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Patient*in geheilt – Therapeut*in am Ende! Zur Reform des Psychotherapeutenausbildungsgesetzes

Der Weg zum Beruf des*der Psychotherapeut*in ist hart und lang. Lange haben Student*innen und Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) sich für bessere Arbeits- und Studienbedingungen stark gemacht. Nach fünf Jahren Studium noch eine Ausbildung mit finanziellen Kosten im fünfstelligen Bereich, kann sich nicht jede*r mal eben leisten und hat für viele den Weg zum*zur Psychotherapeut*in erschwert, wenn nicht sogar komplett versperrt. Im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD wurde festgeschrieben, dass man die Ausbildung für Psychotherapeut*innen reformieren wolle und Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich der Causa angenommen. Anfang des Jahres legte sein Ministerium dann einen Referentenentwurf (sic!) vor und wagte damit einen Vorstoß, die Situation von Student*innen und Auszubildenden zu verbessern. Der Referentenentwurf greift wichtige Punkte auf und bietet mit dem Umbau der Ausbildung, sodass man schon mit dem Master die Approbation erhält und danach nur noch eine Weiterbildung nötig ist, auch eine gute Alternative. Es werden jedoch noch immer einige elementare Punkte außer Acht gelassen.

1,50 € pro Stunde als Ausgangslage? Nicht fair, aber leider Standard!

Das aktuelle Gesetz aus dem Jahr 1999 sieht vor, dass für die Ausübung der Tätigkeit der*des Psychotherapeut*in ein Diplom bzw. nach der Bolognareform ein Bachelor und Master im Bereich Psychologie vorhanden sein muss, also ca. 5 bis 6 Jahre Hochschulstudium. Für die Ausbildung im Bereich Kinder- und Jugendpsychotherapie sind auch andere Studiengänge möglich, die Ausbildung im Bereich der Erwachsenenpsychotherapie erfordert jedoch das Psychologiestudium. Welche Creditpoints dabei im Studium benötigt werden ist von Landesprüfungsamt zu Landesprüfungsamt unterschiedlich. Um als Psychotherapeut*in arbeiten zu können muss anschließend eine Ausbildung absolviert werden, welche eine Approbation ermöglicht und den Student*innen eine sozialrechtliche Anerkennung für den Beruf gibt. Während dieser Ausbildung haben die Auszubildende jedoch keinen Anspruch auf Bezahlung für geleistete Arbeit, weil sie als Auszubildende die Tätigkeit gerade erst erlernen. Das führt dazu, dass die Auszubildenden in vielen Kliniken völlig unterbezahlt sind und manchen Ortes nur 1,50 Euro pro Stunde bekommen, obwohl sie als graduierte Absolvent*innen eingestellt werden.

Zustände wie diese sind komplett inakzeptabel! Auch die Arbeit von Psychotherapeut*innen in Ausbildung muss schon fair entlohnt werden, da sie häufig ganze Stationen eigenständig versorgen.

Dazu gilt die Ausbildung nicht wie bei den Mediziner*innen als staatliche, sondern als private Ausbildung. So bewegen sich die Kosten für die Ausbildung im Rahmen zwischen 20.000 und 60.000 Euro, welche natürlich noch von den Student*innen selbst bezahlt werden müssen. Da sie in der Ausbildung jedoch nur sehr wenig verdienen, werden viele Auszubildende gezwungen sich neben der Arbeit in Klinik noch eine weitere Lohnarbeit zu suchen, einen Kredit aufzunehmen oder ihnen wird der Weg in die Ausbildung sogar ganz versperrt.

Währenddessen rechnen die Kliniken für die Arbeit der PiAs bei den Krankenkassen häufig den normalen Satz ab, sodass die Kliniken noch Gewinn an den PiAs erlangen, anstatt diese fair zu entlohnen. Die Betreuungskosten der Kliniken stehen in keinem Verhältnis dazu.

Schon gut, aber das geht besser – der Referentenentwurf [sic]

Nachdem im Koalitionsvertrag festgehalten wurde, die Problematik der Psychotherapeut*innenausbildung anzugehen, hat das Gesundheitsministerium unter Jens Spahn einen Referentenentwurf [sic] für eine Gesetzesnovellierung vorgelegt.

Darin soll der praktische Anteil im Studium erhöht werden, damit die Approbation bereits mit Ende des Masterstudiums, statt erst mit Ende der Ausbildung, erworben werden kann. Dadurch würden Student*innen bereits mit dem Master einen staatlich anerkannten Abschluss haben. Eine weitere Ausbildung wäre dann durch die schon erhaltene Approbation eine Art Weiterbildung für die Student*innen und müsste daher auch tariflich entlohnt werden.

Die Student*innen würden so durch die tarifliche Bezahlung fair entlohnt und im Alltag entlastet werden. Zudem ist auch eine Kompetenzerweiterung für die nach dem neuen Gesetz approbierten Psychotherapeut*innen im Gespräch wie z.B. das Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen oder das Verordnen von ReHa- und eHealth-Maßnahmen.

Doch so gut und wichtig diese Änderungen und Verbesserungen sind, so wirft der Entwurf dennoch einige Probleme auf oder weicht wichtigen Fragestellungen ganz aus.

Zunächst muss der neue Master aber noch auf seine Studierbarkeit geprüft werden. Durch eine mögliche Approbation schon mit dem Master ist eine erhöhte Belastung des Studiums möglich, sodass Student*innen mit mehr Kursen und mehr Stoff in einem unangemessenen Maß belastet würden und die Regelstudienzeit noch unerreichbarer wäre. Daher muss sichergestellt werden, dass die neuen Studiengänge auch weiterhin studierbar sind und nicht nur die bestehenden Mastermodelle kopiert werden, sondern dass die neuen Master für den zusätzlichen Stoff sinnvoll reduziert werden.

Zudem sind bisher nur wenige Informationen zu den geplanten Weiterbildungen bekannt. Auch wenn die Ausgestaltung der neuen Weiterbildung nicht Teil der Gesetzgebungskompetenz des Bundes ist, so muss dennoch bereits bei Einführung des Gesetzes klar sein, wie diese aufgebaut sein wird, wie diese aussieht und wer die Kosten für die Ausbildung tragen soll.

Es muss auch darauf geachtet werden, dass dieser Psychotherapie-Master mit genügend Plätzen für die Student*innen angeboten wird. Allein mit einem Bachelor in Psychologie sind viele Arbeitsplätze auf dem Arbeitsmarkt praktisch noch verschlossen und die geplante Kalkulation von 2300-2500 Plätzen bundesweit für einen geplanten Psychotherapie-Master sind bei der immer steigenden Nachfrage bei Patient*innen und den langen Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlungen nicht gerechtfertigt.

Bei der Novellierung des Gesetzes muss zudem auch auf die Struktur des Bachelors geachtet werden. Es besteht die Gefahr von einer Abspaltung von den Bereichen der Psychotherapie und Psychologie. Der Gesetzesentwurf drückt sich hier schwammig mit „Psychotherapiestudium“ aus und lässt nicht genau auf die Ausgestaltung des nötigen Bachelors schließen. Derzeit ist ein klassischer Bachelor der Psychologie ausreichend. Dieser muss auch weiterhin polyvalent bleiben, sodass ein Master auch später noch in den verschiedenen Bereichen der Psychologie möglich ist. Laut einer aktuellen Studie unter Psychologiestudent*innen können sich 65 % der befragten Studienanfänger*innen noch nicht auf ein Berufsziel festlegen und mehr als 50 % der Student*innen entscheiden sich im Verlauf ihres Bachelors nochmals zwischen den verschiedenen Berufsfeldern in der Psychologie um. Ein weiterhin polyvalenter Bachelor der Psychologie, der sowohl für die Psychotherapie als auch andere Bereiche gilt, vermittelt nicht nur elementares psychologisches Grundlagenwissen, sondern ist auch ein wichtiger Bestandteil der studentischen Entscheidungsfreiheit und Flexibilität bei der Berufswahl.

Der letzte, zentrale Kritikpunkt ist jedoch, dass der Referentenentwurf keine Übergangsmöglichkeit für aktuelle Student*innen in das neue System und keine Verbesserungen für aktuelle PiAs vorsieht.

Lediglich wird aktuellen Studierenden und PiAs eine Übergangszeit von 12 Jahren gewährt, um die Ausbildung nach der alten Regelung abzuschließen. Dieser Zeitraum von 12 Jahren wird für viele Student*innen kaum einzuhalten sein und setzt sie ohne eine Übergangsmöglichkeit in das neue System zusätzlich unter Druck. Auch nach dem aktuellen Gesetz müssten die Psychotherapeut*innen, die sich gerade in der Ausbildung befinden oder kurz davor sind, diese anzutreten, die hohen Kosten selbst tragen, ohne eine angemessene Vergütung zu erhalten. Die regelrechte Beschneidung der Lebensgestaltung durch beispielsweise weitere Lohnarbeit oder einen Studienkredit ist also weiterhin gegeben. Folglich bedarf es klaren Regelungen, die einen Wechsel in das neue Ausbildungssystem ermöglichen. Hier könnten Nachqualifizierungsseminare für die Absolvent*innen bzw. aktuellen Student*innen eines anderen psychologischen Masters aushelfen, um die bestehende Lücke zwischen neuem Master-Programm und aktueller Ausbildungspflicht zu schließen. So könnten diese Student*innen auf weniger komplizierte und kostspielige Weise den abweichenden Stoff des Psychotherapiemasters von den aktuellen Psychologiemastern nachholen, ohne zu einer mehrjährigen, schlecht bezahlten Ausbildung gezwungen zu werden, zumal die Unterschiede an vielen Universitäten eher gering ausfallen dürfte.

Auch die Kliniken könnten von dieser Übergangsmöglichkeit profitieren, so könnten statt erst in circa acht Jahren die ersten Psychotherapeut*innen mit den neuen Regelungen schon in viel kürzerer Zeit ihre neue Anstellung antreten und so beispielsweise eigenverantwortlich und auf einer rechtlichen Grundlage basierend Fälle betreuen.

Die Novellierung des Ausbildungsgesetzes für Psychotherapeut*innen ist ein wichtiger und längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Aber wenn ein Gesetz schon novelliert wird, müssen auch alle umfassenden Aspekte, von der Studierbarkeit zu sinnvollen Übergangsregelungen, enthalten sein.

Deshalb fordern wir:

  • Die Sicherstellung der Studierbarkeit des neuen Psychotherapiemasters! Das reine Hinzufügen von Modulen führt nur zu massiven Zeitproblemen und Überforderungen, erst muss eine sinnvolle Reduzierung des aktuellen Stoffes her, dann können neue Module beigefügt werden!
  • Die Beteiligung von Student*innen bei kommenden Akkreditierungsverfahren für die neuen Master-Systeme – studentische Mitbestimmung ist hier unerlässlich!
  • Eine faire und tarifliche Entlohnung bei den kommenden Weiterbildungen und  der aktuellen Ausbildung. Gute Arbeit muss auch fair entlohnt werden!
  • Einheitliche Regelungen zur Betreuung, Supervision und der Art des Anstellungsverhältnisses während der praktischen Tätigkeiten.
  • Den Ausbau von Master-Plätzen im Bereich der Psychologie und Psychotherapie. Wer mit einem Bachelor nicht in die Berufswelt starten kann, muss eine Garantie für einen Masterplatz bekommen!
  • Das Beibehalten eines polyvalenten Bachelors der Psychologie auch als Zulassung für den neuen Therapiemaster. Eine Abspaltung bereits im Bachelor beschränkt die Berufswahl und die Flexibilität
  • Gute und sinnige Übergangsmöglichkeiten für die aktuell noch studierenden, kurz vor oder in der Ausbildung steckenden Student*innen. Ein schneller Wechsel in das System entlastet nur Student*innen und Kliniken und muss daher problemlos und geregelt möglich sein!

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