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Gesellschaftliche Technik, technische Gesellschaft

Fachliche Kompetenzen statt gesellschaftlicher Verantwortung

Kreativität und Innovationsgeist, das Finden und Schaffen von wirkungsvollen und effektiven Lösungen komplexer technischer Probleme, sachliche wirtschaftliche Problemanalysen, ressourcengerechte Nutzung von Rohstoffen, energieeffiziente Herstellung von Produkten. Die Technik steht bei Ingenieursstudiengängen nicht nur dominierend im Vordergrund, sie ist neben den naturwissenschaftlichen Grundlagefächern (Mathematik, Chemie, Physik und Co) häufig der einzige Bestandteil des Studiums. Auch in der Mathematik, der Informatik und naturwissenschaftlichen Studiengängen stehen vor allem theoretische Ansätze, um die Komplexität des Universums zu erklären, sowie Formeln und Symbole, um die Realität zu beschreiben, auf dem Studienplan. Studierende der MINT-Studiengänge lernen zu forschen, zu konstruieren, technische Systeme zu analysieren, zu programmieren, zu produzieren und vieles mehr. Die Grundlagen für den späteren Berufsalltag, beispielsweise technisch fundierte Entscheidungen zu treffen, werden geschaffen. Die Rahmenbedingungen eines Studiums im MINT-Bereich bieten den Studierenden jedoch wenig bis keine Möglichkeiten innerhalb ihrer Studienzeit ein Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Verantwortung zu entwickeln und ihr Schaffen durch kritisches Denken zu hinterfragen.

Ethik der technologischen Weiterentwicklung fest im MINT-Studium verankern

Durch die fehlenden Rahmenbedingungen, die ein Bewusstsein und eine Sensibilität schaffen könnten, wird Studierenden die Chance genommen, über die mögliche Tragweite ihrer Entwicklungen nachdenken. Chancen, Gefahren und Problematiken werden nur im technischen bzw. theoretischen Kontext beleuchtet, gesellschaftliche und ethische Risiken werden hingegen nicht thematisiert.

Sowohl durch Produkte aus der ingenieurstechnischen Entwicklung, als auch durch Forschungserkenntnisse aus dem restlichen MINT-Bereich können neue Möglichkeiten für die Gesellschaft entstehen. Jede Gesellschaft kann von ihnen profitieren und einen Nutzen aus ihnen ziehen. Allerdings muss die Entstehung vieler für uns nützliche Systeme stets kritisch betrachtet werden. Bei der Weiterentwicklung von Autos, Flugzeuge, Navigationssysteme, naturwissenschaftlicher Forschung oder dem Internet müssen die möglichen Folgen diskutiert und abgewogen werden. Ebenso darf der Hintergrund und die Entstehungsgeschichte solcher Errungenschaften nicht außer Acht gelassen werden.

Die Dual-Use-Problematik[1] zeigt, wie schwer es für Ingenieur*innen, Mathematiker*innen, Informatiker*innen und Naturwissenschaftler*innen sein kann, die Auswirkungen ihrer Entwicklungen abzuwägen. Um dem Missbrauch technischer Systeme und naturwissenschaftlicher Forschung vorzubeugen, ist es notwendig, dass Studierende in die Dual-Use Überlegungen miteinbezogen und für diese sensibilisiert werden. Dieser Aspekt wird jedoch an vielen Hochschulen überhaupt nicht oder nicht ausreichend behandelt, hierdurch wird es versäumt den Studierenden eine mögliche Grundlage zu schaffen, frei und selbstbestimmt Entscheidungen im Bereich dieser Thematik treffen zu können. Zudem ist durch die fehlende Aufklärung auf diesem Gebiet vielen Studierenden nicht bewusst, welche Auswirkungen ihr berufliches Handeln haben kann. Technische Entwicklungen stehen in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, reproduzieren Machtgefälle und Diskriminierungen und können diese sogar verstärken. Die Diversität der Menschen wird bei technischen Entwicklungen nicht mitgedacht. Das betrifft die Gestaltung von barrierefreien Nutzer*innen-Oberflächen, die Ergonomie von Arbeitsplätzen oder auch besonders fatal in der Medizintechnik.

Ebenso wird weder die historische Dimension der militärischen Forschung von Ingenieur*innen und Naturwissenschaftler*innen, noch die Rolle der Studierenden in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet. Sowohl die Universitäten, als auch die Technischen Hochschulen wurden verstärkt finanziell unterstützt, um die Forschung zur Umsetzung der Vier-Jahres-Pläne voranzutreiben. Das zur Verfügung stellen der eigenen Ideen, technische Entwicklungen und naturwissenschaftliche Errungenschaften für die Tötungs- und Kriegsmaschinerie wird in Vorlesungen und Tutorien nicht thematisiert. Dieses Versäumnis widerspricht unserer Auffassung einer umfassenden Aufarbeitung und Aufklärung der NS-Zeit.

Mathematiker, Naturwissenschaftler, Informatiker, Ingenieur? Mathematiker*innen, Naturwissenschaftler*innen, Informatiker*innen, Ingenieur*innen!

MINT-Studiengänge sind weiterhin männerdominiert und bei weitem nicht frei von Sexismus und Anti-Feminismus. Professoren der „alten Schule“ reproduzieren in vielen Vorlesungen den Studierenden weiterhin ein patriarchales Weltbild und diskriminieren weibliche* Studierende offen in ihren Veranstaltungen.

Im Rahmen des Studiums werden die Aspekte der Geschlechterungleichbehandlung in der Geschichte und auch der Gegenwart der ingenieurswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Forschung nicht thematisiert und erst recht nicht hinterfragt. Um diesem Missstand entgegenzuwirken ist es essentiell, gerade in MINT-Studiengängen die herrschenden Geschlechterverhältnisse offen zu diskutieren und die Studierenden für diese zu sensibilisieren.

Auch auf die Forschung von Frauen*, ob vergangene oder gegenwärtige, muss mehr Aufmerksamkeit gerichtet werden, da sie in dem Bereich immer noch eine Minderheit darstellen und es ihnen schwergemacht wird, in der männlichen Domäne Fuß zu fassen. Die Forschung ist für Frauen* weiterhin schwerer zugänglich. Zum einen werden ihre Forschungsergebnisse nicht gleichwertig behandelt, wie die ihrer männlich sozialisierten Kollegen. Zum anderen werden sie durch die männlich dominierte wissenschaftliche Sphäre an ihrem Vorankommen gehindert.

Das hat weitreichende Folgen: durch die herrschenden Geschlechter und Machtverhältnisse in den Naturwissenschaften liegt dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung ein durch und durch heteronormatives und männlich geprägtes Verständnis zugrunde. Dies steht einem diversen und kritischen Blick auf Forschungsergebnisse und Innovationen im Wege und birgt insbesondere in Zeiten, in denen der technische Fortschritt sämtliche Lebensbereiche betrifft, große Risiken für die Gleichberechtigung der Geschlechter.  Die Juso-Hochschulgruppen fordern eine Professor*innen-Quote von mindestens 50% auch im MINT-Bereich.

Fachliche Kompetenzen und gesellschaftliche Verantwortung

Ziel eines jeden Studiums muss es sein, die Vermittlung der wissenschaftlichen Kompetenzen immer mit ihren gesellschaftlichen Aspekten zu kombinieren. Kritisches Denken und die Reflexion des Gelernten müssen auch in den MINT-Wissenschaften Standard werden. Nur so kann diese Forschung auch einen Fortschritt für die Gesellschaft darstellen und sie voranbringen.

Die Ausbildung von fachlich übergreifenden Qualifikationen ist essentiell, um dieses Ziel zu erreichen. Doch fachlich übergreifende Qualifikationen dürfen nicht allein bedeuten, dass innerhalb der MINT-Studiengänge ein reger Austausch besteht und thematische Zusammenhänge als Grundlage für fachbereichsübergreifende Veranstaltungen dienen. In diesem Kontext muss auch der Austausch zwischen Geistes- /Gesellschaftswissenschaften und MINT-Wissenschaften gefördert werden. Das Schaffen eines Austausches zwischen Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen fördert eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten und Teilbereichen der unterschiedlichen Disziplinen. Hierdurch entstehen fachlich übergreifende Qualifikationen, die sowohl für die späteren Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler*innen, als auch für die Studierenden eines MINT-Studiengangs von großer Bedeutung sind. Ein solcher Austausch kann beispielsweise durch interdisziplinäre Projektarbeiten geschaffen werden.

Darüber hinaus muss Gender und Diversity in allen Bereichen mitgedacht werden. Bei der Gestaltung der Digitalisierung uns insbesondere bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen hat Technik das Potenzial Barrieren abzubauen und Chancengerechtigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr gesellschaftliche Unterschiede zu reproduzieren und Barrieren so zu erhöhen. Diese Chancen und Risiken, sowie die verschiedenen Anforderungen verschiedener Nutzer*innen-Gruppen an Technik müssen in MINT-Studiengängen vermittelt werden.

Im Zeitalter der Digitalisierung ist die Kombination des Wissens über Mensch, naturwissenschaftliche Abläufe und technische Systeme für die Gesellschaft wichtiger denn je, weshalb auch dies ein elementarer Bestandteil des MINT-Studiums sein muss.

Deshalb fordern wir:

  • Bezüge zur Gesellschaft und der gesellschaftlichen Verantwortung von Ingenieur*innen und Naturwissenschaftler*innen müssen im MINT-Studium breit verankert sein und in jeder Veranstaltung/Vorlesung thematisiert werden.
  • Die vorläufige Eingliederung eines Moduls in den Lehrplan von Ingenieursstudiengängen, welches Studierende die Fähigkeiten vermittelt und die Räume bietet, ethische Probleme neuer technologischer Entwicklungen, technikpolitische Zukunftsfragen und Fragen der politischen Gestaltung und Steuerung von Technikentwicklung unter Berücksichtigung ihres gesellschaftlichen und politischen Kontextes zu reflektieren. Diese Module müssen zwingend so gestaltet sein, dass Studierende ausreichend Zeit und Raum haben, um sich mit der Thematik zu befassen. Des Weiteren müssen diese Module für Studierende ansprechend sein.
  • Die Thematisierung der Dual-Use-Problematik
  • Gender und Diversity muss in allen Bereichen von MINT mitgedacht werden.
  • Die Forschung von Frauen* gezielt zu fördern und ihre Arbeit ebenwertig, derer von Männern* zu behandeln.
  • Die Sensibilisierung Studierender und Lehrender im Sinne feministischer Wissenschaftskritik
  • Eine verpflichtende Aufarbeitung der Rolle der MINT-Wissenschaften in der Geschichte muss in den Lehrplan integriert werden. Ein besonderes Augenmerk muss hierbei auf die NS-Zeit gerichtet werden.
  • Zu weiterführenden Projektwochen sollten auch Studierende von Gesellschaftswissenschaften und MINT-Fächern gemeinsam an offenen Diskussionsrunden zu technisch-philosophischen Themen teilnehmen, um ein besseres interdisziplinäres Verständnis zu erlangen.
  • Frauen* sollte nach dem Studium der Einstieg in die Forschung besonders in den männerdominierten MINT-Fächern erleichtert werden.
  • Nachhaltig soll der Sexismus und Anti-Feminismus von Forscher*innen in diesen Fächern bekämpft werden.

Für ein kritisches Studium, auch in den MINT-wissenschaftlichen Studien!



[1]Die Doppelnutzung von technischen Systemen für gesellschaftliche ebenso wie für militärische Zwecke.

 

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