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Deutsche Lehrgemeinschaft: Die Lösung aller Probleme?

Das Hochschulstudium ist so beliebt wie nie. In Deutschland studieren in rund 18.000 Studiengängen über 2,85 Millionen Menschen – eine Rekordzahl. Zum Wintersemester 2017/18 waren gut 40.800 Student*innen mehr eingeschrieben als im Vorjahr. Um für diese gute Lehre im Studium finanzieren und damit auch garantieren zu können, gibt es verschiedene Ansätze. Dabei ist die Idee einer deutschen Lehrgemeinschaft in der jüngeren Vergangenheit wiederaufgekommen und findet sich auch im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD wieder. Aber kann so eine Einrichtung dafür sorgen, dass die Lehre an den Hochschulen endlich ausreichend finanziert wird? Und wie muss sie aufgebaut sein, damit die Vergabe der Mittel unseren Vorstellungen und Anforderungen entspricht?

Gute Lehre Fehlanzeige!

Ein Studium anzufangen ist für viele eine neue Welt. Sich in einer neuen Stadt, einem neuen Umfeld zurecht zu finden stellt viele Studierende vor große Herausforderungen. Aber auch der Einstieg in das Studium selbst ist eine immense Hürde, denn die Rahmenbedingungen vor Ort unterstützen angehende Student*innen nur selten. Starre Prüfungsordnungen und Hochschulgesetze, aber vor allem die stark verschulte Lehre sorgen schnell für den Abschied von der Vorstellung eines selbstbestimmten Studiums.

Unmotiviertes Vorlesen von Foliensätzen, die seit Jahren nicht mehr überarbeitet wurden, überfüllte Seminare und mangelhafte technische Ausstattung in den Hörsälen – das ist die Realität an deutschen Hochschulen. Unter diesen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass die Motivation für das eigene Studium schnell schwinden kann. Umso unverständlicher ist, dass der Lehre über Jahre hinweg kaum Beachtung geschenkt wurde. Anstatt die Qualität der Lehre verbessern zu wollen und so die Bildungsmöglichkeiten für alle Student*innen zu verbessern, werden lieber prestigeträchtige Forschungsprojekte in den Vordergrund gestellt. Lehre muss in der Bildungs- und Forschungspolitik endlich eine zentrale Bedeutung erlangen. Sie muss ständig weiterentwickelt und an die neuen, digitalen Möglichkeiten angepasst werden. Denn gute Lehre ist eine grundlegende Voraussetzung für ein gutes Studium.

Gesicherte Finanzierung Fehlanzeige!

Dass die Lehre an deutschen Hochschulen trotzdem weiterhin chronisch unterfinanziert ist, ist kein Geheimnis. Zwar sind die Ausgaben für Forschung und Lehre in den letzten Jahren deutlich gestiegen, sie sind aber bei weitem nicht ausreichend, um der steigenden Anzahl der Studierenden gerecht zu werden – und das langfristig.  Die Zuständigkeiten in Bund und Ländern sind klar geregelt: Die hauptsächliche Finanzierung der Hochschulen, und damit auch der Lehre, liegt in den Händen der Länder. Dieser Verantwortung werden sie aber schon längst nicht mehr gerecht. Der Finanzierung wird die nötige Priorität nicht zugestanden. Dadurch entsteht an den Hochschulen eine dauerhafte Unterfinanzierung. Die Möglichkeiten des Bundes, dies auszugleichen, sind begrenzt, denn durch das im Grundgesetz verankerte Kooperationsverbot kann dieser nur bei Zustimmung aller Länder finanzielle Hilfe leisten. Die Folge: Der Bund fördert lediglich die Hochschulen, die ohnehin schon starke Teilbereiche haben und international als Aushängeschild gelten, statt alle Hochschulen in der Breite zu unterstützen.

Die Möglichkeit, die der Bund nutzt, um trotzdem breite Hochschulfinanzierung aktiv zu gestalten, sind Finanzierungspakte. Diese sind nur möglich, wenn alle Bundesländer zustimmen. Neben der zeitlichen Befristung gehört auch die Zweckgebundenheit zu den Eigenschaften von Pakten. Das führt dazu, dass die Hochschulen keine planbare Sicherheit und somit auch keine langfristigen Perspektiven haben, sondern immer auf die Fortsetzung der Finanzierung hoffen müssen. Ein weiterer Kritikpunkt an der Paktfinanzierung ist die wettbewerbsfinanzierte Vergabe der Mittel. So kommt es dazu, dass auch hier nur einige wenige Leuchtturmprojekte finanziell unterstützt werden. Dem Ganzen liegen außerdem lange Antrags- und Entscheidungsverfahren zu Grunde, die viel Arbeit für die Antragssteller*innen mit sich bringen. Andere Aufgabenbereiche, wie die Lehre, bleiben so zeitlich auf der Strecke.

Einer der Pakte zur Unterstützung der Hochschulen ist der „Qualitätspakt Lehre“, der zwischen 2011 und 2020 rund zwei Milliarden Euro für die Lehrqualität an den Hochschulen bereitgestellt. Zwar stellt diese Summe die größte Förderung in der Geschichte der Bundesrepublik dar, aber im Vergleich zu anderen Förderprogrammen für Hochschulen des Bundes weist er ein eher geringes Finanzvolumen auf. Die Ziele des Paktes waren bzw. sind die Verbesserung der Personalausstattung von Hochschulen für Lehre, Betreuung und Beratung, die Unterstützung von Hochschulen bei der Qualifizierung bzw. Weiterqualifizierung ihres Personals für Aufgaben in Lehre, Betreuung und Beratung, sowie die Sicherung und Weiterentwicklung einer qualitativ hochwertigen Hochschullehre. Von diesen Zielen profitieren allerdings lediglich zwei Drittel der ca. 240 staatlichen Hochschulen, denn nur diese waren bei der Bewerbung erfolgreich. Dadurch werden die finanziell schwachen Hochschulen ferner abgehängt und die ohnehin schon besser aufgestellten Hochschulen entfernen sich weiter.

Dabei ist eine gesicherte Finanzierung ein wichtiger Baustein, um die dringenden Probleme vor Ort zu lösen. So muss endlich eine bessere Grundfinanzierung aller Hochschulen her, die Paktfinanzierung muss ein Ende haben. So kann der Grundstein für mehr Lehrende gelegt werden, die sich zwischen Vorlesungen und Seminaren nicht hauptsächlich mit der Einwerbung von Drittmitteln beschäftigen müssen. Nur so kommen wir zu einer kritischen Wissenschaft. Und nur so können bessere Betreuungsverhältnisse geschaffen und wichtige Beratungsangebote ausgebaut werden.  Dass jetzt, Ende 2018, noch nicht klar ist, wie es nach dem Auslaufen des Paktes 2020 weitergeht, bedeutet für die Hochschulen massive Unsicherheit.

Deutsche Lehrgemeinschaft als Lösung?

Eine weitere Säule der Hochschulfinanzierung stellt die Drittmittelfinanzierung dar. Hochschulen und Forschungseinrichtungen können diese bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Wirtschaft oder Ministerien eingeworben werden. Die Debatte um weitere Finanzierungsmöglichkeiten für die Lehre rückt immer wieder in den Mittelpunkt der wissenschaftspolitischen Diskussionen. Bereits vor über zehn Jahren hat der Stifterverband der Deutschen Wirtschaft eine übergeordnete Einrichtung ins Spiel gebracht, die sich übergreifend mit Fragen akademischer Lehre befasst. Die Diskussion darüber verstummte allerdings schnell. Im Frühjahr 2017 kam die Thematik wieder auf, nachdem der Wissenschaftsrat ein Positionspapier vorgestellt hat. In diesem wird von einer „bundesweit eigenständigen“ Förderorganisation geschrieben, die Lehre auf Bundesebene vernetzt und fördert. So hätte eine „deutsche Lehrgemeinschaft“ die Aufgabe, die Lehre an den Hochschulen mit zu finanzieren, wegweisende Fragen in der Lehre zu stellen und zu beantworten und die einzelnen Akteur*innen zusammenbringen. Zudem sieht der Plan des Wissenschaftsrats vor, mit einem Antrag zu prüfen, ob es möglich ist, befristete Projekte dauerhaft zu fördern. Außerdem sollten innovative Lehrkonzepte und weitere Entwicklungen im Bereich der Lehre im Rahmen der Organisation ausgetauscht werden.

Auch im Koalitionsvertrag wurde sich auf den Vorschlag des Wissenschaftsrates bezogen: „Den Qualitätspakt Lehre wollen wir verstetigen und in Anlehnung an die Empfehlungen des Wissenschaftsrates weiterentwickeln und u.a. die innovative Hochschullehre, den hochschulübergreifenden Austausch und die Übertragung erfolgreicher Konzepte wettbewerblich fördern.“ Weitere Hinweise auf die Struktur und Besetzung findet man jedoch nicht. Dennoch wird zur Veranschaulichung einer solchen Institution an dieser Stelle oft der Vergleich zur Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gesucht, welche sich als Einrichtung zur Förderung der Wissenschaft und Forschung in Deutschland sieht. Diese Gemeinschaft stellt seit 1951 die wissenschaftliche Selbstverwaltung in Deutschland dar und finanziert sich fast vollständig durch den Bund und die Länder, außerdem durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Aber auch die EU und private Zuwendungen spielen hierbei eine Rolle. Mitglieder der DFG sind vor allem Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Um Fördermittel der DFG zu bekommen, müssen Wissenschaftler*innen mit ihrem Projekt ein Begutachtungsverfahren durchlaufen. Diese Verfahren sind vielfach zu kritisieren. Auf der einen Seite sorgt die Langwierigkeit der Verfahren dafür, dass bei Dozierenden das Werben um Drittmittel in den Fokus rückt und die Lehre darunter leidet. Dabei müssen Forschung und Lehre vereinbar sein. So leiden auch Studierende unter befristeten Beschäftigungen in der Lehre, wenn zum Beispiel die Länge des Betreuungsverhältnisses unklar ist. Zudem werden Drittmittel häufig an Projekte gegeben, die als profitabel gelten. Forschungszweige abseits des Mainstreams werden oft nicht berücksichtigt. Auch Fachhochschulen werden bei der Drittmittelvergabe der Deutschen Forschungsgemeinschaft nicht berücksichtigt. Dies führt zu einer finanziellen Ungleichheit, die nicht zu akzeptieren ist.

Obwohl die Diskussion über die Nachfolge des Qualitätspakts Lehre noch nicht in die Mitte der Öffentlichkeit gerückt ist, gibt es mit der Hochschulrektorenkonferenz [sic!] (HRK) bereits eine Interessentin dafür, die Umsetzung und Ausführung einer deutschen Lehrgemeinschaft zu übernehmen. Ein geschickter Schachzug der HRK, denn im Koalitionsvertrag findet man den Begriff „eigenständige Organisation“ dazu nicht. Es ist taktisch klug von der HRK, sich zu diesem Zeitpunkt bereits ins Spiel zu bringen, zumal sie in den vergangenen Jahren an Aufgaben und somit auch Bedeutung verlor.  An dieser Stelle lässt sich zurecht fragen, ob das das Ziel des Wissenschaftsrates war, denn die HRK steht nicht für eine Organisation, die unpopuläre Wettbewerbsentscheidungen, beispielsweise gegen die Vorstellungen ihrer Mitglieder, trifft. Es liegt in der Natur der HRK, hochschulnahe Positionen zu vertreten, die oftmals nicht die Interessen der Studierenden im Blick haben. Daran, ob der vom Wissenschaftsrat geforderte Austausch und die Vernetzung von Akteur*innen auch von der HRK ausgerichtet und angetrieben wird, lässt sich ebenfalls ein großes Fragezeichen machen. Die Chance, dass die deutsche Lehrgemeinschaft ein gemeinsames Projekt von Lehrenden und Lernenden wird, wäre bei Umsetzung der Hochschulrektorenkonferenz also denkbar gering.

Umso wichtiger ist es, dass wir Juso-Hochschulgruppen die Debatte um die deutsche Lehrgemeinschaft von Anfang an begleiten und prägen. Eine solche Institution muss in erster Linie demokratisch und transparent gestaltet sein. So muss es möglich sein, Einblick in die Vergabe von Geldern zu haben. Die Einbeziehung aller relevanten Personengruppen ist dabei essentiell – eine solche Institution muss studentische Mitbestimmung garantieren. Dafür ist es unabdingbar, dass die Gremien einer Deutschen Lehrgemeinschaft paritätisch besetzt sind. Die Lehre an den Hochschulen richtet sich an die Studierenden und so kann die Einführung einer deutschen Lehrgemeinschaft nur damit einhergehen, dass in den Gremien und bei den Entscheidungen kein Weg an den Studierenden vorbeigeht. Eine Vergabe von Mitteln darf nur mit Zustimmung der Studierenden erfolgen.

Da bereits jetzt der Vergleich zur DFG besteht, ist es zudem enorm wichtig, dass zwischen dieser und einer Deutschen Lehrgemeinschaft eine Unabhängigkeit besteht. Und selbst wenn diese Punkte erfüllt sind, ist noch lange nicht gesichert, dass es eine dauerhafte, ausreichende Grundfinanzierung der Lehre an den Hochschulen gibt.

Lehre an deutschen Hochschulen darf nicht hinten runterfallen. Sie muss zusammen mit der Forschung als Einheit betrachtet und dementsprechend auch behandelt werden und Beachtung bekommen. Sie darf von den Hochschulen nicht nur mit leeren Worthülsen gefüllt und von Vorlesung zu Vorlesung gedacht werden. Gute Lehre muss von den Hochschulen ganzheitlich gedacht und mit konkreten Inhalten gefüllt werden. Mit einer deutschen Lehrgemeinschaft besteht die Chance, endlich Kriterien für die Bewertung von Lehrqualität zu erarbeiten. Sie darf nicht als weiterer Lobbyverein für die Hochschulen genutzt werden.

Da der Qualitätspakt Lehre 2020 ausläuft, muss schnellstmöglich eine Finanzierung von Lehre an den Hochschulen gesichert sein. Es ist wichtig, dass die Debatte um eine solche Institution prominent geführt wird, allerdings muss dies unter der Einbeziehung aller geschehen. Studierende müssen Hauptakteur*innen beim Entstehungsprozess und bei der Vergabe der Mittel sein.

Unsere Forderungen an eine deutsche Lehrgemeinschaft und an gute Lehre an den Hochschulen:

  • Eine Deutsche Lehrgemeinschaft muss demokratisch und transparent gestaltet sein.
  • Eine Deutsche Lehrgemeinschaft muss unabhängig von der DFG sein.
  • Studierende müssen sowohl bei der Entstehung der Institution, als auch in ihre Strukturen einbezogen werden und dabei Hauptakteur*innen sein.
  • die studentische Partizipation muss im Vordergrund stehen, um studentischen Belangen gerade in Bezug auf die Lehre ein Gehör zu verschaffen!
  • Es muss ein Raum für den Austausch von Beispielen für gute Lehre geschaffen werden.Es braucht endlich Kriterien für die Bewertung von Lehrqualität.
  • Gute Lehre als Kriterium in Berufungsverfahren.
  • Nach dem Qualitätspakt: Eine breite und dauerhafte Finanzierung der Lehre durch den Bund, keine Förderung von Spitzenprojekten – das Kooperationsverbot muss endlich fallen!
  • Schluss mit dem Finanzierungsstau: Bund und Länder sind in der Pflicht, diesen anzugehen. Der Bund muss vollständig in die Finanzierung einsteigen und damit seiner Verantwortung gerecht werden.
  • Schluss mit Worthülsen: Hochschulen müssen sich selbst verpflichten, gute Lehre konkret voranzutreiben und zu etablieren.

Hochschulfinanzierung muss endlich bedarfsgerecht und aus öffentlicher Hand erfolgen. Nur so ist unabhängige gute Lehre in der Breite gesichert. Eine deutsche Lehrgemeinschaft hat die klare Aufgabe, gute Lehre an Hochschulen ins Zentrum der Debatte zu rücken

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