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Barrieren sichtbar machen und sprengen – Für Inklusion sensibilisieren!

Inklusion beschäftigt und als Verband auf allen Eben seit jeher. Trotz vielseitigem Engagement von verschiedenen Verbänden verbessert sich die Situation an den Hochschulen für Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Krankheiten jedoch kaum oder nur sehr schleppend. Egal ob bei der Studienortwahl, bei Prüfungen oder im Studienalltag – für viele ergeben sich hier besondere Herausforderungen, bei denen sie keine ausreichende Unterstützung erfahren. Wir fordern einen strukturellen Wandel an den Hochschulen, der Barrierefreiheit schneller und zugleich kontinuierlich umsetzt.

Insbesondere im Hochschulraum setzen wir uns für ein inklusives Studium und einen inklusiven Studienalltag ein. Inklusiv bedeutet für uns die gleichberechtigte, selbstbestimme Teilhabe aller Menschen an unserer Gesellschaft. Unter der Prämisse, dass die Verschiedenheit der Menschen der Normalzustand ist, müssen Strukturen geschafften werden, die diese Teilhabe unabhängig von Geschlecht, Alter, (sozialer) Herkunft, Religion, Behinderungen oder sonstigen Merkmalen für alle ermöglichen. Inklusion ist für uns dabei kein für sich alleinstehendes Anliegen, denn Barrieren begegnen uns überall: in unserer politischen Arbeit, in den Hochschulen, im Alltag. Diese können nicht losgelöst von der Gesellschaft abgebaut werden, vielmehr müssen sie in jedem Lebensbereich aufgezeigt und abgebaut werden. Inklusion stellt deshalb ein Querschnittsthema dar, das an jedem Ort und zu jeder Zeit mitbedacht werden muss. Dabei gilt es, nicht nur die sichtbaren und offensichtlichen Barrieren einzureißen. Auf alle strukturellen, baulichen, kommunikativen, sowie Barrieren in den Köpfen muss gleichermaßen aufmerksam gemacht werden. Daher braucht es sowohl ein grundsätzliches Verständnis, was Inklusion für uns bedeutet, als auch das Bewusstsein für jede Barriere, die Menschen in ihrem Leben begegnet. Dabei reicht das Bewusstsein allein für uns jedoch nicht aus, um eine inklusive Gesellschaft Realität werden zu lassen. Vielmehr müssen wir bewusst und zielgerichtet Maßnahmen ergreifen, um die Teilhabe aller Menschen zu gewährleisten.

Was bisher geschah…

Für uns Juso-Hochschulgruppen ist Inklusion ein Thema, das von verschiedenen Seiten angegangen werden muss. So haben wir Grundsatzforderungen für die Hochschulen, aber auch für Schulen und frühkindliche Bildung formuliert. Wir machen deutlich, dass wir uns nicht damit zufriedengeben, allein bei der Überwindung von Hürden zu unterstützen. Denn für jeden Menschen können sich unterschiedliche Barrieren ergeben, für die unterschiedliche Voraussetzung für die Überwindung dieser notwendig wäre. Deshalb fordern wir Barrieren konsequent und kontinuierlich abzubauen. Neben unserer langfristigen Vorstellung einer inklusiven Hochschule und Gesellschaft, haben wir uns mit verschiedenen spezifischen Themen auseinandergesetzt. Jede einzelne Barriere muss sichtbar gemacht und analysiert werden, um anschließend konkrete Lösungsansätze zu fordern. So haben wir uns mit Bodyshaming, Unterstützung für Gehörlose an den Hochschulen, psychischen Krankheiten und weiteren Themen detailliert beschäftigt. Für uns gilt es, diese Grundlage zu festigen, stetig auszubauen und zu erneuern.

Best2? Eher Worst1!

Die Relevanz von Inklusion ist spätestens nach der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 auch in der BRD deutlich geworden. In der Verabschiedung geht es um Menschen, deren länger andauernde gesundheitlichen Beeinträchtigungen sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern. Leider hat sich in dem Bereich in den letzten zehn Jahren nur wenig getan. Um die aktuelle Situation für Betroffene an den Hochschulen feststellen zu können, gab es im Wintersemester 2016/17 eine Datenerhebung – die best2 Studie.[1]

Bereits beim Zugang zum Studium zeigen sich ersten Barrieren. So wirkt sich bei circa einem Fünftel der Betroffenen die Beeinträchtigung stark auf die Studienentscheidung aus. Die Zahl derer, die nicht in ihrem Wunschstudiengang studieren hat sich mit 9% im Jahr 2011 auf 20% im Jahr 2017 mehr als verdoppelt. Die ausschlaggebenden Faktoren sind dabei die eingeschränkte Studierbarkeit, schlechte Zukunftsaussichten, fehlende Unterstützung an den Hochschulorten, sowie das Abraten des persönlichen Umfelds oder externer Berater*innen. Zusammen mit der Tatsache, dass es zudem an barrierefreien Erstinformationsmöglichkeiten in einfacher Sprache mangelt, führen diese Umstände bei den Studieninteressierten schnell zu Frustration und bewirken im schlimmsten Falle, dass die Studienpläne ob dem schieren Aufwand begraben werden. Für die Betroffenen bedeutet dies letztendlich eine indirekte Exklusion. Zudem hatten 40% der Studierenden Schwierigkeiten bei der Nutzung von Zusatzanträgen zur Kompensation beeinträchtigungsbezogener Nachteile im Zulassungsverfahren, aufgrund von unklaren und intransparenten Voraussetzungen bei der Erbringung von Nachweisen.

Solche Hürden ziehen sich durch das gesamte Studium weiter. So geben neun von zehn der befragten Studierenden an, auf beeinträchtigungsbezogene Schwierigkeiten bei der Organisation und Durchführung ihres Studiums, sowie bei Prüfungs- und Lernsituationen zu stoßen. Doch nicht nur bei der Erbringung von Leistungsnachweisen stehen viele vor Hürden. Auch beim sozialen Miteinander, Kontakten, bedarfsgerechter Ausstattung oder der Kommunikation mit der Hochschule stehen viele vor besonderen Herausforderungen. Die Schwierigkeiten bei der Erbringung von Leistungsnachweisen ergeben sich hierbei am häufigsten durch die hohe Prüfungsdichte. So entsteht durch die Masse an erforderlichen Leistungsnachweisen, die Prüfungsdauer, Abgabefristen, sowie die eingeschränkte Möglichkeit der Verschiebung oder Wiederholbarkeit eine zusätzliche Barriere, die mit enormem Druck für die Studierenden verbunden ist. Ebenso sind Anwesenheitspflicht und unflexible Stundenpläne nur schwer mit verschiedenen Beeinträchtigungen vereinbar. Zu beachten ist weiterhin, dass fehlende Ruhe- und Rückzugsräume die Studiendurchführung erheblich erschweren.

Zur Kompensation beeinträchtigungsbezogener Schwierigkeiten stellen die Hochschulen Möglichkeiten wie beispielsweise den Nachteilsausgleich bereit. Diese Angebote werden jedoch nur selten – in weniger als einem Drittel der Fälle – in Anspruch genommen. Gründe hierfür sind Unklarheiten über die Anspruchsberechtigung, die Hemmung Verantwortliche anzusprechen und die Ablehnung von „Sonderbehandlungen“. Aufgrund dessen entwickeln Betroffene häufig eigene Strategien zur Kompensation der beeinträchtigungsbezogenen Schwierigkeiten. So haben 58% der Befragten lediglich eigene Maßnahmen zur Kompensation angewendet. Die Hauptunterstützer*innen sind hierbei die Familie, Freund*innen und Kommiliton*innen, sowie Ärzt*innen und Therapeut*innen. Die Inanspruchnahme von spezifischen Beratungsangeboten hat sich hingegen seit 2011 deutlich erhöht (24% vs. 33%). Insbesondere Studierende mit psychischen Erkrankungen und mit Mehrfachbeeinträchtigungen nutzen die Beratungsangebote. Dabei werden die Beratungen durch Hochschulberatungsstellen für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen als besonders hilfreich gewertet. Menschen mit chronischen Krankheiten oder Teilleistungsstörung beanspruchen spezifische Beratungsangebote kaum. Trotz des deutlichen Anstiegs der Inanspruchnahme von Beratungsangeboten haben circa zwei Drittel der Betroffen kein Beratungsgespräch aufgenommen. Insbesondere Studierende in fortgeschrittenen Semestern geben jedoch an, sich mehr Unterstützung in der Studieneingangsphase bzgl. Prüfungen, Organisation oder Hilfsmittel gewünscht zu haben.

Zusätzlich ergibt sich für viele Betroffene eine schlechte finanzielle Situation. Insbesondere beeinträchtigungsbezogenen Zusatzkosten spielen hierbei eine große Rolle, da diese Kosten weder im Rahmen von BAföG, noch Stipendien geltend gemacht werden können. Diese entstehen bei 64% der betroffenen Studierenden. Darunter fallen Kosten für Medikamente, ärztliche Behandlungen, Therapien, Ernährung oder Hygieneartikel und beeinträchtigungsbezogene Fahrtkosten für Behandlungstermine. Lediglich 3% der Studierenden mit Zusatzkosten erhalten Sozialleistungen für Leistungen der Krankenversicherung, technische Hilfsmittel oder Eingliederungshilfeleistungen.

Von der Studiendurchführung, über Studienfinanzierung, Information und Beratung, bis hin zu mehr Awareness: Damit ein freies und selbstbestimmtes Studium an jeder Hochschule gelebter Alltag ist, muss sich noch vieles ändern!

Inklusion statt Disability

So heterogen wie Menschen sind, so heterogen sind Behinderungen und Krankheiten, sowie die Barrieren, denen Betroffene gegenüberstehen. Ein Viertel aller Studierenden ist von mehr als einer Beeinträchtigung betroffen. Am stärksten wirken sich hierbei nach eigenen Angaben psychische Erkrankungen (53%), chronisch-somatische Erkrankungen (20%), andere länger dauernde Erkrankungen (6%), Bewegungsbeeinträchtigungen und Teilleistungsstörungen (4%), sowie Hör-/Sprechbeeinträchtigungen und Sehbeeinträchtigungen (3%) aus. Aufgrund von unterschiedlichen Beeinträchtigungen können auch unterschiedliche Bedürfnisse entstehen. Dazu gehören unter anderem bauliche Barrierefreiheit, bestimmte räumliche Bedingungen, barrierefreie Dokumente, personelle oder technische Hilfsmittel, Ruhe- und Rückzugsräume, Kommunikationsassistenzen, gute Hörverhältnisse oder spezielle Sichtverhältnisse.

Nicht nur die Form der Beeinträchtigungen sind verschieden, sondern auch die zeitliche Dimension. So können die Beeinträchtigungen schubweise oder häufig bis dauernd auftreten. Auch das erstmalige Auftreten der Beeinträchtigung spielt eine große Rolle. So benötigen Studierende, bei denen die Beeinträchtigung im Studium das erste Mal auftritt, möglicherweise Zeit, sich an die neue Lebenssituation zu gewöhnen und eigene Strategien zur Bewältigung der beeinträchtigungsspezifischen Schwierigkeiten zu entwickeln.

Weiterhin ergeben sich große Unterschiede in der Wahrnehmbarkeit der Beeinträchtigung durch Dritte. Bei ca. zwei Drittel der Betroffenen sind die Beeinträchtigungen auf Anhieb nicht für Dritte erkennbar. Insbesondere bei der Bewilligung von Nachteilsausgleichen kommt dem eine große Bedeutung zu. So ist es für Studierende mit nicht-wahrnehmbaren Beeinträchtigungen häufig schwerer eine Bewilligung zu bekommen oder ihre Belange gegenüber Lehrenden, Prüfenden oder Kommiliton*innen durchzusetzen. Für uns ist deshalb wichtig, Beeinträchtigungen nicht nur da zu sehen, wo sie offen auftreten, sondern unser Bewusstsein für jegliche Formen von Beeinträchtigungen zu sensibilisieren und stets weiterzuentwickeln. Einer unserer wichtigsten Schwerpunkte im Bereich Inklusion ist daher die Bildungsarbeit. Dabei sehen wir nicht Betroffene in der Bringschuld, immer und überall über ihre Beeinträchtigungen und Lösungsvorschläge zu sprechen. Aufgrund der häufigen Doppel- oder Mehrfachbelastung von Betroffenen, sehen wir uns alle in der Pflicht, uns selbst weiterzubilden und zu sensibilisieren, Lösungsvorschläge zu erarbeiten und diese zu verbreiten.

Ein Kriterium für die bessere Wahrnehmung ist die amtliche Feststellung der Behinderungen. Im Jahr 2017 hatten lediglich 15% der betroffenen Studierenden eine amtliche Feststellung. Dabei erhalten Studierende mit psychischen Krankheiten oder Teilleistungsstörungen (Bsp. Legasthenie, Dyslexie, Dyskalkulie) am Häufigsten negative Bescheide. Dadurch zeigt sich, dass das Verständnis für die Vielfalt von Beeinträchtigungen immer noch in weiten Teilen fehlt. Deutlich wird auch, dass Beeinträchtigungen bei Männern öfter wahr- und ernstgenommen werden. So erhalten Frauen deutlich öfter einen negativen Bescheid, insbesondere bei Teilleistungsstörungen (42% vs. 29%). Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung ist außerdem vielfach ein Beweggrund dafür, eine Behinderung überhaupt nicht erst amtlich feststellen zu lassen.

Reißt ihre Barrieren ein

Um die Vereinbarkeit von Beeinträchtigung und Studium zu gewährleisten, muss sich vor allem die Prüfungsstruktur wandeln. Prüfungsphasen müssen flexibler gestaltet werden, indem mehr Prüfungstermine angeboten werden, zwischen denen ein größerer Abstand liegt. Gleichzeitig müssen sich die Prüfungsmodalitäten, wie die An- und Abmeldungen und Fristen, flexibler gestalten und die Prüfungssituationen an die zu Prüfenden angepasst werden, insbesondere bezüglich Zeit und Dauer, Räumlichkeiten, Lautstärke oder Beleuchtung und Art der Prüfung. Während die einen ihre Stärke in mündlichen Prüfungen sehen, können die anderen ihr Wissen in Hausarbeiten besser preisgeben.

Gleichzeitig muss das Lernpensum angepasst und flexibilisiert werden. Hohe Modulanzahl im Semester, viel Lesestoff und die Forderung, so viele ECTS-Punkte wie möglich zu machen, sind kaum umsetzbar. Egal ob Studierende mehr Zeit beim Lernen brauchen, krankheitsbedingt ausfallen, nebenher arbeiten, sich ehrenamtlich engagieren oder ihren Hobbies nachgehen – neben Vorlesung, Seminar und Hausarbeit muss noch Zeit übrigbleiben! Die Abschaffung der Anwesenheitspflicht ist hierbei ein wichtiger Schritt in Richtung Freiheiten und Selbstbestimmung im Studium.

Auch die Lehre an Hochschulen ist noch verbesserungswürdig. Egal ob Pausen während der Vorlesungen oder die Abschaffung von verpflichtenden Gruppenarbeiten – die Lehre muss offener und flexibler werden. Zudem muss auch das Lehrmaterial aber auch barrierefrei zugänglich sein. Lehrende müssen besser sensibilisiert werden, zum Beispiel für Sehbehinderungen und barrierefreie Materialgestaltung. Ebenfalls würde das Bereitstellen von Folien und Mitschnitten das Lernen erleichtern, damit Studierende nicht darauf angewiesen sind, während der Vorlesung alles schnell mitzuschreiben. Trotzdem braucht es aber auch Schreibplätze mit Steckdosen und WLAN für jede*n Studierende*n, damit alle auf die eigene Art und in eigenem Tempo bestmöglich an den Vorlesungen teilnehmen können.

Weiterhin schränkt die starre Studienorganisation viele Studierende stark ein. Um ein Studium allen zu ermöglichen, müssen Studienverlaufspläne flexibilisiert werden. Durch mehr Entscheidungsfreiheit bei der Anzahl von Modulen oder dem Umfang der Prüfungsleistung, kann das Studium an die Studierende und nicht andersherum angepasst werden. Damit die Flexibilisierung ohne zeitlichen Druck und Zwänge gewährleistet wird, muss das Teilzeitstudium erleichtert und geöffnet werden und auch nach längeren Krankheitsphasen nachträglich als ein solches gewertet werden. Weiterhin sollen Pflichtveranstaltungen sowohl im Sommer- als auch im Wintersemester angeboten werden, um lange Wartezeiten zu vermeiden.

Die meisten Hochschulgebäude sind nicht nur marode, auch die bauliche Barrierefreiheit stammt aus einem anderen Jahrhundert. Dazu gehören fehlende Aufzüge, die das Betreten bestimmter Räume oder Gebäudeteile unmöglich machen. Damit gerade Menschen mit körperlicher Behinderung keine Probleme haben, in den teils kurzen Pausen zwischen den Vorlesungen einen Weg zu dem nächsten Hörsaal zu finden, weil der barrierefreie Zugang sich an Neben- oder Hintereingängen befindet, muss jeder Hochschule einen barrierefreien Plan erstellen, der alle möglichen Zugänge, Aufzüge, usw. darstellt, welcher zum Beginn des Studiums ausgehändigt wird und an allen Informationsstandorten bereitgestellt wird. Aber auch hier ergeben sich nicht-sichtbare Barrieren: Schlechte Beleuchtungen und Belüftungen, fehlende Markierungen von Gefahrenstellen, Dauersonneneinstrahlung, Teppiche, die Hausmilben und Pollen aufnehmen oder nicht verstellbare Sitzgelegenheiten. Aber auch barrierefreie Fluchtwege gehören an den meisten Hochschulen zur Ausnahme. Dazu kommen kaum oder nicht vorhandene Ruhe- und Rückzugsräume. Das sind nur einige von vielen Gründen, die Studierenden die Nutzung von Hochschulgebäuden erheblich erschweren.

Neben Lehre und Lernen muss sich die Kommunikation mit der Verwaltung und den Beratungsangeboten verbessern. Um Diskriminierungen entgegenzuwirken, fordern wir spezielle Schulungen für Verwaltungsmitarbeiter*innen, um auf beeinträchtigungsbezogene Bedürfnisse besser eingehen zu können. Solange Menschen mit Behinderungen noch immer Diskriminierungen ausgesetzt sind, als faul dargestellt werden oder ihnen die Kompetenz für ihr Studium abgeschrieben wird, sind die Barrieren in den Köpfen noch lange nicht abgebaut.

Weiterhin müssen Informations- und Beratungsangebote ausgebaut werden. Die Informationen müssen leicht zugänglich, strukturiert und in klarer und verständlicher Sprache verfasst sein. Es muss deutlich hervorgehen, welche spezifischen (Beratungs-)Angebote vorhanden sind und wo diese aufzufinden sind. Die Beratungsstellen müssen schnell und ohne großen Bürokratieaufwand Termine vergeben können. Wichtig ist hierbei nicht nur der quantitative Ausbau an Beratungsangeboten, sondern auch der qualitative. Die Beratungsstellen müssen klare Kompetenzbereiche haben, in denen sie Expertise mitbringen, denn Behinderung ist nicht gleich Behinderung. So brauchen Menschen mit einer Sehbehinderung andere Unterstützungen, als Menschen mit einer chronischen Erkrankung.

Wesentlicher Bestandteil des Ausbaus der Informations- und Beratungsangebote, muss zudem die Einrichtung einer zentralen Online Beratungsstelle sein. Diese könnte etwa auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung eingerichtet werden. Aufgabe dieser Seite muss es sein, als möglichst barrierefreie erste Zugangsstelle, grundlegende Informationen zum inklusiven Studium in einfacher Sprache bereitzustellen. Explizit sind hier etwa grundlegende Informationen zur Studienvorbereitung sowie Studienfinanzierung zu nennen. Weiterhin müssen auf der Seite Informationen zu Beratungsstellen in der Nähe der/des potentiellen Studierenden zur Verfügung gestellt werden, nach Möglichkeit mit der Option, online einen Termin zur Studienberatung zu vereinbaren.

Die Hochschulen sind kein Ort, der losgelöst von Gesellschaft und Alltag gesehen werden kann. Was für das Studium gilt, ist daher auch in der Schule, in Ausbildungen und im Arbeitsleben von Bedeutung. Bereits zu Schulbeginn werden Kinder mit Beeinträchtigungen von anderen Kindern getrennt und in Förderschulen unterrichtet. Diese Situation erstreckt sich über das Schulleben bis zur Ausbildung und dem Berufsleben. So werden Menschen mit Beeinträchtigungen bei Bewerbungen für einen Job oft abgelehnt und haben häufig lediglich die Chance, in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, wo der Stundenlohn oft unter zwei Euro liegt. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die niedrige monatliche Pflichtabgabe bei Nichtbesetzung eines Pflichtarbeitsplatzes für Schwerbehinderte nach § 160 SGB IX deutlich anzuheben, um sowohl die Förderung weiterer inkludierender Maßnahmen zu finanzieren als auch einen stärkeren Anreiz zur Inklusion dieser an die Arbeitgeber*innen zu setzen. Wir müssen immer auch das gesamte Bildungssystem bis hin zur Arbeitswelt berücksichtigen und überall gegen exklusive Zustände kämpfen.

Nicht zuletzt ist die wohl wichtigste Veränderung, die es anzugehen gilt, mehr Verständnis und Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen. Das beginnt bei der Wahrnehmung von Betroffenen. Wir wollen alle Beeinträchtigungen sichtbar machen und dabei nicht undifferenziert von „Menschen mit Behinderungen“ sprechen, sondern auf die Vielfältigkeit von körperlichen und geistigen Behinderungen, psychischen und chronischen Erkrankungen, sichtbaren und nicht-sichtbarer Behinderungen, Teilleistungsstörungen und vielem mehr aufmerksam machen. Deshalb fordern wir einen Proaktiven Umgang mit Beeinträchtigungen. Dazu gehört insbesondere äußere Beeinträchtigungen und Hindernisse wahrzunehmen, die auf die Menschen von außen einwirken, und diese offen anzusprechen. Dadurch wird das Bewusstsein und die möglichen Auswirkungen der Beeinträchtigungen geschaffen. Eine wirkliche gesellschaftliche Transformation gelingt aber nur, wenn das Bewusstsein und Prävention im Lehramtsstudium und somit in der Schule verankert wird. Es sind die Systeme, die Beeinträchtigungen aufbauen, die alle Menschen betreffen können, die von einem konstruierten Ideal von „Normalität“ abweichen. Wir fordern die Integration des gesamten Themenkomplexes und die Berücksichtigung von der Kita bis zur Hochschule/Meister*innen-Schule und die Anerkennung von Inklusion als Querschnittsthema, das in allen Lebensbereichen bewusst und durch effektive Maßnahmen angegangen werden muss. Wo das System bisher versagt, sehen wir uns in der Pflicht immer und überall auf Missstände aufmerksam zu machen, uns mit Betroffenen zu solidarisieren und Barrieren einzureißen.

Unsere Forderungen:

  • Prüfungsphasen mit flexiblen Fristen, An- und Abmeldungen, in denen mehrere Prüfungstermine angeboten werden und die Prüfungsart frei gewählt werden kann.
  • Ein Lernpensum, dass selbst gestaltet werden kann durch freie Modulzahlen und Belegungen. Dabei setzten wir uns weiterhin für die Abschaffung der Anwesenheitspflicht ein.
  • Eine inklusive Lehre, die verschieden Bedürfnisse berücksichtig und die Teilhabe allen ermöglicht, sei es durch Ton- oder Videomitschnitte, Kommunikationsassistenzen oder barrierefreiem Material. Um das zu erreichen, müssen Lehrende entsprechend geschult werden.
  • Flexible und an die einzelnen Studierenden angepasste Studienorganisation, welche die Entscheidungsfreiheit des Lernumfangs gewährleistet und Krankheiten oder anders begründete Fehlzeiten berücksichtigt.
  • Die Umsetzung der baulichen Barrierefreiheit an allen Hochschulgebäuden und -flächen. Dazu zählen auch Markierungen, Beleuchtung, Akustik und vieles mehr. Außerdem muss jede Hochschule einen barrierefreien Plan erstellen und zur Verfügung stellen. Zusätzlich benötigt es ausreichen Ruhe- und Rückzugsräume für alle Studierenden.
  • Einfachere Kommunikationswege bei der Verwaltung. Beratungs- und Informationsangebote müssen ausgebaut werden und einen klar abgrenzbaren Kompetenzbereich haben. Wesentlicher Bestandsteil dieses Ausbaus ist die Einrichtung einer zentralen online Informationsstelle, die für Studieninteressierte erste grundlegende Informationen, sowie Verweise zu Beratungsstellen in ihrer Nähe bereitstellen soll. Das Personal muss dabei für die Bedürfnisse der Betroffenen geschult werden.
  • Beratungs- und Unterstützungsangebote in der Studierendenschaft verankern und Bildungsarbeit im Rahmen der Asten betreiben.
  • Im Bildungsbereich müssen wir immer Schule, Ausbildung und Arbeitsleben mitdenken und Inklusion in jedem Alter und Lebensabschnitt ermöglichen.
  • Bildungsarbeit in verband, Hochschule und Gesellschaft, um Verständnis und ein Bewusstsein zu schaffen für die Rechte behinderter Menschen, sowie die diskriminierenden Strukturen und Barrieren, denen sie gesellschaftlich ausgesetzt sind.
  • Die aktive Förderung von Barrierefreiheit und inklusiver Gestaltung in allen Gremien der Universitäten und Hochschulen.
  • Die aktive Durchsetzung einer inklusiven Hochschule in allen Hochschulgremien.
  • Die Sensibilisierung für Einschränkungen.
  • Einsatz für finanzielle Mittel für Barrierefreiheit.
  • Das aktive Bekämpfen von starren Strukturen in der Hochschulverwaltung bezüglich Inklusion.


[1] Über die korrekte Bezeichnung von Betroffenen herrscht oft Uneinigkeit. Da sich nicht alle unter dem Begriff Menschen mit Behinderungen definieren, wurde in der Studie die Bezeichnung „Menschen mit studienrelevanten Beeinträchtigungen“ verwendet, weshalb dieser Begriff im Weiteren verwendet wird.

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