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Elite war gestern. Gleich ist spitze!

Das Thema Elite hat uns dieses Jahr anlässlich unseres hochschulpolitischen Kongresses “Elite war gestern. Gleich ist spitze!“ in vielfältiger Weise ein ganzes Wochenende beschäftigt.

Den Zugang zu diesem Thema bezieht unser Verband aus der immer noch aktuellen Diskussion um sogenannte Elite-Universitäten. Mit der rot-grünen Bundesregierung und der Exzellenzinitiative wurde viel über Leistung und Spitzenforschung sinniert, die Diskussion um eine Elite, die in Deutschland mehr gefördert werden muss, ist salonfähig geworden und dreht sich längst nicht mehr nur um einige Bildungsstätten, die durch staatliche Finanzierung begünstigt werden sollen. Hierzu haben wir Juso-Hochschulgruppen eindeutige Beschlüsse gefasst, die von Anfang an die Fokussierung auf Elite-Universitäten durch die wettbewerbliche Vergabe staatlicher Mittel verurteilt haben.

Dennoch fehlte es der Diskussion aus unserer Sicht an Substanz. Um überhaupt beurteilen zu können, wie diese Veränderungen innerhalb der Hochschulpolitik auch auf die Gesellschaft wirken können, war es für uns wichtig, sich mit dem Begriff Elite näher zu beschäftigen, uns seiner vielfältigen Verwendung in anderen Zusammenhängen als dem hochschulpolitischen zu nähern und uns seiner normativen und ethischen Dimension zu widmen.

Der vorliegende Antrag nimmt bewusst Abstand zu der Diskussion um Elite-Universitäten. Letztlich soll er als Grundlage dienen, unsere politischen Forderungen und Ideen mit einer Konzeption von Gesellschaft verbinden zu können.

 

A) Was sind Eliten?

 

In der Debatte um Eliten werden häufig der normative und deskriptive Begriff von Elite verwechselt. In der Soziologie gibt es zahlreiche Studien, die sich mit der Entstehung von Eliten beschäftigen, ihrer Verfestigung, ihrer Prägung oder ihrer Verhaltensmuster. Diese beruhen allerdings auf einem deskriptiven, empirischen Elitebegriff. Er könnte damit umschrieben werden, dass es in fast allen Kulturen, fast allen Gesellschaften kleine Gruppen gibt, denen es gelingt, sich in zentralen Macht- und/oder Einflusspositionen zu etablieren, welche oft mit Besitz verbunden sind, die es zu stabilisieren und möglicherweise auf weitere Generationen zu übertragen gilt.[1]

 

          Begriffsverständnis bis zum ersten Weltkrieg

 

Was unter Elite verstanden wird, ist je nach historischem Kontext, Staatsform und kulturellen Eigenheiten einer Gesellschaft sehr unterschiedlich. Der Begriff Elite (vom lateinischen eligere = auswählen), wie er heute verwendet wird, ist nur etwa 200 Jahre alt.[2] Vorher kam der Begriff lediglich in der militärischen Sprache vor. Die Übertragung des Elitebegriffs von der militärischen Ebene auf die "politische Klasse" (Gaetano Mosca) vollzog sich erst um 1900. Während der Aufklärungs- und Revolutionszeit wurde die Vererbung von Ämtern und Besitz immer weniger akzeptiert – die Rekrutierung, die Besten für die Herrschafts- und sonstigen Gemeinschaftsaufgaben in den modernen Staats- und Gesellschaftsformen auszuwählen, musste neu durchdacht werden.

In Deutschland war, im Gegensatz zu den USA beispielsweise, die Forderung nach Gleichheit, neben Freiheit und Brüderlichkeit, die dritte Säule der revolutionären Umgestaltungen bis zum Ersten Weltkrieg zwar wesentlich weniger in der Gesellschaft präsent. Allerdings wurden auch hier die ständischen Prinzipien der Selektion auch immer mehr abgelehnt.[3]

 

             Wandel des Begriffsverständnisses

 

Der erste in einem gesellschaftstheoretisch und politisch relevanten Sinn geprägte Elitebegriff bezog sich auf eine kleine Gruppe wertbewusster, der Zukunft zugewandter Männer, die sich zur Herrschaft berufen fühlten.

In Deutschland kam es erst nach dem Zweiten Weltkrieg dazu, dass sich der Elitebegriff mit neuem Inhalt besetzen ließ und ein Verständnis erhielt, welches auf die gesamte Gesellschaft bezogen werden konnte. Schließlich war der Elitebegriff durch die Gleichsetzung mit Herrenrasse und Herrenmenschen so belastet, dass es sich als besonders schwierig gestaltete, den Begriff wieder als analytische Kategorie verwendbar zu machen. Zu erwähnen sind hier besonders die Arbeiten des Politologen und Soziologen Otto Stammer über "Das Elitenproblem in der Demokratie." Im "Wörterbuch der Soziologie" (1955) definierte er Eliten als "Funktionseliten", deren "Bestand, Zusammensetzung, Auswahl und Ergänzung von der Stellung und Funktion abhängig sind, welche die einzelnen Führungsgremien im politischen Wirkungszusammenhang innehaben".[4]

Es folgten empirische Untersuchungen, die immer mehr gesellschaftlich-staatliche Funktionsbereiche nach Herkunft, Bildungs- und Karrieremustern, nach Altersstruktur und Kohärenz der Funktionseliten unterschieden. In seinem in breiter Öffentlichkeit rezipierten Werk über "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" nannte Ralf Dahrendorf als zentrale Funktionsbereiche: Wirtschaft; Politik und öffentliche Verwaltung; Forschung, Wissenschaft und Bildung; Kirchen; Kultur, Kunst und "Freizeitindustrie"; Justiz; Militär.[5]

Allerdings konnten auch die säuberlichen Definitionen zum Elitebegriff nicht über die Realität hinweg täuschen: Der amerikanische Soziologe Charles W. Mills zeigte in seinem Werk über die "Power Elite", dass die Funktionsbereiche und ihre Eliten nicht fein säuberlich getrennt sind, sondern sich ihr Einfluss durch Interaktionen von Militär, Politik und Industrie zu einem antidemokratischen Komplex verdichten kann. Zum elitären Bewusstsein gehört, die Basis oder die Massen gering zu schätzen oder auch das Parlament - wie es gegenwärtig häufig geschieht - einfach zu übergehen, weil man von seiner auserwählten Position her ja weiß, wo es langgeht.[6]

 

             Der kleine Unterschied

 

Die inzwischen etablierte soziologische und politologische Eliteforschung geht davon aus, dass sich die Funktionseliten gerade durch ihr Bildungsniveau deutlich von der Gesamtbevölkerung unterscheiden und überproportional aus Familien mit hohem sozialen Status stammen - ausgenommen die Gewerkschaftseliten und die politischen Eliten der SPD und der Partei Bündnis 90/Die Grünen.[7] Frauen sind erst seit Beginn der achtziger Jahre mit wachsendem Anteil in Elitefunktionen tätig.[8]

Allerdings gibt es gerade im Bereich der Bildung noch einen gravierenden Unterschied zwischen der BRD und Ländern wie den USA, Frankreich und Großbritannien. Während man in den anderen drei Ländern von einer national vernetzten Elite sprechen kann, da sie vom Gymnasium bis zu den Hochschulen elitäre Bildungseinrichtungen besucht haben und somit „Netzwerke“ knüpfen können, die bis ins hohe Alter bestand haben, gibt es dies in einer solchen Form in Deutschland bislang nicht.

In Deutschland folgt die Eliterekrutierung eher dem Vererbungsmuster, wie von Michael Hartmann in seiner Arbeit „Der Mythos von den Leistungseliten“ beschrieben.

 

          B) Werteeliten als Gegenpol zu Machteliten und Funktionseliten?

 

Ralf Dahrendorf beschreibt in "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" die "Basis der Gleichheit" und den "Dachfirst der Eliten".[9] Dies ist nicht weiter verwunderlich, da sich die junge Demokratie zu entwickeln begann und sich auch die Chancengleichheit vermehrte.  Wie bereits beschrieben ist jedoch in den letzten Jahrzehnten eine immer breiter werdende Kluft zwischen Eliten und demokratischer Basis auszumachen. Kritikbereitschaft und Kritikfähigkeit führen gesellschaftlich dazu, dass den Funktionseliten Werteeliten entgegen gesetzt werden.[10]

Werteeliten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich nicht durch demokratische Selektionsmechanismen rekrutieren oder durch Leistung hervortun. Sie bilden sich durch das Zusammentragen und die Vertretung von spezifischen kulturellen Eigenschaften, ethische und religiöse Maßstäbe sowie Bildungsgüter einer Gesellschaft. Die Werteeliten überzeugen und legitimieren sich allein durch Argumentation und das Vorleben dieser Grundsätze. Zu ihnen können auch Personen der Funktionseliten, wie beispielsweise die Bundespräsidenten zählen, aber häufiger sind es Personen aus Kultur, Kirche, Wissenschaft und Medien, die sich aufgrund ihres Ansehens zu gesellschaftlichen Entwicklungen in einer breiten Öffentlichkeit äußern können und somit auch als Gegengewicht zu den Machteliten gesehen werden können.

Als problematisch an Werteeliten kann allerdings gesehen werden, dass sie nur in sehr allgemeinen Zusammenhängen, wie beispielsweise in Angelegenheiten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, für die Bevölkerung sprechen können. Schließlich ist das Wertesystem vielschichtig und die Funktionseliten haben den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer Legitimation und ihres Amtes für alle Menschen in ihrem Funktionsbereich zuständig sind. Zudem geht es auch bei Werteeliten darum, die Verselbstständigung ihres Einflusses unter Kontrolle zu bringen. Gerade im Bereich der Medien gibt es hierfür nach wie vor keinerlei geeignete Instrumente, der sich die Gesellschaft bemächtigen könnte.[11]

 

          Der Mythos von den Leistungseliten

 

Michael Hartmann hat in einer sehr viel beachteten empirischen Studie „Der Mythos von den Leistungseliten“ die Bedeutung der sozialen Herkunft beim Zugang zu Elitepositionen in der Bundesrepublik Deutschland untersucht. Ausgehend von seiner These „Wer in Deutschland zur Elite gehören will, der muss vor allem eines mitbringen, die richtigen Eltern.“ untersuchte er die  Biografien von 6500 Doktoren der Promotionsjahre 1955, 1965, 1975 und 1985 in der Bundesrepublik Deutschland und kam zu dem Ergebnis, dass die soziale Herkunft bei der Besetzung einflussreicher Positionen enormen Einfluss hat.[12]

Er konzentrierte sich dabei auf die Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Politik. Einerseits stellt Hartmann fest, dass bereits die Promotion sozial hoch selektiv ist. Andererseits zeigt sich, dass bei Betrachtung des weiteren Karriereverlaufs der Promovierten Spitzenpositionen in den untersuchten Bereichen in überrepräsentativen Ausmaß von Kindern des Großbürgertums und des gehobenen Bürgertums besetzt werden. Gerade im Bereich der Wirtschaft zeigt sich in seiner Studie, wie sozial exklusiv die Rekrutierung bei Spitzenpositionen von Statten geht: Vier Fünftel stammen aus dem Milieu, zu dem sie dann später auch wieder zählen. Es gibt Ausnahmen. Das ist ein knappes Fünftel. Es ist ein sehr geschlossener Kreis, der zudem in den letzten 20 Jahren erheblich an Einfluss gewonnen hat – und das nicht nur in der Bundesrepublik sondern auch in den USA, in Großbritannien, in Frankreich. [13]

Die in der strukturformalistischen Schule der Eliteforschung vertretene Position, die Rekrutierung der Eliten erfolge vorrangig anhand der individuellen Leistung, hat sich insoweit nicht bestätigt. Hartmann selbst erklärt: „Die Illusion war, dass man mit der Bildungsreform auch gesellschaftliche Machtverhältnisse in großem Stile ändern kann. Das ist eine Vorstellung in den 60ern gewesen. Und da muss man sagen, diese Vorstellung hat sich als Irrtum herausgestellt.“ Er nimmt dabei Bezug auf die Ausführungen Dahrendorfs, die er mit seiner Studie als unzureichend erfüllt belegen konnte.

Zusammenfassend habe also die Bildungsexpansion zwar den Zugang zu den Bildungsinstitutionen für breite Gesellschaftsteile erleichtert, nicht aber den Zugang zu den Elitepositionen.[14]

 

C) Ist eine elitäre Gesellschaft mit der Sozialdemokratie vereinbar?

 

Ausgehend vom klaren Bekenntnis der Juso-Hochschulgruppen zum Demokratischen Sozialismus, der von uns einerseits als internationale Friedensordnung, andererseits als zukünftige demokratische und pluralistische Weltgesellschaft ohne Elend, als Teilhabe aller Menschen an Wohlstand, Selbstbestimmung, Bildung und sozialen Absicherungen verstanden wird, muss eine Vereinbarkeit jeglicher Form von Elitarismus und Sozialdemokratie verneint werden. Das klare „Nein“ zu einer von einer Elite geführten Gesellschaft ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einem Bekenntnis zum radikalen Egalitarismus, also einer Auffassung, in der Unterschiede, Differenzierung und Leistungsanreize (letzteres nicht im Sinne der neoliberalen Auffassung) die fundamentale Gleichheit der Menschen bedroht.

 

          Ablehnung des Begriffs Elite

 

Wir stellen fest, dass wir als aller erstes den Begriff Elite an sich ablehnen, da er fernab von neutraleren Definitionen, derer wir uns im ersten Teil des Antrags auch bedient haben, historisch durch die Zeit des Nationalsozialismus samt seiner Rassenideologie vorbelastet und somit in Gänze ungeeignet ist.

Ausgehend von unseren bildungspolitischen Idealen ist der Begriff der Leistung, der sehr eng mit dem Begriff Elite in Verbindung steht, für uns ein sehr zentraler. Basierend auf Hartmanns Forschungsergebnissen, der das angeblich neutrale Kriterium der Leistung als ungeeignet für eine chancengleiche Gesellschaft enttarnt, müssen wir den Begriff der Leistung allerdings mit neuem Leben füllen und für uns zurück erobern.

Schließlich bedeutet das Wort Gleichheit, als Teil des Begriffs Chancengleichheit, für uns nicht Gleichmacherei. Um dies zu verdeutlichen, ist es durchaus angebracht auszuführen, wann Ungleichheit in einer Gesellschaft gerechtfertigt ist.

 

          Ungleichheit führt zu Chancengleichheit

 

Materielle Ungleichheit ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie die am schlechtesten gestellten Menschen in einer Gesellschaft besser stellen. Das mag sich zunächst paradox anhören. Nach Rawls ist dieser Grundsatz allerdings durchaus begründet und hilft den Begriff Chancengleichheit mit Leben zu füllen. Rawls geht davon aus, dass in einem System mit Leistungsanreizen, die sich, je nach Leistung, in differenzierten Lohnniveaus äußern, mehr produziert wird, als in einem System ohne Leistungsanreize mit gleichem Lohnniveau. Dieses „Mehr“ in der Produktion schlägt sich auf das unterste Lohnniveau im differenzierten System nieder, weshalb die Menschen in dem System mit den Leistungsanreizen auf dem untersten Lohnniveau mehr zur Verfügung haben als die Menschen in dem System ohne Leistungsanreize. Diese Form von Ungerechtigkeit ist allerdings nur in den Grenzen erlaubt, so lange es den Schwächsten nützt. Zusätzlich müssen bei Rawls noch weitere Kriterien erfüllt sein: Gleicher Zugang zu Ämtern, Ausgleich von natürlichen Benachteiligungen im Bildungssystem und gleiche individuelle Freiheiten – die Bürger- und Menschenrechte, die jedes Individuum hat, dürfen nicht ungleich verteilt sein. Das bedeutet für uns in einem politischen Begriff zusammengefasst Chancengleichheit.

Ein weiterer Gedanke, der angesichts der aktuellen Dominanz der Wirtschaft in gesellschaftlichen Zusammenhängen hinzu gefügt werden muss, ist der der genuin pluralen Gesellschaft nach Michael Walzer. Keines der großen Systeme, weder die Ökonomie, noch die Bildung, noch die Politik, noch die Kultur, noch die Wissenschaft darf die anderen dominieren.

 

Freiheit, Gleichheit, Solidarität!

 

Wie lassen sich die vorangegangenen Überlegungen mit den sozialdemokratischen Grundwerten von Freiheit, Gleichheit und Solidarität vereinbaren? Für europäische Demokratien sind zunächst die Werte Freiheit und Gleichheit in ihrer konstruktiven Verbindung miteinander der Anfang der modernen politischen Philosophie. Alle Menschen besitzen eine gleiche individuelle Würde. Und allen Menschen kommen die gleichen Freiheitsansprüche zu. Es gibt somit nur gleiche Freiheit oder keine Freiheit. Nun gibt es drei Ansätze, die versuchen, diese Verbindung der beiden Werte aufzulösen. Im Libertarismus ist der zentrale Wert Freiheit. So lange ein Individuum das Recht auf Freiheit eines anderen Individuums nicht verletzt hat dieses das Recht mit seinem Besitz und seinem Leben zu tun, was es will. Gleichheit spielt keine Rolle. Solidarität entsteht von ganz alleine durch ethische Erwägungen der Individuen, da juristischer Druck und staatlich erzeugte soziale Maßnahmen die Freiheit einschränken. Im Kommunismus ist, laut Nida-Rümelin, im Gegenteil zum Libertarismus, die Gleichheit der zentrale Wert. Die wech-selseitige gleiche Anerkennung individueller Würde und Autonomie der einzelnen Person führt automatisch zu einer Form von Freiheit ohne dieser eine besondere Rolle zuzuordnen. Wo bleibt nun die Solidarität? Eine der wichtigsten Strömungen der zeitgenössischen politischen Philosophie, der Kommunitarismus, bringt nun genau dieses Element gegen die ersten beiden Werte in Stellung. Eine Theorie der politischen Gerechtigkeit muss aber in der Lage sein, diese beiden Grundorientierungen der politischen Moderne – Freiheit und Gleichheit – zu integrieren. Etwas ist gerecht, wenn es diesen miteinander verkoppelten Postulaten und einigen weiteren normativen Kriterien, zu denen auch Solidarität zählt, entspricht.

Nida-Rümelin schlägt einen Mittelweg vor: eine auf Solidarität und Autonomiechancengleichheit gegründete sozialstaatliche Demokratie. Hier weicht die verabsolutierte negative Freiheit des „Libertismus” einem ethisch anspruchsvolleren Freiheitsbegriff, der autonomen Lebensführung. Auf das freiheitsfeindliche Ziel der Herstellung materieller Gleichheit wird verzichtet. An seine Stelle tritt die bürgerliche Solidarität, die freilich nicht als Versorgung der Bedürftigen eine moderne Form des Armenrechts etabliert, sondern dafür sorgt, dass „reale Gleichheit im Sinne gleicher Würde und gleicher Autorschaft des eigenen Lebens über unterschiedliche existentielle Lagen hinweg” garantiert wird.[15]

 

D) Schlussfolgerung

 

Wie soll demnach eine chancengleiche Gesellschaft unserer Meinung nach gestaltet sein?

 

Kritische Öffentlichkeit herstellen

 

Es lässt sich für uns als Juso-Hochschulgruppen allgemein feststellen, dass die vielfältigen Erscheinungsformen sowie der Ruf nach einer neuen Elite in der Hochschulpolitik als Strukturelement einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung einer besonders kritischen Öffentlichkeit bedürfen. Dazu haben wir bereits mit unserem Kongress einen ersten Beitrag geleistet und möchten das Engagement in diesem Bereich auch in den nächsten Jahren fortführen.

 

Der Handlungsfähige Staat sorgt für Chancengleichheit

 

Wir Juso-Hochschulgruppen meinen, dass die Grundlage einer chancengleichen Gesellschaft ein Handlungsfähiger Staat ist, der aufgrund seiner Einnahmen die Kraft zur politischen Gestaltung hat und für Verteilungsgerechtigkeit sorgen kann. Als Element des "vorsorgenden Sozialstaats" kann eine qualitativ hochwertige Bildung die soziale Sicherheit der Menschen erhöhen und ihnen zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens Zukunftschancen eröffnen. Hürden, die Menschen daran hindern, von ihrem Recht auf Bildung Gebrauch zu machen, gehören sofort beseitigt. Zu diesen Hürden gehören zum Beispiel Eignungsprüfungen, bei denen immer auch der Habitus zum Erfolg oder Misserfolg des Bestehens beiträgt, eine unzureichende Studienfinanzierung und Gebühren für Bildung - vom gebührenpflichtigen Kindergartenplatz bis zu Studiengebühren und darüber hinaus. Die Juso-Hochschulgruppen lehnen jegliche Arten von Selektion aufgrund von sozialer Herkunft ab. Deshalb kämpfen wir seit Jahren für die Abschaffung der Studiengebühren vor Ort an den Hochschulen, innerhalb der SPD und in Landes- und Bundespolitik.

 

Bildung ist ein eigener Wert

 

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern zudem einen umfassenden Bildungsbegriff, der insbesondere die Bedeutung von Bildung für die Entwicklung der Person und für ein selbst bestimmtes Leben in einer demokratischen Gesellschaft betont. Die klare Abgrenzung von einem Verständnis, das Bildung auf ihre Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt reduziert, ist  elementarer Bestandteil unserer Positionen und muss auch im Zusammenhang mit der Diskussion um die künstliche Schaffung einer neuen Elite in unserer Argumentation einen zentralen Stellenwert haben. Wir wollen den emanzipativen Gehalt von Bildung herausstellen als zentrale Voraussetzung für die Fähigkeit, gesellschaftliche Umstände und Entwicklungen kritisch zu reflektieren.

 

Abstiegsmobilität aufhalten

 

Zudem erklären wir als Juso-Hochschulgruppen, dass wir uns zukünftig in allen Bereichen des Bildungssystems mit dem Phänomen der immer größer werdenden „Abstiegsmobilität“ auseinander setzen wollen. Die Chancengleichheit innerhalb einer Gesellschaft beruht vor allem auf einer hohen Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen sozialen Milieus. Ein dreigliedriges Schulsystem und die Unmöglichkeit, auch in einem späteren Lebensabschnitt eine kostenfreie Weiterbildung in Anspruch nehmen zu können sind nur einige Beispiele für eine fehlende Dynamik und Durchlässigkeit in unserer Gesellschaft.

 

Gesellschaftliche Auseinandersetzung engagiert führen

 

Genauso sehen wir Juso-Hochschulgruppen es als unsere Aufgabe an, die Debatte um Eliten auch außerhalb der Hochschulpolitik engagiert weiter zu führen. Wir lehnen den Begriff Elite entschieden ab. Nicht nur, weil wir den Begriff aus seinem historischen Missbrauch heraus als absolut ungeeignet für die Debatte um die Entwicklung der heutigen Gesellschaft sehen, sondern auch, weil wir dem, was sich als Elite etikettiert misstrauisch gegenüber stehen. Es geht bei der Eliten-Produktion nicht um Leistung, sondern um Privilegien und Macht. Wir beobachten deshalb mit großer Sorge die Entwicklung, dass sich der Anteil der Bevölkerung, der dem Begriff mit ebenso großem Misstrauen begegnet, laut verschiedener Umfragen durch die dauermediale Berieselung über den positiven Einfluss von Elite-Hochschulen stetig abnimmt. Wir möchten klar stellen: Wer von Elite spricht, wünscht sich eine Klassengesellschaft! Allein deshalb müssen wir konservative Argumentationen enttarnen und die Folgen einer Gesellschaft mit zementierten Eliten aufzeigen und auch klar benennen.

Darüber hinaus möchten wir den Begriff von Leistung neu beleben und mit linken Ideen verknüpfen. Leistung ist längst zu einem Schlagwort verkommen, das in der Argumentation neoliberaler Kräfte dazu dienen soll, die Gesellschaft in leistungswillige und leistungsunwillige Menschen einzuteilen. Für uns steht jedoch fest: Es gibt keine leistungsunwilligen Menschen! Leistung als Begriff ist keine objektive Größe und lässt sich nicht in monetärem Umfang messen. Unsere Gesellschaft muss lernen, die individuellen Beiträge und Fortschritte eines Menschen in seiner Gänze anzuerkennen. Hierfür sind gerade Änderungen im bürgerschaftlichen Engagement und der Demokratisierung der Arbeitswelt genauso unumgänglich wie die Einführung des Mindestlohns und die Sicherung der Sozialsysteme.

 

Wandel in der SPD

 

Die SPD kann nach dem historisch schlechtesten Bundestagswahlergebnis nicht mehr die Augen davor verschließen, dass wir mit unserer Kritik an der Einführung von Elite-Hochschulen recht haben. Eine Partei, die sich einerseits eindeutig gegen Studiengebühren und für mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem ausspricht kann nicht andererseits für die einseitige Finanzierung von einigen wenigen Hochschulen unter dem Label „Elite“ stehen. Das ist absolut unglaubwürdig und widerspricht dem sozialdemokratischen Grundsatz der Breitenförderung.

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern die SPD mit Nachdruck dazu auf, ihre positive Einstellung gegenüber der eigenen Exzellenzinitiative fallen zu lassen und mit uns gemeinsam für mehr Chancengleichheit und eine gerechte flächendeckende staatliche Finanzierung des Bildungssystem



[1]     Vergl. Nida-Rümelin, Beiträge zur Hochschulforschung, Heft 3, 26. Jahrgang, 2004

[2]     Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[3]     Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[4]     Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[5]     Vergl. Ralf Darendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965

[6]     Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[7]     Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[8]    Vergl. zu diesen und anderen Befunden Ursula Hoffmann-Lange/Wilhelm Bürklin, Eliten, Führungsgruppen, in: Bernhard Schäfers/Wolfgang Zapf (Hrsg.), Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, 2. erw. und verb. Aufl. Opladen 2001, S. 170 - 182; Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3., grundlegend überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2002, vgl. Kap.6, Eliten, S.145-166.

[9]     Vergl. Ralf Darendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965

[10]    Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[11]    Vergl. Bernard Schäfers, Elite, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/ 2004)

[12]    Vergl. Transkript Zeitforum der Wissenschaft 06.10.2003

[13]    Vergl. Transkript Zeitforum der Wissenschaft 06.10.2003

[14]    Vergl. Transkript Zeitforum der Wissenschaft 06.10.2003

[15]    Vergl. Julian Nida-Rümelin, Demokratie und Wahrheit, München 2006

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