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Das Problem heißt Antisemitismus – Gegen Antisemitismus an Schulen und Hochschulen

Über 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Befreiung von Auschwitz als Symbol für die schlimmste Form der Barbarei in der Menschheitsgeschichte, brennen in der Bundeshauptstadt Berlin Fahnen mit dem Davidstern. Über 70 Jahre danach sitzen im Bundestag Menschen, die sich eine 180 Gradwende in der deutschen Erinnerungskultur wünschen und das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnen und dort gestisch- demonstrativ das Andenken an die Holocaust-Opfer verhöhnen. Über 70 Jahre nach der Ermordung von über 6 Millionen Jüdinnen und Juden werden vor dem Brandenburger Tor Demonstrationen abgehalten, auf denen Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Tod den Juden“ keine Einzelfälle sind. Über 70 Jahre danach wird von Teilen der sogenannten politischen Linken zum Boykott von Israel, dem Staat und Schutzraum von jüdischem Leben, auf allen Ebenen aufgerufen. Über 70 Jahre danach müssen jüdische Kinder von Schulen genommen werden, weil sie dauerhaft antisemitischen Angriffen ihrer Mitschüler*innen ausgesetzt sind.

Antisemitismus an Schulen und Hochschulen

Seit Jahren mehren sich die Berichte, wonach immer wieder Schüler*innen schon an Grundschulen antisemitisch beleidigt werden – aktuell gab es beispielsweise wieder mehrere antisemitische Vorfälle an Berliner (Grund-)Schulen. Das zeigt uns: der Kampf gegen Antisemitismus bleibt wichtiger denn je. „Du Jude“ ist auf den Schulhöfen in Deutschland eine Beleidigung, und das nicht nur an Schulen mit vielen muslimischen Kindern, wie oft berichtet wird. Schon junge Menschen werden so gezwungen, die Schule zu wechseln und sich in den Schutzraum einer jüdischen Schule zu begeben. Andere Kinder werden von klein auf mit antisemitischen Klischees erzogen und ihre Eltern und Verwandten vermitteln ihnen blanken Antisemitismus.

Aber nicht nur Zuhause werden antisemitische Klischees weitergegeben. Die Rapper Farid Bang und Kollegah fallen nicht mehr nur mit sexistischen und Frauen*-verachtenden Texten auf. Sie bedienen in vielen ihrer Lieder auch antisemitische Klischees. Aber auch über ihren künstlerischen Wirkungsbereich hinaus fielen die Rapper durch undifferenzierte und polarisierende, antisemitusche Äußerungen auf, die die in den Texten vermittelte Haltung bestärken. Dabei sind sie in der Musikszene nicht allein. So gibt es im deutschen Hip-Hop/Rap immer wieder Textzeilen, die sich gegen den Staat Israel oder auch offen gegen Jüd*innen richten. Dass Farid Bang und Kollegah für ihre Texte nun auch noch den deutschen Musikpreis Echo verliehen bekommen haben, ist für uns ein Zeichen, dass sich die Grenze des Sagbaren – auch unter Jugendlichen – immer weiter verschiebt.

Der Präsident des Zentralrats der Juden findet daher deutliche Worte und fordert „eine höhere Sensibilität gegenüber Antisemitismus in Schulen“. Bei judenfeindlichen Tendenzen müsse schnell eingeschritten werden. Die Lehrer*innen müssten besser geschult werden, „damit sie dem Antisemitismus Paroli bieten können“. Und Lehrer*innen wie Schüler*innen müssten „Haltung zeigen und sich Judenhass deutlich entgegenstellen“. Für Schuster zeigt die steigende Anzahl bekannt gewordener Vorfälle, „dass ein niederschwelliges Angebot zur Erfassung antisemitischer Vorfälle in der gesamten Bundesrepublik wichtig ist“.

Doch auch an den deutschen Hochschulen findet man immer wieder Antisemitismus. Dieser zeigt sich jedoch oft nicht so offen, wie es an Schulen der Fall ist. Der Antisemitismus an den Hochschulen kleidet sich immer wieder in ein akademisches Gewandt. Dies zeigt z.B. der Fall der Dozentin Eleonora Roldán Mendívil an der FU in Berlin. „Israel ist ein Kolonialstaat. Und Punkt“, ist in ihrem Blog unter anderem zu lesen. An anderer Stelle schreibt sie, dass es absolut legitim sei, „auf die unhaltbare und selbst nach bürgerlichem internationalem Recht zig Mal illegale, imperialistische und rassistische Situation in Palästina aufmerksam zu machen".

An der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim wurde jahrelang in einem Seminar antiisraelische und antisemitische Propaganda betrieben. Das vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium in Auftrag gegebene Gutachten des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin bestätigt die Ergebnisse eines Gutachtens der Amadeu-Antonio-Stiftung. Das liegt zwar bereits seit einem Jahr vor, wurde aber von der Hochschulleitung und vom Wissenschaftsministerium nicht akzeptiert. Es geht um das von 2006 bis 2016 angebotene Seminar „Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina“, das spätestens seit 2011 in der Kritik stand, zuletzt auch von Seiten des Zentralrats der Juden. Hochschulpräsidentin Christiane Dienel hat jedoch die Kritik nicht nur zurückgewiesen, sondern als Teil einer Kampagne gegen die Wissenschaftsfreiheit hingestellt, die zu verteidigen sie als Hochschulpräsidentin verpflichtet sei. So werden nicht nur antisemitische Klischees weitergegeben, sondern es wird auch noch versucht diesen Klischees einen wissenschaftlichen Bezug zu geben und sie somit als Tatsachen zu verkaufen.

Dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, beweist die Kampagne „Boycott, Divent and Sanctions“ (BDS), die das ganze politische Spektrum im Hass auf Jüd*innen und Israel vereint. Gerade selbsternannte „linke“ Organisationen sind in der BDS-Kampagne an vorderster Stelle aktiv. Auf der Homepage der BDS-Kampagne ist zu lesen: „Inspiriert vom Kampf der Südafrikaner*innen gegen die Apartheid ruft die palästinensische Zivilgesellschaft zu Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel auf, bis dieses internationalem Recht und den universellen Prinzipien der Menschenrechte nachkommt.“  Der Boykott ist aufzuschlüsseln in einen akademischen Boykott, bei dem israelische Wissenschaftler*innen von Konferenzen ausgeschlossen werden oder sogar Anstellungen an Hochschulen durch den öffentlichen Druck von BDS verlieren, in einen kulturellen Boykott, bei dem israelische Künstler*innen und deren Kunst boykottiert werden, und einen Boykott der Verbraucher*innen. Dazu schreiben die Verantwortlichen der Kampagne: „Im Rahmen des Verbraucher-Boykotts wird dazu aufgerufen, Produkte und Dienstleistungen von Firmen und Personen zu boykottieren, die von der Besatzung, Kolonisierung und den Apartheidstrukturen in Israel / Palästina profitieren.“  Alle drei Formen des Boykotts erinnern sehr an die Praktiken, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland herrschten, wo ebenfalls jüdische Wissenschaftler*innen aus dem Staatsdienst und von akademischen Diskursen ausgeschlossen wurden, sowie jüdische Kunst als entartet verboten wurde. Ein Boykott von Geschäften jüdischer Inhaber*innen mündete in dem Ausspruch „Deutsche wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“. Ähnlichkeiten zur jetzigen BDS-Kampagne lassen sich nicht leugnen.

Antisemitismus jetzt bekämpfen!

Alle Beispiele von aktuellem Antisemitismus zeigen: Antisemitismus in Deutschland zeigt sich nach wie vor offen und ist dabei keinesfalls ein Problem der politischen Rechten, sondern ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Vieles, was über 70 Jahre nach Auschwitz geschieht, zeigt, dass der Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland zum Teil ein ziemlich verlogener Kampf ist. Nach Adorno ist das einzige was wir den Ermordeten der Gaskammern, die um alles betrogen worden sind, was ein menschliches Leben ausmacht, noch schenken können: das Gedächtnis. Anders gesagt: Wir sind es den Opfern des Nationalsozialismus’ schuldig, dass wir sie in Erinnerung behalten! Daraus folgt, dass Erinnern einen Selbstzweck hat. Wir erinnern, um des Erinnerns willen. Es ist unsere menschliche Pflicht, gegenwärtige und zukünftige Generationen davor zu warnen, dass sich bereits geschehenes Unheil niemals wiederholen darf - dass Ausschwitz nicht noch einmal sei

Während auf der einen Seite die Erinnerungskultur als politische Verantwortung hochgehalten wird, werden auf der anderen Seite Vergleiche der israelischen Politik mit derjenigen des nationalsozialistischen Deutschlands angestellt. Dies ist ein Zustand, der unter keinen Umständen hinnehmbar ist. Hier gilt es zügig zu handeln und dem allgegenwärtigen Antisemitismus entgegenzutreten. Erste Schritte in diese Richtung werden nun gegangen. In Rheinland-Pfalz setzte Ministerpräsidentin Malu Dreyer Mitte Dezember mit Dieter Burgard einen Antisemitismus-Beauftragten ein – den ersten seiner Art in Deutschland. Und auch die Bundesregierung hat sich auf die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten geeinigt. Martin Klein wurde vom Zentralrat der Juden und anderen jüdischen Organisationen für das Amt vorgeschlagen. Derzeit ist er Sonderbeauftragter des Auswärtigen Amtes für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen.

Und auch der neue Bundesaußenminister sorgte in der jüngsten Vergangenheit für positive Presse in dem er als Grund für sein politisches Engagement Auschwitz nannte und eine seiner ersten Reisen nach Israel ging. Nachdem die Beziehungen zu Israel zuletzt durch kontroverse Aussagen führender SPD-Politiker*innen auf eine harte Probe gestellt wurden, ein Hoffnungsschimmer.

Präventionsarbeit in Bildungseinrichtungen leisten

Für uns steht fest: Auch wenn alleinig Bildung Antisemitismus nicht verhindern oder gänzlich vorbeugen kann, ist sie dennoch ein erster und wichtiger Schritt, um Präventionsarbeit zu leisten. In allen Bildungseinrichtungen – nicht nur in Schulen – muss schon früh für das Thema Antisemitismus sensibilisiert werden und das bei allen: Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Student*innen, Dozent*innen. Nur wenn Antisemitismus bei allen Gruppen thematisiert wird, kann Prävention gelingen. Dabei hängt der Präventionserfolg stark von der Erscheinungsform von Antisemitismus ab – Antisemitismus kann als gefestigte Ideologie und einer geschlossenen Weltanschauung, in Form einzelner Elemente antisemitischer Ideologie oder auch teils unbewusster antisemitischer Stereotype auftreten. Dabei ist klar: Antisemitismus muss immer und überall widersprochen und gestoppt werden! Unabhängig davon, welche Haltung dahintersteht, muss jede Form von Antisemitismus problematisiert und die Betroffenen vor jeglicher Diskriminierung geschützt werden. Viele jüdische Jugendliche machen ihre jüdische Identität mit Absicht nicht erkennbar, damit sie keine Nachteile, Stigmatisierungen und Anfeindungen erleiden. Diesen Zustand dürfen wir nicht hinnehmen! Der Schutz der von Antisemitismus Betroffenen muss immer Priorität haben. Bildungsarbeit gegen Antisemitismus bedeutet vor allem, Antisemitismus wahrzunehmen, die Betroffenen zu stärken und ein diskriminierungsfreies Klima zu schaffen.

Damit das gelingen kann, muss der Umgang mit Antisemitismus fester Bestandteil der Lehramtsausbildung sein. Lehrer*innen müssen eigene Strategien entwickelt haben, wenn sie im Klassenraum oder Hörsaal mit Antisemitismus konfrontiert werden. Antisemitische Stereotype, islamistischer Antisemitismus, antisemitische Verschwörungstheorien, antiisraelische Propaganda oder Schlussstrichforderungen – die Ausprägungsformen von Antisemitismus sind weitreichend. Nicht immer bekommt die*der Lehrer*in bzw. Dozent*in alle Vorfälle mit und kann eingreifen. Deshalb ist es wichtig, dass anti-antisemitische Argumentationen gestärkt werden, um Schüler*innen und Student*innen zum Widerspruch anzuregen und bestehende Argumentationen zu stärken. Menschen, die zu ihrer Meinung stehen und eventuell auch Konflikte provozieren, können zu dauerhaften Einstellungsänderungen bei Menschen führen. Als Anlaufstellen für Lehrende, die bei antisemitischen Vorfälle Hilfe benötigen, fordern wir eine Antisemitismusstelle in jeder Bildungseinrichtung. Ob diese an eine bereits vorhandene Antidiskriminierungsstelle angegliedert oder die Einrichtung eine*n Antisemitismusbeauftragten beruft, ist den Einrichtungen freigestellt

Der sogenannten Peergroup kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Wenn die eigenen, Familienmitglieder, Freund*innen, Kommiliton*innen oder Kolleg*innen klare Kante gegen Antisemitismus zeigen, ist es schwieriger antisemitische Tendenzen beizubehalten. Der konkrete Umgang mit Antisemitismus und die Dekonstruktion seiner Ausprägungen, muss durch Fortbildungen, Seminare und Workshops schon im Studium, aber auch während der Berufsausübung regelmäßig vermittelt werden, damit er in der Praxis auch angewendet werden kann. Pädagog*innen, die keine Haltung gegen Antisemitismus zeigen, sind für den Beruf nicht geeignet.

Antisemitische Äußerungen oder Vorfälle müssen aktiv wahrgenommen werden, um die Problematik zu erkennen und sie zu bekämpfen. Dazu braucht es an Schulen und Hochschulen konkret unabhängige und anonyme Ansprechstellen, bei denen Vorfälle gemeldet werden können. Damit kann eine breite Öffentlichkeit für die Erscheinungsformen von Antisemitismus sensibilisiert werden – Antisemitismus darf in jeglicher Form weder geduldet noch hingenommen werden. Schulen und Hochschulen müssen sich mit Antisemitismus auseinandersetzen. Der Unterricht an Schulen muss streng nach demokratischen und antirassistischen Maßstäben ausgerichtet sein. Er soll die Schüler*innen zu kritischem Denken befähigen und das Interesse wecken, sich selber eine Meinung zu bilden. Antisemitismus muss im Unterricht als eigenständiges Thema behandelt werden und das nicht nur im Fach Geschichte, sondern fächerübergreifend. Weiterhin sollten alle Schulen fächerübergreifende Projekttage durchführen, um sich intensiver mit Antisemitismus auseinanderzusetzen. Labels wie „Schule ohne Rassismus“ reichen bei weitem nicht, um Antisemitismus an diesen Schulen zu verhindern.

Die Amadeu Antonio Stiftung und das Anne Frank Zentrum vereinen mit den bundesweiten Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus jedes Jahr viele lokale Veranstaltungen, Workshops, Lesungen, Stadtrundgänge oder Diskussionsveranstaltungen, die über Antisemitismus aufklären und Gegenstrategien vermitteln sollen. Als Juso-Hochschulgruppen unterstützen wir diese Aktionswochen ausdrücklich. Damit die öffentliche Wahrnehmung der Aktionswochen gegen Antisemitismus steigt, müssen sich mehr Organisationen daran beteiligen. Besonders Schulen, aber auch Hochschulen, sollen innerhalb dieser Zeit lokale Veranstaltungen durchführen. Als Juso-Hochschulgruppen wollen wir in den Studierendenvertretungen darauf hinwirken, dass unsere Hochschulen an den Aktionswochen teilnehmen.

Selber handeln – Jeder Form von Antisemitismus widersprechen!

Antisemitismus ist ein Problem der ganzen Gesellschaft. Über 70 Jahre nach der Befreiung der Welt vom deutschen Faschismus zeigt der Antisemitismus immer häufiger seine hässliche Fratze und bedroht somit jüdisches Leben auch in Deutschland. Eine Entwicklung die wir als Juso-Hochschulgrüppler*innen keinesfalls hinnehmen dürfen. Besonders in Bildungseinrichtungen müssen wir als Juso-Hochschulgruppen darauf hinwirken, dass die institutionelle Bekämpfung von Antisemitismus gestärkt wird. Dazu müssen wir an den Hochschulen stärker auf Antisemitismus aufmerksam machen und darüber aufklären. Wo Vertreter*innen der BDS-Kampagne an unseren Hochschulen auftreten, stellen wir uns ihnen entgegen. Regressive Kapitalismuskritik lehnen wir strikt ab. Aber auch als Einzelpersonen müssen wir jeder Form von Antisemitismus – im Seminar, auf der Straße oder in der eigenen Familie – entschieden widersprechen, um antisemitische Klischees und Stereotype zu dekonstruieren.

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