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Die Weiterbildungsdebatte progressiv führen – für eine offene Hochschule in allen Lebensphasen

Während die bildungspolitische Diskussion an vielen Stellen zum Stillstand gekommen ist, kommt sie beim Thema Weiterbildung gerade erst ins Rollen. Orientiert an neuen Wandlungen in der Arbeitswelt breitete sich die Einsicht aus, dass die klassischen Bildungsbiografien – erst Schule, dann Beruf oder Studium – ausgedient haben. Die Wirtschaft braucht heute Arbeitskräfte, die sich schnell und selbstständig auf neue Anforderungen im Beruf einstellen können. Die Frage, wie Menschen ihr Leben lang weiterqualifiziert werden können, wurde so von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in den Mittelpunkt der Debatte katapultiert – unter falschen Vorzeichen.

Als Juso-Hochschulgruppen wollen wir dieser Debatte um die ständige Weiterentwicklung der Produktivität der Arbeiter*innen nicht hinterherlaufen. Deshalb stellen wir der aktuellen Weiterbildungsdebatte die Idee des Lebenslangen Lernens und das Recht auf Bildung entgegen. Für uns ist dieses Recht nicht zeitlich oder räumlich begrenzt, sondern erstreckt sich über alle Lebensphasen und Lebensbereiche. Weiterbildung darf sich nicht auf den Beruf begrenzen, sondern muss sich in erster Linie an den Interessen der Lernenden orientieren. Weiterbildung im politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, musischen oder künstlerischen Bereich muss in Zukunft ebenso selbstverständlich stattfinden, wie Weiterbildung im beruflichen Bereich heute bereits.

Dieses Ziel müssen Hochschulen aktiv vorantreiben. Sie haben den gesellschaftlichen Auftrag, Wissen zu schaffen und auch weiterzugeben – nicht nur an einen kleinen Kreis von Studierenden und Wissenschaftler*innen, sondern an die Gesellschaft insgesamt. Um diesem Auftrag gerecht zu werden, müssen sich Hochschulen verändern: Weg vom closed-shop für Wenige, hin zu einem Ort der Begegnung für Viele. Die Debatte um Weiterbildung zeigt uns erneut: Wir brauchen offene Hochschulen und die Rahmenbedingungen hierfür muss Politik schaffen.

Weiterbildungsdebatte bis heute - im Schneckentempo.

Die Frage der lebenslangen Bildung als Bildungskonzept wird seit den 1990er Jahren insbesondere von der Europäischen Union adressiert. Nachdem anfänglich der Schwerpunkt auf der beruflichen Bildung lag, ist seit einigen Jahren auch von jedem Lernen in jeder Lebensphase die Rede. In der Bundesrepublik kam das Thema nur langsam an: Die hohe Auslastung in der akademischen Lehre, die ausgeprägte Forschungsorientierung, haushalts- und personalrechtliche Hürden wurden als Ursachen hierfür ins Feld geführt. Auch im internationalen Vergleich erweist sich das deutsche Hochschulsystem deshalb als vergleichsweise verschlossen gegenüber neuen Zielgruppen und Studienkonzepten. Nach vielen Jahren der Stagnation erhoffte man sich mit dem eingeleiteten Bologna-Prozess neue Impulse für die Weiterbildung. Die Schwerpunktsetzung des Bologna-Prozesses im Weiterbildungsbereich wurden in den darauffolgenden Jahren kontrovers diskutiert. Nach vereinzelten Initiativen der Länder und des Bundes wurde das erste umfassende Programm seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erst 10 Jahre später aufgelegt.

Seit 2011 sollen die Hochschulen durch den Bund-Länder-Wettbewerb Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen bei der Entwicklung von berufsbegleitenden, weiterbildenden und anderen flexiblen Studienangeboten gefördert werden. Der Wettbewerb sollte gleichermaßen der Förderung von Weiterbildungsangeboten auf der einen Seite dienen und die Erschließung neuer Zielgruppen auf der anderen Seite unterstützen. Aktuelle Zahlen lassen jedoch an der Erreichung der Ziele zweifeln: Wie in allen Bereichen des Bildungssystems, ist die Teilhabe an Weiterbildung bis heute sehr ungleich verteilt. Menschen mit geringem Sparvermögen, Teilzeitbeschäftigte, geringfügig Beschäftigte, ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen* mit Kindern fehlen die finanziellen Ressourcen für die Teilnahme an öffentlichen Weiterbildungsangeboten. Der Bildungshintergrund bleibt ein entscheidender Faktor. Hochqualifizierte nehmen sehr viel öfter Weiterbildungsangebote war als Geringqualifizierte. Das muss sich ändern: Weiterbildungsangebote müssen allen Menschen unabhängig von dem eigenen Bildungshintergrund offenstehen.

Trotz der arbeitsmarktorientierten Ausrichtung der heutigen Weiterbildungsdebatte herrscht an einem Punkt jedoch weitgehend Einigkeit: In der heutigen Zeit hat der klassische Bildungsweg ausgedient. Wir brauchen flexiblere Konzepte, die den Menschen erlauben sich immer wieder und in jeder Lebensphase weiter zu bilden.

Die Weiterbildungsdebatte progressiv führen!

Die aktuelle Weiterbildungsdebatte stellt traditionelle, im deutschen Hochschulsystem fest verankerte Vorstellungen der Bestenauslese und der Exzellenz in Frage. Hier setzen wir an und formulieren erneut unsere Vision für die Hochschullandschaft: Offene Hochschulen, in denen Menschen mit verschiedenen Lebenserfahrungen tagtäglich aufeinandertreffen und miteinander lernen. Studieren wird nicht mehr ein alleinstehender Lebensabschnitt sein, sondern ein wiederkehrendes Element in jeder Lebensphase. Deshalb müssen sich Hochschulen beim Aufbau von Weiterbildungseinrichtungen vom gängigen Exzellenz-Gedanken lösen. In dieser Hinsicht kann die Weiterbildungsdiskussionen einen nicht zu unterschätzenden Beitrag leisten, indem sie Türen öffnet für nicht-traditionelle Studierende und so einen Beitrag zur Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung leistet.

Die Prämisse unserer Bildungspolitik bleibt das emanzipatorische Bildungsideal. Deshalb befinden wir uns im Konflikt mit der aktuellen Zielsetzung vieler Weiterbildungsangebote, die in erster Linie auf Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt abzielen und sich somit nahtlos in das neoliberale Bildungsverständnis unserer Zeit einpassen. Wir sind jedoch überzeugt: Weiterbildung kann als Bildung natürlich ein emanzipatorisches Potenzial entfalten. Die Inhalte und die Form sind hierfür entscheidend. Die Inhalte der Weiterbildungsangebote dürfen sich nicht auf den beruflichen Aspekt beschränken, sondern müssen auch politische, gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Weiterbildung erfassen. Damit die Entscheidung für oder gegen ein Weiterbildungsangebot selbstbestimmt getroffen werden kann, müssen diese Angebote Allen offenstehen. Dazu dürfen auf der einen Seite keine formalen Zugangshürden bestehen und auf der anderen Seite muss die finanzielle Sicherheit der sich Weiterbildenden gewährleistet sein. Wir wollen das BAföG hierzu zu einem umfassenden Instrument der individuellen Bildungsfinanzierung in allen Lebensabschnitten weiterentwickeln.

Der freie Zugang zu Weiterbildungsangeboten muss durch Open-Access-Angebote gefördert werden. Massive-Open-Online-Courses müssen der gesamten Breite der Gesellschaft offenstehen. Wichtig ist hierbei: Alleiniges Lernen vor dem Computer ermöglicht kaum eine kritische Auseinandersetzung mit den Lerninhalten. Durch Peer-to-peer Diskussionen und gemeinsame Projektarbeiten wollen wir hierbei den Gedanken eines sozialen Raumes Hochschule fortführen.

Lebenslanges Lernen und Weiterbildung betrachten wir auch aus einer feministischen Perspektive: Wir wollen Angebote für Frauen* schaffen, die bisher strukturell vom Arbeitsmarkt oder aus der Wissenschaft ausgeschlossen sind. Dazu müssen sich die Angebote flexibel in den Alltag einfügen lassen. Hierzu ist auch der Ausbau von Betreuungskapazitäten an den Hochschulen notwendig. Jede Weiterbildungsstrategie muss den Aspekt der Gleichstellung berücksichtigen. Gleiches gilt für die Inklusion von geflüchteten Menschen, die vielfach bereits akademisch vorgebildet sind.

Um all das zu verwirklichen, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen: Grundlegend für die Umsetzung der umfassenden Angebote sind ausreichende und langfristig gesicherte personelle und finanzielle Mittel. Die Finanzierungsstrukturen in den Ländern müssen mittelfristig vereinheitlicht werden. Hochschulen müssen gewährleisten, dass Lehrende und Forschende einen möglichst direkten Zugang zu den entsprechenden Weiterbildungsstellen haben, um so ihre Erkenntnisse ohne viel Aufwand weitertragen zu können. Dieses Engagement muss seitens der Hochschulen entsprechend gewürdigt werden. Schlussendlich müssen die Anerkennungen und Zertifizierung der Weiterbildungsangebote harmonisiert werden.

Unsere Forderungen zur Weiterbildung an Hochschulen

  • Wir Juso-Hochschulgruppen wenden uns gegen die bislang dominierende Verwertungslogik im Weiterbildungsbereich. Ihr setzen wir die Idee einer offenen Hochschule entgegen, die Weiterbildungen in allen Bereichen und für alle Menschen anbietet. Politische, gesellschaftliche und kulturelle Weiterbildung muss ebenso selbstverständlich an Hochschulen stattfinden, wie wissenschaftliche und berufliche Weiterbildung.
  • Weiterbildung muss in allen Lebensphasen möglich werden. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, die traditionelle Aufteilung zwischen Erstausbildung und Weiterbildung zu überdenken. Vielmehr braucht es ein übergreifendes Konzept, das verschiedene Bildungswege erfasst und verschiedene Bildungshintergründe abdeckt. So kann Weiterbildung als Brücke zwischen Hochschule und Gesellschaft gedacht werden.
  • Der Aufbau von Weiterbildungsangeboten für diejenigen, die nicht-traditionell Studierende sind, muss ausgebaut werden, um so einen Beitrag zur Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung zu leisten. Weiterbildung kann so Türöffner für diejenigen sein, die bisher vom Hochschulwesen ausgeschlossen sind. Dafür muss der Zugang zu den Bildungsangeboten allen offenstehen – garantiert als Rechtsanspruch und gebührenfrei.
  • Der Zugang zu allen Weiterbildungsangeboten muss Geflüchteten offenstehen. Die Angebote können ein Baustein der Inklusion sein und erlauben – den vielfach bereits akademisch gebildeten Menschen – weitere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
  • Damit Weiterbildungsentscheidungen nicht von der aktuellen finanziellen Situation abhängen, wollen wir das BAföG zum umfassenden Instrument der individuellen Bildungsfinanzierung in allen Lebensphasen weiterentwickeln.
  • Weiterbildung muss in allen Fachbereichen möglich sein. Deshalb müssen Weiterbildungsangebote in allen Fachbereichen und transdisziplinär geschaffen werden.
  • Weiterbildung muss in den Hochschulen institutionell verankert werden. Dafür müssen Hemmnisse in den Landesgesetzen abgebaut und die entsprechenden finanziellen Mittel bereitgestellt werden. Ab sofort muss Weiterbildung als Kernaufgabe im System Hochschule integriert werden.
  • Wir wollen durch Weiterbildung neue Impulse für Gleichstellung entwickeln. So können insbesondere Frauen*, die zurzeit kaum einen Zugang zum Arbeitsmarkt oder zur Wissenschaft haben, durch Weiterbildungsangebote unterstützen.
  • Open-Access muss endlich auch in der Weiterbildung ankommen: Massive Open Online Courses, freie Lernmaterialien und der Online-Austausch zwischen Lernenden müssen stärker als bisher in die Weiterbildungsprogramme integriert werden. Gerade bei Open-Access gilt dabei: Der Zugang muss allen offenstehen, ohne formale Hürden.

In der Debatte um Weiterbildung steckt ein großes Potenzial. Sie kann mit dem Ideal des lebenslangen Lernens und mit dem Ziel einer offenen Hochschule zu einem Paradigmenwechsel in den Hochschulen führen. Weg von der Selektion und Ausbildung einer vermeintlich exzellenten Elite, hin zu Hochschulen, die ihrem Auftrag der Wissensvermittlung an die ganze Gesellschaft gerecht werden. Wir fordern den Ausbau von berufsbegleitenden Bachelor- und Masterstudiengängen.

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