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Crossing the silence - Barrierefreiheit für Gehörlose an Hochschulen

In der UN-Behindertenrechtskonvention wurde festgeschrieben, dass niemand aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden darf. In Deutschland sind 8% der Studierenden behindert. Es gibt 80.000 Gehörlose bundesweit, darunter sind jedoch lediglich rund 100 Studierende zu finden. Dies ist auf die erschwerten Bedingungen im Bildungssystem zurückzuführen, mit denen Gehörlose konfrontiert werden.

Ausbildungsmöglichkeiten

Gehörlosen Abiturient*innen bleibt oft nur die Möglichkeit der Berufsausbildung, beispielsweise an sogenannten Berufsbildungswerken. Diese decken aber bei weitem nicht alle Interessen ab. Oder die Entscheidung fällt auf ein Studium, welches erschwerte Bedingungen mit sich bringt. Abgesehen von den drei Studiengängen „Gebärdensprache“, „Gehörlosenkultur“ sowie die Weiterbildung zum*r „Tauben Gebärdensprachdolmetscher*in“ – welche nur sehr vereinzelt angeboten werden – gibt es keine inklusiven Studiengänge, die auf Gebärdensprache gehalten werden. Während es einige Gehörlosenschulen gibt, sowohl Grund- als auch weiterführende Schulen, gibt es weltweit nur eine einzige Hochschule für Gehörlose, nämlich die Gallaudet University in den USA. Wer als Gehörlose*r studieren möchte, bewirbt sich entweder an dieser Universität, oder nimmt in der Regel kein Studium auf.

Alltagsprobleme für Gehörlose an Hochschulen

Um als Gehörlose*r an einer Regelhochschule studieren zu können, muss ein Nachteilsausgleich in Anspruch genommen werden. Dieser beinhaltet die Kostenübernahme für Dolmetscher*innen, Mitschreibekräfte und Tutor*innen sowie die Möglichkeit, mehr Zeit bei Klausuren zu erhalten. Die Finanzierung des Studiums sowie der Dolmetscher*innen ist aber oft nicht vermögensunabhängig. Zudem erfordert die Beantragung des Nachteilsausgleichs sowie seiner Umsetzung sehr viel Organisation und Aufwendung für die gehörlosen Studierenden. Aufgrund eines Mangels an Beratungsstellen fehlt es aber oft an genauen Informationen darüber. Außerdem ist zu beachten, dass die Kosten für Dolmetscher*innen nur bei der Erstausbildung übernommen werden. Mit einem Stundensatz von meist 60-75€ ist die Finanzierung von Dolmetscher*innen ohne diese Kostenübernahme praktisch unvorstellbar. Genauso unvorstellbar wie ein Unterricht ohne Dolmetscher*innen, da ohne diese Verdolmetschung von deutscher Laut- in Gebärdensprache von Gehörlosen die Vorlesungsinhalte nicht verstanden werden können. Allerdings gibt es häufig zu wenig Dolmetscher*innen, besonders außerhalb von Großstädten. Zusätzlich ist Fakt, dass nicht jede*r Dolmetscher*in in jedem beliebigen Studiengang dolmetschen kann, da das Dolmetschen an Hochschulen besonderes Fachwissen voraussetzt. Außerdem ist die Vorbereitungszeit für die Verdolmetschung einer Vorlesung oft sehr lange. Auch sind die Tage von Dolmetscher*innen meist sehr verplant – wird also kurzfristig eine Vorlesung verschoben, kann das für die Gehörlosen bedeuten, nicht mehr rechtzeitig eine*n Dolmetscher*in bestellen zu können. Ist jedoch die Kostenübernahme bewilligt und der*die Dolmetscher*in dolmetscht die Vorlesung, besteht immer noch das Problem, dass der*die Gehörlose nicht gleichzeitig die Lehrinhalte mitschreiben kann, da er*sie durchgehend zum*zur Dolmetscher*in schauen muss, um den Lehrinhalten folgen zu können, während Hörende dem*der Professor*in zuhören und gleichzeitig auf ihr Blatt schauen und mitschreiben können. Bezüglich dieser Problematik sind Mitschreibekräfte für Gehörlose eine große Hilfe, die durch Kommiliton*innen erfolgen kann, indem etwa ein*e hörende*r Kommiliton*in seinen*ihren Aufschrieb für den*die Hörenden kopiert.

Die Tatsache, dass Gehörlose und ihre hörenden Kommiliton*innen eine unterschiedliche Sprache verwenden, stellt eine Kommunikationsbarriere dar und bringt häufig ein zwischenmenschliches Problem mit sich. Viele hörende Kommiliton*innen wissen nicht, wie sie mit Gehörlosen umgehen sollen. Da in der Pause die Dolmetscher*innen in der Regel nicht dabei sind, kommt zudem die Frage auf, wie sie mit Gehörlosen im Studienalltag kommunizieren sollen. Diese Barriere zwischen Gehörlosen und Hörenden sorgt zum Teil dafür, dass gehörlose Studierende ausgeschlossen werden und sich isoliert fühlen. Zu den finanziellen, organisatorischen und zwischenmenschlichen Problemen kommt noch der Leistungsdruck hinzu. Durch die erschwerten Bedingungen benötigen behinderte Menschen häufig mehr Zeit für ihr Studium, welche aber nicht verfügbar ist. Die Belange behinderter Menschen kommen generell im Hochschulbetrieb beziehungsweise der Wissenschaft allgemein zu kurz.

In Rheinland-Pfalz gibt es Ansätze, nach US-Vorbild eine Hochschule für Gehörlose zu bauen, welche zunächst privat und später staatlich finanziert werden könnte.

Unsere Vision ist es, dass Gebärdensprache sowohl in der Schule, als auch an der Universität stärker verankert wird. Die Hochschulen sollen barrierefrei sein und die oben genannten Hürden abgebaut werden. Wir setzen uns für barrierefreie Vorlesungen ein, diese sollen durch ausreichende Kapazitäten für Dolmetscher*innen garantiert werden. Hürden müssen dahingehend abgebaut werden, dass Gehörlose und schwerhörige Menschen trotz ihrer Sprachbarriere inkludiert werden sollen und an den Hochschulen Aufklärung über die Thematik stattfinden soll. Außerdem sollen verschiedene Hilfsmittel eingesetzt werden, wie etwa Mikroportanlagen, und im Rahmen der Eingliederungshilfe finanziert werden. In Veranstaltungen bedarf es optischer Darstellungen und untertitelter Medien. Außerdem ist es uns wichtig, dass an den Hochschulen lernen ohne Leistungsdruck möglich ist.

Daher fordern wir:

  • Eine vermögensunabhängige Finanzierung des Studiums sowie der Dolmetscher*innen.
  • Lehrveranstaltungen müssen Gehörlose inkludieren. Ihnen müssen ab Studienbeginn kostenlos eine oder mehrere abwechselnde Begleitperson/en für den Alltag zur Verfügung gestellt werden, um an Lehrveranstaltungen, aber auch am Alltag partizipieren zu können. 
  • Die Studierenden sowie die Lehrkräfte in den Hochschulen müssen sensibilisiert werden. Es ist wichtig, dass Dozierende bei Veranstaltungen auf optische Darstellungsweisen achten, Skripte und Lehrmaterial in Form von e-Learning zur Verfügung zu stellen.
  • Studierende sollen im Umgang mit Gehörlosen sowie über den Nachteilsausgleich aufgeklärt werden. Ohne Aufklärung ist es häufig nicht gleich ersichtlich, warum Gehörlosen etwa mehr Zeit bei den Klausuren zur Verfügung steht und wird damit von einigen als Ungerechtigkeit empfunden, was wiederum die zwischenmenschliche Problematik zwischen Hörenden und ihren gehörlosen Kommiliton*innen verschärfen kann. Daher ist es unumgänglich, Studierende beispielsweise dafür zu sensibilisieren, dass die deutsche Laut- und Schriftsprache für Gehörlose eine Fremdsprache darstellt und sie somit bei Klausuren mit einer doppelten Translationsleistung konfrontiert sind, was mehr Zeit in Anspruch nimmt.
  • Die Juso Hochschulgruppen setzen sich zugleich dafür ein, den bürokratischen Aufwand für den Nachteilsausgleich zu senken.
  • Genauso muss Sensibilisierung auch in den Hochschulgruppen vor Ort stattfinden und die Interessen der Gehörlosen miteinbezogen werden. Daher werden wir das Thema stärker auf unseren Versammlungen vor Ort einbinden.
  • Des Weiteren fordern wir eine bessere Betreuung durch Tutor*innen und eine stärkere Verankerung von Behindertenbeauftragten an Hochschulen, beispielsweise an Fakultäten und der studentischen Selbstverwaltung.
  • Bürokratische Abläufe müssen transparent sein und Informationen zu diesen von Studienbeginn an zur Verfügung stehen.  
  • Darüber hinaus soll es mehr Beratungsstellen geben, auch online.
  • Mikroportanlagen und weitere Hilfsmittel sollen eingesetzt werden, finanziert durch die Eingliederungshilfe.
  • Zuletzt ist von unserer Seite aus zu sagen, dass die Regelstudienzeit Mist bleibt, auch in Bezug auf behinderte Menschen, da oft mehr Zeitressourcen benötigt werden aufgrund der aktuellen Umstände an den Hochschulen.

Der Antrag benutzt die Formulierung „behinderte Menschen“. Um die korrekte Bezeichnung wird in den letzten Jahren immer wieder gestritten. Wir präferieren diese Bezeichnung, da sie klarmacht, dass die Umwelt, so wie sie gestaltet ist, die Menschen behindert. Uns ist aber auch bewusst, dass es noch unzählige weitere Bezeichnungen gibt, die durch Betroffene unterschiedlich genutzt werden.

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