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Digitale Lehre statt digitaler Leere

Wenn mensch an Schule denkt, kommt häufig folgendes Bild in den Kopf: ein nicht renovierter Klassenraum, 30 Schüler*innen, eine Lehrkraft und eine kreidebeschriebene grüne Tafel. Doch ist dies in einer digitalisierten Welt im Jahre 2017 noch aktuell? Spiegelt es die Gesellschaft richtig wieder? Wie leben wir Digitalisierung im Alltag? „Wie gehen wir mit ihr um und welche daraus resultierenden Konsequenzen erhoffen wir uns?“ Einerseits lässt sich feststellen, dass sie unseren Alltag bestimmt, so haben mehr als 95 Prozent der 12 – 19 Jährigen Zugang zum Internet und mobilen Endgeräten. Andererseits zeigen Ergebnisse aus der Bildungsforschung, dass viele Menschen nur geringe Kenntnisse über die Verwendung von Netztechnologien haben. Schon jetzt gibt es eine Spaltung zwischen denen, die sich souverän und kompetent mit Digitalisierung auseinandersetzen können und jenen, die es eher passiv konsumieren. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis, denn erst wenn Menschen sich mit dem Umgang mit digitalen Medien auskennen, können sie sich kritisch mit Quellen auseinandersetzen, ausreichend Datenschutz beachten und ihre eigenen Kompetenzen in diesem Bereich aufbauen.

Orte, an dem Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien erworben werden können sind Bildungsinstitutionen, dies kann über die gesamte Bildungsbiographie hinweg geschehen. Doch an Schulen, Hochschulen und Ausbildungsinstituten zeigt sich ein schlechtes Bild: aktuell haben nur ca. 40 Prozent der Schulen WLAN, mögliche Onlineressourcen werden nicht genutzt, teils herrschen sogar Smartphoneverbote. Etwa ein Drittel der Lehrer*innen nutzt im Unterricht einen Computer, hier geht ein großes Potenzial verloren. Wegen fadenscheinigen Gründen wird verhindert, dass Bildungsinstitutionen die digitale Lebensrealität widerspiegeln, obwohl diese beispielsweise von Internetnutzung dominiert ist. Doch gerade der Bildungsauftrag muss Medienkompetenzen einschließen. Eine pädagogische Begleitung im Umgang mit digitalen Medien ist zentral, Chancen und Herausforderungen müssen begegnet werden. Schon in der Schulzeit müssen die digitalen Technologien behandelt werden, die unsere Gesellschaft verändern. Doch um dieser Herausforderung gerecht zu werden, sind Ausbildungen und passende Konzepte zu digitalen Medien zur Unterstützung des Lehrpersonals nötig.

In der Kreidezeit...

Doch da hört die Problematik nicht auf. Die Ausstattung von Schulen ist häufig schlecht, Computer sind alt, das Internetangebot – wenn vorhanden – schlecht ausgebaut, digitale Medien werden selten genutzt. Weiterhin zeigt der Hochschulbildungsreport 2020 des Stifterverbands, dass sich nur 20 Prozent der Lehrer*innen sicher fühlen, nach dem Studium vor einer Schulklasse zu stehen. Um diese Unsicherheit aufzugreifen können digitale Medien in der Lehre eine Unterstützung sein, indem beispielsweise mehr Anpassung auf individuelle Bedürfnisse von Schüler*innen eingegangen werden kann oder wiederkehrende Aufgaben nicht immer neu ausgearbeitet werden müssen. Dies kann zu mehr face to face Zeit zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen führen, um so den pädagogischen Auftrag verstärkt ausführen zu können.

In der vergangenen Legislaturperiode hat Bildungsministerin Wanka den großen „DigitalPakt#D“ angekündigt, mit dem Digitalisierung in Bildungsinstitutionen gefördert werden sollte. Doch schon der Plan an sich hatte einen großen Haken: eine zeitlich befristete Paktfinanzierung reicht nicht aus, um eine zielsichere und nachhaltige Digitalisierung sicherzustellen. Auch nach Pakt-Ende müssen Geräte saniert, Fortbildungsangebote ermöglicht und Digitalisierung vorangetrieben werden. Am Ende dieses Wahlkampfversprechens stand vom groß angekündigten Plan nur eine leere Worthülse, die Finanzierung des Projekts konnte nicht sichergestellt werden. Hier zeigt sich: die Schwarze Null steht für die CDU über einem vernünftigen Bildungskonzept, das Digitalisierung einschließt. Eine wirklich zukunftsfähige Lösung ist hier eine breite Qualifizierungs- und Ausbildungsoffensive inklusive Ausstattung an allen Bildungsinstitutionen. Dies sollte unter anderem durch die vom Bund geförderte Qualitätsoffensive Lehrer*innenbildung angegangen werden, indem das Lehramtsstudium verbessert werden sollte. Digitalisierung fand hier aber auch kaum Beachtung, nur 9 Hochschulen von mehr als 50 geförderten haben sich diesem Thema angenommen.  Und auch bei diesem Bildungsprojekt war es wieder nur eine befristete Paktfinanzierung, die zeitlich begrenzte und falsche Anreize setzt.

Auch an Hochschulen herrscht noch die Kreidezeit, sowohl in der Lehre als auch in der Forschung. Gerade im Bereich der Digitalisierung in der Lehrer*innenbildung gibt es weder angemessene Angebote in der Lehre, noch eine ausreichende Forschungsgrundlage, um Didaktik auch digital angehen zu können. Dazu steht es um die Ausstattung eher schlecht als recht, WLAN gibt es nicht flächendeckend, Lehrinhalte werden häufig nicht digital aufbereitet und dass das Internet Neuland ist, gilt auch dort für viele Dozierende.

Chancen digitaler Bildung

Digitalisierung in der Bildung zu etablieren zieht viele Chancen mit sich. So kann soziale Teilhabe erleichtert und berufliche Qualifikationen ermöglicht werden, beispielsweise bei Mehrfachbelastungen durch Lohn- und/ oder Care-Arbeit. Auch in der Hochschulbildung kann Digitalisierung eine gute Möglichkeit sein, um eine diverse Studierendenschaft besser einzubinden, auch ein internationaler Austausch kann verbessert werden.

Eine Mündigkeit zu digitalen Technologien muss für alle Menschen möglich sein, unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder bisherigem Wissen. Um dies zu erreichen, müssen wir neue Bildungschancen ermöglichen. Ziel ist, mehr Gerechtigkeit, Emanzipation und Sicherheit aller Nutzer*innen zu ermöglichen. Gerade in Zeiten von sogenannten Fake News und Hetze im Internet ist diese Mündigkeit von Bedeutung.

Jede*r Lernende hat individuelle Voraussetzungen für einen erfolgreichen Lernprozess, der auch durch den Einsatz digitaler Medien und Werkzeuge beeinflusst werden kann. Doch diese Nutzung muss angemessen geplant, durchgeführt und reflektiert werden, um selbstgesteuerte und individualisierte Lernprozesse zu eröffnen. Auch eine Aufzeichnung und Online- zur Verfügung Stellung von Materialien kann dabei helfen, individuelle Wiederholungen der Lerninhalte zu ermöglichen und Inhalte divers darzureichen. Eine Didaktik, die den Anforderungen der Digitalisierung entspricht hilft auch, Ansprüche an gute Lehre besser umsetzen zu können.

Was getan werden muss

Wie ein (Lehramts-)Studium gestaltet ist, entscheiden die Hochschulen autonom. Jedoch können die Bundesländer Einfluss nehmen, indem sie Vorgaben für Akkreditierung von Studiengängen und Zielvereinbarungen vornehmen. So kann an verschiedenen Stellen sichergestellt werden, dass Digitalisierung in der Lehrer*innenbildung eine Rolle spielt. Hier können sowohl Ziele einer allgemeinen Medienkompetenz und weitergehende Kompetenzen hinsichtlich digitaler Bildung festgelegt werden.

Es müssen Beratungsstrukturen geschaffen werden, an die sich Bildungsinstitutionen wenden können. Durch ein angemessenes Maß an Handlungsräumen, Zeit und Beratung sollen sie bei dem Veränderungsprozess hin zur Implementierung einer Digitalisierungsstrategie unterstützt werden. Hier kann eine Sammlung von Best Practise Beispielen von Vorteil sein, an denen sich Bildungseinrichtungen orientieren können.

Nötig sind aber nicht nur Investitionen in Ausstattung und Ausbau von digitaler Technologie, auch das Lehrpersonal muss ausreichend engagiert und qualifiziert sein, um den Herausforderungen gerecht zu werden. Auch die Kulturministerkonferenz (KMK) empfiehlt, dass Lehrkräfte über allgemeine Medienkompetenz verfügen sollten und innerhalb ihres Fachbereichs Medienexpert*innen sein sollten. Dabei reicht eine einmalige Fortbildung oder kurzfristige Beschäftigung mit dem Thema nicht aus, denn um selbstverantwortlich mit den stetig wachsenden Möglichkeiten und Inhalten der Digitalisierung umgehen zu können, ist es wichtig, sowohl in Bezug auf Forschungserbnisse als auch Umsetzung in der Praxis am Ball zu bleiben. Dabei müssen Bereiche wie das Urheber*innenrecht, Datenschutz/-sicherheit und Jugend(medien)schutz mit bedacht werden.

Sowohl in der Aus- als auch in der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften, beginnend bei Erzieher*innen bis zu den Lehrer*innen der Erwachsenenbildung, Hochschuldozent*innen und Ausbilder*innen, muss ein Fokus auf digitale Kompetenzen und einer entsprechenden Didaktik gelegt werden. Gerade in der Erwachsenenbildung wird eine Generation angesprochen, die häufig nicht mit einem Zugang zu neuen Technologien aufgewachsen ist. Hier muss sowohl in der Allgemeinbildung, beispielsweise über Volkshochschulen, als auch in der beruflichen Bildung niedrigschwellige Angebote zu Grundlagen der digitalen Techniknutzung angeboten werden. Ziel aller Schularten muss sein, Lernende zur kritischen Reflektion der eigenen Mediennutzung zu befähigen. Neben inhaltlichen und methodischen Ausbildungsteilen zu Digitalisierung muss auch bedacht werden, wie Arbeits- und Prüfungsformate digital zur Verfügung gestellt werden können.

Hier sind auch Bund und Länder gefragt, in Förderprojekten und der Finanzierung muss Digitalisierung in der Bildung eine klare Rolle spielen. Gerade im Bereich der Forschung über Digitalisierung sind noch viele Fragen unbeantwortet. Hier bieten sich jedoch große Chancen, um Möglichkeiten zu erforschen, die Big-Data-Analysen, IT-Sicherheit und digitalen Lehr- und Lernmöglichkeiten betreffen. Erkenntnisse im Bereich der digitalen Bildungsbiographie, einer Entwicklung und Evaluation von Bildungskonzepten, können hier gewonnen werden.

Solange noch Föderalismus und der Fokus auf die Schwarze Null das Bildungssystem prägen, ist es von Bedeutung, dass digitale Kompetenzen in Bildungsstandards verpflichtend implementiert werden. Anstelle eines Wirrwarrs an verschiedenen Medienbildungskonzepten brauchen wir eine einheitliche Definition und Zielsetzung.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie verändert unsere Gesellschaft und auch unser Bildungssystem nachhaltig und bezieht sich auf mehr als nur WLAN-Ausbau und digitale Endgeräte. Digitalisierung ermöglicht Potenziale diverser Lerngruppen zu fördern, Lehrer*innen in ihrem Alltag zu unterstützen und Bildung einem breiteren Personenkreis zugänglich zu machen.

Forderungen

  • Sanierung und Ausbau von Bildungsinstitutionen auch in Hinblick auf Internetanschluss, WLAN und der Ausstattung mit digitaler Technologie
    • Ausbau der Wartung der Strukturen durch zusätzliche Kräfte, damit diese Aufgabe nicht auf die Lehrer*innen fällt
  • Unterstützung von Bildungseinrichtungen, um Digitalisierungsprozesse zu unterstützen und aktiv zu gestalten
  • Abschaffung des Kooperationsverbots und nationale Bildungsallianz für eine bessere Finanzierung
  • Digitalisierung entlang der Bildungskette, von der Kita bis in die Erwachsenenbildung hinein
  • Offener und kostenloser Zugang zu digitalen Lehr- und Lerninhalten
    • Förderung der Vernetzung und des Austauschs von Lehr- und Lernmaterialien
    • Open Educational Resources, also freie Lern- und Lehrmaterialien mit einer offenen Lizenz, sollen direkt gefördert werden, nicht nur analoge Lehr- und Lernmaterialien mit dem Ziel einer umfassenden digitalen Lehrmittelfreiheit
    • Förderung und Ausbau von Massive Open Online Courses (MOOCs) und anderen digitale Bildungsangeboten an Bildungseinrichtungen, um Menschen einen diverseren Zugang zu Bildung zu ermöglichen
    • Zugang zu Lehr- und Lernmaterialien an Hochschulen unter Einsatz von Open Access-Lizenzen verfügbar machen. So werden mehr Publikationen zugänglich gemacht und ein breiterer Austausch über Wissenschaft wird ermöglicht.
    • Offene und rechtssichere Gestaltung zur Nutzung von urheber*innenrechtlich geschützten Inhalten, weg von der unzureichenden Lösung des Unirahmenvertrags zwischen der VG Wort und der KMK
  • Moderne Hochschulen mit einer entsprechenden Ausstattung, um angehende Lehrer*innen angemessen im Bereich der Digitalisierung auszubilden und passende Forschung zu ermöglichen
  • Bessere Lehrbedingungen an den Hochschulen, sodass auch Dozierende dort digitale Konzepte in die Lehrer*innenbildung einbringen können
  • Unterstützung beim Kompetenzaufbau von Lehrer*innen, in der Pädagogik, Didaktik und Organisationsentwicklung
  • Befähigung von Schüler*innen und Lehrer*innen, sich kritisch mit digitalen Inhalten auseinander zu setzen
  • Fundierte fachwissenschaftliche Qualifikation und Vermittlung von methodischen Schlüsselkompetenzen von Lehrer*innen
  • Ausbau von Massive Open Online Courses (MOOCS), Open Educational Ressources und kollaborative Lerntools zur Unterstützung der Arbeit und Austausch bezüglich Lehrmaterialien und Kompetenzen
  • Einheitliche Standards in der Lehrer*innenausbildung und in den Curricula an den Schulen selbst, um digitale Bildung an jeder Bildungsinstitution angemessen implementieren zu können

 

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