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Gute Lehre von Anfang an - Grundschullehramt stärken!

Wer kennt sie nicht: die Vorurteile, in der Grundschule werde nur gesungen, gebastelt und gemalt? Wer hat sich als Grundschullehramtsstudent*in nicht schon einmal anhören müssen, sein oder ihr Studium sei ja ein Kinderspiel, genau wie der spätere Beruf. Die Grundschulbildung wird vielfach nicht als das ernst genommen, was sie ist: nämlich entscheidende Impulsgeberin für den weiteren Bildungsweg junger Menschen und aufgrund ihrer Vielseitigkeit und didaktischen Anforderungen eine immense Herausforderung für Lehrende und Lernende.

Gleichzeitig ist das Grundschullehramt trotz seiner Bedeutung mit vielen Problemen konfrontiert. Dabei hinkt es dem allgemein an sie gestellten Ansprüchen hinterher, einer heterogenen Schüler*innenschaft gerecht zu werden und individuelle Förderung zu gewährleisten. Dieses Erfordernis ist im Hinblick auf die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland jedoch entscheidend. Die Politik ist daher angehalten, sich den verschiedenen Handlungsfeldern anzunehmen, um das Grundschullehramt nachhaltig zu stärken.

Der Grundschullehrer*innenmangel in Zahlen

Anfang des Jahres schlugen Bildungsforscher*innen bundesweit Alarm. Nach neuesten Studien[1] wird ein massiver Lehrer*innenmangel in ganz Deutschland zunehmend sichtbar: aufgrund steigender Schüler*innenzahlen und des geplanten Ausbaus von Ganztagsschulen ergeben sich bis 2025 rund 105.000 neue zu besetzende Stellen für Lehrkräfte. Nach jetzigem Stand kann allerdings nur mit einer Absolvent*innenzahl von ca. 70.000 gerechnet werden.
Diese riesige Personallücke macht sich bereits heute bemerkbar, wird sich jedoch noch dramatisch verschärfen – insbesondere im Hinblick auf die erwarteten Pensionierungswellen.

Aufgrund der Bedeutung der Grundschulbildung für den weiteren Bildungsweg aller Schüler*innen ist der Lehrer*innenmangel an den Grundschulen besonders fatal – und stellt sich gleichzeitig nicht weniger dramatisch dar: Untersuchungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) belegten zuletzt, dass bundesweit rund 2000 Stellen nicht besetzt werden konnten, während zusätzlich mehrere Tausend Stellen nur durch Seiten- und Quereinsteiger*innen[2] besetzt sind. Diese bringen in fachlicher Hinsicht zwar die erforderlichen Fähigkeiten und Kenntnisse mit. Eine pädagogische Ausbildung hingegen wird nur im Schnellverfahren durchlaufen. Dies führt dazu, dass Quer- und Seiteneinsteiger*innen oftmals grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse fehlen, um den in der Grundschule besonders hohen pädagogischen Anforderungen - etwa was individuelle Entwicklungsunterschiede, die Alphabetisierung der Schüler*innen oder das Lernen in neuen sozialen Gefügen angeht - gerecht zu werden. Häufig müssen diese fehlenden Fähigkeiten durch Unterstützung und Anleitung durch dienstältere Kolleg*innen ausgeglichen werden. Kooperation im Kollegium ist absolut wünschenswert, darf aber nicht zu einer doppelten oder sogar dreifachen Belastung führen.

Hinzu kommen rund 1000 unbesetzte Schulleitungsstellen an Grundschulen. Und Beobachter*innen warnen vor weiteren Verschärfungen dieser Missstände im nächsten Jahrzehnt. Diese alarmierenden Zahlen sind letztlich das Resultat einer über Jahre fehlgeleiteten Ausbildungspolitik im Bereich des Grundschullehramts. Über Jahre wurde es versäumt, entsprechende Ausbildungskapazitäten zu schaffen, weshalb es vielen Studienanwärter*innen durch einen NC verwehrt blieb, ein Lehramtsstudium zu beginnen. Statt solcher Restriktionen ist es entscheidend, dass die Politik spätestens im Angesicht der neuesten Erkenntnisse über den eklatanten Mangel an Fachkräften eine 180-Grad-Wende erfährt. Nur so können die dringend notwendige qualitative Lehre und die individuelle Betreuung von Grundschüler*innen gewährleistet werden.

Schluss mit den Klischees! Für echte Wertschätzung des Grundschullehramts

Langfristig ist der Kampf gegen den Grundschullehrer*innenmangel aber vor allem eine Frage der Attraktivität und Wertschätzung des Berufsbilds. Doch noch immer sind die Arbeitsbedingungen für Grundschullehrer*innen defizitär. Dies zeigt sich zuvorderst in der Bezahlung: noch immer werden Lehrkräfte an Grundschulen der meisten Bundesländer deutlich schlechter bezahlt als ihre Kolleg*innen an anderen Schularten. Und das, obwohl sie eine gleichlange Ausbildung durchlaufen und gleichwertige, für die Bildung der Schüler*innen entscheidende und oftmals durch besondere pädagogische Herausforderungen geprägte Arbeit leisten. Diese Ungleichbehandlung stellt im Hinblick auf den Frauen*anteil an Grundschulen eine mittelbare Geschlechterdiskriminierung dar.

Für uns ist klar: gute Arbeit verdient gutes Geld und gleichwertige Arbeit verdient gleiches Geld – selbstverständlich auch an den Grundschulen. Politik und Gesellschaft sind verpflichtet, dem Grundschullehramt endlich die Wertschätzung zuteilwerden zu lassen, die es verdient – und zwar zuallererst im finanziellen Sinne. 

Aber auch abseits der Bezahlung erleben Grundschullehrer*innen oftmals Ungerechtigkeiten in ihrem Arbeitsleben. So sehen sich viele Lehrer*innen mit zusätzlichen administrativen Aufgaben überlastet, was sich wiederum negativ auf die Betreuung der Schüler*innen auswirken kann, die gerade im Grundschulalter von elementarer Bedeutung ist. Hier braucht es zum einen eine Entlastung der Lehrer*innen durch Einstellung geeigneten Fachpersonals für administrative Aufgaben sowie im IT-Bereich. Zum anderen brauchen die Lehrer*innen - auch im Hinblick auf gelingende Inklusion an Grundschulen - weitere qualitative Unterstützung bei der Betreuung der Schüler*innen, etwa in Form von zusätzlichen Schulsozialarbeiter*innen, Pädagog*innen und Psycholog*innen.

Nicht zuletzt kommt es auch auf das Bild an, das in der Gesellschaft über den Beruf der*des Grundschullehrer*in herrscht. Es scheint vermehrt en vogue zu sein, sich über die vermeintlich niedrigen Anforderungen des Studiums und die angeblich oberflächliche, sich in singen und malen erschöpfende spätere Tätigkeit lustig zu machen. Die hohen didaktischen Anforderungen an Bildung gerade für sehr junge Menschen und die Vielseitigkeit des Berufsbilds werden oft übersehen.

Solche Haltungen sind nicht nur überheblich und völlig unangemessen. Sie offenbaren auch, dass in großen Teilen der Gesellschaft Bildung nicht als ein lebenslanger Prozess, der bereits in der KiTa in institutioneller Form beginnt und der die Menschen in jeder Altersgruppe zu verantwortlichen Teilen der Gesellschaft erziehen will, ernst genommen wird. Stattdessen herrscht oftmals ein ökonomisiertes Verständnis von Bildung vor, welches einzig verkürzte Verwertbarkeitslogiken als Maßstab ihrer Notwendigkeit und Bedeutung gelten lässt. Dem setzen wir unser eigenes jungsozialistisches Bildungsideal entgegen. Dieses muss sich letztlich auch in unserer Entgegnung auf alltägliche und vermeintlich harmlose Diskriminierungen bestimmter Berufs- und Ausbildungsgruppen wiederfinden.

Gleichstellung mitdenken – Stereotypen den Kampf ansagen!  

An Grundschulen arbeiten bundesweit zu 90% Frauen*. In der Debatte darf nicht verschwiegen werden, dass diese durch unfaire Arbeitsbedingungen, hohe Arbeitsbelastung und ungerechte Bezahlung also in besonderem Maße betroffen sind. Die oben herausbearbeiteten Forderungen nach Verbesserung dieser Bedingungen erhalten im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit daher noch einmal besondere Bedeutung.

Die durch die großen Geschlechterdifferenzen an Grundschulen ausgelöste Debatte ist dennoch mit Vorsicht zu genießen. Klar ist, dass die vorgefundenen Zustände, in denen Frauen* in sozialen Berufen - und eben auch im Grundschullehramt - die große Mehrheit darstellen, dazu beitragen, dass Geschlechterstereotype sich manifestieren und sich durch ihre Wirkung auf die Schüler*innen reproduzieren. Diese Stereotype müssen aufgebrochen werden.

Gleichzeitig mischen in der Debatte immer wieder auch maskulinistische Akteur*innen mit, die in den hohen Frauen*anteilen an Grundschulen einen feminisierten Bildungsbetrieb ausmachen, welcher Jungen zu „Bildungsverlierern“ mache. Die Forderung nach mehr männlichen Grundschullehrern ist dann ihrerseits wiederum durch Stereotype geprägt, die oft nur ein Männlichkeitsbild vom strengen, gleichsam kumpelhaften Lehrer, der auch mal durchgreifen kann und sich nicht von Emotionen leiten lässt, zulassen.  Solchen Gruppen und Äußerungen stellen wir uns klar entgegen. Abgesehen von diesen stereotypen Argumenten gibt es natürlich gute Gründe mehr geschlechtliche Vielfalt im Bereich der Lehrkräfte zu fordern. Diese ist vonnöten, um Kinder von Beginn an für die Diversität der Geschlechter zu sensibilisieren und sie in ihrer eigenen sexuellen Identitätsfindung zu unterstützen.

Die Grundschulbildung darf in seiner Bedeutung für die Bildungsgerechtigkeit nicht unterschätzt werden. Deswegen braucht es eine nachhaltige Stärkung des Gundschullehrer*innenberufs. Das bedeutet für uns Juso-Hochschulgruppen:

  • Gleiches Geld für gleichwertige Arbeit – und zwar in jedem Bundesland und an jeder Schulform: Grundschullehrer*innen sind, genau wie ihre Kolleg*innen an anderen Schulformen flächendeckend in die Besoldungsgruppen A13 bzw. EG13 einzugruppieren und entsprechend zu entlohnen.
  • Wertschätzung ist auch eine ideelle Frage. Politik und gesellschaftliche Akteur*innen sind angehalten, sich für eine angemessene Wertschätzung des Grundschullehrer*innen-Berufs einzusetzen und gegen Vorurteile und Diskriminierung einzustehen.
  • Das Grundschullehramt muss qualitativ und quantitativ dadurch gestärkt werden, dass:
    • Mehr Ausbildungskapazitäten geschaffen werden, und dadurch Studienzugangsbeschränkungen abgebaut werden, um dem Lehrkräftemangel zu begegnen.
    • Mehr Fachpersonal an den Grundschulen zur Unterstützung der Lehrer*innen, etwa im Bereich der Administration oder der Schulsozialarbeit eingestellt wird.
  • Der Rückgriff auf Quer- und Seiteneinsteiger*innen sowie auf weitere fachfremde Aushilfen zur Bekämpfung des Lehrer*innenmangels darf nicht zur dauerhaften Lösung werden. Gute Lehre und pädagogische Betreuung muss auch und insbesondere an Grundschulen gewährleistet sein. Das gelingt nur mit entsprechend gut ausgebildeten Fachkräften.
  • Auch für die Dauer des Notstands, in denen auf fachfremdes Lehrpersonal zurückgegriffen werden muss, fordern wir gute Arbeitsbedingungen und eine gerechte Bezahlung.
  • Weiterhin fordern wir, dass den Quer- und Seiteneinsteiger*innen, die dies möchten, eine Perspektive geboten wird, etwa durch Schaffung von qualitativen Weiterbildungsangeboten, welche es ihnen ermöglicht, dauerhaft in den Lehrer*innenberuf zu wechseln. Die Lehrkräfte, die die Quereinsteiger*innen beim Einstieg in den Beruf betreuen, müssen entlastet werden.

Wir setzen uns für einen gender-sensiblen Blick auf das Grundschullehramt ein und bekräftigen die Forderung nach gerechten Arbeitsbedingungen und angemessener Bezahlung insbesondere im Hinblick auf die Geschlechtergerechtigkeit. Gleichzeitig wehren wir uns gegen die Reproduktion von Geschlechterstereotypen in der Debatte. 



[1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/lehrkraefte-dringend-gesucht/

[2] Die Begriffe Quereinsteiger*innen und Seiteneinsteiger*innen werden in den Bundesländern unterschiedlich definiert. Sie beschreiben – vereinfacht ausgedrückt - Menschen, die in den Schuldienst kommen und in der Regel ein akademisches Fach studiert, aber keine Lehrer*innenausbildung, also keine pädagogische Ausbildung, haben.

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