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Sexarbeit - weder Sex noch Arbeit

In den letzten Jahren wurde sich im feministischen Diskurs darum bemüht, von einem gesellschaftlich stigmatisierten Begriff der Prostitution hin zu einem anerkennenden Begriff der Sexarbeit zu gelangen. Dabei wurde versucht sich vom gesellschaftlichen Stigma, welches in der Regel mit Prostitution einhergeht, zu befreien und die Selbstbestimmungsrechte von Frauen* zu stärken und zu stützen. In diesem Zusammenhang wird auch versucht, bessere Arbeitsverhältnisse für Prostituierte zu schaffen, um diese aus der Illegalität und Kriminalität in eine überwachbare Sphäre zu ziehen. Dieser Anspruch ist an sich nicht falsch, doch wird durch die begriffliche Übung ein “Als-ob” simuliert, also eine progressive Konzeption von Sexarbeit in einer Gesellschaft freier Menschen. Die Frage aber, ob Sexarbeit in einer solchen Gesellschaft überhaupt eine Legitimation haben kann und darf, wird dabei nicht berührt. Die subjektiven Voraussetzungen einer Gesellschaft, in der Prostitution möglich ist und nötig erscheint, also das Bedürfnis, Sex käuflich zu erwerben, verschwinden hinter einem vermeintlichen sexuellen Selbstbestimmungsrecht der sich prostituierenden Frauen*. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit Erwerbstätigkeit im Kapitalismus überhaupt als freiheitliche Entscheidung verstanden werden kann. Als sozialistischer Verband legen wir unserer Analyse stets ein Patriarchatskonzept zugrunde. Prostitution ist keine Arbeit wie jede andere, sondern wird sowohl kapitalistisch als auch patriarchal bedingt und zählt nur zur reproduktiven Arbeit. Reproduktive Arbeit ist vor allem durch Unsicherheit und Unsichtbarkeit geprägt, sowie keine oder schlechte Bezahlung, die vor allem von Frauen* ausgeübt wird. Diese wird stets durch den Wert von der Arbeit von Frauen* in der Gesellschaft bedingt und ist somit nie gleich viel wert, wie die Arbeit von stetigen Abhängigkeitsverhältnis und dem gleichen negativen Zusammenhang – dem Patriarchat. Der Tausch von Sex und in dem Fall auch von menschlichen Körpern gegen Geld, verschleiert die vorherrschen Verhältnisse, die wirtschaftlichen Zwänge und somit auch das Kapitalistische Patriarchat. In einem Modell der kapitalistischen Gesellschaft bedeutet Arbeit stets eine Form von Ausbeutung. Besonders in diesem Fall gilt es jedoch die Systemkritik in den Vordergrund zu stellen. Die Individuen und deren persönlichen Entscheidungen, die den systemischen Zwängen unterworfen sind, sollen von der Kritik unberührt bleiben. Zudem sind in diesem Bereich die Übergänge von Prostitution zu Sexarbeit nicht klar abgrenzbar.

Prostituierte sind in den aller meisten Fällen Frauen*, was vor allem an den vorherrschenden patriarchalen Machtverhältnissen liegt. Diese Analyse will nicht die Existenz Prostituierter anderer Geschlechter, häufig Trans- und Interpersonen, negieren, sondern spiegelt die gesellschaftliche Realität wider, die sich auf Grund des Patriarchats darstellt. In der Regel veranlassen multikausale und prekäre Situationen und Gründe Frauen* dazu sich zu prostituieren bzw. ermöglichen es, dass Frauen* zur Prostitution gezwungen werden können. Hier lassen sich u. a. Drogenabhängigkeit, unsicherer Aufenthaltsstatus, nicht ausreichender Lebensunterhalt unter Umständen der gesamten Familie, emotionale Abhängigkeiten etc. nennen. Diese führen oftmals dazu, dass sich Frauen* kaum gegen Ausbeutung und riskante Praktiken wie z. B. ungeschützten Geschlechtsverkehr wehren können. Des Weiteren können fehlende finanzielle Eigenständigkeit und erschwerte oder nicht vorhandene Ausbildungsmöglichkeiten dazu führen, dass Frauen* ihren Erwerb mit Prostitution bestreiten müssen. Die objektiven Voraussetzungen, also im schlimmsten Fall tägliche Gewalt und Menschenhandel, die den Kauf von Körpern überhaupt erst ermöglichen, werden kaum noch thematisiert. Gewalt und Erniedrigung erscheinen als die Lebensrealität eines Großteils der Prostituierten. Ihr Leid darf nicht hinter vermeintlicher Selbstbestimmung verschwinden, sondern muss - vor allen begrifflichen Umdeutungen - Ausgangspunkt einer Kritik der Prostitution sein. Das neoliberale Argument der selbstbestimmten Arbeitswahl lässt sich in diesem Zusammenhang als vorgeschoben deuten. Das Kaufen von Sex versteht den menschlichen Körper als Ware, welche dem Freier jederzeit zur Verfügung zu stehen hat. Die Kritik an der Objektifizierung von Körpern bspw. in der Werbeindustrie erscheint inkonsequent, wenn wir uns blind machen für diese radikalste Form der Objektifizierung menschlicher Körper.

Die Bezeichnung von herkömmlicher Prostitution als Sexarbeit ist eine Relativierung. Prostitution stellt eine immense Gefahr für die physische und psychische Gesundheit der Prostituierten dar und kann auf Grund dessen nicht als eine Form gewerblicher Arbeit wie jede andere verstanden werden. Laut einer Studie gaben 68% der befragten Prostituierten an, Gewalt mit Lebensbedrohung erlebt zu haben. Mehr als die Hälfte erklärte, bereits vergewaltigt worden zu sein. In diesen Fällen waren vor allem ‘Sexkäufer’ die Ausübenden von sexueller und körperlicher Gewalt.

In der Debatte um Prostitution muss bedacht werden, dass sich zum einen Frauen* aufgrund fehlender sozialer Absicherungsmaßnahmen prostituieren und zum anderen Frauen* und Mädchen, die häufig aus anderen Ländern verschleppt wurden, zwangsprostituiert werden. Scheindebatten um sogenannte selbstbestimmte Prostituierte ignorieren das tägliche Leid, dem sich der Großteil der, allzumal in der Regel aus anderen Ländern verschleppten, Prostituierten in Deutschland ausgesetzt sehen. Besonders diese Frauen* und Mädchen sind gefangen in einem Bannkreis aus Verschleppung, Erniedrigung und Sklaverei, in welchem sie aufgrund ihrer Sprachlosigkeit vollends zu Objekten unterworfen werden und an dessen Ende Vergewaltigung, Körperverletzung und schlimmstenfalls Mord stehen. Dem Kauf von Frauen* in Form von Prostitution muss daher in jeder Form widersprochen werden.

Als Maximalziel bzw. Utopie einer Gesellschaft frei von Zwängen wünschen wir uns einen Zustand, in dem Prostitution überflüssig wird. Dass dies nur durch einen Prozess geschehen kann, steht außer Frage. Dieser Prozess muss vor allem konkrete Maßnahmen beinhalten, um die aktuelle Situation der Prostituierten zu verbessern und diese nach bester Möglichkeit zu schützen. Diese dürfen nie dazu führen, dass Prostituierte kriminalisiert und diskriminiert werden. Über rechtliche Belangung der Freier sollte jedoch durchaus nachgedacht werden. Ergänzend muss es ein enges Netz von Auffangmaßnahmen für Frauen* geben, welches ihnen die Möglichkeit gibt ihr Leben auch abseits von Prostitution führen zu können. Dabei lassen sich der Ausbau entsprechender Beratungsmaßnahmen sowie Maßnahmen finanzieller Absicherung nennen, außerdem der Einsatz von Streetworker*innen, die Prostituierte gezielt unterstützen. Hinsichtlich des Ergreifens von Maßnahmen muss der Fokus besonders auf der Übergangsphase nach dem Ausstieg aus der Prostitution liegen. Für die Frauen* in dieser Situation müssen konkrete Maßnahmen der Ausbildung und Beratung angeboten werden, um eine stabile Lebensführung zu ermöglichen und eine gewerbliche Arbeit aufnehmen zu können. Das Abrutschen der Prostituierten in kriminelle Strukturen und möglicherweise schlechtere Lebensumstände soll damit verhindert werden. Eine enge Zusammenarbeit mit Prostituierten-Verbänden ist dabei unabdingbar.

Wir fordern:

  • Einer begrifflichen Gleichstellung von Prostitution als “Sexarbeit” entgegenzutreten, da dieser Begriff suggeriert, dass es sich um ein „gewöhnliches“ kapitalistisches Arbeitsverhältnis handelt und die sexuelle Ausbeutung auf Grund von patriarchalen Strukturen außer Acht lässt.
  • Prostitution langfristig als Form der gewerblichen Arbeit abzulehnen
  • Die strafrechtliche Verfolgung von Freiern als mögliche Option für die Eindämmung insbesondere von Zwangsprostitution zu erwägen
  • Menschenhandel nachhaltig strafrechtlich zu verfolgen
  • Die Ausweitung des Einsatzes von Streetworker*innen und Sicherung entsprechender finanzieller und sozialer Leistungen sowie Schutzmaßnahmen für Frauen*, die derzeit finanziell auf Prostitution angewiesen sind.
  • Ausbau und Finanzierung von anonymen und kostenlosen Angeboten der Krankenversorgung.
  • Die besondere und alle Ebenen umfassende Unterstützung von Frauen*, die sich in der Übergangsphase zwischen Prostitution und einer anderen gewerblichen Arbeit befinden
  • Eine enge Zusammenarbeit mit Prostituierten-Verbänden
  • Die Unterbindung von finanziellen Erwerbsmöglichkeiten für Dritte aus dem Verkauf von Sex (Bordellbesitzer*innen und Zuhälter*innen). Verträge dürfen nur noch zwischen der Prostituierten und dem Freier direkt geschlossen werden und nicht über Dritte (Zuhälter, Bordelle etc.) laufen.
  • Das Verbot aus Prostitution Steuereinnahmen zu erwirtschaften
  • Politische Bildungsarbeit in den Verband zu tragen und das Thema Prostitution sowohl in den Hochschulgruppen als auch an der Hochschule selbst zu thematisieren und Aufklärungsarbeit in dem Themenfeld anzubieten. Dieser Antrag bildet einen Debattenaufschlag zru Diskussion im Verband über dieses Thema und keine abschließende Analyse. Es sollen klar sichtbare Anlaufstellen geschaffen werden.

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