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Promotion: Dritte Qualifikationsphase in der akademischen Ausbildung?

 

Viele Absolventinnen eines Hochschulstudiums entschließen sich dazu, die erlernte Fähigkeit zur selbstständigen wissenschaftlichen Tätigkeit im Zuge einer Dissertation anzuwenden.

Der Status der Promotion als erste eigenständige Forschungsleistung wird jedoch immer mehr in Frage gestellt. Mit dem Abschluss eines Studiums haben die AbsolventInnen unter Beweis gestellt, dass sie das Handwerk ihres Faches beherrschen. Mit dem Anstreben einer Promotion gehen sie einen Schritt weiter, sie zeigen dass sie selbst dazu in der Lage sind, die Grenzen der Erkenntnis weiter zu verschieben und nicht länger nur den Forschungsstand wiederzugeben und ihn zu interpretieren. Der scheinbar wachsende Wunsch der hochschulpolitischen AkteurInnen nach zunehmender Verschulung macht auch vor der Promotion nicht halt. Diese Verschulung hat dabei den alleinigen Zweck, die ökonomische Verwertbarkeit von Promotionsvorhaben zu steigern, was die Freiheit der Wissenschaft entschieden beschneidet.

Graduiertenschulen,  Promotionskollegs und dergleichen mehr können beim Einstieg in die Promotion helfen und eine bessere Strukturierung der Arbeit und einen organisierten Austausch mit anderen NachwuchswissenschaftlerInnen befördern. Jedoch können allzu starre Vorgaben dazu führen, dass die Promotion zu einem dritten Studienabschnitt nach Bachelor und Master wird.

Zeitgleich verlangt die Wirtschaft immer mehr nach promovierten AbsolventInnen und die  Universitäten stellen ihre eigene „Exzellenz“ über Rankings, in denen auch die Promotionsquote festgehalten wird, fest. Das wiederum wirft die Frage auf, wie groß die Bereitschaft ist, der Wirtschaft die oder den idealen AbsolventIn zu liefern.

Dies sind Entwicklungen, die den Wert der Promotion in Frage stellen.

Wir Juso-Hochschulgruppen sprechen uns entschieden gegen solche Tendenzen aus. Für uns ist die Promotion auch weiterhin die erste eigenständige Forschungsleistung einer/ eines jungen WissenschaftlerIn. Im Folgenden soll beschrieben werden, wie für uns die Zukunft der Promotion aussieht, in der an der Selbstständigkeit der Promovierenden festgehalten wird, in der Promovierende als Teil der Hochschule gesehen werden und diese demokratisch mitgestalten können.

 

Analyse

 

Der Kenntnisstand über die Situation der Promovierenden in Deutschland ist erschreckend gering. Es gibt nicht einmal genaue Zahlen wie viele Menschen aktuell promovieren. Zwar gibt es in gewissen Teilbereichen, z.B. für Promotionsstipendien oder im Bundesforschungsbericht, Erhebungen, jedoch wird insgesamt dieser Statusgruppe nicht allzu viel Beachtung geschenkt.

Auch wenn Zahlen existieren, wie viele Frauen und Männer jährlich in welchem Fach ihren Doktortitel erreichen, lässt das allerdings keinen Rückschluss auf die Zahl derer zu, die noch promovieren. Gerade über die Lebensbedingungen, die AbbrecherInnenquoten oder die Übergangsquoten von HochschulabsolventInnen in die Promotion lässt sich so nur sehr wenig aussagen.

 

Ein Grund, der die Datenerhebung erschwert, ist die Tatsache, dass es in Deutschland sehr viele verschiedene Möglichkeiten gibt, zu promovieren. Dies basiert zum einen der Unterschiedlichkeit der Fächer und Disziplinen und hängt zum andern auch von der finanziellen Situation sowohl der Fachbereiche, wie auch der Promovierenden selbst ab.

 

Genauso vielfältig wie die Möglichkeiten, einen Doktortitel zu erlangen, sind auch die Zugangsvoraussetzungen, um überhaupt promovieren zu können. Die Kriterien, die eine Bewerberin/ ein Bewerber erfüllen muss, um sich beispielsweise auf eine Stelle an einem Lehrstuhl oder in einer Graduiertenschule zu werben, können sehr unterschiedlich aussehen. Einmal entscheidet die Note, ein anderes Mal die Anzahl der Auslandsaufenthalte usw. Die Forderung, zunächst ein Exposé über die angestrebte Forschungsleistung anzufertigen, wird dabei immer häufiger, da es eine genauere Absprache mit der/ dem zukünftigen Doktormutter/ Doktorvater ermöglicht und gleichzeitig auch eine gute Gelegenheit bietet, die Arbeit vorzubereiten. Wie genau ein Exposé auszusehen hat, kann je nach Fach und Forschungsgebiet variieren. Die Zeit, die die Erstellung eines Exposés beansprucht, kann bis zu einem halben Jahr betragen. In dieser Zeit ist die Finanzierung der AbsolventInnen äußerst ungewiss. Da sie keine Studierenden mehr sind haben sie keinen Anspruch auf eine staatliche Unterstützung der Studienfinanzierung und auch die Vergünstigungen entfallen, Gleichzeitig würde aber die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit den Fortschritt des Exposés beeinträchtigen. Dieser Umstand ist skandalös. Daher ist die Politik an dieser Stelle in die Pflicht zu nehmen, damit die erfolgreiche Bewerbung um eine Promotionsstelle oder -Stipendium nicht nur für Kinder reicher Eltern möglich ist.

 

 

Promotion auf einer Stelle

Die wohl bekannteste Form der Promotion ist die auf einer Stelle an einem Lehrstuhl. Diese hat klare Vorteile: Feste Bindung an einen Lehrstuhl und somit eine größere Nähe zum Forschungsnovum, auch ist mit der Stelle eine Bezahlung nach  TV-L (Tarifvertrag der Länder) 13 (in allen Ländern bis auf Hessen und Berlin) verbunden, wie auch Beiträge in die Sozialversicherung und Rentenkasse und größten Teils eine Lehrtätigkeit, was die Verbindung von Forschung und Lehre gewährleistet.

Trotz der Vorteile bringt auch diese Form der Dissertation ihre Nachteile mit sich. Zum einen bedeutet die feste Bindung an einen Lehrstuhl auch die Abhängigkeit von einer einzigen Person. So kann es zu Konflikten kommen, wenn die oder der Promovierende sich zwischen ihrer/ seiner wissenschaftlichen Eigenständigkeit und der Gefolgschaft zur Doktormutter bzw. zum Doktorvater entscheiden muss.  Auch bringt die Einbindung der Promovierenden in die Lehrtätigkeit nicht immer nur das positive Zusammenspiel von Forschung und Lehre mit sich. Viele Promovierende sind mit der Situation überfordert, es fehlt ihnen oft die nötige Kenntnis in Hochschuldidaktik, auch kann eine zu umfassende Lehrtätigkeit dazu führen, dass der Fortschritt der Dissertation sich verlangsamt. Gleiches gilt, falls die Promovierenden zu technischen und administrativen Aufgaben in ihrem Institut herangezogen werden.

Darüber hinaus gehen viele Fachbereiche dazu über, keine ganzen Stellen mehr auszuschreiben, sondern nur noch halbe bis viertel Stellen, was wiederum die Finanzierung unsicher macht. Die Situation des akademischen Mittelbaus wird zunehmend prekärer.

Das Thema einer solchen Dissertation orientiert sich meist an der Forschung, die an dem dazugehörigen Lehrstuhl betrieben wird, bzw. wird immer häufiger mit der Stellenausschreibung festgelegt.

Aus Sicht der Juso-Hochschulgruppen ist es auch problematisch, dass diese Form der Promotion nur an Universitäten möglich ist. Warum eine solche Promotion nicht an einer Fachhochschule möglich sein soll, erschließt sich nicht.

 

Freie Promotionen

Neben der Promotion auf einer Stelle gibt es noch die Möglichkeit, außerhalb des Hochschulbetriebs eine Dissertation anzufertigen. Promovierende sind hierbei nicht direkt an einen Lehrstuhl angebunden und haben auch nicht den Status als „PromotionsstudentIn“, werden aber durch eine/ einen Doktormutter/ Doktorvater betreut.  Das hat den Vorteil, dass die/ der Promovierende in der Themenwahl völlig frei ist, birgt jedoch Nachteile in den Möglichkeiten, wie sie / er ihren/ seinen Lebensunterhalt finanzieren kann.

Oftmals geschieht die Finanzierung einer externen Arbeit mithilfe eines Stipendiums. Es gibt aber auch Promovierende, die während ihrer Promotion einem Beruf, häufig einer fachfernen Tätigkeit, nachgehen. Bei den letzteren Fällen kann es dazu kommen, dass die Promotionsleistung eher beiläufig erledigt wird. Weitere Nachteile dieser Art der Promotion sind die größere Distanz zur Doktormutter/ zum Doktorvater und die Schwierigkeit, den Austausch mit anderen WissenschaftlerInnen zu gestalten.

Bemerkenswert ist, dass sehr häufig Frauen auf diese Weise den Doktorgrad erreichen.

Sowohl bei dieser Form der Promotion als auch bei der Promotion auf einer Stelle ergibt sich eine sehr enge Bindung zu einer Professorin oder einem Professor. Wenn diese Bezugsperson aus irgendeinem Grund nicht mehr als Doktorvater/-mutter zur Verfügung steht, gestaltet es sich auf Grund der engen Bindung für die Promovierenden extrem schwierig, neue BetreuerInnen für ihr Thema zu finden.

 

Promovieren an einer Graduiertenschule, einem Graduiertenkolleg oder an einem Graduiertenzentrum

Etwas übersichtlicher sind Promotionen, die mit dem Besuch einer Graduiertenschule oder eines Graduiertenkollegs verbunden sind. Die Promovierenden an solchen Einrichtung haben oftmals den Status „PromotionsstudentIn“ und finanzieren sich meist über Stipendien. In Deutschland sind die Graduiertenkollegs häufig Universitäten zugeordnet und meist in DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) oder Länder –Trägerschaft. Der Verbleib an einem Graduiertenkolleg ist meist auf wenige  Jahre begrenzt und untergliedert sich in verschiedene Phasen, in denen zunächst weitere Kenntnisse erlangt werden sollen. Auch haben diese Einrichtungen des Öfteren ein deutlich interdisziplinäres Profil, was gerade Promotionen in Fächer übergreifenden Gebieten befördern soll. Nachteile an dieser Form der Promotion sind zum einen, dass die Aufnahmekriterien sehr variieren können, sodass neben der Abschlussnote auch noch Auslandsaufenthalte und Sprachkenntnisse gefordert werden. Teilweise wird von den Promovierenden verlangt, wie zum Beispiel in NRW der Fall, Lehrveranstaltungen im Umfang von 10 SWS zu besuchen. Dies ist in soweit problematisch, da zum einen die Verweildauer in einem Graduiertenkolleg begrenzt ist und zum anderen promovierende Menschen mit mindestens einem Hochschulabschluss sind und man davon ausgehen können müsste, dass sie selbst in der Lage seien, zu entscheiden, welches Wissen für ihre Arbeit erforderlich ist und welches nicht.

Die Pflicht, an Veranstaltungen teilnehmen zu müssen, ist hingegen ein weiteres Zeichen dafür, dass die Verschulung, die mit der Einführung der BA/MA -Studiengängen eingesetzt hat, auch vor der Dissertation nicht halt macht und diese zum schlichten dritten Abschluss in einer Reihe nach Bachelor und Master verkommen lässt. Des Weiteren kann die inhaltliche Festlegung der Doktorarbeiten in diesem Zusammenhang zu einer Einschränkung der Freiheit der Forschung führen.

 

Mögliche Alternative

Als mögliche Alternative zu dem Voranschreiten der Graduiertenkollegs als „moderner Weg zur Promotion“, könnte der Umbau der Graduiertenkollegs zu Graduiertenzentren sein. Ein Modell, das sich sehr eng an die Konzeption der GEW anlehnt, von der auch der Name „Graduiertenzentrum“ stammt. Ein Graduiertenzentrum müsste derart gestaltet sein, dass alle Promovierenden einer Hochschule, unabhängig davon ob sie an der Hochschule arbeiten oder nicht , Mitglied dieses Zentrums wären. Diese Zentren müssten von den Promovierenden selbstverwaltet sein und über Mittel verfügen, die es möglich machen, einerseits eine Verwaltung anzustellen, die ein „Grundset“ an Veranstaltungen organisiert und auf weitere Seminare hinweißt und darüber hinaus dabei hilft, Fördergelder und Stipendien zu beantragen. Zu diesem „Seminarplan“ müssen einerseits Veranstaltungen in Hochschuldidaktik zählen, wie auch Veranstaltungen, die für das Thema Frauen in der Wissenschaft sensibilisieren, aber auch Seminare, die sich an Doktorandinnen richten und ihnen dabei helfen sollen sich in dem oftmals männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb zu etablieren.

Darüber hinaus müssen die Promovierenden selbst bestimmen können, welche Seminare, Veranstaltungen, Kongresse und Austauschprogramme über das Graduiertenzentrum angeboten werden.

Ferner müssen die Graduiertenzentren den Raum für den Austausch der Promovierenden untereinander bieten und zwar fest institutionalisiert; ein bloßer DoktorandInnen-Stammtisch wäre in jedem Fall unzureichend.

Über das Zentrum hinaus müssen die Promovierenden an der akademischen Selbstverwaltung als Mitglieder der Statusgruppe des akademischen Mittelbaus partizipieren können.

 

Unsere Forderungen

n  Die bestehende Form der Graduiertenkollegs und Schools?? soll umstrukturiert werden zu Graduiertenzentren

n  Mitglieder der Graduiertenzentren sind alle Promovierenden einer Universität

n  Die Graduiertenzentren bieten die Möglichkeit des Austausches Promovierender aller Fächer

n  Graduiertenzentren sollen eine Verwaltungsstruktur haben, die bei der Vermittlung von Stipendien wie auch von Fördergeldern hilft

n  Darüber hinaus werden freiwillige Fort- und Weiterbildungsangebote organisiert und auf hilfreiche Angebote der Universität (wie z.B. Sprachkurse) aufmerksam gemacht

n  Graduiertenzentren sollen aber auch Promovierenden die Möglichkeit geben, Veranstaltungen dort mit zu gestalten und selbst zu organisieren

n  Graduiertenzentren sollen Seminare in Hochschuldidaktik anbieten, für Promovierende in Lehrtätigkeit müssen diese verpflichtend sein

n  Auch sollen zum „Seminarplan“ eines solchen Zentrums Veranstaltungen gehören, die einerseits für das Thema Frauen in der Wissenschaft sensibilisieren und andererseits Veranstaltungen angeboten werden, die sich an promovierende Frauen richten und ihnen dabei helfen, sich in dem  oft männlich-dominierten Wissenschaftsbetrieb zu etablieren

n  Innerhalb der Graduiertenzentren muss es Gremien der Selbstverwaltung der Promovierenden geben

n  Mitglieder der Graduiertenzentren sollten sich auch an den Gremien der akademischen Selbstverwaltung in der Statusgruppe des akademischen Mittelbaus beteiligen können

n  Bis diese Zentren eingerichtet sind haben die Universitäten dafür Sorge zutragen, dass die Vernetzung unter den Promovierenden funktioniert. Dafür muss ein institutionalisierter Rahmen geschaffen werden, der weit über die DoktorandInnen-Stammtische einmal im Monat hinausgeht.

n  Das Stellenangebot muss deutlich ausgebaut werden – dazu gehört die Schaffung neuer Stellen. Außerdem muss die Promotion für FachhochschulabsolventInnen erleichtert werden.

n  Das selbstständige wissenschaftliche Arbeiten darf als Schwerpunkt einer Promotion nicht in Frage gestellt werden. Pflichtveranstaltungen, eigene Lehrtätigkeit und sonstige Nebentätigkeiten müssen dem untergeordnet werden.

n  Promotionsstellen müssen so gestaltet sein, dass die finanzielle Sicherung der Promovierenden gewährleistet ist. Insbesondere müssen Stellen im Lehrbetrieb an den Hochschulen Dozierende in die Lage versetzen, ihren Lebensunterhalt damit bestreiten zu können.

n  Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) muss so umformuliert werden, das DoktorantInnen während ihrer Dissertation einen sicheren Anspruch auf eine befristete Beschäftigung an der Universität haben. (Vgl. „Bürokratie siegt über Vernunft“ , Labor Journal 3/2009)

n  Langfristig ist ein Finanzierungssystem ähnlich dem BAföG anzustreben, dieses muss elternunabhängig sein. Um dies auszufinanzieren muss die gängige Praxis der Vergabe von öffentlichen wie auch privaten Fördermitteln überdacht werden, um schließlich eine Art Fond einzurichten, aus dem der Lebensunterhalt der DoktorandInnen gedeckt werden kann.

n  Es muss gesichert sein, dass eine begonnene Promotion, insbesondere wenn sie sich schon im fortgeschrittenen Stadium befindet, in jedem Fall beendet werden kann, auch wenn bspw. der Doktorvater bzw. die Doktormutter die Hochschule wechselt oder aus sonstigen Gründen die Promotion nicht weiter betreuen kann.

n  Weiter ist statistisch zu erheben, wie viele Personen überhaupt in Deutschland promovieren, sowie die Länge der Promotion und die Abbruchsquote der verschiedenen, oben genannten Modelle zu ermitteln.

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