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Studienzulassung gerechter gestalten, Studienplätze ausbauen!

„Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ (Art. 12 Abs. 1 GG) Diese Annahme trifft im Fall des Medizinstudiums nicht ganz zu. Viel eher müsste es heißen: alle Menschen mit einer Abiturnote von 1,0 haben das Recht, ihren Beruf frei zu wählen. Auf ca. 9.000 Studienplätze in der Humanmedizin haben sich ca. 43.000 Menschen beworben. In der Regel werden diese Studienplätze fast ausschließlich über die Abiturnote als Auswahlkriterium verteilt. Dies führt dazu, dass für ein Medizinstudium eine Abiturnote von 1,0 bis 1,2 notwendig wird. 20 Prozent der Studienplätze werden zentral über die Stiftung für Hochschulzugang vergeben, 20 Prozent über die Wartezeit und 60 Prozent durch hochschuleigene Kriterien. War im Jahr 1999 noch eine Wartezeit von 4 Semestern für ein Studium der Humanmedizin ausreichend, um einen Studienplatz zu bekommen, sind es mittlerweile 15 Semester. Hier ist die freie Berufswahl mehr als bedroht, daher verhandelte das Bundesverfassungsgericht den Fall der Studienplatzvergabe für das Medizinstudium am 04. Oktober.

Aber nicht nur im Extremfall des Medizinstudiums treffen Studieninteressierte auf Zugangshürden. Zum Wintersemester 2017/18 waren über 42% der Studiengänge mit einem lokalen Numerus Clausus (NC) zulassungsbeschränkt. Numerus clausus bezeichnet nicht – wie oft angenommen – eine bestimmte Abiturnote als Grenzwert, sondern gibt lediglich an, dass es eine beschränkte Anzahl an Studienplätzen gibt, welche unter dem Hauptkriterium der Note der Hochschulzugangsberechtigung - im Regelfall das Abitur – vergeben werden. Die „schlechteste“ Note, die noch aufgenommen wird, bildet dabei die Grenznote des NC. Neben der Abiturnote können, bei der lokalen Vergabe, von Ort zu Ort unterschiedliche weitere Kriterien hinzugezogen werden, wie z.B. eine besondere Gewichtung von Einzelnoten von Fächern wie Mathematik, Englisch oder Deutsch. Bei der Bewerbung für das Medizinstudium gibt es die Möglichkeit den Test für Medizinische Studiengänge (TMS) oder auch den Hamburger Naturwissenschaftstest (HamNat) zu absolvieren, um den eigenen Abitur-Schnitt zu verbessern.

Wieso gibt es eigentlich den NC?

Grundlage für den Numerus Clausus ist ein Verfassungsgerichtsurteil aus dem Jahr 1972. In diesem wurde grundsätzlich das Recht auf freie Berufswahl, durch die Möglichkeit mit der Hochschulzugangsberechtigung jedes Studium aufnehmen zu können, gestärkt. Doch im Fall von nicht ausreichend zur Verfügung stehenden Studienplätzen können Zulassungsbeschränkungen eingeführt werden. Allerdings müssen alle Kapazitäten ausgenutzt werden. Hierfür wurde die Kapazitätsverordnung (KapVO) in allen Bundesländern verabschiedet. In der Praxis ist die komplexe Formel zur Berechnung der Kapazitäten in den einzelnen Studiengängen so undurchsichtig, dass bis auf wenige Ministerialbeamt*innen meist niemand zu hundert Prozent durch diese durchblickt. Diese KapVO führt auch dazu, dass Studienplatzklagen häufig erfolgreich sind. Das BVerfG hat es versäumt, die Gesetzgebung aufzufordern, ausreichend Studienplätze zu schaffen. So ist der NC über vierzig Jahre nach diesem richtungsweisenden Urteil mittlerweile der Normalzustand.

Zu wenig Studienplätze und die Studienplatzvergabe verhindern Bildungsgerechtigkeit

Problematisch an der derzeitigen Mangelsituation ist die Fixierung auf die Abschlussnote in einem sozial stark selektiven Bildungssystem. Wer aus gut situierten Verhältnissen mit beispielsweise akademischem Bildungshintergrund kommt, hat in der Regel bessere Noten, weil beispielsweise der Zugang zu Nachhilfe, anderen Unterstützungsangeboten oder Wissen über Möglichkeiten und Struktur des Studiums einfacher ist. Dies führt dementsprechend oft zu einem höheren Schulabschluss. Wenn die Studienplätze dann nach den Noten vergeben werden, wird diese Selektion weiter manifestiert und die Bildungsverhältnisse werden weiter zementiert. Obwohl wir eine leichte Entwicklung zu generell höheren Bildungsabschlüssen im Land haben, studieren immer noch viel weniger Kinder aus Nicht-Akademiker*innen-Haushalten. Gerade einmal 21% aller Nicht-Akademiker*innen-Kinder studieren. Im Gegensatz dazu studieren über 75% der Kinder aus einem Akademiker*innen-Haushalt. Das deutsche Bildungssystem ist also noch immer weit von einer ausgeglichenen Bildungslandschaft entfernt.

Doch nicht nur die soziale Selektivität, sondern auch Noten an sich stellen ein Problem dar. Noten stellen kein objektives Maß für Begabung und Fähigkeiten dar. Sie sind stark durch die individuelle Perspektive der Notengeber*innen geprägt. Zum einen sind die durchschnittlichen Abschlussnoten in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich, aber auch zwischen den einzelnen Schulen und Kursen innerhalb ein und desselben Bundeslandes herrschen teils erhebliche Unterschiede. Auch soziale Faktoren wie Geschlecht, Herkunft oder Namen haben Einfluss auf die Note. Daher ist eine fast ausschließlich auf die Abiturnote festgelegte Studienplatzvergabe keine Lösung. Langfristig müssen wir Noten überwinden und aussagekräftige Bewertungsmaßstäbe insgesamt überdenken.[1]

Doch auch das aktuelle Vergabesystem hat noch weitere Schwächen. Die Mehrfach-Bewerbungen an jeder Hochschule führen zu einer ineffizienten Vergabepraxis. Jedes Jahr bleiben Studienplätze unbesetzt. Der Versuch eines zentralen Vergabesystems über die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH), die die Homepage hochschulstart.de betreibt, ist gescheitert. Zum einen ist man an der technischen Umsetzung gescheitert, zum anderen an der Bereitschaft der Hochschulen. Selbst die bundesweite Anpassung der Anmelde- und Zulassungsfristen ist nicht absehbar. In der Konkurrenz um die vermeintlich besten Köpfe, wie es Hochschulen sehen, scheint eine gemeinsame Linie unter den Hochschulen nicht erreichbar. So bleibt das sog. Dialogorientierte Serviceverfahren weit hinter den Erwartungen zurück.

Finanzierung von neuen Studienplätzen

Insgesamt bleibt das größte Problem der generelle Mangel an Studienplätzen, der mit dem Hochschulpakt auch nicht beseitigt werden konnte. Zwar wurde die Anzahl der Bachelor-Studienplätze ausgebaut, wenn auch bei weitem nicht ausreichend. Master-Plätze hingegen wurden nicht durch den Hochschulpakt gefördert. Zusätzlich wurden den unterschiedlichen Kosten für die verschiedenen Studienfächer nicht Rechnung getragen. So ist ein Studienplatz für Medizin mit 32.000€ deutlich teurer als ein Studienplatz in den Sozialwissenschaften. Hier gilt es anzusetzen. Die Hochschulen brauchen mehr Geld für die Schaffung von mehr Studienplätzen sowohl im Bachelor, als auch im Master. Auch die KapVO muss angepasst werden, um sie verständlicher und transparenter zu gestalten, bessere Betreuungsrelationen zu ermöglichen und so die Studienqualität zu steigern.

Im konkreten Fall des Medizinstudiums wird es für den Staat Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Zwar fehlen Mediziner*innen, doch das Geld für mehr Studienplätze wird nicht zur Verfügung gestellt. Stattdessen weichen die, die es sich leisten können auf private Universitäten oder ins Ausland aus, wo sie zwar Studiengebühren zahlen müssen, aber immerhin einen Studienplatz bekommen. So wird das Spitzenabitur umgangen. Wer davon profitiert? Kinder aus vermögenden Haushalten, die auf entsprechende Rücklagen zurückgreifen können.

Eine weitere Möglichkeit Medizin zu studieren zu können mit weniger guter Abschlussnote ist der Test für medizinische Studiengänge (TMS). Mit dem TMS können Bewerber*innen ihre Chancen erhöhen trotz weniger guten Notenschnitt einen Studienplatz zu bekommen. Doch der TMS findet nur einmal im Jahr statt und wird je nach Hochschule unterschiedlich stark gewichtet. Vorbereitungskurse und Material kosten mehrere hundert Euro. Zeitlich wird von den Testentwickler*innen eine Lernzeit von ca. 45 Stunden angegeben. Hier werden wieder Bewerber*innen bevorzugt, die sich die Materialen und Vorbereitungskurse leisten können und die Zeit für die Vorbereitung haben und nicht nebenbei noch arbeiten müssen oder Pflegetätigkeiten oder andere Care-Arbeit verrichten müssen. Wer nicht am TMS teilnimmt, riskiert bei der Studienplatzvergabe einen Nachteil zu haben.

Ein anderer Weg in das Medizinstudium ist eine Studienplatzklage, die sich auch nur die leisten können, die das nötige Geld dafür aufbringen können. Neben der durch das Bildungssystem weitergegebenen Ungerechtigkeit, gibt es hier eine weitere große Ungleichheit, nämlich den Vorteil für angehende Studierende mit dem passenden Geld, den NC umgehen zu können. Und der Staat? Der zieht sich mit den Auslandsstudierenden aus der Verantwortung. Auf diese Weise spart er sich die teuren zusätzlichen Studienplätze und verlagert das Problem auf die Ebene der individuellen Studieninteressierten und deren Finanzstärke.

Weitere Hürden beim Hochschulzugang

Neben diesen direkten Hürden im Auswahlsystem der Hochschulen gibt es im Bereich der Hochschulzulassung weitere Problemfelder. Die Regelungen für Studierende ohne Abitur sind noch immer ein Flickenteppich und undurchsichtig für Studieninteressierte. Es muss endlich möglich sein, unkompliziert mit beruflicher Qualifizierung an die Hochschule zu kommen und nicht von Bundesland zu Bundesland andere Voraussetzungen vorzufinden. Der Abschluss einer beruflichen Ausbildung muss für den Hochschulzugang reichen! Dafür brauchen wir frühzeitige Informationsangebote in den Schulen und Berufsschulen, eine gesicherte Studienfinanzierung durch eine substantielle BAföG-Reform und freiwillige Brückenangebote zu Studienbeginn

Internationalen Studierenden werden noch weitere Steine in den Weg gelegt. Ausländische Abschlüsse werden großenteils immer noch über den extra hierfür geschaffenen Verein „uni-assist“ geprüft. Diese Verlagerung der Prüfung ausländischer Hochschulzugangsberechtigungen muss ein Ende haben. Uni-assist arbeitet intransparent und verursacht unnötige Kosten für die Bewerber*innen. Fehlende Auskunfts- und Beratungsmöglichkeiten und eine willkürliche erscheinende Anerkennungspraxis kennzeichnen uni-assist. Daher müssen die Hochschulen die Auslagerung wieder rückgängig machen und die Verträge mit uni-assist kündigen. Wir brauchen eine gerechtere und transparentere Anerkennung ausländischer Abschlüsse und müssen den überzogenen Stolz auf „deutsche“ Abschlüsse überwinden. Nicht der Abschluss, sondern das Interesse ist entscheidend für den Gang in die Wissenschaft.[2]

Ein Studium ist auch für behinderte Menschen[3] oftmals unerreichbar. Das Problem liegt hier nicht an der Qualifikation, sondern an der fehlenden Infrastruktur und dem Mangel an Lehrkonzepten. Eine Behinderung darf kein Grund für den Verzicht auf ein Studium sein, denn auch behinderte Menschen können erfolgreich studieren, wenn sie nicht durch das Umfeld daran gehindert werden. Ein erster Schritt zur Verbesserung des formalen Studienzugangs muss eine bundesweit einheitliche Härtefallquotenregelung sein. Darüber hinaus muss auch hier die Studienfinanzierung an die Anforderungen behinderter Menschen angepasst werden. Ziel muss ein gleichberechtigter Zugang zu allen Bildungsformen ohne Quoten-Regelung sein. Bis dieses Fernziel erreicht ist, bieten sie jedoch den bestmöglichen Ansatz hin zur Inklusion.

Unsere Forderungen für eine gerechtere Studienplatzvergabe

Im Bereich der Hochschulzulassung treffen wir auf eine multiple Problemlage, der nicht einfach von staatlicher Seite beizukommen ist – die Hochschulen müssen sich auch auf eine gemeinsame Praxis in der Immatrikulation von Studierenden einlassen und gleichzeitig müssen schlichtweg mehr Studienplätze geschaffen werden. Kurzfristig müssen wir die Hochschulzugangsverfahren angleichen und harmonisieren, d.h. die Anforderungen, Fristen, Verschickungstermine und Nachrückverfahren müssen einheitlich ausgestaltet werden. Darüber hinaus bedarf es einer Abkehr von der einseitigen Fokussierung auf die Abiturnote. Es müssen weitere Kriterien, wie eine Ausbildung, berufliche Erfahrung, Ehrenamt, Pflege-Tätigkeiten, Motivation oder soziale Gründe stärker gewichtet werden. Auch Wartezeitregelungen müssen ausgebaut werden, um nicht nur die Notenstärksten zu berücksichtigen. Dennoch: Solange Studienplätze noch nicht flächendeckend ausgebaut sind, ist ein NC-Verfahren gegenüber Auswahlgesprächen und Losverfahren das neutralere Kriterium, da hier nicht eine einzelne Prüfung, sondern eine langfristige Beobachtung zu Grunde liegt. Im Bereich der Master-Zulassung muss ein Übergang in den Master garantiert werden, denn viele Berufsfelder erschließen sich erst nach dem Master. Um auch hier die freie Berufswahl zu gewähren, muss eine Masterplatzgarantie her.

Im konkreten Fall des Medizinstudiums müssen Ausbildungen in der Pflege, im Rettungsdienst oder ähnlichen Bereichen stärker gewichtet werden. Die Notenfixierung muss gebrochen werden. Außerdem können durch die Anpassung der Lehrstunden auf bundesweit 9 Semesterwochenstunden (bisher je nach Hochschule 8 oder 9 SWS) und eine stärkere Kooperation mit weiteren Krankenhäusern seitens der Hochschulen ein kurzfristiger Ausbau der Studienplätze erreicht werden. Mit dem Wegfall des Kooperationsverbotes ist eine bessere Finanzierung von mehr Studienplätzen ebenfalls notwendig.

Das bundesweite „Dialogorientierte Serviceverfahren“ hat in der Hochschulzulassung versagt. Gerade einmal 19% der Studiengänge werden über dieses zentrale Verfahren verteilt. Das Problem: Die Software ist nicht kompatibel mit den verschiedenen individuellen Campus-Management-Systemen der Hochschulen. Es bedarf einer Neuausrichtung der SfH, um ein leistungsfähiges System zu etablieren. Damit das DoSV erfolgreich wird, müssen Restriktionen im Bewerbungsprozess, wie eine Maximalzahl an Bewerbungen oder ähnliches gestrichen werden und die Benutzer*innenoberfläche intuitiv bedienbar und barrierefrei gestaltet sein. Auch die Hochschulen müssen die Konkurrenz um die vermeintlich „Besten“ aufgeben, für einheitliche Zugangsbedingungen und angepasste Fristen und Zulassungszeitpunkte. Wir wollen gute Bildung unabhängig des Studienortes, abseits von Exzellenzbestrebungen einzelner Hochschulen.

Wir brauchen eine Verstetigung der Hochschulpaktmittel nach dem Jahr 2020, die die Fehlsteuerungen des aktuellen Hochschulpakts ausbessert. Die Grundfinanzierung der Hochschulen muss verbessert werden und das Geld muss der Schaffung von Studienplätzen sowie der Verbesserung der Studienbedingungen zugutekommen. Studienplätze müssen kostendeckend gefördert werden.  Um ein Recht auf freie Berufswahl zu gewährleisten bedarf es Investitionen, die zweckgebunden zur Schaffung von Studienplätzen und der Verbesserung von Betreuungsverhältnissen von Bund und Ländern gemeinsam gemacht werden müssen. Schlussendlich soll jede*r Studieninteressierte*r das Wunschfach am Wunschort in der Wunschhochschule studieren können.


[1] vgl. BKT 16/1 „Benotung von Leistungen abschaffen“

[2] Vgl. BKT 2017/1 „Meine Bildung ist was wert – Egal was ihr mir sagt“

[3] Der Antrag benutzt die Formulierung „behinderte Menschen“. Um die korrekte Bezeichnung wird in den letzten Jahren immer wieder gestritten. Wir präferieren diese Bezeichnung, da sie klarmacht, dass die Umwelt, so wie sie gestaltet ist, die Menschen behindert. Uns ist aber auch bewusst, dass es noch unzählige weitere Bezeichnungen gibt, die durch Betroffene unterschiedlich genutzt werden.

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