Inhalt


Kampf gegen das Bild der „faulen Studenten“ – Anwesenheitspflichten abschaffen

„Schlechte Nachrichten für faule Studenten in NRW“ - So betitelte „Der Westen“ Ende September seinen Artikel über die Pläne der neuen schwarz-gelben Landesregierung, das Verbot der Anwesenheitspflicht zu kippen und die Entscheidung darüber den einzelnen Hochschulen zu überlassen.

Nicht nur, dass das falsche Klischee-Studierende würden nur aus Faulheit fehlen, reproduziert wird, es stellt auch die aktuelle Lage der Hochschulen dar: nur eine Fokussierung auf Leistung und ökonomischen Erfolg seien wichtig, nicht die Lehr- und Lernerfahrung des*der Einzelnen.

Sozial selektiv

Es ist schlicht realitätsfern, dass nicht anwesende Studierende per se faul sind. Die verschiedenen Lebensumstände der Studierenden werden von der Landesregierung ignoriert - letztendlich gibt es viele Gründe, wieso Lehrveranstaltungen nicht besucht werden. Die Anzahl der Studierenden, die der Lohnarbeit nachgehen, ist weiterhin hoch. Gerade in Großstädten reichen Studienfinanzierungsmöglichkeiten wie das BAföG häufig nicht aus, ein zusätzliches Einkommen muss her. Wenn deswegen Seminare mit Anwesenheitspflichten nicht belegt werden können, verlängert sich das Studium häufig über die Regelstudienzeit hinaus – dies wirkt sich wiederum auf den BAföG-Empfang aus. Ein Teufelskreis beginnt. Auch für Studierende, die Care-Arbeit leisten ist eine Vereinbarung mit Anwesenheitspflichten nicht immer möglich. Ähnliches gilt bei behindert oder chronisch kranke Studierenden. In Anbetracht einer immer diverser werdenden Studierendenschaft muss das Lehrangebot entsprechend flexibel sein. Starre Anwesenheitspflichten sorgen dafür, dass Hochschulen nur sozial selektiver werden, nicht offener.

Dabei steht für uns eine bewusste Entscheidung für ein Studium im Fokus, dies involviert auch selbst zu entscheiden, welche Lernform zu den eigenen Lebensumständen am besten passt. Den neoliberalen Kurs, dass ein Studium nur gut ist, wenn es eine Vorbereitung auf den späteren Arbeitsmarkt ist, ist abzulehnen.

Unser Gegenmodell

Große Freiheiten konnten bereits mit der Abschaffung der Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen und Seminaren errungen werden. So sind bislang nur Sprachkurse, praktische Übungen und Exkursionen von der Anwesenheitspflicht betroffen.
Bei den geplanten Änderungen würden die darunterfallenden deutlich weitergehen. Wir betonen: Eine reine Anwesenheit sagt nichts darüber aus, ob aktiv am Seminar teilgenommen wird. Das schiere Sammeln von Unterschriften auf einer Liste hat keine Aussagekraft darüber, ob die Lehrinhalte angenommen wurden. Statt einer Bevormundung von Studierenden müssen Seminare attraktiv und zeitgerecht gestaltet werden. Hier liegt die Verantwortung bei den Dozierenden und den Verantwortlichen der Hochschulen, gute Lehre überall zu etablieren.

Ein unausweichlicher weiterer Schritt und große Chance ist hier die weitere Digitalisierung der Lehre. Die Bereitstellung der Skripte und Folien ist nur der Anfang. Vorlesungen müssen in Videoformaten abrufbar sein, auch andere Formate der digitalen Lehre sind zu etablieren. Auch hier muss Inklusion mitgedacht werden. Chronisch kranken oder behinderten Studierenden muss ein Studium auch außerhalb von Hörsälen möglich sein. Dazu braucht es aber auch eine angemessene Ausstattung, der Investitionsstau der letzten Jahre muss dringend aufgelöst werden. Auch bei Veranstaltungen, die wirklich verpflichtend sind, müssen behinderte oder chronisch kranke Studierende im Anmeldeverfahren präferiert berücksichtigt werden, sodass ihnen kein Nachteil entsteht.

Es gilt konsequent deutlich zu machen, dass Anwesenheitspflichten die Studierenden von einem selbstbestimmten Studium abhalten. Das Studium zum Zweck des Lernens und nicht zur wirtschaftlichen Verwertbarkeit muss endlich wieder in den Fokus rücken. Wir wollen mündige und kritische Bürger*innen, nicht Studierende die ihre Zeit in Seminaren absitzen.

Unser Einsatz

Für uns als Bundesverband, für die Arbeit in den Ländern und an den Hochschulstandorten gilt es, konsequent und ohne müde zu werden, auf die unterschiedlichsten Verpflichtungen und Lebensumstände hinzuweisen. Das Bild der „faulen Studenten“ muss von uns weiter bekämpft werden. Studierende dürfen nicht für Clickbait missbraucht werden, denn mit Überschriften wie diesen werden Thematiken deutlich verkürzt, Leser*innen in die Irre geführt und in diesem Fall auch Klischees weiter gefördert.

Wenn das Schreckgespenst der Anwesenheitspflicht von der Landesregierung in NRW wiedereingeführt wird, stellen wir uns auch vor Ort dagegen. In Bündnissen, auf Landes- und Gremienebene sprechen für uns für ein selbstbestimmtes Studium aus. Dazu gehört aber auch, dass die studentische Stimme gestärkt wird: Gerade jetzt braucht es dringend eine paritätische Besetzung von Gremien, um studentische Perspektiven stark zu machen. Unsere Stimme muss dabei nicht nur gehört werden, sondern wir als Studierende müssen auch konkret mitbestimmen können, wie unser Studium ausgestaltet sein soll.

Zurück