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Ghostwriting – Wissenschaftlichen Fälschungen einen Riegel vorschieben

Eine kurze Internetsuche nach dem Begriff „Ghostwriting“ reicht aus, um zahlreiche Angebote von Einzelanbieter*innen, kleinen oder großen, sogar internationalen Agenturen zu bekommen, die anbieten, wissenschaftliche Arbeiten gegen Geld unter dem Namen des*der Studierende*n zu verfassen. Auch in sozialen Medien ist man vor solchen Werbeanzeigen nicht mehr sicher – „Nur noch drei Wochen bis zur Abgabe der Bachelorarbeit aber du würdest lieber feiern?“ – heißt es dann zum Beispiel. Auf deren Seiten wird mit „Unterstützung“ beim Verfassen von Haus- bis Doktorarbeiten durch sogenannte Ghostwriter*innen geworben, alles höchst professionell und natürlich diskret. Dass solche Angebote wohl nicht unumstritten sind, dürfte den meisten Studierenden selbstverständlich erscheinen. Durch die harten Studienbedingungen, dem Stress durch die Bologna-Reform und durch die bundesweite Unterfinanzierung der Hochschulen leiden zahlreiche Studierende. Diese enormen Belastungen schaden nicht nur der Qualität des Lernens, sondern schaden auch der Gesundheit. Diese Studienbedingungen machen krank.

Der Handel mit fremden Arbeiten boomt

Trotzdem scheint die Zahl der Student*innen, die auf Hilfestellung durch Ghostwriter*innen zurückgreifen, zuzunehmen. Zudem sind die Angestellten dieser Agenturen immer mehr in einer Falle. Die Agenturen bieten ihnen Einkommen, wenn sie keinen passenden Arbeitsplatz nach dem Abschluss finden konnten. Obwohl es illegal ist, ist zu beachten, dass sie sich oft selbst in ausbeuterischen Verhältnissen befinden. Größere Anbieter*innen wie zum Beispiel ghostwriter.de reden von ca. 2.000 freiberuflichen akademischen Autor*innen bundesweit. Die Schweizer Agentur Acad Write veröffentlichte als eine der wenigen Firmen 2014 Zahlen – insgesamt 8600 Aufträge bekam sie in den zehn Jahren nach ihrer Gründung und agiert mittlerweile auch international in Österreich und Deutschland. Da die Angebote zahlreich, unübersichtlich und umstritten sind, gibt es nur sehr wenige verlässliche Zahlen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als einen Schwarzmarkt für wissenschaftliche Arbeiten. Ein Markt, der nicht billig ist: Mindestens 4.000€ verlangen die meisten Anbieter*innen für eine Bachelorarbeit von etwa 40 Seiten, Doktorarbeiten können sogar bis zu 50.000€ kosten. Einfache Seminararbeiten gebe es aber auch „von der Stange“ zum Download schon ab 100€. Das Fach oder das genaue Thema spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, die meisten Ghostwriter*innen schreiben über alles, was nachgefragt wird. Wer mit seinen Arbeiten nicht mehr hinterher kommt und sich das finanziell leisten kann, greift also zu diesem Hilfsmittel – und schafft dabei auch eine neue Art der sozialen Ungerechtigkeit und Gefälles an Hochschulen. Unserem Grundsatz, dass Bildung für alle bezahlbar sein muss, schiebt sich hiermit eine neue Hürde in den Weg.

Ghostwriting unnötig machen

Doch in was für einem Bildungssystem befinden wir uns eigentlich, in dem Student*innen sich dermaßen unter Druck gesetzt fühlen, dass sie sich entweder nicht selber zutrauen, eine wissenschaftliche Arbeit selber zu verfassen, oder einen Zeitdruck empfinden, der es unmöglich erscheinen lässt, den erforderlichen Ansprüchen zu genügen? Regelstudienzeiten, unbezahlte Pflichtpraktika, zu niedriges BAföG, nicht selten mehrere Nebenjobs, und am besten währenddessen noch umfangreiches ehrenamtliches Engagement, sportliche Aktivitäten und ein gut funktionierendes Privatleben. Unsere Gesellschaft hat hohe Ansprüche an Fähigkeiten und Ausgestaltung des Lebens und des Studiums und erschwert gleichzeitig ein freies kritisches Studium nach Eigeninteresse, auch aus Gründen der Studienfinanzierung. Durch die ständige Fixierung auf die Qualifizierung für den Arbeitsmarkt als Maxime werden Student*innen, vor allem in den geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Studiengängen unter andauernden psychischen Stress und Versagensängste gesetzt. Dieses sind auch meist, die nach Abschluss eines Studiums aus einem auftretenden Mangel von Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, ihre Fähigkeiten Ghostwriting-Agenturen zur Verfügung stellen. Gesellschaftliche Wertschätzung von geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Studiengängen sowie die Nutzung dieses Potentials auf dem Arbeitsmarkt wären Wege, die betroffenen Student*innen aus finanzieller Not in die Illegalität des Ghostwritings zu drücken. Auch die zuerst absurd hohen Preise für Abschluss- und Hausarbeiten sollten in Relation zu den hierfür gearbeiteten Stunden gesetzt werden – dann fällt auf, dass Ghostwriter*in sein vermutlich nicht der Traumjob der meisten ist. Von unbefristeten Verträgen, Zahlungen in die Renten- und Sozialversicherung sowie geregelten Arbeitszeiten ganz zu schweigen.

Legal, illegal oder Grauzone?

Wenn man sich die Prüfungsordnungen der Studienfächer anguckt ist es ganz klar, dass mit der Abgabe einer Eidesstaatlichen Verpflichtung das Einreichen von Texten, die durch unzulässige Hilfsmittel verfasst wurden, verboten und durch Exmatrikulation oder Bußgelder bestraft wird. Anders aber als bei Plagiaten, wo Textabschnitte ohne richtige Quellenangabe von anderen Arbeiten abgeschrieben sind, lässt sich eine gänzlich fremd geschriebene Arbeit, die sonst nirgendwo benutzt wurde, schwer von der Hochschule prüfen. Außerdem propagieren Ghostwritinganbieter*innen immer, dass sie lediglich Muster bereitstellen, deren Intention es nicht ist, gänzlich so in der Form vom Studierenden auch abgegeben zu werden. Doch genau damit reden sich die Anbieter*innen aus der Illegalität raus und die rechtlichen Konsequenzen hat allein der Studierende zu befürchten. Die Aufklärungsquote bei fremd geschriebenen Texten ist aber dennoch sehr gering, da sind die Hochschulen rechtlich gesehen bisher hilflos. Das liegt teilweise auch daran, dass Titelentzugsverfahren aufwendig sind und für Hochschulen mit einem Imageverlust einhergehen. 

Markt für akademische Titel und Leistungen verbieten

Die bisherige Straffreiheit für Ghostwriting-Agenturen ist ein fortwährendes Gespenst in der Wissenschaft und Forschung. Dieses Problem wurde bisher aber gekonnt von der Justiz und der Politik ignoriert, während dubiose Anbieter*innen weiterhin ungeniert ihre Geschäfte machen können. Akademische Leistungen und Titel dürfen nicht käuflich gemacht werden. Es ist ein Armutszeugnis für unser Bildungssystem, in dem sich scheinbar mehr als genug Studierende im Stress der Bologna-Reform gezwungen sehen, auf solche verzweifelten Auswege aus dem Leistungsdruck zurückzugreifen, gegen den wir parallel als Juso Hochschulgruppen in aller erster Linie ankämpfen müssen. Wir setzen uns dabei für ein chancengleiches Studium unabhängig vom finanziellen Status junger Menschen ein, weshalb wir klare Gesetze und Regularien gegen Wissenschaftsbetrug im großen kommerziellen Stil fordern. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Autor*innen meist selbst in einer Zwangslage stecken und oftmals selbst von den Agenturen ausgebeutet werden. Diesen Agenturen gilt es einen Riegel vorzuschieben, ohne die einzelnen Autor*innen zu bestrafen. Eine Befassung mit diesem Thema durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und durch die Justiz ist demnach dringend erforderlich, um das Vertrauen in die Wissenschaft nicht noch stärker zu gefährden. Jede*r Studierende*r muss die Möglichkeiten haben in angemessener Zeit seine Leistungen zu erbringen, ohne durch zeitlichen Druck scheinbar auf Plagiate angewiesen zu sein.

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