpflichtung der allgemeinbildenden Schulen zum Angebot von Informationsveranstaltungen, bei denen über Freiwilligendienst in gleicher Weise wie über Berufs- oder Studiermöglichkeiten informiert wird.
  • Die Schaffung einer zentralen Stelle in Verantwortung des Bundes, die Infos über alle verschiedenen Freiwilligendienst-Programme sammelt, an Interessierte weitergibt und diese berät.
  • Den Ausbau der Jugendfreiwilligendienste, sodass allen Jugendlichen, die einen Freiwilligendienst leisten wollen, auch die Möglichkeit dazu gegeben wird.
  • Die Sicherstellung der Arbeitsmarktneutralität von Freiwilligendienstplätzen, damit es eine klare Abgrenzung zu hauptamtlichen Arbeitsplätzen gibt.
  • Die Reformierung des Bundesfreiwilligendiensts zu einem Lerndienst für junge Menschen, um ihnen eine wichtige Lern- und Orientierungsphase zu bieten.
  • Die Bereitstellung von bezahlbarem und angemessenem Wohnraum sowie einer Fahrkarte für öffentliche Verkehrsmittel für Freiwilligendienstleistende, damit auch Freiwilligendienste fernab des elterlichen Wohnraums möglich sind.
  • Die Umwandlung der Aufwandsentschädigung in eine faire Vergütung, die mindestens dem Niveau des Mindestlohns entspricht.
  • Die Schaffung von Angeboten des ehrenamtlichen Engagements für ältere Menschen.

Die Gleichsetzung von Freiwilligendienstleistenden mit Auszubildenden flächendeckend in allen Bereichen von Vergünstigungen, z.B. den ÖPNV und städtischen Einrichtungen wie Schwimmbäder und Museen. Auch private Unternehmen, wie Kinos, sollen dahingehend sensibilisiert werden.

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