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Wann ist ein Mann ein Mann? Eine kritische Perspektive auf toxische Männlichkeit

In den vergangenen Jahren wurde unser Verband durch zahlreiche und wichtige feministische Debatten geprägt. Insbesondere in der letzten Vergangenheit stand hierbei immer wieder die Frage im Raum, welche Rolle Männer in unseren feministischen Kämpfen einnehmen können und sollen. Hierauf haben wir weder eine einfache Antwort als Juso-Hochschulgruppen, noch ist die Frage einfach durch “perfekte Praxisbeispiele” oder einfache feministische Theorien zu beantworten. Der vorliegende Antrag stellt eine Analyse des Spannungsfeldes von „toxischer und kritischer Männlichkeit” an, um einen ersten Klärungsversuch des Paradoxons „Männlichkeit“ anzustellen. Es besteht weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch sehen die Antragsteller*innen die zwingend erforderliche Verbandsdebatte über die Thematik mit diesem Antrag als abgeschlossen an. Im Gegenteil: Die folgende Analyse soll als Debattenaufschlag und Diskussionsgrundlage für die zukünftige und notwendige Auseinandersetzung mit der oben genannten Frage innerhalb unseres Verbandes dienen. Es wird Zeit, dass wir uns dem Diskurs auf gesamtverbandlicher Ebene nicht länger entziehen, um herauszufinden, wie wir gemeinsam für eine emanzipatorische Gesellschaft kämpfen wollen. Denn es kann nicht in unserem Interesse sein, dass das Ziel einer Gesellschaft der Freien und Gleichen allein auf dem Rücken von Frauen* aus - und von ihren Schultern getragen wird. Deshalb müssen wir immer wieder die Frage stellen, wie eine solidarische feministische Politik von Männern aussehen kann.

Verortung innerhalb feministischer Theorien

Doch bevor wir uns mit dieser konkreten Fragestellung auseinandersetzen können, besteht zunächst die Notwendigkeit zu beleuchten, wie das Thema Männlichkeit in feministischen Theorien zu verorten ist und zu klären, was “Männlichkeit” bedeutet. Um “Männlichkeit” innerhalb feministischer Theorien zu verorten, ist es essenziell sich den Ausgangspunkt und Anspruch dieser Theorien anzuschauen. Eine Herangehensweise an die Überwindung der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, stellt der materialistische Feminismus dar. Diese feministische Theorie ist angetreten, um breiter zu erfassen was Gesellschaft ist und bestehende Gesellschaftstheorien zu hinterfragen und zu erweitern. Hierbei geht es nicht darum, lediglich die Gesellschaftstheorien von Marx und Co um eine partielle Perspektive zu ergänzen, sondern zu verdeutlichen, dass das Politische und das Private untrennbar zusammengehören und die Unterdrückung von Frauen* mehr als nur einen Nebenwiderspruch in unserer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft darstellt. Die Unterdrückung der Frau* ist untrennbar verbunden mit der (Re-)produktion patriarchaler Strukturen und dem kapitalistischen System. Ein entscheidender Faktor der Aufrechterhaltung dieses Systems ist die Einteilung in „männliche“ Produktions- und „weibliche“ Reproduktionsarbeit, wobei der Wert letzterer marginalisiert wird. Diese Trennung ist entscheidend für die Generierung von Profiten im kapitalistischen System und wird durch traditionelle gesellschaftliche Geschlechterrollen gestützt. Die Position des Mannes als Familienernährer wird in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen ideologisch untermauert. Dem Mann werden Eigenschaften/Anforderungen wie Subjekthaftigkeit, Willensstärke und Tapferkeit zugeschrieben. Hierbei verlangt das System, dass Mann als sich im ständigen Wettbewerb mit anderen Männern befindendes Subjekt zu verstehen ist. Innerhalb dieses Wettbewerbs unter Männern geht es darum, die eigene „Männlichkeit“ unter Beweis zu stellen. Zu dieser “Männlichkeit” passen Eigenschaften wie Zurückhaltung und Verletzlichkeit nicht, weshalb diese als “unmännlich” konnotiert sind. Dies ist auch damit zu erklären, dass im kapitalistischen patriarchalen System emotionale Arbeit als „weiblich“ definiert ist. Kindererziehung und Reproduktionsarbeit in der Familie  werden als Aufgabe der Frau angesehen, weswegen hierfür notwendige Eigenschaften wie Sensibilität und Empathie als „weiblich“, und daher im direkten Umkehrschluss als „unmännlich“ angesehen werden. Männern wird zudem im Vergleich zu Frauen Rationalität zugeschrieben, während jenen unterstellt wird, Entscheidungen auf emotionaler Basis zu treffen. Innerhalb einer patriarchalen, hegemonialen Gesellschaft wird durch diese Unterscheidung einerseits gerechtfertigt, dass wichtige politische oder wirtschaftliche Entscheidungen ausschließlich von Männern getroffen werden, während „Emotionalität“ als etwas Negatives und „Weibliches“ definiert wird. Andererseits schützt diese Unterscheidung die Strukturen und erhält das System. Feministische Theorien sind angetreten, um diese patriarchalen Strukturen zu durchbrechen. Deshalb ist es unabdingbar “Männlichkeit” kritisch zu beleuchten, zu diskutieren und in Frage zu stellen, um die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft zu überwinden. Wie einleitend bereits festgestellt reicht es nicht aus, wenn nur ein Teil der Gesellschaft diese “Männlichkeit” in Frage stellt. Wie aber kann es gelingen, Männer dazu zu bringen den Nutzen und die Privilegien, die sie innerhalb patriarchaler Strukturen genießen, aufzugeben, während wir innerhalb einer profitorientierten Gesellschaft leben, in der suggeriert wird, dass das eigene Wohl über dem der “Anderen” steht? Ist es unter diesen Voraussetzungen in letzter Konsequenz überhaupt möglich, dass Männer an der Seite von Frauen* für eine emanzipatorische Gesellschaft und Gleichberechtigung kämpfen? Und besteht dann überhaupt die Möglichkeit, dass Männer Feministen sein können?

Männer innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft

Doch auch allein die Verortung in feministischen Theorien reicht nicht aus, um die Frage danach, wie männliche Solidarität innerhalb feministischer Kämpfe aussehen kann, zu klären. Vorangestellt werden muss die Frage, was diese ominöse Männlichkeit überhaupt ist, woher sie kommt, ob „Männlichkeit“ eine einheitliche Genusgruppe beschreibt oder ob es verschiedenen Männlichkeiten gibt und welche Auswirkung sie auf (insbesondere) junge Männer hat. “Männlichkeit” setzt den Begriff der “Weiblichkeit” voraus und teilt auf kulturell spezifische Weise Geschlechter auf. Männlichkeit ist ein soziales Konstrukt, welches auf einem System der binären Geschlechterbeziehungen basiert und außerhalb dieses nicht auf die gleiche Weise existieren könnte. Innerhalb dieses sozialen Konstruktes gibt es Eigenschaften und Verhaltensweisen, die untrennbar mit “Männlichkeit” verbunden sind und das “Mann-Sein” (innerhalb des Systems) definieren. Diese Eigenschaften und Verhaltensweisen sind unmittelbar mit heteronormativ verfasst. Einen Versuch, den ungreifbaren, nicht physisch existierenden “Verhaltenskodex”, an den es sich zu halten gilt, aufzuschlüsseln, stellt der sogenannte “Guy Code” dar. Bei dem „Guy Code“ handelt es sich um ein Konzept, das Michael Kimmel verwendet um die Charakteristika männlicher Subjektivierung[1] und Sozialisation als eine Art Regelwerk zu beschreiben. Dieses enthält “Regeln” wie etwa “boys don’t cry”, “it’s better to be mad than sad” oder “take it like a man”. Auch wenn es einfach erscheint „Männlichkeit“ auf Grundlage dieser “Regeln” herunterzubrechen und zu definieren, ist es doch nicht so einfach. Zwar ist „Männlichkeit“ etwas, dessen Vollzug Männer untereinander voneinander einfordern, jedoch gibt es viele verschiedene Gruppen von Männern, die gänzlich unterschiedliche Dinge von Männern erwarten. Wenige Männer erreichen überhaupt den versprochenen Reichtum und die versprochene Macht. Diese Männer werden dann ikonisiert und bestärken bei meist anderen Männern die Vorstellung, dass Macht, Reichtum etc. das höchste Gut seien, das Männer erreichen können und auch müssen, wenn sie als Männer zählen sollen. Männlich sein ist in dieser Welt vor allem durch Selbstbeherrschung, Selbstverleugnung und Selbstaufopferung, also durch Gewalt gegen sich selbst und andere zu erlangen. „Männlich-Sein“ wird als ein moralisches Unterfangen dargestellt von dessen Gelingen der Selbstwert der Person unmittelbar abhängt. Der „GuyCode“ ist jene Instanz, nach der Männer andere Männer auf ihr „Männlich-Sein“ hin überprüfen und bewerten. Allerdings kann es viele weitere Gruppen von Männern geben, die wiederum auf ganz andere Tugenden Wert legen. Es wird also deutlich, dass auch innerhalb des binären Systems nicht von “der einen” „Männlichkeit“ gesprochen werden kann. Der Begriff der „Männlichkeit“ muss breiter erfasst werden und ist immer abhängig von Gruppierungen und der Perspektive. Unabhängig von den konkreten Anforderungen an “Männlichkeit” (je nach Gruppierung, Situation etc.) spielen jedoch so gut wie immer der Wettbewerb untereinander und der Zwang der Erfüllung jeweiligen “Männlichkeit” eine konstitutive Rolle. Frauen* werden in Bezug auf “Männlichkeit” als etwas begehrenswertes (Objekt), an denen ein sexuelles Interesse, jedoch kein intellektuelles Interesse bestehen soll, dargestellt. Auch geht es bei dem Beweis der “Männlichkeit” in erster Linie nicht darum, sich vor Frauen* zu profilieren. Es handelt sich stets um die Profilierung vor Männern durch den Wettbewerb mit Männern. (Dieser Wunsch nach männlicher Bestätigung lässt sich wiederum auf den “zu geringen Stand” von Frauen* innerhalb der Gesellschaft zurückführen, um überhaupt die notwendige Wertschätzung erteilen zu können.). Misslingt eine solche Profilierung dauerhaft besteht die Gefahr, dass die erfahrene narzisstische Kränkung durch Gewalt gegenüber Frauen* wiederhergestellt werden soll. Kimmel schreibt dazu: „The purpose of violence is to diminish the intensity of shame and replace it as far as possible with its opposite, pride, thus preventing the individual form being overwhelmed by the feeling of shame.“ (Garbarino/ Kimmel 2009: 56). Auch ist der Umgang mit Männern, die sich diesem Wettbewerb (und dem Zwang) zu entziehen versuchen oder den Anforderungen an das “Mannsein” nicht gerecht werden immer sehr ähnlich. Diese Männer werden als unmännlich deklariert, gedemütigt, ausgegrenzt oder Schlimmeres. Um sich vor Anderen zu profilieren und damit dem Schicksal der Ausgrenzung entgegen zu wirken, neigen Männer zu gefährlichen Attitüden, wie bspw. deutlich zu hohe Geschwindigkeiten (beim Autofahren) oder ein übermäßig hoher Alkoholkonsum in Gruppen. Doch sind diese Attitüden nicht die einzige Gefahr, die toxische Männlichkeit hervorbringt. Auch die Anforderung an Männer gefühllos und frei von jeglichem Kummer, Schmerzen, Sorgen oder Angst zu sein, stellt ein massives Problem dar. Denn einerseits führt der Anspruch “better to be mad than sad” dazu, dass eben diese Gefühle in Aggression, Zorn, Wut und Gewalt transferiert werden. Zudem wird auch die Wahrnehmung von Gewalt dadurch verzerrt, dass suggeriert wird, Schlägereien und Handgreiflichkeiten seien innerhalb des “männlichen Wettstreits” “normal” und dadurch nicht als Gewalt einzustufen. Andererseits führt die Leugnung dieser Gefühle, sowie die Haltung, dass es “unmännlich” sei, Emotionen zu zeigen und Schmerz zuzulassen sehr häufig dazu, dass Männer (insbesondere junge Männer) nicht über eigene Gewalterfahrungen (als Betroffene) zu sprechen vermögen. Dieses Phänomen des Totschweigens von Gewalterfahrungen tritt insbesondere bei Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auf. Die Betroffenen schweigen häufig jahrelang, teilweise für immer. Dieser gefährliche Umgang bzw. Nicht-Umgang mit Gewalt(erfahrungen) hat häufig schwerwiegende Folgen für die Betroffenen. Gleichzeitig kann sich auch die Scham bzw. die Enttäuschung, die mit einem vermeintlichen “Versagen” als Mann einhergeht, verbunden mit der Normalität von Gewalt, in Gewalt gegen andere Männer, aber insbesondere gegen Frauen* ausdrücken. Frauen* sind somit im besonderen Maße von männlicher Gewalt betroffen, das Ausmaß dieser Dynamik ist kaum fassbar. Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine Partnerin zu töten – an jedem dritten Tag gelingt es. Im Jahr 2017 wurden laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes 113.965 Frauen Opfer der sogenannten Partnerschaftsgewalt.[2]

Auch deshalb gilt es, die Zwänge, die mit dem “Begriff” der “Männlichkeit” einherkommen, kritisch zu hinterfragen und aufzulösen. Jahrelang blieben die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen unangetastet und Männer wurden zu wenig mit ihrer “Männlichkeit” konfrontiert. Erst das Auftreten des Zweite-Welle-Feminismus und der Schwulenbewegung konnten die Position der herrschaftlichen männlichen Ignoranz substanziell irritieren: Sie stellten nicht nur die Normalität der „Männlichkeit“ infrage oder offenbarten sie als eine Geschlechterrolle, sondern weckten auch die Sehnsucht nach ihrer Veränderung.[3]

Wie bereits ausgeführt bilden sich „Männlichkeitsformen“ in Relation zu anderen Männlichkeiten und zum Geschlechterverhältnis im Ganzen. So bestanden und bestehen auch weiterhin vielfältige koexistierende sowie auch konkurrierende Formen von Männlichkeit, welche sich im Wandel der Zeit befinden. Durch die Infragestellung der Geschlechterordnung von Frauen* und die im letzten Jahrhundert aufkommende Schwulen- und Lesbenbewegung wurden die Geschlechterverhältnisse und besonders das „Männlichkeitsbild“ erschüttert. Homosexuelle Männlichkeit stellt zum Beispiel einen gravierenden Widerspruch für die hegemoniale Männlichkeit, welche ausschließlich heterosexuell zu sein hat(te), dar und war doch zugleich Wirklichkeit. Es entstand ein kleines Gegengewicht gegen die Zwangsheterosexualität, die Männer umgab, und die oft genug Anlass zu Gewalt gegen andere Männer und Frauen* bot. Das Aufbegehren der Männer realisierte nach langen Kämpfen verbotene Freuden und ermöglichte sogar Beziehungen (an liberaleren Orten) zu anderen Männern.

Die opponierenden Bewegungen im Allgemeinen und feministische Bewegungen im Besonderen haben durch ihren Kampf gegen das Patriarchat Freiräume erkämpft und die Vervielfältigung von Subkulturen und Geschlechteridentitäten erreicht. Das bedeutet(e) jedoch nicht, dass die herkömmlichen dominanten Formen von Männlichkeit zwangsläufig verschwunden sind. Um dies weiterhin zu versuchen und voranzutreiben will dieser Antrag die Pflicht und Verbundenheit von Männern für diese Veränderung betonen. Dabei gehen die Forderungen weit über reine Anklagen hinaus. Vielmehr soll eine Solidarisierung und ein kritischer Bezug auf die eigene Sozialisation zukünftig einforderbar und möglich gemacht werden.  So soll versucht werden Männlichkeit streitbar zu machen, ohne dabei in pauschale Verurteilungen noch Verharmlosungen zurück zu fallen.

Anforderungen an Männer im Feminismus

Das Spannungsfeld aus Privilegien und damit einhergehenden Anforderungen an Männer innerhalb der Gesellschaft wird beim Versuch der Analyse des “richtigen” Verhaltens von “feministischen” Männern noch komplexer. Die Frage, ob der “feministische Mann” nicht ein Widerspruch in sich ist, besteht weiterhin und die Frage danach wie “Mann” sich innerhalb feministischer Kämpfe positionieren und/oder verhalten soll, ist weiterhin ungeklärt. Dennoch erscheint es geradezu zynisch aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Stellung von Männern einen positiven Bezug auf den Kampf der Unterdrückten (Frauen*) einzufordern und sie geradezu in die Pflicht zu nehmen aufgrund ihres patriarchalen Erbens gegen Sexismus und für Feminismus einzutreten.

Wichtig ist hierbei zunächst ganz klar festzuhalten, dass der Feminismus in keinster Weise in einer Position der Rechtfertigung gegenüber Männern steht. Weder im Sinne dessen, dass er sich dafür rechtfertigen muss, dass die Privilegien von Männern hinterfragt werden, noch im daraus resultierenden Kampf für eine gleichberechtigte emanzipatorische Gesellschaft. Ebenso wenig kann und darf es der Anspruch von Feminismus sein als Serviceangebot wahrgenommen zu werden, am aller wenigsten von Männern. Doch wie kann Mann sich mit dem feministischen Kampf beschäftigen und sich zu ihm verhalten, ohne einen unmittelbaren Grund dafür zu erkennen? Wie kann Mann Teil des gemeinsamen feministischen Kampfes sein, ohne einen direkten “Nutzen” für sich zu erkennen? Und falls Männer sich im Feminismus engagieren, stellt sich weiterhin die Frage des “Wie”. Reichen das reine “Nachbeten” feministischer Theorien und das ständige Reflektieren der eigenen Privilegien? Genügt das oberflächliche “korrekte” Benehmen oder wird damit eine weitere Objektwahrnehmung von Frauen* nur verdeckt? Kann es der Anspruch von Feminist(*)innen sein, dass Mann sich seines eigenen Urteils oder seiner Praxis und damit dem emanzipatorischen Ansatz verwehrt und stattdessen “gehorsam” den Betroffenen folgt? Es steht außer Frage, dass immer die Möglichkeit bestehen muss, dass Betroffene in Bezug auf ihre Betroffenheit für sich selbst sprechen. Doch kann die Verabsolutierung der Forderung nach Unterstützung durch “Gehorsam” nur eine “Pseudosolidarität” und eine gefährliche “Lass die Frauen* halt machen” Haltung hervorrufen. Auf der anderen Seite des Widerspruchs bleibt nur die praktische wie theoretische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Widersprüchen und der “Figur” des Mannes. Diese spannungsreiche Position verlangt es, sich streitfähig und streitbar zu machen. Das kann zum Scheitern an den Widersprüchen führen, aber auch eine emanzipatorische Perspektive eröffnen. Die Gefahr, in männerbündischen Verhaltensweisen zurückzufallen, den feministischen Raum oder dessen Deutungshoheit zu beanspruchen/zu vereinnahmen, muss stets ins Bewusstsein gerufen werden. Es ist ein schmaler Grat, auf dem Mann sich bewegt. Eine anti-patriarchale/ pro-feministische Männergruppe kann vielleicht autonom, aber niemals souverän oder abgekapselt gegenüber feministischen Gruppierungen sein. In diesem Spannungsfeld bleibt die Beziehung zum Feminismus immer verhandelbar, aber auch aufkündbar von feministischer Seite. Kommt man an dieser Stelle zurück zu der Frage, ob Männer Feministen sein können, bleibt weiterhin ein Beigeschmack des Widerspruchs bestehen. Wird die Frage mit einem einfachen “Ja” beantwortet, so kann kritisiert werden, dass jeder Gedanke an die eigene Betroffenheit verweigert und impliziert wird, dass “Mann” im Namen der Solidarität mit Frauen* die eigene nicht vergeschlechtlichte (und damit machtvolle) Position in der Gesellschaft nicht reproduziert.[1] Lautet die Antwort hingegen “Nein” so stellt Mann sich wieder einmal selbst in den Mittelpunkt. Diesmal nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Problem.[2]

Handlungsoptionen für den Verband

Hört die Signale!

Wie bereits eingangs festgestellt müssen wir uns in unserem Verband in verschiedenen Kontexten immer wieder die Frage stellen, was es bedeutet sich als Mann für den Feminismus zu engagieren. Auf der Grundlage feministischer Theorie wollen wir als Juso-Hochschulgruppen feministische Praxis leben und gestalten. Frauen*Empowerment ist dabei ein unerlässlicher Bestandteil, der sowohl der Vernetzung als auch dem gemeinsamen Kampf gegen den sexistischen Status Quo dient. In der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie, historisch wie zeitgenössisch, geht der Blick hinter die Kulissen des teilweise so unscheinbar wirkenden binären Geschlechtersystems. Eine daran anschließende theoretische Beschäftigung und mögliche Reflektion über Männlichkeit kann den Blick dafür schärfen, wie durch Sozialisation in einer patriarchalen Gesellschaft Geschlechternormen wirken und Menschen in Rollen zwängen. Nur auf dieser Basis kann es gelingen Räume zu schaffen, in denen ein Ausbrechen möglich wird. Diesen Prozess anzustoßen, kann nicht allein im Aufgabenbereich der Frauen* liegen. In einem System, dass von patriarchalen und sexistischen Strukturen durchzogen ist, können Männer ihre Machtposition dazu nutzen überkommene Geschlechtervorstellungen anzugreifen. Sie stehen dabei schnell auf der Schwelle dazu Räume, die Frauen* sich erkämpft und erbaut haben, einzuschränken, in ihnen die Deutungshoheit übernehmen zu wollen oder diese Räume für sich zu verbuchen. Eine ernsthafte Beschäftigung mit kritischer Männlichkeit weiß um diese Gefahren und nimmt auch sie explizit in den Blick. Es gilt deshalb immer wieder die eigene Praxis zu hinterfragen. Antisexistische Politik bedeutet zuhören, wenn Frauen* über Sexismus im Alltag und bei den Juso-Hochschulgruppen sprechen. Antisexistische Politik bedeutet sich Gedanken über die Strukturen zu machen, die allgegenwärtigen Sexismus produzieren.  Eine Auflösung der dargestellten Ambivalenz männlicher pro-feministischer Haltung ist nicht möglich. Es gilt sie auszuhalten, sie nicht zu verschweigen sowie die eigene Praxis und die Arbeit im Verband immer wieder vor diesem Hintergrund zu reflektieren. Darüber hinaus gilt es Frauen(*)häuser, sowie andere Organisationen die sich gegen sexualisierte Gewalt engagieren stärker zu unterstützen



[1] GuyCode [ Michel Kimmel 2008]

[2] Janla Hamner



[1] „[…] Subjektivität […] definiert als gesellschaftlich zur Verfügung gestelltes Wissen zur Deutung und Aneignung von Erfahrung gerade als „materielle Instanz der Unterwerfung (Foucault) funktioniert.“ (Hark1992)

[2] Partnerschaftsgewalt – Kriminalistische Auswertung (Berichtsjahr 2017); Bundeskriminalamt https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Partnerschaftsgewalt/Partnerschaftsgewalt_2017.html?nn=63476

[3] Feministisch Streiten; Das Schweigen der Männer; Posstner

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