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„faires PJ“ – Verbesserung von Lern- und Arbeitsbedingungen im Praktischen Jahr des Medizinstudiums

Zu Beginn des Jahres hat das Thema „faires PJ“ im Rahmen einer Online-Petition der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) größere mediale Aufmerksamkeit erfahren. Innerhalb dieses Schreibens, das u. A. an das Bundesministerium für Gesundheit, die Gesundheitsministerkonferenz und an den Verband der Universitätsklinika Deutschlands gerichtet war und seither über 100.000 Unterstützende gefunden hat, werden zum einen Missstände und Probleme während des Praktischen Jahres (PJ) aufgezeigt, zum anderen auch konkrete Forderungen seitens der Studierendenschaft gestellt. Dementsprechend sollten auch wir als JuSo-HSGn nun Stellung zu diesem Thema beziehen.

Das PJ wird im elften und zwölften Fachsemester absolviert und stellt den letzten Abschnitt des Medizinstudiums dar, bevor der Dritte Abschnitt der ärztlichen Prüfung zu absolvieren ist. Es gilt als wichtigste Schnittstelle zwischen theoretischem Studium und praktischer ärztlicher Tätigkeit. Nach bestandenem zweiten Staatsexamen "sollen die Studierenden die während des vorhergehenden Studiums erworbenen ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und erweitern. Sie sollen lernen, sie auf den einzelnen Krankheitsfall anzuwenden. Zu diesem Zweck sollen sie entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen. [...] Die Studierenden dürfen nicht zu Tätigkeiten herangezogen werden, die ihre Ausbildung nicht fördern." (ÄApprO 2002).

Insbesondere im PJ zeigen sich grundsätzliche Probleme der medizinischen Ausbildung. Hier soll in der Konkretion Medizin nicht menschenzugewandt sein, sondern nur nach gesellschaftlichen Konkurrenz-Prinzipien. Dies zeigt sich täglich in der 5-Minuten-Medizin“ pro Patient*in oder damit auch dem Fallpauschalen-System. Dies muss gerade auch als Vorstoß im PJ aufgelöst werden, damit dieses seinen Charakter als wissenschaftliche Ausbildung, also einer menschenzugewandten Medizin neu entwickelt. Dies kann Maßstäbe für den gesamten Klinikalltag setzen.

Die Realität sieht häufig jedoch anders aus, es lassen sich Defizite im Hinblick auf Lehre, Aufwandsentschädigung, den Umgang mit Krankheitstagen sowie der Wertschätzung festhalten. Anstatt unterrichtet zu werden oder lernen zu dürfen (Examensvorbereitung, Vor- und Nachbereitung des Stationsalltags), werden PJ-Studierende mancherorts größtenteils für stumpfe Routinetätigkeiten wie Blutabnahmen, Botengänge und Dokumentation eingesetzt. Dabei ist das Praktische Jahr zentraler Schlüsselpunkt in der Ausbildung zur fertigen Ärzt*in und für die Auswahl des späteren ärztlichen Tätigkeitsbereich. Gerade in diesem Ausbildungsabschnitt führen qualitativ hochwertige praktische Lehre und ärztliche Tätigkeit unter Supervision zu einer deutlichen Kompetenzsteigerung und Berufsvorbereitung der angehenden Mediziner*innen. Doch viele PJ-Studierende arbeiten als kostenlose Stationsgehilfen und sind nebenbei von einem oder mehreren umfangreichen Nebenjobs abhängig, wodurch sich deren Arbeitszeit auf deutlich über 40h pro Woche erhöht. Dieser hohe Stundensatz kann im Einzelfall erwünscht sein, darf aber, gerade in Zeiten mit vielen jungen Familienmitgliedern im Studium, keine Regelerwartung sein, nur um Versorgungsdefizite auszugleichen.

Viele Berufsverbände haben bereits eine flächendeckende Aufwandsentschädigung für PJ-ler*innen gefordert: Deutscher Ärztetag, Marburger Bund und Hartmannbund.

Denn fehlende oder ungenügende Bezahlung bei 40h und mehr Arbeit pro Woche sind aktuell die Regel. Die maximal erlaubte Aufwandsentschädigung in Höhe des BaföG-Höchstsatzes, die bereits von Vertreter*innen des Marburger Bundes auch im Hinblick der Unterhaltsbeihilfe für Rechtsreferendar*innen, je nach Bundesland ca. 1100-1200€, kritisiert wurde, wird in den aller seltensten Fällen erbracht. Eine Mindestgrenze für die Aufwandsentschädigung gibt es nicht, so haben sich beispielsweise alle Lehrkrankenhäuser der Universitätsmedizin Berlin darauf geeinigt, ihre PJ-Studierenden überhaupt nicht zu bezahlen. In Folge dessen müssen 40% der Medizinstudierenden im PJ auf ihr Erspartes zurückgreifen. Rund 28% sind neben der emotional und körperlich belastenden Vollzeittätigkeit am Krankenbett, in der sie mitunter eigenständig Patient*innen betreuen, zudem noch auf Nebenjobs angewiesen. Nicht zuletzt aufgrund besserer Lehre und finanzieller Situation absolviert ein nicht unerheblicher Teil der angehenden Mediziner*innen ihr PJ in der Schweiz und suchen anschließend auch eine Arbeitsstelle dort und nicht in Deutschland auf. Eine besondere Form der Absurdität erfahren einige Studierende, die vor dem praktischen Jahr Nebenjobs als OP-Assistenz wahrgenommen hatten. Sie führen nun im Chirurgie-Tertial des PJs teilweise exakt dieselbe Tätigkeit durch, werden jedoch nicht mehr bezahlt.

Die finanzielle Unterfinanzierung des Krankenhausalltags zeigt sich nicht nur bei den Mediziner*innen. Besonders die Pflege, als auch das technische & Verwaltungspersonal in Krankenhäuser sind unzureichend finanziert. Dies führt zu tödlichen und somit menschenunwürdigen Zuständen in Krankenhäusern. Der Kampf um ein faires PJ muss solidarisch mit allen Mitarbeiter*innen des Krankenhauses einhergehen, damit wir zu humanen Zuständen in der Medizin kommen.

Ein weiteres Ziel ist der bessere Umgang mit Krankheitstagen. Die ÄApprO sieht vor, dass nur 30 Fehltage in diesem Jahr erlaubt sind (egal ob Urlaub, Krankheit oder sonstiges). Bei gesplitteten Tertialen ist teilweise kein einziger Fehltag erlaubt. Die Handhabung in der Realität ist stark schwankend in Abhängigkeit der Abteilung.

Solange PJ-Studierende wie maximal geduldete Gäste behandelt werden, können sie nicht lernen, wie sich die volle Verantwortungsübernahme als Arzt oder Ärztin für Patientinnen und Patienten anfühlt. Viele PJ-Studierende arbeiten als kostenlose Stationsgehilfen und fühlen sich nicht angemessen wertgeschätzt. So werden in Kliniken nicht einmal Spind, hygienisch aufbereitete Arbeitskleidung oder Zugang zum Patientenverwaltungssystem bereitgestellt.

Unsere Forderungen lauten:

  • Steigerung der Lehrqualität durch Qualitätssicherungsmaßnahmen und ein Fokus auf das selbstständige Erlernen ärztlicher Tätigkeiten unter Supervision und Anleitung sowie die Reduktion von Hilfstätigkeiten auf ein angemessenes Maß. Implementation von berufsgruppenübergreifenden Ausbildungsangeboten.
  • BAföG-Höchstsatz als Mindestaufwandsentschädigung und für alle über 25-jährigen zusätzlich den Krankenkassenbeitrag
  • Das Unterscheiden von Krankheits- und Urlaubstagen und das Gewähren von Krankheitstagen in gesplitteten Tertialen
  • Mindestens vier Stunden Lehrveranstaltungen und mindestens acht Stunden Selbststudium pro Woche
  • Persönlicher Zugang zum Patientenverwaltungssystem
  • Eigene Arbeitskleidung und eigene Aufbewahrungsmöglichkeit für Kleidung und persönliche Gegenstände
  • Streichung des BAföG §23 Abs. 3 – Aufwandsentschädigung bei Pflichtpraktika ohne Freibetrag

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