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Hochschulzulassung neu ordnen

Anfang Juni werden die Hochschulen wieder damit beginnen StudienanfängerInnen für das kommende Wintersemester zuzulassen. Nach der öffentlichen Debatte um die Zukunft der Hochschulzulassung vor einem Jahr versprach die Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) die Entwicklung eines neuen Verfahrens mit geeigneter Software, um das teils chaotische Verfahren besser zu organisieren. Für die Zeit bis zur Entwicklung dieser Software wurde ein Übergangsverfahren vereinbart, dessen prominentester Bestandteil die Studienplatzbörse war. Allen Beteuerungen zum Trotz sind jedoch auch im vergangenen Wintersemester kaum Verbesserungen für Studieninteressierte erreicht worden und auch die Studienplatzkapazitäten konnten nicht erschöpfend genutzt werden.

 

Probleme in der Hochschulzulassung

Defizite bestehen sowohl im organisatorischen Ablauf der Zulassung als auch in der fehlenden Unterstützung Studieninteressierter. Die Vielzahl an unbesetzten Studienplätzen, die von verschiedenen Quellen auf ca. 20% geschätzt werden, bleibt vor allem frei, weil es Hochschulen nicht schaffen die Mehrfachbewerbungen zu koordinieren. Nachdem Studiengänge mit neuen Studienabschlüssen nicht mehr unter das Verfahren der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) fielen und in den Fächern, die bisher noch von der ZVS koordiniert werden, die Hochschulen einen großen Teil der BewerberInnen selbstständig auswählen können, schreibt der größte Teil der Studieninteressierten Bewerbungen an mehrere verschieden Hochschulen. Die Mehrfachbewerbungen stellen die Hochschulverwaltungen vor ein Problem, da sie nicht wissen können, ob die oder der zugelassene BerwerberIn den Studienplatz auch annimmt. Folgen davon ist: BewerberInnen, die ihre Zulassung nicht in der ersten Runde erhalten, bekommen womöglich erst weit nach Semesterbeginn eine Zulassung. Ein organisierter Studienbeginn mit Vorbereitungskursen, Wohnungssuche und Organisation der Studienfinanzierung ist so nicht zu bewältigen; häufig sind bereits erste Prüfungen geschrieben.

 

Doch schon der Weg zu einer Studienbewerbung ist steinig. Durch das Versinken der ZVS in der Bedeutungslosigkeit fehlt eine zentrale Anlaufstelle für Informationen über Studiengänge und Zulassungsverfahren. Bisher geben die Hochschulen diese Informationen auf ihren eigenen Internetseiten für ihre Studiengänge bekannt. Für einzelne Studieninteressierte bedeutet dies jedoch, dass ein kompletter Überblick über die Studienmöglichkeiten und Zulassungsvoraussetzungen an den Hochschulen in Deutschland kaum zu bekommen ist. Allenfalls werden sich die BewerberInnen nach unzähligen Klicks auf den Internetseiten verschiedener Hochschulen einen Ausschnitt erarbeiten können. Letztlich fehlt eine zentrale Plattform, die es Studieninteressierten aller Studiengänge ermöglicht, sich über Studienmöglichkeiten umfassend zu informieren.

 

Studienplatzbörse löst das Problem nicht

Das Übergangsverfahren mit gemeinsamen Friste für alle Hochschulen für die Verschickung von Bescheiden hat ganz offenbar nicht funktioniert. Auch nach dieser Vereinbarung haben es viele Hochschulen nicht geschafft, StudienbewerberInnen rechtzeitig vor Beginn des Semesters über die Ablehnung oder den Erhalt des Studienplatzes zu informieren. In der Folge ist es kaum möglich die Nachrückverfahren pünktlich abzuschließen und letztlich für die vorhandenen Kapazitäten der Hochschule StudienanfängerInnen zu finden. In der Antwort auf eine kleine Anfrage spricht das Bundesministerium dann auch von 18.000 frei geblieben Studienplätzen im Oktober letzten Jahres und gibt freimütig zu, dass noch nicht alle Zulassungsverfahren abgeschlossen seien.

 

Die Studienplatzbörse, die im Vorfeld als das moderne Instrument gegen das Chaos gepriesen, hat letztlich kaum Effekt auf das Verfahren. Weder führt sie zu einer Vereinfachung des Verfahrens, noch bringt sie Verbesserungen für Studieninteressierte mit sich. Weiterhin sind die StudienbewerberInnen, die sich über freie Studienplätze auf dem Portal informieren, darauf angewiesen, ihre Bewerbungen an die einzelnen Hochchulen zu richten und müssen das lange Nachrückverfahren in Kauf nehmen, das sich in den meisten Fällen bis in das Semester hinein zieht.

 

Die Hoffungen des Bundesbildungsministeriums liegen nun auf der zu entwickelnden Software, die das gesamte Verfahren beschleunigen soll. Nachdem sich die Ausschreibung lange verzögerte, wird mit einem Start nun zum Wintersemester 2011/12 gerechnet.

 

Hochschulzulassung darf nicht allein den Hochschulen überlassen werden

Generell darf ein Hochschulzulassungssystem nicht allein in den Händen der Hochschulen liegen. Zwischen dem Interesse der Hochschulen, nur die besten BewerberInnen zuzulassen und des Anspruch des Grundgesetzes auf freie Berufswahl besteht ein Widerspruch, der es zum einen notwendig macht, die bestehenden Kapazitäten erschöpfend zu nutzen und die politische Aufgabe enthält, Studienplatzkapazitäten auszubauen. Wir fordern von der Bundesbildungsministerin und der Kultusministerkonferenz, dass sie ein System implementieren und etablieren, dass nicht nur den Vorstellungen der Hochschulrektorenkonferenz Rechnung trägt, sondern auch die Situation für StudienbewerberInnen verbessert. Die Software und auch das angedachte System muss kritisch darauf überprüft werden, ob es für StudienbewerberInnen eine Verbesserung darstellt.

 

Unsere Ziele

Aus diesem Grund fordern wir Juso-Hochschulgruppen von einem neuen Zulassungsverfahren:

 

  1. Übergangscharakter. Ein Hochschulstudium ist vor allem ein Recht, das sich aus Art. 12 GG ergibt. Nicht die Hochschule ist berechtigt, sich die Studierenden auszusuchen, sondern Studieninteressierte haben das Recht ein Studium an der Hochschule ihrer Wahl aufzunehmen. Insofern ist jedes Zulassungssystem ein System, dass einen Mangel verwaltet. Wir erwarten von Bundesministerin und KultusministerInnen klare Anstrengungen zum Ausbau der Studienplätze in einem Maß, das NCs und ein Zulassungssystem überflüssig macht. Ein neues Zulassungsverfahren kann nur als Übergangslösung mit einer möglichst kurzen Lebensdauer verstanden werden.

 

  1. Einheitlichkeit. Ein neues Zulassungsverfahren muss an allen Hochschulen nach den gleichen Kriterien funktionieren. Es muss gleiche Fristen für Bewerbung und Zulassung vorsehen sowie gleiche Zulassungsvoraussetzungen beinhalten. Gespräche und Tests zur vermeintlichen Prognose der Studierfähigkeit lehnen wir ab. Zudem soll die Bewerbung über eine zentrale Stelle mit standardisierten Formularen erfolgen.

 

  1. Gerechtigkeit. Kriterien für die Vergabe von Studienplätzen müssen – solange sie notwendig sind – bei den durch sie in ihrer Chancengleichheit Benachteiligten einen Eingriff in die Berufsfreiheit rechtfertigen. Die Abiturnote als ausschlagendes Studienplatzvergabekriterium ist nicht gerecht. Sie ist hochgradig von externen Faktoren statt individueller Leistung abhängig, u.a. von der sozialen Herkunft. Noten sind von Bundesland zu Bundesland, Schule zu Schule, LehrerIn zu LehrerIn nicht vergleichbar. Der Prognosewert der Abiturnote in Hinblick auf das Studium ist gering. Im Vergleich zur objektiven Abiturnote sind Tests und Gespräche noch stärker von externen Faktoren abhängig und noch weniger aussagekräftig in Hinblick auf das Studium. Daher lehnen wir sie ab. Das Vergabekriterium „Wartezeit“ sollte besser widerspiegeln, wie lange jemand tatsächlich auf einen Studienplatz gewartet hat: BewerberInnen sollten nachweisen müssen, dass sie sich bereits zuvor für einen bestimmten Studiengang beworben haben und ein zulassungsfreies „Zweite Wahl“-Studium darf nicht wartezeitschädlich sein. Keines der beiden Vergabekriterien kann so stark gerechtfertigt werden, dass es ausschlaggeben sein darf.

 

  1. Kostenfreiheit. Studieninteressierte dürfen nicht zur Kasse gebeten werden. Was für Bildungsgebühren im Allgemeinen gilt, ist im Bewerbungsverfahren nicht obsolet. Werden Gebühren für die Bewerbungen erhoben, wirkt das sozial selektiv, da Studieninteressierte aus finanzstarken Haushalten deutlich mehr in ihr Bewerbungsverfahren investieren können und damit ihre Chancen auf einen Studienplatz steigen. Insbesondere bei Frauen würde sich der Anteil erhöhen, der von der Studienberechtigung keinen Gebrauch macht.

 

  1. Funktionstüchtigkeit. Wenn Zulassungsbescheide nach Beginn des Semesters verschickt werden, zeigt dies, dass das System seine angedachte Aufgabe unzureichend erfüllt. Ein neues System zur Hochschulzulassung muss Bewerbungen zügig bearbeiten und allen BewerberInnen vor dem Semester Klarheit darüber geben, ob sie einen Studienplatz bekommen haben oder nicht. Ferner dürfen keine Studienplätze frei bleiben, solange es unversorgte BewerberInnen gibt.

 

  1. Beratung. Studieninteressierten muss durch den Dschungel aus unterschiedlichen Regelungen geholfen werden. Sie müssen einen Überblick über die Studienmöglichkeiten und die Studieninhalte bekommen. Hierzu muss eine zentrale Anlaufstelle geschaffen werden. Zudem darf nicht aus den Augen verloren werden, dass es keine umfassende Studienberatung an Schulen gibt. Dieses Defizit muss ebenfalls schnellstmöglich behoben werden. Die Hochschulen sind aus diesem Grund angehalten verstärkt „SchülerInnen- und Sommeruniversitäten“ oder Schnupperstudientage anzubieten, da „Tage der offenen Tür“ meist zu kurz greifen um sich umfassend über einen Studiengang zu informieren.

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