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Mehr Bologna wagen – Für eine qualitative Studienreform!

Vom 23. bis 25. Mai findet die nächste Konferenz der Wissenschaftminister*innen aus mittlerweile 48 Staaten des Europäischen Hochschulraums statt. 19 Jahre nach dem offiziellen Startschuss des Bologna-Prozesses bleiben jedoch viele Baustellen ungelöst. Hinzu kommen nationale Alleingänge wie beispielsweise in Ungarn oder Polen, die den Zielen des Bologna-Prozesses entgegenstehen und zudem die Wissenschaftsfreiheit in Frage stellen. Die Herausforderungen für die weitere Entwicklung liegen also nicht nur bei der Einlösung beschlossener und nicht oder nur in Teilen umgesetzter Aspekte, sondern auch im Zusammenhalt der europäischen Partner*innen bei der Entwicklung einer europäischen Hochschul- und Wissenschaftspolitik. Wir brauchen eine qualitative Verbesserung der Studienbedingungen, die über die bisherigen Strukturreformen im Zuge des Bologna-Prozesses hinausgehen. Das Fundament hierfür wird in Paris gelegt.

Bologna-Prozess: Ein Rückblick

Vor 20 Jahren, im Mai 1998, verständigten sich die Bildungsminister*innen aus Italien, Frankreich, Großbritannien und der BRD darauf, sich für einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum einzusetzen. Dies war einer der Grundsteine des 1999 beginnenden Bologna-Prozesses, neben der Lissabon Konvention 1997. In dieser Konvention verpflichteten sich die beteiligten Länder schon die jeweiligen Hochschulzugangsberechtigungen der anderen Länder anzuerkennen und gaben die Beweispflicht zur Anerkennung und Anrechnung von erbrachten Studienleistungen an die Hochschulen. Dies waren erste Grundlagen, auf denen der Bologna-Prozess ab der offiziellen Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung 1999 aufbaute. Ziel war es, bis 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen zu schaffen. Grundlage hierfür sollte das zweigliedrige Bachelor/Master-System mit einem Kreditpunktesystem (ECTS) sein. Darüber hinaus sollten gemeinsame Standards in der Qualitätssicherung und die Stärkung einer europäischen Dimension der Hochschulbildung sein. Ebenso sollte die Mobilität von Studierenden und Forschenden innerhalb Europas ausgebaut werden. Auf den zweijährig stattfinden Folgekonferenzen wurden zudem die soziale Dimension, die Studierendenbeteiligung, gleichstellungspolitische Zielsetzungen, lebenslanges Lernen und Digitalisierung ergänzt.

Ziele und Themenfelder im Bologna-Prozess

Die Ziele im Bologna-Prozess sind breit gefächert und bilden eine Absichtserklärung der Staaten, diese in nationales Recht umzusetzen. Daher ist die Umsetzung der einzelnen Aspekte nicht einheitlich. Einen Sanktionsmechanismus, wie bei dem Versuch der ungarischen Regierung eine unliebsame Universität aus antisemitischen und nationalistischen Gründen zu schließen sind nicht vorgesehen. Die europäische Forschungspolitik, z.B. das Programm Horizon 2020, existieren losgelöst von der Bologna-Vereinbarung. Bologna bildet somit nur einen Teil der europäischen Hochschul- und Wissenschaftspolitik ab.

In Deutschland wurden ab dem Jahr 2000 vor allem die wirtschaftlichen Teile der Bologna-Erklärung umgesetzt. Aspekte wie die soziale Dimension oder Gleichstellung wurden vernachlässigt. Hinzu kamen eigene hochschulpolitische Steuerungsziele, wie die Verkürzung der Studiendauer oder eine Kostenreduzierung bei der Hochschulfinanzierung. Die Umsetzung der Studienstrukturreform erfolgte sehr kurzfristig und ohne genügende Studierendenbeteiligung. Viele Diplomstudiengänge wurden in das neue zweigliedrige System gepresst, ohne dass dringend nötige inhaltliche Anpassungen beachtet wurden. Die Folge waren nicht-studierbare Studiengänge und sich daraus ergebende massive Proteste der Studierenden. Statt die Chancen durch die Umstellung auf ein neues Studiensystem zu nutzen, schienen viele Hochschulen mit der Umstellung überfordert oder nicht willens, diese vernünftig umzusetzen. Ein Teil der Probleme wurden mittlerweile behoben, doch bleiben durch den allgemeinen Trend der Ökonomisierung weiterhin Zeitdruck, Überlastung und unfaire Studienbedingungen bestehen. Hier gilt es zu handeln, für eine qualitative Studienreform und ein gutes Studium für Alle!

Lehre und Lernen

In Deutschland entwickeln sich die Studierendenzahlen seit Jahren nach oben. Mittlerweile studieren ca. 2,9 Millionen Menschen in Deutschland. Das Studium bleibt weiter ein attraktiver Bildungsweg. Nunmehr haben über 90% der Studiengänge das Abschlussziel Bachelor oder Master – eine Steigerung seit der letzten Bologna-Konferenz 2015 um 3,7%. Die strukturelle Anpassung des Studiensystems an die Vorgaben der Bologna-Erklärung sind damit weitgehend umgesetzt. Diese Daten erzählen allerdings wenig über die qualitative Umsetzung der Umstrukturierung. Betrachtet man den Studierenden-Survey der Bundesregierung, dann geben ca. 50% der Studierenden an zu viele Prüfungen pro Semester ablegen zu müssen und 74% (Universität) / 64% (FH) geben an einen zu hohen Lernaufwand für Prüfungen zu haben. Hier gilt es, die Studierbarkeit durch eine Entzerrung von Studienverläufen zu verbessern. Auffällig ist hier auch die vergleichsweise kurze Regelstudienzeit von 6 Semestern im Bachelor, die der Standard geworden ist. Die Regelstudienzeit geht in ihrer aktuellen Auslegung als Idealstudienzeit an den Lebensrealitäten vorbei. Ursprünglich war die Regelstudienzeit als Garantie für die Studierbarkeit von Studiengängen von den Hochschulen gegenüber den Studierenden gedacht. Diese restriktive Auslegung der Regelstudienzeit, die sich z.B. an der Orientierung der BAföG-Bezugsdauer zeigt, gehört abgeschafft.

Doch die Bologna-Erklärung sieht nicht nur strukturelle Vorgaben vor, sondern enthält auch das Ziel des „Student Centered Learning“. Damit ist die Veränderung der Lernkultur vom Input-Orientierten Lernen, hin zum kompetenzorientierten Lernen gemeint. Problematisch ist dabei die fehlende inhaltliche Definition der Kompetenzorientierung. In der Praxis haben sich vor allem die Modulbeschreibungen verändert. Diese müssen nun Lernziele und nicht nur Vorlesungs-/Seminarinhalte ausweisen. Damit ist aber eine tatsächliche Verbesserung der Lehre nicht erreicht. Lehre muss auf Augenhöhe stattfinden und darf kein reines Auswendiglernen von Wissen sein. Studierende sollen sich mit Inhalten selbstständig auseinandersetzen und sie nutzen, um eigenes Wissen interessensgeleitet zu generieren. Doch wie lässt sich diese Wissensvermittlung adäquat prüfen? Faktenwissen ist leicht in Klausuren prüfbar, doch die Beschäftigung mit einem Themengebiet lässt sich nicht so einfach mit Multiple-Choice-Fragen überprüfen. Hier bleibt eine Lücke im Bologna-Prozess, die bisher nicht umgesetzt wurde. Die Grundvoraussetzung für diesen Wandel in der Lernkultur müssen dabei die Selbstständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Studierenden sein. Aus diesen Grundannahmen leitet sich auch eine strikte Ablehnung von Anwesenheitspflichten und korsettähnlichen Studienordnung ab.

Ein weiteres Ziel der Bologna-Erklärung war die Berücksichtigung der Employability-Dimension im Studium, zur Steigerung der Akzeptanz des Bachelor-/Master-Systems bei Arbeitgeber*innen zu erreichen. In den verschiedenen Papieren gibt es keine klare Definition, doch lassen sich die Rahmenannahmen extrahieren. Diese lassen eine starke Fokussierung des Studiums auf die Arbeitsmarktfähigkeit von Absolvent*innen erkennen. Diese verengte Sicht auf das Studium lehnen wir ab. Natürlich muss mit dem Studium auch die Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht werden, doch dieses Ziel sollte nicht Kategorie zur inhaltlichen Ausgestaltung genutzt werden, als aus dem Studium als selbstverständlich hervorgehen. Ein gutes Studium führt zu der Befähigung am Arbeitsleben teilzunehmen und muss nicht als Maßstab zur Einrichtung eines Studiums explizit hervorgehoben werden. In der aktuellen Form ist die Employability-Orientierung einer der stärksten Indikatoren für die Ökonomisierung des Studiums. Hochschulen sind keine Dienstleiterinnen für Unternehmen, sondern müssen einen viel breiteren Bildungsanspruch verfolgen, der Persönlichkeitsbildung, eine gesellschaftspolitische Verantwortung und Eigenverantwortlichkeit beinhaltet. Daher lehnen wir den Employability-Begriff ab.

Als Reaktion auf sich verändernde Bildungsbedürfnisse wurde im Jahr 2001 Lebenslanges Lernen in die Bologna-Ziele aufgenommen. Hier besteht noch großer Handlungsbedarf. Lebenslanges Lernen muss kostenlos und ohne Hürden allen Menschen ermöglicht werden. Dabei soll es nicht nur marktorientiert, als eine Art beruflicher Fortbildung, gedacht werden, sondern muss interessengeleitet möglich sein. Wichtigste Voraussetzung für LLL ist dafür die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungswegen und eine unkomplizierte Studienfinanzierung, in der BRD über ein bedarfsdeckendes, alters-, ehepartner*innen- und elternunabhängigen BAföG als Vollzuschuss.

Unsere Forderungen:

  • Studienordnungen entzerren - mehr Zeit zum Lernen ermöglichen
  • Regelstudienzeit abschaffen
  • Lehre nicht nur kompetenzorientiert aufstellen
  • Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit stärken
  • Anwesenheitspflichten abschaffen
  • Interessengeleitetes Studieren ermöglichen
  • Keine Verengung des Studiums auf ökonomische Verwertbarkeit von Wissen
  • Employability-Begriff neu definieren
  • Lebenslanges Lernen ermöglichen
  • Durchlässigkeit im Bildungssystem erhöhen

Soziale Dimension

Die soziale Dimension wurde als Handlungsfeld 2003 in den Bologna-Prozess aufgenommen. Dieser schwer fassbare Begriff umfasst essentielle Bereiche für die Studierenden. Hierunter werden die sozialen Rahmenbedingungen für das Studium gefasst, z.B. Studienfinanzierung und soziale Infrastruktur. Ziel ist es die Chancengleichheit im Bildungssystem zu erhöhen. Folgende Ziele wurden festgelegt: die Teilhabe an der Selbstverwaltung, die Möglichkeit das Studium in einem angemessenen Zeitrahmen abschließen zu können, die Studienfinanzierung auch im Ausland verfügbar zu machen, Betreuungsangebote zu schaffen, Vorsorgeangebote bei Krankheit oder Behinderung anzubieten, Diskriminierungen und Ungleichheiten zu vermeiden und flexible Studienzeitmodelle (z.B. Teilzeitstudium) zu schaffen.

Bei Betrachtung der sozialen Selektivität in der BRD zeigt sich eine Verschärfung in den letzten Jahren. Die Bundesrepublik schneidet im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich ab. In Folge der Einführung von Bachelor und Master hat die Zulassungsbeschränkung von Studiengängen zugenommen und liegt aktuell bei über 40%. Dies hält insbesondere Menschen aus Nicht-Akademiker*innen-Haushalten vom Studium ab. Hinzu kommen die fehlenden Anpassungen und Strukturveränderungen am BAföG und steigende Lebenshaltungskosten (insbes. im Bereich Wohnen). Hier gilt es anzusetzen, es braucht eine grundlegende Reform der Studien- bzw. Bildungsfinanzierung, in Form einer substantiellen Reform des BAföG, hin zu einem bedarfsdeckenden, alters-, ehepartner*innen- und elternunabhängigen Vollzuschuss. Darüber hinaus müssen die Studierendenwerke als zentraler Akteur bei der sozialen Infrastruktur vor Ort finanziell besser ausgestattet werden. Allgemein gilt es mehr sozialen, bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen. Ebenfalls dürfen keine Bildungsgebühren mehr erhoben werden.

Aber auch in den Studienordnungen muss die soziale Dimension stärker berücksichtig werden. Insbesondere Studierende mit Kind, Studierende, die Angehörige pflegen oder behinderte Studierende brauchen flexible Studienmöglichkeiten. Nur so ist ein freies Studium für alle Studierenden möglich.

Unsere Forderungen:

  • Überwindung der sozialen Selektivität im Bildungsbereich
  • Mehr Studienplätze schaffen
  • Masterplatzgarantie einführen
  • Zugangshürden abbauen
  • Sofortige BAföG-Reform
  • Ausbau der sozialen Infrastruktur
  • Studierendenwerke stärken
  • Sozialen Wohnungsbau stärker fördern
  • Bildungsgebühren in jeglicher Form abschaffen

Gleichstellung

Auf der Minister*innenkonferenz von 2003 wurden die Ziele des Bologna-Prozesses in der sozialen Dimension verdeutlicht. Ergänzt wurde dabei das konkrete Ziel Geschlechterungleichheiten zu reduzieren. Von der Gleichstellung der Geschlechter sind wir auch an den Hochschulen noch weit entfernt. Gerade die BRD liegt hier weit hinten. Noch immer werden Frauen* in der Wissenschaft strukturell benachteiligt. Obwohl die Hälfte der Studierenden Frauen* sind, sind Professuren noch zum Großteil männlich besetzt. Sich immer wieder reproduzierende Männerzirkel, schlechte Arbeitsbedingungen, unsichere Zukunftsperspektiven. Diese Problemfelder müssen gemeinsam im europäischen Hochschulraum angegangen werden.

Daher müssen zum einen die in diesem Bereich beschlossenen Ziele noch stärker in den Fokus der Umsetzung rücken. In den Studiengängen müssen Inhalte, Strukturen und Lernformen so angepasst werden, dass Menschen egal welchen Geschlechts sich angesprochen fühlen. Eine Gender-Perspektive muss in allen Wissenschaftsbereichen eingenommen werden, um die Forschung und Lehre zu stärken und Leerstellen zu überwinden. Ebenso sollten die Gender-Kompetenzen von allen Akteur*innen an der Hochschule gestärkt werden.

Andererseits reicht die knappe Formulierung, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern bekämpfen zu wollen nicht aus. Es braucht klare Zielvorgaben, die konkrete Maßnahmen vorschreiben um eine tatsächliche Gleichstellung zu erreichen. Ein gutes Mittel ist hierfür die mindestens 50%-Quote für Frauen* in der Wissenschaft. Um dies zu erreichen, fordern wir verstärkt Modelle wie Tenure-Track und die Entfristung von Beschäftigungsverhältnissen zu forcieren.

Unsere Forderungen:

  • Inhalte, Strukturen und Lernformen geschlechtersensibel ausrichten
  • Gender-Perspektive in allen Bereichen verankern
  • Gender-Kompetenzen ausbauen
  • Gender Studies sowie gendersensible Lehrinhalte europaweit verankern und stärken
  • Mindestens 50% Frauen*-Quote in der Wissenschaft
  • Forcieren der Entfristung von Beschäftigungsverhältnissen und verstärkte Nutzung von Modellen wie Tenure-Track

Mobilität & Internationalisierung

Eine der größten Errungenschaften der EU ist ERASMUS+. Hierdurch können Studierenden während ihres Studiums leichter als zuvor ein oder mehrere Semester im europäischen Ausland absolvieren. Dies stärkt nicht nur den wissenschaftlichen Austausch in Europa, sondern bietet den Teilnehmenden auch wertvolle Erfahrung in Hinblick auf ihre Persönlichkeitsbildung und die europäischen Werte im Sinne der europäischen Vielfalt und des Friedens.

Als Ziel der Staaten im EHR wurde ausgegeben, dass mindestens 20% der Studierenden in ihrem Studium einen dreimonatigen Studien- oder Praktikumsaufenthalt im Ausland absolvieren. In der Bundesrepublik nutzen derzeit gut 30% der Studierenden ihr Studium für einen Auslandsaufenthalt. Das erklärte Ziel der Bundesregierung von 50% ist aber noch nicht erreicht. Daher braucht es einen weiteren Ausbau des Programms, sowohl für Studierende, als auch Lehrende. Ebenfalls bedarf es mehr Austauschvereinbarungen zwischen den Hochschulen.

Bei der Betrachtung, wer ERASMUS+ nutzen kann, zeigt sich, dass dieses Programm immer noch nicht allen Studierenden offensteht. Daher braucht es auch hier eine größere Förderung und eine bessere Anerkennung der erbrachten Leistungen im Ausland. Dazu müssen noch in vielen Studienordnungen die Rahmenbedingungen verbessert werden, damit ein Auslandsaufenthalt in jeder Studienphase möglich ist. Bei Lehrenden liegen die Probleme anderswo. Hier gilt es Nachteile durch schlechtere Finanzierung, z.B. bei der Rentenvorsorge abzufangen und so den europäischen Austausch in der Forschung zu stärken.

Europäische Mobilität bedeutet aber nicht nur ERASMUS+, sondern sollte weiter gehen. Ziel muss es sein, ein reguläres Studium in jedem Land des europäischen Hochschulraums mit der nationalen Hochschulzugangsberechtigung problemlos aufnehmen zu können. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass Studierende ohne Visa-Probleme auch von außerhalb des Schengen-Raums bzw. Studierende in einem Land außerhalb des Schengen-Raums im EHR studieren können. Darüber hinaus müssen auch Standortwechsel im Studienverlauf, z.B. zu Beginn des Masters ohne zusätzliche Hürden möglich sein. Mobilität sollte nicht nur für einzelne Semester, sondern auch für ein reguläres Studium gelten.

Internationalisierung ist eines der Hauptanliegen der EU-Staaten. Dabei soll nicht nur innerhalb der EU der europäische Hochschulraum (EHR) gestärkt werden, sondern auch die Bekanntheit des EHR außerhalb Europas. Dieses gemeinsame Vorgehen bietet zum einen den Vorteil der internationalen Kooperation in Europa, birgt zum anderen aber die Gefahr der europäischen Abschottung, indem versucht wird in Konkurrenz zu außereuropäischen Wissenschaftsgebieten zu treten. Wissenschaft darf nicht auf Konkurrenz ausgerichtet sein. Unser Ziel muss eine weltweite Internationalisierung von Wissenschaft sein und nicht Alleingänge der Europäer*innen und der Nordamerikaner*innen. 

Unsere Forderungen:

  • Ausbau des ERASMUS+ Programms
  • Anerkennung von Studienleistungen verbessern
  • Soziale Infrastruktur für Incomings verbessern
  • Bessere Förderung um allen einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen
  • Austauschvereinbarungen vor Ort ausbauen
  • Auslandsaufenthalt in jeder Studienphase ermöglichen
  • Lehrenden-Austausch stärken
  • Anerkennung aller nationalen Hochschulzugangsberechtigungen
  • Standortwechsel im EHR vereinfachen
  • Kooperativer EHR, der nicht auf Konkurrenz setzt

Digitalisierung

Digitalisierung nimmt nicht nur in der bundesrepublikanischen Bildungsdiskussion einen immer stärken Platz ein, sondern auch im Bologna-Prozess. Auf der Konferenz von Jerewan 2015 wurde Digitalisierung als Handlungsfeld in den Bologna-Prozess aufgenommen. Digitalisierung bedeutet dabei nicht nur den Ausbau der Internetinfrastruktur, sondern muss ganzheitlich im Bildungssystem gedacht werden. Dabei soll dem Einsatz von Open-Source-Anwendungen eine höhere Bedeutung beigemessen werden. Neben der notwendigen Infrastruktur müssen auch Lehrende im Bereich digitale Lehre geschult und weitergebildet werden. Auch in den Studieninhalten müssen Aspekte der Digitalisierung behandelt werden, insbesondere in den Lehramts-Studiengängen. Digitalisierung bietet dabei Chancen, aber auch Risiken, um Studierende mit unterschiedlichen finanziellen Ressourcen gleichzustellen. Daher muss auch immer die Lernmittelfreiheit bei der Verwendung von Geräten sichergestellt werden.

Zur Stärkung der internationalen Kooperation im Bereich Forschung und Lehre müssen Zulassungs- und Anerkennungswege digitalisiert werden, um die Studienbedingungen über Ländergrenzen hinweg zu vereinfachen. Darüber hinaus sollte eine Open Access-Strategie für den einfachen Austausch von Forschungsergebnissen und Erhebungsdaten im EHR gefunden werden.

Unsere Forderungen:

  • Digitale Infrastruktur ausbauen und dabei – soweit geeignet – Open Source einsetzen
  • Lehrende didaktisch im Bereich Digitale Lehre fortbilden
  • Digitalisierung als thematischen Aspekt in die Studieninhalte aufnehmen
  • Lernmittelfreiheit sicherstellen
  • Zulassungs- und Anerkennungsverfahren digitalisieren und vereinheitlichen
  • Open Access-Strategie zum internationalen Wissensaustausch

Qualitätssicherung

Die Qualitätssicherung war ein wichtiger Bestandteil der Bologna-Ziele. Diese wird in den meisten Mitgliedstaaten über Peer-Review-Verfahren in einer Auditierung des Studiengangs durchgeführt. In Deutschland hat sich die Akkreditierung, genauer die Programmakkreditierung, etabliert. In letzter Zeit ist ein Trend zur Systemakkreditierung zu erkennen. Bei der Auditierung werden bestehende Studiengänge betrachtet und Weiterentwicklungsmaßnahmen formuliert. Bei der Akkreditierung werden hingegen nur Mindestziele formuliert.

In der BRD läuft die Programm-Akkreditierung über verschiedene Akkreditierungsagenturen, die Studiengänge durch Gutachter*innengruppen prüfen. Hierbei sind vor allem Professor*innen beteiligt, aber auch Studierende und Vertreter*innen aus der Wirtschaft. Der Wettbewerbsgedanke unter den Agenturen sollte die Qualität verbessern. In der Realität führt die Konkurrenz aber zu Interessenskonflikten, da Agenturen, die streng akkreditieren, wahrscheinlich in Zukunft gemieden werden. Daher ist dieses Konzept der mehreren, konkurrierenden Agenturen gescheitert und gehört abgeschafft.

Bei der Systemakkreditierung werden nicht Studiengänge akkreditiert, sondern das interne Qualitätssicherungssystem der Hochschule. Danach können Hochschulen ihre Studiengänge selbst akkreditieren. Bei beiden Akkreditierungsverfahren bleibt das größte Problem das zu geringe Mitspracherecht der Studierenden, die die Folgen der Akkreditierung selbst tragen. Daher wäre es folgerichtig das studentische Mitspracherecht auszubauen, unabhängig von der Akkreditierungsart. Darüber hinaus sollte nicht nur die Qualitätssicherung, sondern durch das Formulieren von Entwicklungszielen die Qualitätsentwicklung mehr in den Fokus rücken, um eine stetige Verbesserung von Studiengängen sicherzustellen. Qualitätsziele können z.B. die Erhöhung des Frauen*anteils in Studiengängen sein, die Einbindung einer Gender- und Diversity-Dimension in der Lehre oder die Stärkung studentischer Mitbestimmung in Seminaren. Insgesamt müssen diese Verfahren transparenter, vergleichbarer und mit stärkerer Beteiligung der betroffenen Studierenden erfolgen.

Um die Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im europäischen Hochschulraum (EHR) insgesamt sicherzustellen, bedarf es einer vergleichbaren Datenerhebung im EHR. Diese Datenerhebung sollte nicht wie bisher punktuell von den beteiligten Regierungen der einzelnen Staaten durchgeführt werden, sondern kontinuierlich an den einzelnen Hochschulen von zentraler Stelle. Diese Daten sollen aber nicht für Rankings genutzt werden, um Konkurrenz im EHR zu erzeugen, sondern zur Bewertung der Umsetzungsfortschritte der Bologna-Ziele in den einzelnen Staaten. Dadurch können auch neu auftretende Probleme frühzeitig erkannt und angegangen werden.

Unsere Forderungen:

  • Keine Konkurrenz zwischen Akkreditierungsagenturen
  • Mehr studentische Mitsprache bei der Akkreditierung
  • Einbeziehen von Gender-Aspekten in Akkreditierungsverfahren
  • Qualitätsentwicklung statt einfacher Qualitätssicherung
  • Kontinuierliche Datenerhebung zur Umsetzung der Bologna-Ziele, insbes. der sozialen Dimension

Ausblick: Mehr Europa wagen!

Die Ziele der Bologna-Erklärung sehen viele Verbesserung für die Hochschulen in Europa vor. Die Schaffung eines europäischen Hochschulraumes ist eine große Errungenschaft, die aber nur unzureichend umgesetzt wurde. Doch der Bologna-Prozess hat auch negative Aspekte, wie die Studienzeitverkürzung oder den Konkurrenzgedanken, die Ausdruck einer Ökonomisierung von Bildung sind. Dennoch sind auch viele positive Aspekte, wie das gestiegene Verständnis für Qualitätssicherung, die Steigerung der Mobilität, die Stärkung sozialer Infrastruktur oder der gleichstellungspolitischen Dimension erkennbar. Doch wurden von den positiven Erklärungen viele Ziele (noch) nicht umgesetzt, wohingegen die Maßnahmen zur Ökonomisierung breit umgesetzt wurden. Dennoch sind die Ziele der Bologna-Erklärung ein wichtiger Schritt für ein internationales Hochschulsystem. Es braucht nun eine konsequente Umsetzung in allen Handlungsfeldern des Bologna-Prozesses, insbesondere in der sozialen Dimension. Damit die Umsetzung der Bologna-Erklärung in allen Mitgliedsstaaten vergleichbar umgesetzt wird braucht es verbindliche Vorgaben für die Staaten. 

Darüber hinaus sollte die EU ihre wissenschafts- und hochschulpolitischen Bestrebungen besser koordinieren und zusammenführen. Dafür bedarf es einer gemeinsamen Bildungsidee. Diese sollte sich aber von der neoliberalen Sichtweise der Einsparungen im Bildungssystem abkehren und der weiteren Ökonomisierung eine Absage erteilen. Die Studierendenzentrierung der Lehre muss tatsächlich in den Vordergrund treten und soziale Infrastruktur gestärkt werden, um die Chancengleichheit europaweit zu verbessern. Diese Verbesserung werden nicht kostenneutral möglich sein, hier sind die Staaten aufgerufen ihre Bildungsausgaben entsprechend auszubauen. Nur mit den entsprechenden Finanzmitteln wird aus dem Bologna-Prozess eine qualitative Studienreform und nicht nur eine neoliberale, strukturelle Studienreform.

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